Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 2054 a = Kultuswahlnummer (6.11.1924)
- Date
- 1924-11-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Velve I ' Wien, LwmrerÄag >»■...- " - Wlenev Morgenzeitung. - -;-*—;--- 6. November 1924 Nr. 2054 a Wahlen in die Wische SeMeinde. Dan ObeÄbmrrat Robert Stricker, Präsident der Zioutsti-. schen Origamstiork. Am 9. November f'mde-n die Wahlen in den Vorstand Ver Wiener Ku'tttrsgement'de statt. Dieser Wahlgang geht unter wesentlich anderen Umständen vor sich, als alle srüheve.iu Dank der dnrchgejÄhrten Wahlrefovm toerden diesmal nvehr als doppelt soviel« Wähler zur Urne gerufen und muh die Gruppiemug der Parteien ist eine andere. Zionisten und Nichtzionisten haben ein Wahlbündnis geschlossen und prüsentteren eine gemeinsame Liste. Die List* der „Vereinigten jüdischen Parteien." Die beiden mahgab-enden Gruppen der Wiener Judenschaft, welche vor vier Jahren nach heftigstem Kampfe, den Vorstand besetzten, haben die letzte Mandatsperiod« in gemeinsamer Arbeit verbracht, welche einzig uird allein der Rettung der durch den Krieg vollständig zerrütte-tm und in ihrem Bestände schwer bedrohten Gemeinde gewidmet war. Die Rettung ist geiungon» aber um den Bestand der Gemeinde definitiv zu sichern und sie entsprechend der in der Kriegs- und Niachkrisgszott so stark gestiegenen jüdischen Bsvölberungszifter «msgugestalten, bedarf es noch der gemeinsamen Aöbvit. In Erkenntnis dieser Lage haben Zionisten und Nichtzromsten ihr Partennitevoffe zu-rückge stellt mid auf Grunid des Besitzstandes ein WahMndms geschlossen, welches die friedliche Arbeit rm Gemeindeoorstande sicheM und die in härteste wivtschafÄiche Bedrängnis geraten« Mische BsvAkermtg Wiens vor einem heftigen WahAampfe bewahren sollte. Ihr Parteiinterefse un-d mir ihr Partevmtterefse haben die beiden Gruppen in den Hintergrund gerückt. Nicht ihr« Programme! »Das sei nachduucklichst betont. Wir Zionisten haben von unseren Partnern kein programmatisches Zugeständnis geordert. Wir hciben aber unsererijetts auch nicht das klevniste national Postulat preisgegsben. Wir werden es auch weiterhin als nnftre vornehmste Ausgabe betrachten, auf Sie Umwandlung der Kultusgemeinde in die Volksgemeinde hinzuarveiten und die entsprechende Mitarbeit der W'Mvn JUdengemern-de am Ausbau des iwt'wnaken Heimes in Palästina umMrsfig angustreben. Die beiden Organisationen glaubten durch dieses Opser die Ruhe des Mahlganges und die Ruhe der Sanievungsarbeit im Wnftvgen Vorstände gesichert zu haben, demm außer kleinen Gruppen von Sonderintevchstrtten kam kein ernst zu nehmender Gegner in Bstracht. Durch ein in feiner Art ganz unerhörtes Manöver hat das Bckd eine Aenderung erftchren. Die österreichische Sozialdemokratie ist in den Kampf m die israelitische Kultusgemeinde eingetreten. Nach verschiedenen Mle-ugNlungsversuchHn hat sich, die Wiener so-ialdemvlvatische Partei entschlossen, Farbe einzuibokeunM. Ihr Parteiorgan, die „ArbÄtevzeitung", hat den Aufruf der ,MvMereimgung für soziale WirtschasL -in der K-MuSgemeinde" veröftentlicht und au die „Genossen" die Aufforderung gerichtet, im Interesse der fozia^mokratischsn Solidarität für ihre Liste zu