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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-25 · Heft 2576 (25.4.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2576 (25.4.1926)
Date
1926-04-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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fc» s -Dauerstrümpfe haben Weltruf »74 Elegant, unverwüstlich / Üebifall erhältlich Zentrale: LEO SUSSMANN Wien, 1. Bezirk, Schwerigasie Nr. % Rordaus Weg in die Heimat. - y. W t e n. 25. April. Als der große Krieg kam, mußte der greise Gelehrte ins jipanische Exil. Durch die Straßen alter Städte, in denen einstmals jüdisches Wesen heimisch gewesen war, ging er, suchte Bauwerks, Museen, Friedhöft ab; an der Seite seines Jugendfreundes, des großen jüdischen Historikers Hauser, dem Sevilla, die christlichste Stadt Spaniens, ihre goldene Medaille verliehen hatte, suchte er nach den Resten jüdischer Arbeit. Die zwei, die ihre Lebensarbeit dem Menschentum gewidmet hatten, konnten die Zeit, die gekommen war, sehr wohl - verstehen. Aber nicht die Sturmflut des Hasses, die draußen wogte und alle Dämme zerstört hatte. Nordau hatte den Krieg kommen gesehen und vor ihm gewarnt. Die konventionelle Lüge von dem Stahlbad hatte er erkannt; daß das Unglück unausweichlich heranbrauste, hatte er ahnend beschrieben. Er war selbst Zeuge des großen, durch die Jahrhunderte gehenden Krieges gegen sein jüdisches Bott und er hatte selbst zum Widerstand, zur Sammlung aller Kräfte aufgerufen und sein Voll nach dem Osten gewiesen, wo es in seiner Heimat sich neu begründen sollte. In dem Haß, der gegen das Judentum tobte, den er auf laugen Reisen durch die Welt an der Arbeit gesehen, batte er den Vorläufer der Katastrophe enthüllt. Alles Kriedensgerede ist eine Farce, so lange es eine Judenfrage gibt... Nun, wo die Bestie den Käfig gesprengt hatte, wo Menschen einander mordeten, wo Juden auf Juden zu schießen gezwungen wurden, mußte er mit zusammengebissenen Zähnen und brennenden Augen wahr werden sehen, was er in seiner Men Schreibstube vor sich erblickt hatte. Der treue Kamerad der Jugend, mit ihm alt geworden, hörte von ihm die zornige Klage: „Me Fingernägel brennen mir ins Fleisch. Werde ich das jüdische Land noch sehen?" * San Remo kam. Max Nordau. war nach London geeilt. Jugendfrisch, als wäre sein Mer von ihm gefallen, begrüßte er den Tag, der Neues, Unerhörtes zu künden schien. Die jüdische Freiheit stand auf! Land für das jüdische Vott, Selbstbestimmung, eigenes Recht! In einer glühenden Rede feierte der alte Wegbereiter des Zionismus den großen Erfolg als den Sieg der Sittlichkeit. Das Allmenschentum rief er an, das große Ideal der Propheten. Wieder ging sein heißes.Wort hinaus in die jüdischen Herzen, denen er doch nur das sagte, was sie hören wollten. Rings um sie zitterte noch die Stickluft des Schlachtfeldes. Der Rachedurst bestimmte den Frieden. An den Straßenecken flammte noch immer der Haß und , suchte den Gegner von gestern an der Kehle zu fassen. Im Judentum fand diese Stimmung keinen Raum. Das jüdische Vott hörte nach ddm Völkerbund hin, seine Augen gingen nach dem vom Krieg verbrannten kleinen Land Mischen dem Jordan und dem Mittelmeer. Sein Recht auf dieses Laich war anerkannt und beschworen. Das große, mächtige England' erklärte, sich gerne der Aufgabe unterziehen zu wollen, dem alten Volk, dem Voll des Buches und der Bibel, Beistand zu leisten. Max Nordau, der in einer langen Erfahrung geschulte Praktiker der Politik, sah schärfer. „Nur bei euch steht eure Zukunft, nur ihr könnt sie begründen." Nordau ist nach