Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2569 (18.4.1926)
- Date
- 1926-04-18
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Mett. Sonntag Wsener. WILdi - PARIS Tagesbericht. Worte der Führer. Aus Anlaß der zionistischen „Jier-Aktion" bringen wir Worte unserer großen Toten dem Mischen Volle in Erinnerung. Theodor Herzl. Israels Andere Voller werden auch von Mßgeschicken heimgesucht, aber es kömmt immer wieder eine ungetrübte Zeit. Jedem Kriege folgt Frieden. Nur das verstreute Israel wird immer besiegt und kommt nach den Niederlagen nicht zur Ruhe. Die! materielle Sicherheit ist aber die Grundlage der moralischen Gesundheit und darum wünschen wir. mit aller Inbrunst, erstreben wir mit all unserer Kraft für unser Voll die materielle Sicherheit, die es nur auf feinem Boden finden kann. Und die moralische Gesundheit eines tatsächlich in der ganzen Welt verstreuten Vollselements ist. von Wichtige keit für die ganze Welt. höher wird er eingeschätzt. Dort wird zum Führer ei» Förderer, hier ein Verzichter. Wenn unsere Führer es dazu brachten, für sich so bescheiden zu sei», so wenig zu fordern, so zu verzichten, wie sie es für ihr Volk tun — kein Volk hätte bessere Führer als das unsrige. Wird e8 je so sein? Nicht von den Führern, von uns selbst hängt das ab. Jizchok Lew Peeez. Wir woyen, daß, das gesamte Volk Hebräisch kann, damit es die Bibel nicht vergißt, denn sie ist Quintessenz unserer Nationalität und unserer Ethik. Aas Hebräische hat aber für uns noch einen anderen Wert. Das Individuum ist kein freier, einzelner Punkl ans der Welt, es ist ein Masche im Netze seiner Generation, es ist gleichzeitig ein Glied der Kette, welche sich yom Beginn der Geschichte bis zum jüngsten Tage erstreckt. Wer kann von sich sagen, daß er zum Bolle gehört? Derjenige, der mit allen Maschen des Netzes in Verbindung steht, das über die ganze Welt aUSgebreitet ist, und gut die Kette kennt, die sich von den Patriarchen. btS auf unsere Tage erstreckt. Sobald die Juden aller Länder die hebräische Sprache versteh^, so ist diese das Battd, welches die einzelnen. Menschen zusammenhält. Die hebräische Sprache hält auch die Ringe der Entwicklungskette zusammensieverbindet uns mit MoseS, den Propheten, der Mischnah und Gemarah, mit all unseren großen Sternen, welche auf unserem. Himmel geleuchtethaben. Die hebräische Sprache verbindet uns mit denen, die die -Pyramiden bauten, .mit denen, die ihr Blut auf Zions Mauern vergossen und auch mit denen, die auf brennendem Scheiterhaufen „Schema Israel!" schrien. Dje hebräische Sprache vergesien, heißt wie ein Zweig vom Baume gerissen werden, um eine kurze Zeit zu modern und dann z» verschwinden. Max Nordam. Wir müflen mehr wissen. Wir müssen zuverlässig erfahren, wie das Volksmaterial beschaffen ist,, womit wir §tt arbeiten haben werden. Wir brauchen eine genau, anthropologische, biologische, ökonomische und intelltzktuelle Statistik des jüdischen Volles. Wir müssen zahlenmäßige Antworten auf die Fragen haben: Wie ist das jüdische Volk körperlich beschaffen? Wie groß ist es durchschnittlich? Welches sind seine anatomischen Eigentümlichkeiten? Welches ist seine Erkrankungsziffer? Welches seine Sterblichkeit? Wieviele Krankheit-Stage hat der Jude jährlich im Durchschnitt? Welches ist seine Lebensdauer? An welchen Krankheiten stirbt er? Welches ist seine Eheschließungsziffer? Welches seine Kinderzahl? Wieviele Verbrecher, Irrsinnige, Taubstumme, Krüppel, Blinde, Epileptiker zählt das jüdische Voll? Hat es seine eigentümliche Kriminalität und welcher Art ist sie? Wieviel Juden sind Stadt-, wieviel Landbewohner? Welchen Beschäftigungen geht das jüdische Volk nach? Wie arbeitet, was besitzt es? .Was ißt und trinkt es? Wie wohnt