Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2569 (18.4.1926)
- Date
- 1926-04-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jh.<m ----r. Men. Aonn^z_ ztimrstlschen Flügge zu sammeln. Ist etwas in der Herrschen Politik da, das uns als Leitstern dienen kann, so ist es dieS: denjenigen, die di« Politik führen, di« Möglichkeit zu geben, im Namen einer weitumfassenden Organisation — Wenn schon nicht im Namen aller Juden, so wenigstens im Namen ihrer Mehrheit zu sprechen. Das mx zu Beginn der Zionistischen Organisation eine klare Wahrheit, ein« wache und weckende, eine schöpferische und erneuernde, und das ist auch heute der einzige Weg für zionistische Politik, nach innen und nach außen. Wer also in der Tat an der Verwirklichung dieser Politik Mitarbeiten will, darf sich nicht mit scharfsinnigen Ratschlägen auf dem Papier begnügen, sondern er Muß den schweren Weg betreten, den der Stärkung der Organisation. Aus deinen Posten Zionistische Organisation! Me Bewegung und aller Geist ist wie eine Flamme, die auS der Kohle bricht. Verlöscht die Kohle, so stirbt die Flamme. Die Zionistische Organisation ist berufen, unser Heim in Palästina zu errichten. Andere mögen helfen, und wir wünschen, daß ihre Zahl wachse. Wir werden in Ehren und Liebe alle diejenigen aufnehmen, die uns reinen Herzens und voll Opferwilligkeit entgegenkommen. Zlber die zentrale Kraft liegt in der Zionistischen Organisation. Schwäche der Organisation bedeutet finanzielle Not und. täuschen wir uns nicht: es gibt keinen anderen realen Weg als den der Vergrößerung der Geldmittel und der Befriedigung der Bedürfnisse, die sich von Tag zu Tag mehren. Das alles sind einfache Dinge und meine Worte werden ivahrfcheinlich die Erwartungen derjenigen enttäuschen, die auf literarische Effekte und geistreiche Worte hoffen. 2lber das kümmert mich nicht Diese Effekte sind nichts als Literatur, als Dialekt, als Nervenreiz. Wir haben damit nichts zu tun. Was müffen wir also tun? Wir müssen vor allem unsere Fehler wieder gutmachen. Die Landesorganisationen müssen neue Vereine gründen, sie müssen die alten beloben und stärken. Wir müssen die Zahl der Redner und Mahner, die zur zionistischen Arbeit rufen, vermehren. Und sie müssen mehr sein als „Redner", sie müssen Lehrer des Volles und ihre Führer ans dem national-zionistischen Wege sein. Wir müssen Menschen für unsere Arbeit gewinnen, die jung, produktiv, talentvoll und mit Wissen ausgerüstet sind. Wir müssen den Verbänden mit Lehrern und Instruktoren zu Hilfe kommen. Wir müssen unseren Parteien die vollste Autonomie hinsichtlich ihrer besonderen Tendenzen einräumen. Wir müssen aber die gemeinsame Arbeit für sie in Komitees konzentrieren, die aus allen Parteien auf föderativer Grundlage gewählt werden: so werden wir ihnen in gleichem Maße Kräfte liefern und schadenbringende und die äußere Front gefährdende Reibungen hindern. Wir müssen die hebräische Kultur, Sprache und Presse fördern. Wir müssen die Ehaluzbewegung pflegen und sie in ihrer Vorbereitungsarbeit und Entwicklung geistig und materiell fördern usw. usw. Das sind bloß die Hauptpunkte und man könnte noch mehr über sie sagen. Wichtig aber ist, daß sich in der ganzen zionistischen Welt ein machtvoller Wille durchringt, unsere Organisation auszubauen. Wird dies geschehen, so wird der Monat Isar 5686 ein Monat des Sieges werden und für lange Zeiten wird seiner in der Geschichte unserer Renaissance gedacht werden. Ter reiche Arme. Bon Abraham Reffen. Der Dichter beging in diesen Tagen seinen 5V. Geburtstag. Wir veröffentlichen aus diesem Anlässe eine der neueren Arbeiten ves bedeutenden Lyrikers