stimmen. Menschen mtt geradem politischen Verstände können den Sinn disser paliitzischen if^wersitat nicht erfassen. Was hat die SoTiatdsmokvatie mit der Kuitusgemremde zu tun? Il)r Programm lehnt jede jüdische Betätigung ob. Es wertet das Judentum als alten, reaktionären Plunder. Die zahlreichen jüdischen Führer in der österreichischen Partei sind samt und sonders aus dem Judentume, aus der Kultusgemeinde ausgetreten, getauft oder konfessionslos. Das ist doch für den Geist in der Partei kennzeichnend. Was sucht diese Partei in der Kultusgemeinde? Sie will diese Gemeinde, denletzten Rest jüdisch-politischer Selbständigkeit, von innen her zertrümmern, um die Juden politisch ganz zu entmündigen, zu völlig willenlosem Stimmvieh herabznwürdigen. Als Werkzeug bedient sie sich einer Reihe »nichtssagender Namen und Persönlichkeiten. Aus der Liste der „Wahl- Vereinigung" stehen Leute, die der Mischen Oeffentlichkeit völlig unbekannt sind, und hinter dieser Liste als Partei eine Gruppe von Menschen, deren Namen wohl bekannt, aber im schlechten Sinne bekannt sind. Jener Teil der Kultnsbeamtenschaft, der deshalb in einen Gegensatz zum Kultusvorstande geraten ist, weil er durch das Bestreben des Vorstandes, geregelte Arbeitsverhältnisse einzuführen und die Standeswürde der Beamten zu wahren, seine bisherige, wenig arbeitsreiche und noch weniger würdige Lebensweise bedroht sicht. Der Vorstand hat die Beamten der Kuliusgemeinde den Angestellten der sozialdemokratisch verwalteten Wiener Stadtgemeinde gleichgestellt, hat aber bei dieser Gelegenheit die Forderung erhoben, daß der Kult ns beamte ebensoviel arbeiten muß wie der st ä dtrsch e Beamte und daß er, ebenso wie dieser, mit der entwürdig e it dp n S ch n o r r e r e i, ur i t der Tri n k g e ld b ett e t c I auf dem Fr ie dh o f e, i m Tempel u nd i m Ä nt t e e n d g ü l t i g brechen soll. Die pstichtgttreucn nnd ehrliebenden Beamten der Kultusgemeiude haben diese Lösung sreudigst begrüßt. Der unter Führung minderwertiger Elentente stehende Teil der Angestellten, welcher an der Nichlarbeit und Trinkgeldbettelei interessiert ist, hat revoltiert «tib die „Wab.lvereinigung für soziale Wirtschaft in der Knltusgemeinde" gegründet. Und die große sozialdemokratische Partei Oesterreichs verschmäht cs nicht, sich dieser Werkzeuge, dieser Kandidaten, dieser Gesellschaft zu bedienetl, unt die österreichische Judenschaft ihres letzten Bollwerkes zu berauben. Die österreichische Sozialdemokratie im Kampfe um die Kultusgemeinde, Schulter an Schulter mit Trinkgeld- Hyänen und Drückeberger! Das ist ein Bild, das jedem anständigen Sozialdemokraten das Blut in die Stirne treiben, daß jedem jüdischen Sozialdemokraten in hellste Empörung versetzen' sollte. In einem anderen Lande wäre eine Parket, die sich ein solches Stückchen leistet, für immer erledigt. In Oesterreich ist leider die politische Reife der Staatsbürger, und gar dev jüdischen, nicht so weit gediehen, daß man ruhig und untätig der Bevölkerung die Entscheidung überlassen könnte. Biel Aufklärung und viel Arbeit wird m diesen Tagen geleistet werden müssen, um diesen zynischen Angriff gegen den Bestand und die Ehre der Wiener Jndengemeinde