Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2594 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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•HM ViMeit, yremg wiener ywEnzenirnz Swobodanach Mass Singcrstra^c 5 / Bauernmarkt 1 I mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmamtmaJi gierung mit der Aufrechterhaltung des Eifenbahnvc''- kehres rechnen konnte. Die Hauptstadt ist in Erwartung entscheidender Kampfe um Mitternacht so gut wie ausgestorben. Nur Truppe nabteilungen, deren Offiziere das Legionärsabzeichcn tragen, durchziehen die Straßen. Pilsudski. Herr in Warschau, die Provinz Mr Wltos. Danzig, 13. Mai. Nach hier vorliegenden Berichten aus Polen ist Marschall Pilsudski in Warschau Herr der Lage. Dagegen haben sich die Pr o v t it zbehorden für Witos erklärt. Sie erste Berlustlifte: 8 Tote. 100 Verwundete. (Eigendienst der „Wiener Worgenzeitung".) Mahr.-Ostrau, 13. Mai. Die Truppen Pilsudskis haben die Mehrheit der Regierungsgebände besetzt. Die regierungstreuen Truppen haben sich auf das Belvedere zurückgezogen. Bei den Straßenkämpfen im Laufe der Nacht sollen, wie verlautet, acht Menschen ums Leben gekommen und 100 verwundet worden sein Irr biodrulk auf den internationaieu Devisenmärkten. Attvartende Beurteilung des Zloty. (Eigendienst der „Wiener Worgenzeitung".) Berlin, 13. Mai Trotzdem infolge des Feiertages die «europäischen Devisenmärkte kitten offiziellen Verkehr hatten, herrschte doch infolge der Ereignisse in Polen ein reger Austausch der Ansichten dieser Kreise über die eventuelle zukünftige Gestaltung des Zloty, übereinstimmende Nachrichten von sämtlichen Devisenplätzen besagen, daß das Angebot nirgends so drängend war, daß der Eindruckder Panik heworgerufen werden könnte. Die Geber verhielten sich ebenso zurückhaltend wie die Käufer, weil z u e r st Klarheit über den Charakter der politischen Umstellung abgcrvartet werden muß. Die Ansichten über die eventuelle UÜbernahme der Negierung durch Pilsudski und den Sturz Witos gehen dahin, daß dadurch der Noch nicht gefährdet iverden könnte, da die W i r t s ch a f t s e i n st e l l u n g b e i d e r k ä m p f e nden. Parteien aus die S a n i e r u n g des Zloty eingestellt ist. . Wenn an einzelnen Plätzen in privaten Schätzungen kleinere Abschwächungen zu verzeichnen sind, so ist dies in erster Reihe auf den behinderten Kontakt mit Warschau zurückznführen. Die Schätzungen in Berlin dem Dollar gegenüber bewegten sich auf einem Niveau von zirka 11.10 bis 11.4 0 Zloty. Die Ansichten über die weitere Gestaltung des Zloty sind weiter abwartend. Die Beurteilung des Zloty in Wien. — Wahrscheinliches Ausbleiben der Clearing- Notierung. Unter dem Eindrücke der Ereignisse war der Privatverkehr in Zloty minimal. Die Ansichten über den Ausgang der Ereignisse divergierten. Nach Schätzungen wurde der Zloty mit 6 0 Groschen gegen 68 Groschen vom Vortage taxiert, ohne daß ein Geschäft zustande kam. In Finanzkreisen wird die 'Ansicht vertreten, daß für den Fall, als keine genauen Nachrichten aus Warschau im L'use des heutigen Tages einlangen sollten, im Clearing keine Notierung des Zloty stattfinden dürfte, um kein den Tatsachen nicht entsprechendes Urteil aufkommen zu lassen. Wien, 13. Mai. Seit Mittwoch Mitternacht ist jede telephonische Verbindung zwischen Oesterreich und Pokert unterbunden, Telegramme werden nnr auf Gefahr des Absenders entgegengenommen. Auf der polnischen Gesandtschaft in Wien wird dezidiert erklärt, daß keinerlei neue Nachrichten aus Warschau vorliegen und man über den Verlauf der Ereignisse gänzlich uninformiert sei. Nach der Auffassung in Wiener polnischen Kreisen steht die Auflösung des Parlamentes und