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Wiener Morgenzeitung · 1926-05-04 · Heft 2584 (4.5.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2584 (4.5.1926)
Date
1926-05-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Kr. SM Men, Dienstag Wiener Movsenzettimg Ae Lrandlataftrophe in Molsvurg. (SpeMSericht Lex „Wiener Morgenzeitung".) A. Nikolsburg, 3. Mar. Freitag nach 4 Uhr nachmittags -brach im Hause dcr christlichen AorvflechterfamRe spar ina in Cer Qu^r^aift» nicht wie irrtümlich gmn'.det wurde, Ouellengaffe, au; bis» her noch nicht aufgeklärter Uc.ach? de: Brand aus. Di; eine Version geht dahin, daß er durch unvorsichtiges Hantieren Äeim Auslassen von Schmal; eu.staudm ist, nach einer anderen Version soll das Feuer durch Kinder, die mit Zündhölzchen spielten, entstanden sein. Ta gerade um diese Zeit ein lebhafter Wind herrschte, griff das Feuer mit unheimlicher Schnklligkeit u.r> sich, so d>:tz noch vor Entrissen der Vikolsdorf-r Auermchr. ein ganzer Stadtteil, das alte Judenghetto, in Hellen Flamnun stand. Das Feuer . fand in den alten Häusern mit Schindel- und Bretterdächern, die gänzlich ausgetrocknet waren, reichliche Nahrung. Sämtliche Häuser in. der in der Nähe liegenden Schlohgasse sind in Asche gelegt worden. Die meisten Häuser brannten - bis auf den Grund nieder und-nur wenige büßten nur lediglich das Dach ein. Bald darauf erschien die Feuerwchr aus den umliegenden Orten, wie Pohrlitz, Znaim und Lundenburg und später auch einige freiwillige Feuerwehren aus -den österreichischen Grenzorten. B-ei dem herrschenden Wind und bei dem großen Wassermangel konnte sich ihre Tätigkeit aber nur auf das Lokalisieren des Brandes beschränken. Ein großer Achter, der von den meisten Anwesenden gerügt wurde, bestand daran, haß die Leute die Dächer der noch nicht abgebrannten Häuser nicht abtragen ließen, wodurch zweifellos dem weiteren Umsichgreifen des Feuers Einhält geboten worden wäre. Die verantwortlicher: Faktoren entschuldigen jedoch dlese Unterlassung damit, daß ein Abtragen der Dächer hei der Schnelligkeit, mit der sich das Feuer ausbreitete, unmöglich gewesen wäre. Außer den Häusern in der Schloßg asse brannte eine Häuserfront m 8er Quergasse vollständig ab.' Auch die andere Seite der Quergasse wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Der Brand griff schließlich auf die K a r l - S ch w e i n!b u r g - G a s s e, früher Hauptgaffe, über. (Die Namensänderung ist darauf zurüchuführen, daß ein NMsburger Jude, namens Schweinburg, der in Amerika verstorben ist, der Stadt Nikolsburg ein großes Legat hinterfteß, aus iv-elchem die Einleitung des elektrischen Lichtes in der Stadt besorgt werden konnte.) Der Brand wütete ' ununterbrochen bis 11 Uhr nachts und konnte erst um diese Zeit als gelöscht betrachtet -werden. An einigen Stellen bemerkten jedoch die Brandwachen noch um 5 Uhr früh S t i ch fl a m m e n auffteigen. An der Löschaktion ^beteiligten sich nebst den Feuerwehrleuten, die ihren Dienst in anfopfevungsvollster Weise versähen, auch die Einwohner der'Stadt Nikolsburg ohne Unterschied der Konfession in hervorragender Weise. Ein Feuerwchrmann und mehrere Zivilisten erlitten dabei Brandwunden und Verletzungen durch herabfallende Balken. In der Schloßgasse fingen euch die im Park des dem Fürsten Dietrichstein gehörigen Schlosses stehenden Bäume Feuer — in diesem Schloß wurde der Nikvlsdorfer Friede geschlossen —, p daß sie gesollt werden mußten, um nicht die Gefahr tzeraufzubeschwören, daß auch das Schloß ergriffen werde. Der Brand, der vor bereits drei Jahren in eben demselben Stadtviertel gewütet hatte, - hat bei weitem nicht die Dimensionen; angenommen 'wie der diesjährige. Er machte dort halt, wo der Brand von Freitag