kurzer Zeit in die Stille, seines Heimes zurückgekchrt. Sehr zu unserem Schaden. Seine große Erfahrung, seine Kenntnis der Menschen und sein messerscharfes Urteil hat uns gefehlt. Mehr noch aber sein stürmisches Drängen, sein Glauben an die zionistische Kraft, an die Wucht des nationalen Gedankens. Der Zionismus, der sich die Ratifizierung des Baseler Programms, des ewigen Werkes Nordaus, geholt hat, muß das jüdische Volk erobern, muß den Willen der Jugend überall geltend machen, alles Streben und Arbeiten des Judentums an das einzige große Ziel der Freiwerdung setzen. Er tatf sich nirgends fremder Hilfe anvertrauen, er darf nie die Geschichte des Judentums vergessen, deren logische Fortsetzung er darstellt. Diese Geschichte ist ein ununterbrochener Kampf gewesen, ein Ringen gegen feindliche Kräfte, die das einheitliche Voll Mengen, ihm das Gefühl der Zusammengehörigkeit nehmen wollten, um dann einen Teil nach dem anderen in der Assimilation zu erstickest oder im Pogrom zu erwürgen. Alle diese Bottsteile erfüllt der Zionismus mit neuem Brudersinn, alle muß er zu einem einzigen Vott -usammenschweißen, alle zionistisch machen. Das Bott muß sich als Volk bekennen, alle Halbheiten und Verlockungen ablehnen. Es muß wissen, daß ihm die härteste Aufgabe zuteil geworden ist, die je ein Bott übernommen hat: Inmitten der Mißgunst einer feindlichen Welt, mitten im Feuerbmnd des Halles sich zu erhalten und zugleich alle Kräfte auf die Errichtung eines nationalen, politischen Zentrums wenden, von dom aus es wieder kulturelle Energien erhalten sott. Ohne staatliche Zui«WWtalbm« umi * M pw «chßs jWtandtz intim Miene« Moraeirzetfutta §8. «atschenobftruktion int Mietenausschuß. Nor Neuwahlen l» Lestmeichl Im MetenauSschutz bei Nationalrates ging a gestern sehr wüst zu. Die MehrheitSparteien hatten einen Feldzugplan entworfen, um den Obstruktionisten tm Ausschuß eine Niederlage zu bereiten. Nach einem sehr gründlichen Studium der Geschäftsordnung war der Obmann des Mietenausschusses Dr. Kienböck auf die Idee gekommen, die von der Opposition begonnene Geschäftsordnungsdebatte dadurch zu frustieren, daß er sofort nach Beginn der gestrigen Sitzung dieWahlderReferenten mittels Stimmzettel anordnete. Nach durchgeführter Wahl hätte natürlich die Fortführung der Geschäftsovdnungsdebatte keinen Sinn gehabt und die Sozialdemokraten wären auch um die Möglichkeit gebracht worden, die von ihnen bereits angekündigte Debatte über die Referentenwahlvorschläge ins Endlose hinauszuziehen. In der Anordnung der Wahl bei gleichzeitiger Unterbrechung der GeschäftsordnungSdebatto «Mickten nun die Sozialdemokraten eine Ueberrumpelung und verlangten stürmisch daS Wort zur Geschäftsordnung, das ihnen jedoch, da die Wahlhandlung bereits eingeleitet war, nicht erteilt wurde. Einzelne Abgeordnete wollten nun zur Wahl selbst sprechen, doch wurde dieses Verlangen in dem herrschenden Lärm vom Obmann Dr. Kienböck, wie er später erzählte, überhört. Die Sozialdemokraten suchten nun durch alle Mittel der technischen Obstruktion ein Weiterverhandeln unmöglich zu machen. Sie. schafften aus ihrem Klubzimmer Ratschen herbei, zerschlugen die Aschenschalen, trampelten auf dem Boden, schlugen mit den Fäusten auf den Beratungstisch und schrien unausgesetzt, sie seien° vergewaltigt worden, der Ausschußobmann habe die Geschäftsordnung gebrochen. Ein AbgeoÄmeter der Mehrheit riß ein Fenster auf, worauf die Sozialdemokraten die übrigen Fenster öffneten, um, wie sie sagten, dem Volk von Wien Gelegenheit zu geben, mitanzuhören, wie der Mi«terschutz umgebracht werde. In der Reichsratsstraße sammelten sich auch ein paar Passanten an, die einigermaßen v e rwundert waren, als sie das wüste Gekreisch der Schreienden und das Lärmen Und Trampeln hörten, das durch die Fenster auf die Straße drang. Trotz des TobenS der Opposition wurden die Stimmzettel von den der Majorität angehörigen AuSschußmitgliedern abgesammelt. Dr. Kien- GRABEN-FRISIER-SAL6N Wien, I. 