Neuwahlen bevor, die unter dem Drucke der neuen Verhältnisse vielleicht eine Linksmehrheit ergeben würden. Doch hält man für die nächste Zeit die Ausschaltung des Parlamentarismus für wahrscheinlich, Pilsudski erklärte in der letzten Zeit öffentlich, daß heute das Interesse des Staates über das der Parteien gestellt werden müsse, wobei es unter Umständen aus die Form nicht ankomme. Militärische Konventikel waren in der letzten Zeit auf der Tagesordnung und die Negierung Witos' scheint die Absicht gehabt zu haben, den von ihr erwarteten Putsch Pilsudskis zuvirzukommen, was ihr aber nicht gelang. Die Telegraphenämter in Wien hatten gesterr zahllose Telegramme r-ach Polen j abzufertigen, in denen sich hier lebende Verwandte polnischer Staatsangehöriger nach den Vorfällen erkundigten. Die telephonische« Sprech st eilen wurden vergebtich belagert. Der Flugverkehr mit Polen eingestellt. Wie uns von der Inspektion des Flugfeldes 'Aspern niinKtciO wird, ist das ans Warschau fällig gttvesene Post- und Passagicrsltigzciig ansgcblieben. Infolge der Unruhen in Polen wurde auch von dem Mflug des hiesigen Flugzeuges Abstand genommen. Die gestern ans Polen fi»getroffene» Züge haben fast gar leine Passagiere gebracht. Tic polnischen Grenzen sind nach allen Richtungen hin hermetisch äbgespcrrt, so daß keine Nachricht herausdringt. In den jüdischen Kreisen Wiens, die so zahlreiche Beziehungen zuni Osten unterhalten, macht sich naturgemäß starke Nervosität geltend, die selbstverständlich zur Verbreitung der wildesten (Gerüchte Anlaß gibt. Bei der Wiener polnischen Gesandtschaft ist die letzte direkte Nachricht aus Warschau am Mittwoch um 8 Uhr abends eingctroffen. ' -i- Die schon ziemlich lang in Polen andauernden inneren Wirren sind nun fast bis zum Bürgerkrieg gediehen. Diese Vorgänge lenken die Aufmerksamkeit der ganze Welt ans dieses Land. Besonders die jüdische Oeffcntlichkeit hat allen Grund, sich für die Angelegenheiten in Polen zu interessieren, da ja in diesen» Lande eine so große Geineinschaft unserer Volksgenossen sich befindet. Die Verhältnisse in Polen sind so kompliziert, daß sie in Westeuropa wenig verständlich sind. Man muß sich hüten, die Begriffe der parlamentarischen Schablone anzuwendcn. Aeußerlich stellt sich der Zustand folgendermaßen dar: Im November des Vorjahres hat sich eine Koalitionsregierung gebildet unter der Leitung des vormaligen Außenministers Alexander Skrzynski. Das Kabinett war eine Vereinigung eines Teiles der Rechten und der Linken. Von den rechten Parteien haben sich an der Regierung beteiligt. Die Ncrtionaldemokratcn (Dmowski), die Christlichdemokraten (Korfanty), die Bauernpartei Piast (Witos); von der Linken gingen in die Regierung die Sozialdemokraten (Taszynskh) und die nationale Arbeiterpartei, eine Gruppierung mit einem radikalen Programm in Arbeiterfragen und einem chauvinistischen in nationalen Fragen. Außerhalb der Koalition stand auf der rechten Seite die christlichnationale Partei die in allgemeinen Fragen mit der Dmowski-Partci geht, sonst aber agrarische Tendenzen verfolgt und sich letzthin offen für den Monarchismus ausgesprochen hat. Aufder linken Seite blieben außerhalb der Koalition: die Bauernpartei Wyzwolenie (Thugutt-Partei) und der Bauernverein, zwei radikale Gruppen, die einander programmmatisch nahe stehen und' sich erst kürzlich aus unwesentlichen, hauptsächlich Persönlichen Gründen gesondert haben. Nicht einbezogen sind ferner in der Koalition die nationalen Minderheiten: Juden, Ukrainer und Weißrussen, schließlich die Kommunisten und der kommunistelnde radikale Bauernverband — zwei kleine Parteien, mit denen die gemäßigte Linke niemals zusammengeht und die sie innner