nachts einsetzte, was darauf zurückzuführen ist, daß die Häuser, die nach dem Brand neu errichtet wurden, mit Feuermauern mtb Ziegeldächern ausgöstattet sind. Die .Hänfer, die jetzt zum Opfer sielen> verfügten durchwegs nur über Schindeldächer und -hatten anstatt FeuermauLrn BrsettSvwände, die 6on der Sonne durch die vielen Jahrzchnte, vielleicht auch Jahrhunderte ihres Bestandes gänzlich ausgetrocknet waren. . Unter der Bevölkerung, die nun schon im Lause von wenigen Jahren zum zweiten Male durch eine schwere Brandkatastrophe heimgesucht wurde, entstand eine arge Panik, so daß zur Anfrechterha'ltnng der Ruhe und Ordnung M i l-iiär aus Znaim und Lundenburg requiriert werden mußte. Dem Brande sind ungefähr 112 Häuser zum Opfer gefallen, wodurch 250 Familien obdachlos wurden. Die meisten dieser kleinen Häuser -bestanden aus Zimmer und Küche. Auf diese ebenerdigen Häuschen wurde in oen meisten Fällen ein Stockwerk, das-ebenfalls nur Zimmer und Küche enthielt, aufgebaut. Ein'solches Zweifamilienhaus wird zwei Häusern gleichgehalten. Mach vorläufigen Schätzungen dürfte der Schaden einige Millionen tschechische Kronen betragen. Biele der Häuser sind gegen Brandschaden versichert, p daß ihre Eigentümer nicht allzu schwer geischädigt erscheinen. Die obdachlos gewordenen Familien, darunter 22 jüdische, wurden, soweit: sie nicht bei Bekannten und Verwandten Unterkunft fanden, in Bersorgungshäusern und im fürstlich Dietrichstei nschen - Kloster untergebracht. Es ist noch sehr frag- Mr ch chMgnvts Stadtteil, kt zum größtes Teil im Eigentum des Fürsten Tietrichstein stand, wieder aufgebaut werden wird, zumal da der Schloßherr hiezu wenig Lrhst zeigt. Tie Lage der betrofferen Einwohner ist also noch völlig ungeklärt. Inzwischen hat ein Teil der Betroffenen zur S e l b st h i I f e gegriffen. Die Bewohner der kleinen Häuschen, zunreist Handwerker, wie Maurer, Tischler und Schlosser, haken auf ihren Häusern, die nicht bis auf den Grund niedergebrannt sind,* Notdächer zusammengezimmert und sind in die notdürftig hergerichteten Häuser -wieder eingezogen. Sehr arg vom Brand hergenommen wurde ein in der Karl Sch weinburggasse befindliches Haus, das die Witwe Kohn um ihren Töchtern bewohnt. Vorerst brannte ver Tachstuhl äb und es schien, als ob das Feuer die Grundmatlern des Hauses verschonen wollte. Erst gegen 5 Uhr früh wurde auch dieses Haus vom Feuer gänzlich vernichtet. Plötzlich stürzten die Feuermauern em und der Plafond brach durch. Tie Insassen des Hauses erlitten erhebliche körperliche Verletzungen und beklagen die Vernichtung ihres gesamten Halb und Guts. Besondere Erwähnung verdient eine Begebenheit, die sowohl von Juden als -auch von Christen auf das Lebhafteste besprochen wird und viele Ungläubige und Skeptiker zu Gläu- ' bigen macht. Ein jüdischer Abbrändler äußerte sich zu Ihrem Korrespondenten: „Ich habe an diese Erzählungen nie geglaubt, aber jetzt glaube ich selbst daran. Zur Zeit des jüdischen Ghettos war Nikolsburg der Sitz der großen Landrabbiuer, von denen als hervorragendster Rabbi Samson Rafael Hirsch und Rabbi Mordechai Benet zu nennen sind. Zur Zeit des Rabbi Benct, der ungefähr vor 120 Jahren lebte, war die Christenstadt von der Judenstadt noch scharf geschieden und die Inden Nikolsburgs durften am Sabbat über den Erew nicht hinausgehen. Die Grenze zwischen Jadenstadt und Christenstadt war durch diesen Evew streng gezeichnet. An -dieser Grenze war eine Stange aufgestellt, von welcher ein Draht zur gegenüberliegenden Seite der Straße gezogen war. Der Eigentümer des Hanfes, das gerade an der Grenze zwischen Juden- und Christenstadt stand, ein christlicher Bürger von Nikolsburg, weigerte sich beharrlich, diesen Erew an feinem Hause aubringen zu lassen. Rabbi