es? Wie kleidet es sich? Wieviel gibt es von seinem Einkommen für Ernährung, Bekleidung, Wohnung geistige Bedürfnisse aus? All das muß man wissen, wenn man ein Voll wirklich kennen will. So lange man es nicht weiß, ist alles, was man für das Volk tun will, ein Tappen im Dunkeln, ist alles, was man über das Volk sagt, bestenfalls Lyrik, schlimmstenfalls leeres Geschwätz. Moses Hess. Spiruya faßte noch das Judentum als Nationalität auf. und meint, die Wiederherstellung des jüdischen Reiches hänge lediglich von dem Mute des jüdischen Volkes ab. Selbst Mendelssohn weiß noch nichts von einem kosmopolitischen Judentum, Erst in neuester Zeit hat man aus ganz äußerlichen Emanzipationsrücksichten die Mische Nationalität verleugnen zu müssen geglaubt. Leo Ptnsker. Unser Vaterland — die Fremde, unsere Einheit, die Zerstreuung, unsere Solidarität — die allgemeine Anfeindung, unsere Waffe — die Demut, unsere Wehrkraft — die Flucht, unsere Originalität — die Anpassung, unsere Zukunst — der nächste Tag. Welche verächtliche Rolle für ein Volk, das einst seine Makkabäer hatte! Gustav Laudauer. Bilden wir uns ja nicht ein, daß, wenn wir im rechten Geiste unsere Einheit mit dem gesamten Judentum zur Tat werden lassen, wir Westlichen es seien, die da hülfen, und jene Oestlichen, denen geholfen würde. In aller hoffnungsvollen Demut vielmehr wollen wir erkennen, daß Rettung, Auffchwung und Erneuerung der gesamten Judenschaft grimmig not tut und daß wir dem Schicksal innig zu Dank verpflichtet sind, wenn es uns die Gnade gewährt, daß die Not der Ostjuden in all ihrer Gräßlichkeit unsere eigene wird. Nichts Besseres könnte uns zuteil werden, als daß wir uns in dieser europäischen Menschheit, wie sie jetzt ist, als ganz Fremde, Verlassene und Verstoßene fühlten. Und am Ende wäre es auch gut für diese Menschheit, deren ererbte Hoffnungsfülle und deren Gesunkenheit eine andere aber nicht minder große ist wie unsere, wenn wir es in ihr, wie sie jetzt ist, nicht mehr aushielten. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, daß Ausgesetzte und Flüchtlinge zu Pionieren, -atz Davouläuser zu Vorläufern geworden sind. Adolf Starrt». Das Ansehen eines Führers steht bei anderen. Böllern im geraden Verhältnis zur Stärke seiner Postu-, late, beim jüdischen Volle rm umgekehrten Verhältnis. Qfe bcxi hez TSührtHH frtr fein 8MI hoftn Sie Woche. Die jar-Aktion" beginnt. Dieser Monat soll der Besinnung, dem Rückblick, der Vertiefung, der Propaganda, gewidmet webden. Die' zionistische Geologie soll geklärt, überall diskutiert, die Arbeitsmethoden und der Weg gesucht,'die Organisation.,gestärktwerden^.Wer befürchtet — und eS gibt viele solche —, daß dadurch ein ' Rückschlag in alte Zeiten kommen könnte, da man nur Probleme erörtert und herumphilosophiert hatte, dem kann versichert werden, daß dies im jetzigen Stadium des Zionismus geradezu ausgeschlossen ist. Der Zionismus geht als B e w e g u n g unzweifelhaft seiner Verwirklichung entgegen. Nicht die letzten Ziele und Ideale des Zionismus sind schon nahe der endgültigen Verwirklichung, der; Beginn dieses langen Weges bedeutet vielmehr die Konkretisierung der Bewegung. Sie ist sozusagen aus den ungeklärten Stürmen der- Pubertät m die reifen Mannesjahre gelangt, wo die Tat das Entscheidende und auch die Neberlegung zielbewußt und schöpferisch ist. Und da ist Aussprache vonnöten, ja sogar unerläßlich. Damit man sich im eiligen Drange der Taten nicht verliert. Diese Gefahr drohte in der letzten Zeit dem Zionismus gar nicht selten. Der letzte Kongreß in Wien und die heftigen Polemiken innerhalb des polnischen Zionismus können hierfür als Beispile dienen. Festigung der Fundamente ist die erste Voraussetzung für die Renovierung des ganzen