heftig bekämpft. Wichtig ist das Außenbleiben der Partei Wyzwolenie, da diese numerisch nicht sehr starke Partei den Feldmarschall Pilsudski, den Gegner der Nationaldemokraten, unterstützt und sich deshalb an der Koalitionsregierung nicht beteiligen wollte, weil die Postulate Pilsu'dskis nicht akzeptiert wurden, der in der Armee General- 'tabschef und Generalinspektor mit beinahe diktatorischen Befugnissen werden wollte. Die Koalitionsregierung hat lein politisches und wirtschaftliches Programm ausgearbeitet und regierte ungefähr so, daß jeder Minister in seinem Ressort das tat, was ihm seine Partei diktierte. Dies konnte naturgemäß nicht lange dauern. Schon bald nach dem. Amtsantritt der Negierung tauchten Zwistigkeiten in ihrem Schoß auf und es kam manchnläl zu heftigen öffentlichen Reibereien. Inzwischen hat sich die Lage im Lande immer verschlechtert: es wuchs die wirtschaftliche Krisis, der Stillstand in Handel und Industrie und die Arbeitslosigkeit, die nahezu 700.000 Menschen erfaßt hat. Die polnische Währung, der Zloty, ging in raschem Sturz nieder und beträgt jetzt weniger als die Hälfte des Paritätswertes. Ein Programm der Zweckmäßigkeit wurde immer dringender notwendig. Da aber erwies cs sich, daß die Linke mit der Rechten keine einheitliche Anschauung betreffs der Sanierung fcstgelegt hat. Es traten zwei Programme auf die Szene, ein Kompromiß war nicht möglich, und die Skrzynski-Rcgierung mußte deshalb demissionieren. Es war leicht, die bestehende Negierung zu stürzen, aber schwer fiel es, eine neue zu schaffen. Die Linksparteien wollten und konnten keine Regierung bilden, da sie einmal keine genügende Mehrheit besitzen und zweitens weil sie mit den nationalen Minderheiten nicht zusammengehen wollten. Es bildete sich deshalb — nach verschiedenen stürmischen Unterhandlungen — eine Regierung des rechten Zentrums mit dem Bauernführor Witos an der Spitze, trotz der Warnungen der Linken, daß sie eine derartige Negierung, an der sich notorische Faszisten beteiligen und die von offenen Monarchisten unterstützt wird, nicht dulden werde. Die Lage verschärfte sich um so mehr, da die neue Regierung es ebenfalls nicht verstand, mit Pilsudski zu einem Einvernehmen zu gelangen und gegen seinen Willen geschaffen worden ist. Einen Fehler hat hier auch der Staatspräsident Wojciechowski begangen.' Unter den gegebenen Umständen war lediglich eine außerparlamentarische Fachmännerregierung, ein Beamtenkabinett, möglich, das mit einem gemäßigten Kvmpromißprogramm zwischen der Linken und der Rechten lavierte und auch Pilsudskis Ambitio- Ä. tWÄt 191/9 WP, MW SlonWche SeMsftttian gwwHMtoM. Samstag A«tt 15. Mai um 8 Uhr ufiettM Massenmeeting im zentralkeller LLiii't Referenten: Gemeinderat Dr. L. Ptaschkes, Präsident des Zionistischen Landeskomitees Gr. D. Frievmann, Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. I. Löwenherz, Dr. R. M. Gelber, Oberbaurat Ing. Robert Stricker. Freier Zutritt. nen einigermaßen berücksichtigte. Anfänglich strebte di«S der Präsident an, aber er beauftragte mit der Bildung einer solchen Regierung den Expremier und ehemaligen Finanzminister Wladyslow Grabski, der vermittelst seiner unrichtigen Politik Polen an den Rand des Abgrundes geführt hat und deshalb bei der Bevölkerung sehr unbeliebt ist. Niemand wollte mit GrabSki zusammen in der Regierung sitzen und seine Bemühungen, ein Kabinett zu bilden, mußten scheitern. Nach diesem Fiasko hat wiederum Witos die Initiative ergriffen. Sein Vorgehen gegen Pilsudski hat fast bis zum Bürgerkrieg geführt. Und was weiter? Dies ist jetzt die Hauptfrage, auf die eine Antwort zu geben, sehr schwer fallt. Das auffallendste an dieser „Revolution" ist