und Erzählers. Das einzige Begehren, das Josche Beer in den letzten Jahren tief im Herzen trug, war, ein armer Mann zu werden wie alle armen Juden, die es im Städtchen gibt. Herr der Welt, klagte er zu sich, wie lange wird es noch angchen, sich selbst und alle Welt zum Narren zu halten... Diese Lüge kann einen doch Platzen machen! Und was hilft mir dieses Zum-Narren-halten, sägte er weiter zu sich selber, weiß man es denn nicht, daß Josche Beer ein gefallener Mensch ist, gebrochen, kaum daß er noch leben kann? Und Josche Beer hat schon nicht nur einmal den Entschluß gefaßt, den noblen Ruf einstiger guter Zeiten von sich zu werfen. Er wird nach der Art verarmter Bürger seine Lebensführung einrichten; erst dann wird ihm das Leben leicht werden. Und wozu taugt das Versteckenspielen, wenn Armut nicht jenes Ding ist, das sich verbergen läßt? Jh>n scheint es, daß sie aus dem Hut hervorguckt, den er an Wochentagen und auch an Samstagen tragen muß, aus dem schwarzen, immer feiertagsmäßigen Ueberwurf; und selbst wenn er im Winter den Pelz anlegt mit dem ungemein wirkungsvollen Pelzkragen, glaubt er, daß man dieses untrügliche Zeichen vergangener besserer Zeilen als für ihn nicht passend anfche, als ein Kleidungsstück, das er irgendwo geborgt und das er heute oder morgen wird zurückgeben müssen... Seine Armut muß er wie einen Diebstahl verbergen, er muß oft lächeln, aber dieses Lächeln fft nicht wie einst, es fehlt ihm der Reiz jener guten Zeiten, es ist ein Lächeln, nach welchem das Gesicht sich sofort bewölkt und die Augen einen Glanz der Verzweiflung bekonrmen. Und ftutzt er, wie es der Brauch eines' vornehmen Juden ist, so ist die es Seufzen auch nicht mehr das von einst. Es fehlt ihm die Geruhsamkeit, Bedächtigkeit, die richtige Gedehntheit. Es fft ein Äuszen, nach welchem man die Hände zum Ausruf ballen möchte: „Oh, -welch ein Weh ist mir geschehen!" Und er muß immer vorsichtig sein, sich hüten; er fühlt sich wie einer, dem man die Hände gebunden fctt, die er nicht ausbreiten darf, um zu rufen: ,Juden, ich bin gesunken, gebrochen! Ich bin der ärmste der armen Touft^ und laßt mich endlich zu Ruh'!" ,,, Wiener Morgenzeltuns SedZakea. Bon Ehaim Weizmann. Man wird immer als Gast behandelt, wenn man auch seinerseits den Gastgeber spielen kann. Nur derjenige wird zu einem Eflen eingeladen, der, wenn er Lust hat, feine Mahlzeit auch zu Haufe einnehmen fatttt. Die Schweiz ist ein kleines Land, und mehr Schweiz leben außerhalb als in der Schweiz. Aber es gibt keine Schweizerfeindschöst in den: Sinne, in dem es eine Judenstindschaft gibt. Der Schweizer hat sein Heim, in das er sich zuvückziehen kann, in das er andere einladen kann. G ist gleichgültig, wie klein das Heim ist, solange es nur das eigene ist. Wrml wir wünschen, daß unsere Stellung in allen anderen Ländern sicher sei, dann muß es einen Teil des Ju^ntums geben, der bei sich zu Hause ist, in seinem eigenen Lande. Wenn wir sicher fein wollen, daß wir an anderen Universitäten als Gleiche behandelt werden, dann müssen wir unsere eigene Universität haben. In die'er Beziehung wird die Universität in Jerusalem einen Einfluß auf die Stellung der Juden aller Länder ausüben, Professoren aus Jerusalem werden nach Harvard kommen können und Professoren von Harvard nach Jerusalem. Tann werden die Juden überall Gleiche sein, ohne Rücksicht darauf, daß >die anderen hundert Universitäten haben und sie nur eine. * Vieles, und mit Recht, ist über die verfolgten Juden gesagt worden, die ein Recht auf einen Zufluchtsort in Palästina halben. Das ist in die cm Sinne richtig. Aber viele unter uns sind Zionisten, ohne verfolgte