Gebäudes. Die Einigkeit, die jetzt so dringend notwendig, kann nur kommen, wenn man sich intensiv mit dem Einigenden beschäftigt. In Palästina gibt es auch mehr als genug — Parteiunterschiede und Diskussionen, aber dort herrscht über allem die Arbeit für das Land, die Verbundenheit mit dem Volk. Diese dominierende Selbstverständlichkeit nimmt den Unterschieden die Schärfe und Gehässigkeit und den Diskussionen den Charakter des leerlaufenden Spintisierens. Man erwägt, um zu handeln. Diese palästinensische Devise möge auch in der Diaspora der „Jjar-Aktion" des Zionismus vorschweben und die Besinnung fruchtbar, die Organisation stärker, den Ziönisten aktiver machen. ■ . * In Oesterreich beginnt es zu dämmern. Oder ist es nur ein verirrter, einsamer Lichtstrahl? Der neue Regierungsentwurf eines Jugendstrafrechtes Paßt so wenig zu der üblichen, unsachlichen, nur von Parteirücksichten diktierten Behandlung aller Reformvotschläge in Oesterreich, daß man vor Staunen fast sprachlos wird und nur sehr langsam aufrichtige und ganze Bewunderung sich Bahn brechen kann. Die Eherechtsverwirrüng bleibt bestehen, so manche Gesetzesreform kann wegen der Reaktion und der Parteienzwiste nicht zustande kommen — nur das Jugendstrafrecht soll reformiert werden und daS in einer ganz vernünftigen, wirklich sachlichen und zweck-' entsprechenden Weise. Da muß ja irgend ein Mysterium, irgend ein Geheimnis verborgen sein, das die Minister, Beamten und Parlamentarier zu einer Tat gedrängt hat, die nur von Einsicht und Sachlichkeit diktiert.ist. Daß die ewigen Klagen in der Presse und in der Oeffentlichkeit über die unmögliche Rechtsprechung in den Jugendgerichten nickst fruchtlos blieben, ist wohl in. erster Linie dem Zauberwort Jugend zu verdanken. Dieser Ton ruft auch in dem eingefleischten Bureaukraten oder Parteibonzen eine dumpfe Erinnerung an eine verblaßte, schöne Zeit hervor, die ihre langen Schatten aus das Aanze Leben wirst. Wie träumt es sich so wohl in diesem Schatten? Wie muß die Sonne heiß gebrannt haben, wenn der Schatten noch nach vielen Jahren erquickt? Je heißer sie brannte, desto erfrischender dieser Schatten. Menschen, die eine intensive Jugend erlebt haben, handeln Manchmal wie unter einem hypnotischen Zwang nach den Gesetze» dieser Jugend — auch im späten Alter. Der Mensch« tzeit Wert hat jeiae — i« iS. April 1926 Nr. 2569 gend. Die Herren, die sich um das neue Projekt vev dient machten, haben dadurch ihre eigene Jugend g.eeh« und der neuen, der zukünftigen geholfen. Ueber all Schranken siegt die Jugend. Ein jugendlicher Verbrecher ist eine contradietio li adiecto, ein innerer Widerspruch. Zum Verbrecher gehör! vor allem böser Wille, gemeine Absicht. Sonst kann dü Tat vielleicht für die Gesellschaft schädlich, gefahrvoll sein von einem Verbrechen ist aber keine Rede. Verbrechen is psychologisch in erster Linie vom Bewußtsein abhängig und erfordert klare, vollkommene Zurechnung. Dies gerade kann man aber von Jugendlichen, die weder Über sus noch über die einstürmende Welt im klaren sind, am allev wenigsten verlangen. Der Hauptfehler der alten Ev ziehung war ja dieser falsche Maßstab, den sie an dü Jugend angelegt hatte. Man verlangte von den Junger Benehmen, Ernst und Abgeklärtheit, wie von Erwachsenen Die Erkenntnis des Eigenwertes der Jugend ist bei größte Fortschritt in der Pädagogik. Wenn daher ei» Jugendlicher eine Tat begeht, die mit den Lebensnorme» der Gesellschaft im Widerspruch steht, so ist es sicherlich kein Verbrechen, sondern in den allermeisten Fällen um eine mangelhafte Klarheit über die Zusammenhänge in der menschlichen Gesellschaft, ein Erziehungsfehler also, der auf das Schuldkonto eben dieser Gesellschaft zu setzen ist Es ist daher nur primitive