der Umstand, daß die kämpfenden Linksparteien selbst nicht wissen, was sie anfangen, wenn sie siegen. War es ihre Absicht, die Macht zu ergreifen, so konnten sie dieses Ziel verfolgen, auch ohne das Mittel des Aufstandes anzuwenden. Aber diese Parteien sind untereinander absolut nicht einig. §>ie Wyzwolenie zum Beispiel hat bloß ein radikales Bauernprogramm, aber in sozialen Fragen ist sie ganz konservativ. Die N. P. R. (Nationale Arbeiterpartei) ist eine Art polnisch-völkische Partei, etwa eine polnische Hitler- Partei, und sie kann lediglich in Polen als „linke" Partei gelten. Zugleich fürchtet die ganze gemäßigte Linke den Kommunismus, der bei einem Bürgerkrieg den Kopf erheben und der t e r t i u s g a u d e u s werden kann. Was Pilsudski anbetrifft, so hat er überhaupt kaum ein politisches und wirtschaftliches Programm.. Er war zwar vor dem Kriege Sozialistensührer, aber diese seine alte „Jugendsünde" hat er schon lange vergessen und er tritt seither lediglich als Verfechter militärischer Ideen auf. Er ist westlich orientiert und verfügt über eine sehr starke Anhängerschaft unter den jüngeren Offizieren. Für ihn, mehr aber noch für sein« Freunde, hätte die Astsetzung eines Kabinetts Witos den ersten Schritt zur Diktatur der Rechten bedeutet. Dieser Eventualität sollte vorgebeugt werden und so kam eS zu den Vorfällen vor den Toren der Hauptstadt, zu dem Angriff von Monarchisten und Rechtsfaszisten auf das Landgut Pilsudskis und im weiteren Verlauf zu dem Marsch der Linksfaszisten — anders kann man diese Gruppe nicht bezeichnen — gegen Warschau. Es ist aber zweifelhaft, ob ein so eigenartiges Gebilde wie ein „linker Faszismus", der anükommunistisch, zugleich aber auch antiparlamentarisch ist, lange existieren kann. Der einzige Ausweg ist deshalb wieder nur der, eine gemäßigte Beamtenregierung zu schaffen, aber mit einer mehr populären Persönlichkeit an der Spitze als es Grobski war. Dies wird höchstwahrscheinlich schließlich geschehen, da, wie die Begebenheiten schon einige Male gezeigt haben, in Polen kein Boden für soziale und politische Umstürze vorhanden ist. Beonders hat die jüdische Bevölkerung Anlaß, zu wünschen, Ruhe im Lande hergestellt zu sehen, da sie — trotz ihrer jetzigen kläglichen Lage — weder vom rechten noch vom linken Faszismus etwas Besseres zu erhoffen hat. Ser Prozch gegen die polnischen Farzifte». (Eigendienst der „Wiener Worgenzeitung".) Warschau, 13. RLai. Im Laufe des weiteren Zeugen- Verhörs meldete sich ein 14jähriger Knabe namens Miroslaw G a j c w s k i, dem durch einen Irrtum eine Zeugenvorladung zugestellt worden war. Daher beschloß der Gerichtshof auf Antrag des Staatsanwaltes, den Vater "des Knaben einzuvernchmen. Die Zeugen General Prokopowicz, der'Geistliche Kal im, der den Mitgliedern der Goheimorganisa'tion den Eid abgenommen hatte, ferner Mrodkowski und Marian Schrötter belasten die Angeklagten, ihre Aussagen zeigen aber immer mehr, daß die ganz«, Angelegenheit zu jener Zeit eines humoristischen Anstriches nicht entbehrt. So, wenn z. B. J>er Zeuge Schrötter erzählt, daß bei einer Versammlung der Angeklagte Pcnkoslawski drei Königskandidaten vorgestellt und die Versammlung aufgosordert hat, einen von de/' weien zu wählen. _; Me arabische gugend ln PaMiaa lernt Hebrilisch. Jerusalem, 12. Mai. (I. T. A.) Die arabische Zeitung „Meraar el Shevk" schreibt: Ein Zeichen kulturellen Fortchritts in Palästina ist der Wunsch der arabischen Ingens inSbesanders derjenigen im Jaffa-Distrikt, Hebräisch zu lernen. Warum nicht? Die hebräische Sprache ist eine S ch w e st e r s p r a ch e der arabischen. Die Juden sind unsere Vettern, ihre Sprache zu evlernen ssann feine Schanke still,