Mordeai Benet verstand es aber, ihn so weit zu bringen, daß er dennoch -dazu feine Einwilligung gab, und segnete dafür das Haus, das fortan v o n j e d e r F e u e r s b r u n st verschont sein soll. Schon oftmals .ist dieses Haus als einziges von B ra n dka ta st r oP-he n verschont gMe-ben, wei-l es -das höchste ist. Vor einigen Jahren brannte .das in unmittelbarer Nähe befindliche L ö w e n g a st h a u s gänzlich ab, ohne daß dieses Haus, das teilweise mit Stroh, teilweise mit Schindeln gedeckt war, Feuer fing. Auch bei der jetzigen Feuersbrunst blieb dieses Haus gänzlich unversehrt als einziges in Her ganzen Front stehen. Zum vierten Male hat dieses von Räb'bi Mordechai Benet gesegnete Haus,den Flammen standgehalten und wird jetzt Wie ein Wunder von der christlichen und jüdischen Bevölkerung, die scharenweise zu dem Hause Pilgert, angestaunt. Eigerarrig ist auch die Geschichte der jüdischen Feuerspritze von Nikolsburg. Bis vor wenigen Jahren war Nikols- -burg noch in eine jüdische und eine christliche Gemeinde geteilt, von denen jede einen Bürgermeister und eine eigene Gemeindeverwaltung hatte. Tie Mische Gemeinde verfügte über eine eigene Feuerspritze, die von jüdischen Bewohnern der Stadt bedient wurde. Die Spritze leistete trotz ihres Höhen Alters stets vorzügliche Dienste. Be: Ausbruch eines Feuers war immer die jüdische Mannschaft mit -ihrer Spritze als erste zur Stelle. Dadurch konnte oftmals großes Unheil von der Stadt ahgenerdet werden, was bei der christlichen Bevölkerung Neid -nnid Mißgunst erregte. Es geht die Sage, daß auch diese Spritze von Ra'bbi Benet gesegnet wurde, weshalb sie von der jüdischer: Bevölkerung mit 'besonderer Ehrfurcht behandelt wurde. Als nach dem Umsturz die jüdische ntr.fe christliche Gemeinde vereinigt wurden, r-nßte die jüdische Feuerspritze, die noch sehr gute Dienste hätte leisten können, in Pension geschickt werden. Dies war nach der Ansicht vieler Nikölsburger für die Stadt ein großer Nachteil. Auch bei dem jetzigen Brand wurde diese Spritze nicht mehr' in Verwendung genommen ur.<d viele Nikolsburger glauben, daß sie es diesen: Umstande z-uzufchreiben haben, daß sie um ihr.Hab und Gut gebracht wurden. Vielleicht l— so sagt man in Nikolsburg — wäre die Stadt von der Brandkatastrophe verschont geblieben, wenn die -von: Rabbi Mordechai Benet gesegnete Spritze wieder Wunder hätte wirken dürfen. Sitte Mion der Wiener Vereine der Niiolrbnrger. ' Der Wiener Verein der Nikölsburger hielt gestern abends -im Cafe Siller unter Vorsitz seines Präsidenten, Finanzrat i. R. Dr. Emil Eisler, eine Beratung ab. Es wurde beschlossen, gemeinsam mit einer Zeiten in Wien bestehenden (nichtjüdischen) Vereinigung der Nikölsburger eine Hilfsaktion e-iuzuleiten. Man erwartet, daß insbesondere jene, welche aus Nikolsburg nach Amerika äbgeivandert sind, h§n Opfers hex Brandkatastrophe tatkräftig Hilft leistes. 4. Uhif IM; Heike * Zionistische Sektion Praiar HEUTE Dienstag den 4. Mel findet tun 8 Uhr abends im Restaurant s oh ml dt, II, Ausatellungsstraße 181 (neben Poltzeikommissariat) anläßlich der Ijär- Aktion eine UmibsiIm statt, bei* der die Herren Dr. Josef Löwenherz Visepräsident derlsraelitisohen Kultusgemeinde Dr. Z. Finkeistein Dr.N.M. Gelber Dr* Egon Michael Zweig (Jerusalem) spreohen werden Juden, erscheinet in Massenl Molsbmg Längst gestorben sind die Judengassen an der Lehne des merkwürdigen, von bizarren Dächern überragten, mit weißem Kalkstaub leicht überzuckerten Hügels, der sich plötzlich aus der südmährischen Ebene erhebt. Aber wenn, den alten Gassen wieder ein Leid geschieht, wie jetzt, zum zweiten Male, em arges Feuer, dann flohen die ausgewanderten Söhne auf und man merkt, wie viel Leben noch immer die alle Jndenstadt