abzuwehren. Sberrabbiuer Chajes über die Aufgaben der Mischen Kultusgemeinde. Ae Wahrheit Wer dm gnhalt keiner letzten Sieden. Der Wiener Oberrabbiner, Herr Prof. Dr. ,Cha j e s, hat in der jüngsten Zeit einige Predigten gehalten, die anläßlich des gegenwärtigen Wahlkampfes um die Mandate im Kultusvorstand von einzelnen und von Gruppen, insbesondere aber von der „Wahlvereinigung für soziale Tätigkeit in der Kultusgemeinde" entstellt wiedergegeben und dahin ausgelegt wurden, als wären sie gegen den abtretenden Vorstand gerichtet gewesen. Für alle, welche die Persönlichkeit des Oberrabbiners und seine Ansichten kennen, war es sofort klar, daß hier ein Mißbrauch seiner Aeutzerungeu also ein verwerfliches Wahlmanöver vorliegt. Von Stunde zu Stunde wurden diese Predigten unsinniger entstellt. Einer unserer Mitarbeiter nahm Gelegenheit, mit Herrn Oberrabbiner Dr. Chajes über den Inhalt seiner Predigten zu sprechen. Er sagte unserem Gewährsmann im wesentlichen folgendes:., , „In meiner Neujahrsrede teilte ich einleitend unt, es sei nicht, ausgeschlossen, daß ich in absehbarer Zeit das Amt des Wiener Oberrabbiners niederlege, um mich wieder ausschließlich wissenschaftlicher Arbeit zu widmen, nnd daß ich mich aus diesem Grunde gedrängt fühle, eine Reihe wichtiger Probleme mit meiner Gemeinde durchzubesprechen. In meiner ersten Rede behandelte ich die Frage der Umschichtung der jüdischen Bevölkerung, und am Versöhnungstage sprach ich über die gewaltige Bedeutung der Palästinafrage für das Leben und die Entwicklung der Iudenheit in der Verstreuung. Anläßlich des Laubhüttenfeftes wandte ich mich zwei Problemen zu, die mir angesichts der bevorstehenden Neuwahlen in den Kultusvorstand als brennend erscheinen. Es sind dies die Fragen. der Jugenderziehung und der jüdischen sozialen Fürsorge. . Ich weiß nicht, ist es Beschränktheit oder Gewissenlosigkeit, wenn man diese beiden Reden dahin ausnützrn will, als ob sie gegen den abtretenden Vorstand gerichtet gewesen wären und, als ob ich die Wähler ausgesordert hätte, anderen Menschen als bis nun ihr Vertrauen zu geben. Ich habe in meiner zweiten Rede deutlich gesagt, daß ich das, was ich von dieser Kanzel spreche, ebenso in irgendeiner anderen Gemeinde Vorbringen müßte, daß ich also Fragen behandle, die alle jüdischen Gemeinden betreffen und sich auf Verhältnisse beziehen, die sv ziemlich überall gleich sind. Ich habe ferner ausdrücklich gesagt, daß cs unbillig wäre, zu verlangen, die Gemeinde hätte aus ihren Mitteln die gesamte Fürsorge zu bestreiten, ebensowenig wie in dieser Beziehung die Stadtgemeinde Wien oder ein anderes Gemeinwesen alle Lasten, zu tragen vermag. Was ich aber Der ~ i 7 der Sozialdemokratie gegen die Wiener Kultusgemeinde. Die Wiener sozialdemokratische Partei ist offiziell in den Wahlkampf um die israelitische Kuliusgememde eingetreten. Ihr Zentralorgan „Arbeiter. Zeitung bringt den Aufruf der „Wahwereinigung für soziale Wirtschaft in der Kultusgemeinde" und fordert unter Hinweis auf die sozialdemokratische Solidarität die Genossen auf, für diese Lifte zu stimme». In Betriebsrats- und Gewerkschaftöversaurmlungen wird von seiten der Führer im Namen der Parteileitung die Stimmenabgabe