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Graben 12 ✓ Telephon 74*8*26 zur ständigen Kunde machen. bock winkte den Abgeordneten Sever zu sich und teilte ihm mit, daß die Refereriterrwahl bereits vollzogen und Abgeordneter Schön st einer zum Berichterstatter über die Novelle zum Mietengesetz bestellt worden sei. Das hatte natürlich neueWutausbrüchederOpPosition zur Folge, welche die ganze Wahl als null und nichtig bezeichnete. Es blieb schließlich Dr. Kienböck nichts anderes übrig, als die Ausschußsitzung zu schließen, da das unaufhörliche Toben der Sozialdemokraten ein Weiterberaten unmöglich machte. Während die Mehrheitsparteien daran sesthalten, daß die Wahl Schönsteiners geschäftsordnungsmäßig erfolgt sei, bestehen die Sozialdemokraten darauf, daß die Wahl n i cht i g sei. Die soziyldemokratischen Ausschußmitglieder hatten keine Stinrmzettel bekommen, es fei auch keine Enunziation der Wahl durch den Ausschußobmann erfolgt und schließlich habe Dr. Kienböck die Geschäftsordnung dadurch gebrochen, daß er den Abgeordneten Deutsch und L e u t h n e r, die das Wort zur Abstimmung verlangt hatten, dieses nicht erteilte. Entweder erklären die Abgeordneten der Majorität die Wahl für ungültig oder sie halten an der Fiktion seiner Wahl fest. Im letzteren Falle müßten sie aber damit rechnen, daß es im Mietenausschuh kein Verhandeln mehr gMnkönÜA Ueber die weiteren taktischen Beschlüsse wer» wn der Kftlbvorstand und die Vereinigung der sozialdemokratischen Abgeordneten und Bu-ndesrüte in den Nächsten Tage« beraten. Das Eine könne aber schon gesagt werden, Mß der Klub sich ebensowenig eine Verletzung der Geschäftsordnung durch Dr. Kienböck gefallen lassen werde, wie seinerzeit im Kurienpmlamei^ durch den Präsidenten Abrahamodiez. * Der österreichische Nationalrat hält also bereits dort, wo der österreichische Reichsrat den Befähigungsnachweis dafür erbrachte, wie man einen Staat ausetnanderregiert. Wozu der Lärm des gestrigen Tages? Die Christlichsozialen und Großdeutschen wissen nur zu gut, daß eine Reform der Mietengesetzgebung durch eine Ueberrumpelung der Opposition nicht möglich ist. Cs handelte sich ihnen vielleicht darum, den Hausbesitzern, die auf die Aufwertung der Meten drängen, sinnfällig zu machen, daß ja ohnehin alles versucht werde, um diesen Wunsch zu erfüllen, daß eS aber, will man nicht das Parlament überhaupt zerschlagen, gegen die zu allem entschlossene Opposition nicht möglich sei, an die Mietensrage zu rühren. Hiezu war es natürlich notwendig, die Obstruktionisten zu Wutausbrüchen zu reizen. Die Sozialdemokraten gingen auch prompt in die Falle. So nebenbei Mag bei dem Wiener Flügel der Christlichsozialen, der es nicht gerne sieht, daß ohne Dr. Seipel die Dinge vielfach anders als sonstwo in der Welt. Der spielt haben, die Stimmung im Parlament und das Verhältnis zwischen Opposition und Mehrheit zu trüben. Der österreichische Nationalrat ist gewiß kein Musterparlament und in den Volksvertretungen aller Staaten ist schon zur Obstruktion gegriffen worden. In Oesterreich liegen aber die Dinge vielfach anders als sonst wo in der Welt. Der Nationalrat ist tatsächlich die letz 1 e und einzige Inst a n z, die Nicht nur die Legislative in diesm