Juden zu sein, und es ist wichtig, daß auch der Standpunkt dieser Zionisten klar dargelegt werde. Es gibt zwei Seiten der Ju'denfrage: einerseits den einzelnen Juden und die einzelnen Gruppen, andererseits das jüdische Volk als eine Gesamtheit. Die amerikanischen Juden haben als einzelne jüd'/che Gruppe die Frage gelöst. Sie haben MALOWAN II vorm. MALOWAN & FRANZ,!., OPERNRINO 23 I | bringt für das Frßhjahr I I Übergangsröcke I in herrlichsten Dessins R sowie neuesten Farben H auf Seidegearbeitetzum fi PREISE VON S 150 | Das würde einen ganzen Berg von seinen Schultern nehmen, er wäre wie neu geboren. Kann er kein echter Reicher sein, dann wenigstens ein echter Armer! Aber ein armer Mann zu werden, das ist für Joche Beer keine leichte Sache. Er weiß nicht, wie man das anstellt. Da, man weiß es, daß er arm ist, aber man vergißt es wieder... Es ist wahr, neue Kleider hat er sich schon sehr lange nicht nrehr machen lassen, aber die Kleidungsstücke aus den guten Zeiten sind so zahlreich und so fest (einstige Mare!) und so sauber, daß, welches von ihnen du auch anlegst, du wie ein Vermögender aussiehst, ein nobler Meesch ein Men'ch, der für Woh'tät'gleit spendet. Und legt er auch einmal mit dem Mut der Herausforderung das älteste und schäbigste an, Hilst es auch nichts, der Bart ist zu vornehm, die Augen sind die eines reichen Mannes, und selbst die schäbigste Falte ist nicht so einfach schäibiL man kann es mit Händen greifen, daß schäbige Falten eines armen Juden im Städ'.chen anders ausschauen. Die Falten stehen ihm zu Gesicht...! Und selbst das Haar, das grau geworden ist vor Sorge, sieht anders »ns als grau gewordenes Haar — echtes Silber, nimm und versetz' es. Und seine Frau Esther Beste. Ihre Perlen sind 'chon lange versetzt. Sie trägt auf dem Hals ein schwarzes billiges Bändchen, das. ihr aber so gut stcht wie Perlen. Tut sie ein billiges Tuch auf den Kopf, glauben alle, es sst aus Seide, nimmt sie Swsi für ein Kleid um einige Gulden und näht sich es selber in aller Ruhe, daun sagt man ihr Samstag in der Schul: fragen Sie es gesund", und schätzt es in die schweren Rubel. Und, es ist ja wahr, was immer sie anhat, sie sieht wie eine Fürstin aus, die Figur ist schlank, voll, die Augen, z»vei Dian'.anten, leuchten stolz, büß Ruhe und vornehm. Und selbst die Speisen im Haus. Man ißt das, was alle armen Juden essen. Aber anstatt einen einzelnen Hering im Laden zu kaufen, ihn mit Zwiebeln zu zerhacken, wie die armen Leure es tun, kauft Esther Beste ein Pfund Heringe auf einmal und mariniert sie ein. Es kostet nicht teurer, aber di« Heringe sind schön mariniert, gucken appetitlich aus dem Glas, und keine der ärmsten Frauen wird es sich vergönnen, so ein Gericht zuzubereiten wie die marinierten Heringe Esther Bejles. ,Ja", murmelt die Nachbarin aus Neid, ,^v i r können uns das nicht gestatten." Und das Speisen selbst geht wie bei einem Reichen vor sich: Gabel, Messer und ein Flasche Wasser... Brot in geflochtenen Brottellern. Ter große Tisch Un Speisezimmer ist 18. April 1926 Seite g Die solidesten Fabrikate moverrrer Kinderwagen, Eisen-, Messing- und Holzbette« Äyg. SLnglingswäsche Marken: „Kindwohl", „Tetra" Badewannen, Wickeltische Die neuesten Schöpfungen der Kindermoder Kleidchen, Spielhöschen, Mäntel, Kitte, Schuhe, Strümpfe. Spielwaren aller Art. ^en,vi.majuah r lferstr.41_, SEIT 1870 KIND WOHL Tdasdßndes in ihrem Lande eine Heimat gesunden, und sie betrachten Amerika als ihre Hermat, ebenso wie jederandere Amerikaner. Darin gleicht ihre Stellung der des französischen oder englischen Juden. Aber diese Lösung der individuellen Seite 'der Frage schafft die