gefordert. Der „Wahlvereinigung" sind seitens der Partei die Mitte! für eine große Propaganda zur Verfügung gestellt worden. Was für eine Blutung hat dieses anscheinend ganz widersinnige Manöver? Was hat die Sozialdemokratie mit der Kultusgemeinde gemein? Programmatisch kennt sie kein Judentum. Tatsächlich hat sie sich dem Judentum gegenüber immer negativ verhalten. Haben doch alle jüdischen Führer der Partei das Judentum von sich geworfen, wie ein schmutziges, schändliches Kleid, sind sie doch alle geta«ft oder konsessionslos! Was will die Partei der Leugner und Verächter des Judentums in der jüdischen Gemeinde? Zu welchem Zwecke soll der Kultusvorstand zum Tummelplätze sozialdemokratischer Agitatoren gemacht werden? Die Kultusgemeinde, das letzte Bollwerk des Wiener Judentums, soll zertrümmert, von innen heraus vernichtet werden! Das und nur das ist der Zwecke Aus diesem Grunde schiebt die große sozialdemokratische Partei ein Häuflein von Leuten, deren Namen man in der jüdischen Oefsentlichkeit überhaupt nicht kennt, die Männer der Liste der „Wahlvereinigung für soziale Wirtschaft, vor. Jüdische Wähler! Wollet Ihr, daß zufolge Eurer Lässigkeit die Kultusstube zum Tummelplätze sozialdemokratischer, auf Vernichtung der Gemeinde gerichteter Agitation gemacht werde? Jüdische Sozialdemokraten! Woferne Ihr noch in irgendeinem Zusammenhang« mit dem Judentum« stehet, könnet Ihr dieses Vorgehen Eurer Parteileitung gutheitzen? Dürfet Ihr Euch als Werkzeug für di« Vernichtung der Judengemeinde machen? Wer dieses frivole Attentat abwchren will, wählt am 9. November die Liste der „Bereinigten jüdischen Parteien". für die vornehmste Pflicht der Gemeinde halte: Sie muß den Vereinen und Körperschaften, die sich mit Fürsorge befassen, den richtigen Weg zeigen und jene Probleme aufzeigen und lösen, deren Behandlung Privaten nicht überlassen, werden darf. i Ich habe in diesen Predigten die jüdische Bevölkerung aufgefordert, dafür zu sorgen, daß der künftige Vorstand sich mit diesen zwei wichtigsten Fragen so beschäftig«, wis es der Ernst und die Verantwortung der Gegenwart erheischen. Ich beasichtigte mit diesen Ausführungen, das Niveau der Wahlbewegung zu Heven und den künftigen Führern der Gemeinde die Möglichkeit zu geben, über die Pflichten nachzudenken, die sie übernehmen. Es hat sich mir nicht um Rekriminationen gehandelt, sondern einzig nnd allein um die Arbeit in der Zukunft. Sollte ich mich in absehbarer Zeit bemüssigt sehen, mein Amt aufzugeben und Wien zu verlassen, so wird es mir tiefe Beruhigung sein, mit der Ueberzeugung zu scheiden, daß der neue Vorstand ernst und verantwortungsvoll an der Behandlung nnd Lösung dieser Fragen arbeitet. Ich kann dies von Männern, die unter schwersten Opfern in den letzten Jahren die Sanierung der Gemeinde in die Wege geleitet haben um so eher erwarten, als ich nach jahrelanger Zusammenarbeit weiß, daß unter ihnen Persönlichkeiten vorhanden sind, die ebenso wie iä-die überragende Bedeutung dieser Fragen erkannt haben und ebenso wie ich Wege zu suchen bemüht sind, sie esner gedeihlichen Lösung zuzuführen. ERGON A.G B In allen Abteilungen SensiMie Okkasions-V erkaufe wmammmamam 1. SCHWEDENPLATZ 1