Staate darstellt, sondern auch hinter! allen Regievungsäkten steht. Wivd er funktionsunfähig, dann gibt eS keinen § 14 und kein Notrecht, auf Grund dessen die Negierung weiterwirtschaften. könnte. Die österreichische Verfassung ist so konstruiert, daß auch die Mehrheit nicht ohne die Opposition regieren kann. Es können Gesetze Wohl gegen die Stimmen der Opposition, niemals aber gegen ihren Willen beschlossen werden. Schon bei der Schaffung der Geschäftsordnung wurde auf diesen Umstand großes Gewicht gelegt und aus der Geschäftsordnung des alten österreichischen ReichSrates alle Tücken und Rücken geflissentlich Übernommen, die geradezu ' , ein Recht der Minderheit auf Obstruktion statuieren. Die parlamentarische Machtopposition der Sozial demokraten ist förmlich auf diesen Obstruktionsmöglichkeiten aufgebaut. Sie würden, wenn diese nicht bestünden, sich das schrankenlose Majoritätsprinzip gefallen lassen müssen und wären trotz ihrer vielen Mandate zu einer , bedeutungslosen Minderheit verurteilt. ES ist darum einigermaßen verständlich, wenn sie mit einem nahezu fanatischen Eifer sich um die genaueste Einhaltung aller Geschäftsordnungsformalitäten kümmern. Natürlich beschwört gerade dieser Geschäftsordnungsfanatismus, der zu so wilden Exzessen wie gestern führte, die Gefahr herauf, daß zwar die Geschäftsordnung gerettet wird, aber das Parlament in Trümmer geht. Die LerdenfchaftsauSbrüche des gestrigen TageS zeigen, daß bei Mehrheit und Minderheit kaum mehr große Geneigtheit besteht, noch vor den Neuwahlen die -dem Haufe gestellten Aufgaben ruhig und sachlich z« Ende zu beraten. Im christlichsozialen Lager übevwiegt die Anschauung, daß die Sozialdemokraten es auf Wahlen gar nicht ankommen lassen dürfen. Solche könnten f r ü h estenS im Juli pattftnden. Mittlerweile wären die Bestimmungen^ über die außerordentliche Notstandsunterstützung der ausgesteuerten Arbeitslosen abgelaufen und dies nur darum, weil die Sozialdemokraten wegen ein er Geschäftsordnungstüftelei den Nationalrat gesprengt hätten. An der Gefetzwevdung der Z o l l t a r i s n ö v e l l e seien die Sozialdemokraten mindestens im gleichen Maße wie die Mehrheit interessiert. Einen Leerlauf des HauftS und ein Versagen in den letzterwähnten beiden Fragen könnten die Marxisten schon wegen der Arbeitslosen nicht ertragen und dies würde sie bei den Wahlen in eine schlimme Situation -ringen. Die düng eines Staates schreiten, an den Bau einer Mittel- Punktzelle, in der es sich die Voraussetzungen einer neuen nationalen und sozialen Kultur schafft, die vorbildlich werden soll als der Kristalttern eines Bottes, das da. zu gut weiß, wie Leid und Bedrückung wirken und daS darum der Gerechtigkeit so dienen willwie dies Nordau gefordert hat. * Der Weg. den die zionistische Politik eingeschlagen hat, , war nicht der des Begründers des Baseler Programmes. Nordau führte keinen Kampf. Er trat zurück M ftufe* Skia Such Aottm ju& Mi» Ltiwm. M Toter strebt er ihm zu. Ihn geleiten hie Gedanken aller Zionisten, aller Angehörigen der großen jüdischen Organisation. Die jüdische Siedlung Palästinas bereitet sich vor, die Urne mit dem, was an Nordau sterblich war, chrenvoll zu empfangen und den Mann, der ein Kämpfer war, in dem Heimatboden zu bestatten. Vom Kreml zur Alhambra war er gegangen, um Menschensinn zu firmm. Den Zionismus hat er milschaffen geholfen, er, der sein Judentum wie eine Kokarde trug. Jetzt wich er nn Judenland schlafen und den anderen, den Großen, erwarten, dem er Freund und Bruder war, den Mann mit tisrMntzWWa ■

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