spendet. In den europäischen Städten und in Amerika haben jetzt die Herzen um das jüdische Städtchen gebangt, in welchem so viele Familien ihre Heimat haben. * Gestorben ist Nikolsburg, .das jüdische Nikolsburg, im Dezember des Jahres 1919. Damals fand die -letzte öffentliche Sitzung des Ausschusses der Jjraeluengemeinde Nikolsburg statt. Es war die offizielle Totenfeier der Mischen politischen Gemeinde. Aber tot war die Jüdenstadt damals schon/ Sie lebte nur mehr von ihrer 400jährigen Geschichte. Die aber iva-r wahrhaftig glanzvoll. Eine der größten JeMW lockte in die sagenumrankten, schmalwinkeligen Gassen jüdische Lernbeflissene aus allen Gegenden. Trotz der Fährlichkeiten und der grausamen Beschränkungen des Ghettölebens war; Nikolsburg mit den großen Judenschulen von Prag, Krakau, Preßburg in steter Fühlung. Später entsandte die Judengasse — sie wurde vor 30 oder 40 Jahren -verschämt -in ,/Haupt-, gaffe" umgetauft — einen ihrer größten Söhne, nach Wien. Die Abschaffung der Tortur im Oesterreich der Mark« Theresia, die Gründung des Burgtheaters im Oesterreich- Josefs des Zweiten, sind Werke des Nikölsburger Juden und nachmaligen katholischen Reichsfreiherrn S o n n e n f e I s. Der junge Nachwuchs, den die Jüdenstadt nach Wien und auch nach anderen europäischen Metropolen entsendet«, hat auf wirtschaftlichem und auf wissenschaftlichem Gebiete ganz hervorragende Männer gestellt. Die medizinische Wissenschaft und die Jurisprudenz zählen viele Nikölsburger Juden zu ihren Leuchten. Noch in der zweiten Hälfte -des Vorigen Jahrhunderts' war die Jüdenstadt sehr Wendig. Hier wardie volkstümliche Figur der jüdischen Frau Sopherl zuhause, die Nikölsburger; Gänslerm, hier gab es eine Reihe emsiger jüdischer Gewerbe-, «treibenden, rühmliche Zuckerbäcker, wohlaKreditierte Wirts- -leute, hier traf man noch die eigenartigen Typen der mährischen und böhmischen Kchillas, wie sie Leopold Kompert verewigt hat. , Die Tragödie des Provinzjudentums fetzte dann auch in Nikolsburg ein. Mes strömte ab. Nur die Gwßeltern blieben zurück. Bon der Gemeinde war nicht viel mehr übrig als dev würdevolle Ausschuß der politischen. Juivengemeinde mit -dem Bürgermeister an der Spitze, die zahlreichen uralten Gotteshäuser, einige Großhändler, ein uniformierter Mischer 5goli* zeimann und der Schames zur Dlspvsiton.- * ' Ganz kurz vor tzer Aufhebung der politischen Judengemeinde Nikolsburg ereignete sich noch einer von den Para-, doxen Zufällen der Weltgeschichte. Just damals, als sich die Judengemeinde ins Grab legen wollte,, kamen ganze Massen ,von Juden nach Nikolsburg. Zwangsweise. Im Viehwagen Es waren Menschen, die im äußeren Habitus und zum lüberwiegenden Teil auch in der Geistesrichtung jenen glichen, die damals in der Blütezeit Nikolsburgs über dem Talmud saßen und die Lehre als des Lebens höchstes Gut erachteten^ Aber diese ostjüdischen - Flüchtlinge schloß nicht die Judenstadt in ihre alten, sehr schwach gewordenen Arme. Sie kamen hinaus auf den Berg, ins Konzentrationslager. In unsäglich qualvollen -Monaten und Jchren unfveriroMiger Gefangenschaft -sahen sie von dort oben auf die gestochene ^Jüdenstadt hinunter. * Ein Freund zeichnete mir heute mit einigen Strichen die Situation während des vorgestrigen Brandes auf. Hier kommst du vom Bahnhof, hier ist die Bürgerschule, hier, m der Quergasse, 'begann es. Griff dann aus die Schlyßgasse über — du weißt -doch, die geht Parallel zur Hauptgaffe und züngelte dann nach den Dächern der Hauptgaffe. Wo vor zwei Jahren der Brand änfing, fand er diesmal sein Ziel. Jetzt ist das Werk so ziemlich komplett. Beim Hinmalen der Planstizze sah ich natürlich mchr Äs KreuzuO OuMriAe, Ach W MG Gaffer

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