andere Seite nicht aus der Welt. Es gibt noch eine Seite unseres Lebens, als einer Rasse, als eines Volkes, als eines Ge'amtorganismus, der eine Geschichte und Traditionen hat und der diese Geschichte und die'e Traditionen durch Jahrtausende mit sich getragen hat: diese Seite bleibt heimatlos. Während wir als Einzelpersonen oder als Gruppen unsere Heimat haben mögen, sind wir als ein Gesamtorgamsmus überall und nirgends. In Wahrheit, wir sind schlimmer als nirgendwo. Solange die Verhältnisse normal sind, ist alles ganz gut. Aber wenn die Verhältnisse aufhören, normal zu sein, dann fallen wir zwischen die Räder der Geschichte und werden zerrieben. Wenn die Verhältnisse aufhören, normal zu sein, wenn es einen Krieg gibt, dann haben wir un'eren Paß zu zeigen, unser moralisches Vi'um, und beide werden in Frage gestellt. Tann sind wir als Inden Menschen mit einem Kommentar, Menschen mit einer Fußnote. * Unter den Antisemiten ist die zart bosaitele Spielart die interessanteste. Ihr Antisemitismus basiert immer auf einem Kompliment. Sie sagen uns: „Ihr seid das Salz der Erde", und es gibt Juden, die sich dadurch außerordentlich geschmeichelt fühlen. Aber ich halte es nicht für ein Kompliment, „das Salz -er Erde" genannt zu werden. Das Salz wird für eines anderen Nahrung verwendet, es löst sich in dieser Nahrung auf. Und es ist nur gut in kleinen Mengen. Wenn zu viel Salz in der Speist ist, wicht man die Speist weg und das weiß gedeckt. Die zwei Kinder, die noch nicht „ausgegeben" sind, ein Junge und ein Mädchen, sitzen artig und sprechen miteinander freundlich. Esther Bejle hat schon seit langem kein jüdisches Dienstmädchen mehr, dafür aber ein' kleines christliches, dos jüdisch aussieht, gut jüdisch spricht und selbst die Vorschriften kennt, die die Küche angehen. Joische. Bcer will seine Armut kundtun, mit dem kleinen -Dienstmädchen beginnend. ,Mozu hältst du das Dienstniädchen? Es ist schwer." Esther Bejle lächelt und antwortet gutmütig: „Was kostet sie denn? Was schon daran ist; sie hilft im Haus und ich kann bei anderen Dingen sparen. Du wirst nicht reich'werden, wenn tot sie fortschickst." ,^Jch will nicht reich werden, ich will arm werden, verstehst du", gibt Jo'e Beer auch lächelnd zur Antwort. ,/Das bist du doch schon", lacht Esther Bejle gutmütig. „Nein, das bin ich nicht. Ich will, daß die Welt es weiß, genug des Bersteckens. Das drückt mich, verstehst du? Und es kostet außerdem zu viel. Wäre ich ein bekannter Armer, könnte ich mir viele Dinge ersparen." „Was denn zum Beispiel?" fragt Esther Bejle. ,/Na, ich mein«... ein Almosen... Gobeiehrungen, BrautÄusstattungslsPenden ... Man kommt immer noch zu mir wie einst." ,/Dann gib nichts", sagte Esther Bejke unzufrieden/ „Das kann ich nicht. Ta muß man anders zu leben anfangen." Unterdessen bringt das Dienstmädchen in einem schön gravierten Porzellanteller eine Obst'peise. , „Wieder OÄsffPeise", wird Josche Beer böse. ,I2enn es aber lächerlich wenig kostet... nichts... aus einem Apfel mit ein wenig Zucker. Wer heißt dir das Obstfpeöse zu nennen?" ,Mie soll man es denn sonst nennen?" „Nenn' es gekochte Aepssel!" lacht Esther Bejle. Aber Josche Beer ist böse und murmelt: „Wozu braucht mmt Obstspeistn?" WÄHrend des ganzen Jahres acht es noch uny Josche Beer tritt noch immer nicht vor die Welt mit der Offenbarung seiner gedrückten Lage. Aber einige Wochen vor Pessach springt er aus der Haut. Dieses Jahr wird er es aber ganz bestimmt machen müssen, einfach gestehen... Und er meldet diesen Entschluß Wher Bejle: „Esther Bejle. henjahr gebe ich kein Pessachgeld. ES gibt kein Peksachgeld! Aus mit dem Pessachgeld!"