Pflicht, wenn die Gesellschaft die e i g e n e Schuld nicht an Unschuldigen bestraft, sondern selbst tätige Sühne übt, indem sie das Versäumt,; schleunigst und gründlich nachholl. Der neue RegierungSenttvurs kommt nun diese» Pflicht fast vollkommen nach. Der gänzliche Verzicht auf entehrende Strafen und Rechtsfolgen, ferner der Ersatz der Strafe durch systematische Anstaltserziehung sind unleugbar gn wattige und sehr begrüßenswerte Fortschritte auf dem Gebiete der Jügendgerichtspflege. Die staatliche Erziehung schwer erziehbarer Jugendlicher in besonderen Anstalten, deren Schaffung gefordert und die Auslagen hiefür als produktive und wertschaffende bezeichnet werden, ist die wichtigste praktische Neuerung dieses Entwurfes gegenüber dem alten Jugendstrasgesetz, das fast gar keine Unterschiede zum allgemeinen Strafgesetz aufwies. Es wäre noch zu wünschen, daß das neue Jugendstrafrecht schnell zur beschlossenen Tatsache wird, daß wahre Jugendrichter es dann anwenden und ausführen — denn manches bloibt bekanntlich der Menschen wegen auf dem Papier — und daß schließlich der Geist der Sachlichkeit und Jugendliche keit, der in diesem Projekt so wunderbar zum Ausdruck kommt, sich auch auf allen anderen Gebieten des öffeute lichen Lebens durchsetzt . . . Sanierung iw Zeichen der Jugend . . . * In Budapest hat die Franenemanzipatton eine» Weinkrampf erlitten. Die 18jährige feurige Fechterin, die dort einen jungen Mann zum Säbelduell ohne Bandage» herausgefordert hat und dann, als die Sekundanten von ihr den Kampf unter gleichen Bedingungen, nämlich Eittblößung des Oberkörpers forderten, die Waffe unmutig und weinend fortwarf, hat die ganze Flachheit der nur äußerlichen Emanzipationsbewegung der Fraüen, die unter der Devise: Ungleichung auf allen Gebieten und «nr jeden Preis, durch die perverse Welt segelt, enthüllt. Nichts gegen Fechten als gesunden Frauensport, nichts gegen Bubikopf, Kaffeehausbesuch und Zigaretten. . . Gott behüte, wer würde das wagen? . . . Alles aber gegen dis systematische Vermännlichung der Frau, die dem normalen menschlichen Instinkt zuwiderläuft! Wenn eine rasende Chimäre der Zeit sie in den perversen Abgrund zu stürzen droht, muß laut und vernehmlich: Aufhalten! geschrien werden. Doch wird sich schließlich der gesmvde Instinkt selber bewahren. Er wird revoltieren «nd cms Scham oder in eurer hysterischen Nervenkrise unter Weinkrämpfen das einzig wahre und mögliche Ideal einer Frauenemanzipation aufftellen: die Befreiung des WeibeS als Weib, die innere und äußere Gleichstellung der Frau als Mensch, als Wesen mit besonderen Lebensaufgaben und besonderem Wert und Sinn. Dann wild auch die oberflächliche unsinnige Gleichmacherei verschwinden; dann wird die Ritterlichkeit der Männer, die Frauen auch jetzt verlangen und entbehren, aufhören, ein komisches Paradoxon zu sein und wieder zum Ausdruck des normalen Kräfteverhältnisses zwischen den Geschlechtern werde«; dann wird die gegenwärtige Achtung der Geschlechter wieder einen Sinn hekomnten und die Frau' ganz und vollkommen das sein können, was sie ist: Weib. Schade nur, daß dies unter Weinkrämpsen geschehen wird, die weder das Antlitz der Frauen, noch das der Zeit vor-- schönern... * Das mußte noch dem Wiener paffieren: man will ihn zwingen auf das Kommando von zwölf (bisher tvaren es zwei, aus Ersparungsrücksichten sind es jetzt zwölf) Wachleuten in Reih' und Glied die Straße zu durch-, queren. Da hört sich aber jede Gemütlichkeit ans . . . Wer würde sich das gefallen lassen? ... Ist den» schon Wien wirklich eine Großstadtwie Paris, New-Dork oder Berlin? Das wird der Wiener nie glauben wollen. Und wenn man Wie» lange «nd gut kennt, muß man sagertz. er hat jo mirrfrt Wien Mt mM eV idaai ffaur