Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2561 (10.4.1926)
- Date
- 1926-04-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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§ Wien, Sant'siag Wiener Mornenzeitunü 10. April M6 Nr. 9661 DflHBMC BAD am Zoo, Berlin, Hardenbergstr DUnCilC'DnA Nr.27. Direktion: N. V Benedito Treffpunkt der Fremdenwelt Berlins J-Uhr-Te« » Souper prlx fix » Exquisite Küche Kapelle: ScalC'Sonrf'Band, Milano, ferner de: Wiener Humorist Charite Woeber M17 Das Faustrecht. Wien. 10 Avril. Die arnte alte Frau Gibson, die arn Mittwoch in Rom auf Mussolini schoß, war geistesgestört. In ihrem Wahn hatte sie sich berechtigt geglaubt, den Irrsinn der Politik einmal auch selbst anzuwenden. Die erregte Menge, die sich nach den glücklicherweise unschädlichen Schüssen" gegen die Frau wandte, erteilte ihr die handgreifliche Belehrung. Znni Schießen und Morden, wie nicht minder zur aktiven Politik ist der Besitz der Macht die unumgänglich notwendige Legitimation. Nur auf dieser Höhe ist die Tat gestattet und nur unter dieser Voraussetzung erhält sie die Weihe. Ein Angriff auf die Macht dagegen gilt als ein ruchloses Verbrechen. Hoffentlich wird es an der alten Frau nicht allzustreng geahndet werden, daß sie in der Vertvechslung der Begriffe gehandelt hatte. Der Prozeß in Chieti, in dem die Mörder Matteottis trotz Geständnis freigesprochen worden waren, mag in Frau Gibson die Wahnvorstellung erzeugt haben, auch sie dürfe ein Menschenleben fortblasen. Seit Jahren sieht sie ja in Italien und nicht nur in Italien, daß die Waffe rechtsbildend wirken kann und daß im Namen einer Idee Unrecht zu Recht gewandelt wird. Aus _ den Zeitungen erfährt sie, daß in Neapel ein sozialistischer Abgeordneter von Faszisten so zugerichtet wurde, daß man ihn ohnmächtig und blutend ins Spital tragen mußte; daß der Demokrat Amendola im französischen Exil an den Folgen faszistischer Ueberzeugungsmethoden gestorben ist. In den Zeitungen liest die Frau mit vielen Millionen Menschen die Reden Mussolinis, in denen immer und immer die Marschmelodie der Parade beit Krieg als sittliche Idee umrauscht. Ist das alles, denkt die alte Frau, Recht und Gesetz, dürfen einzelne sich über alles hinwegsetzen, dann ist auch sie vollsinnig und darf nach ihrem Willen handeln. Ressentiments dieser Art beherrschen heute die ganze Welt. Was politisch, wirtschaftlich und sozial geschieht, ist Fortsetzung des Krieges, seiner Aktionen und Reaktionen. Der Faszismus ist der klarste Ausdruck unserer Zeit, die aus der Psychose des Krieges nicht den Ausweg finden kann und die es dem einzelnen nahelegt, auch seine Fragen und Interessen gemäß den Grundsätzen des Faustrechtes zu vertreten. Was die Staaten gegeneinander unternehmen, ihre Rüstungen und Bündnisse, ihre Geltendmachung des rücksichtslosesten Egoismus, der sich in keinen Jdeenkampf wagt, das wirkt auf das Individuum zurück, das alle Prinzipien wanken sieht, auf die sich die bisher geltende Gesellschaftsordnung aufbaute. Der Schwächere wird gedrückt. Der Staat, der das größere Territorium besitzt und die größere Armee unterhalten kann, hat die so und so viel Mal größere geistige und materielle Macht als der weniger bevorzugte. Der Trust ist stärker als der Kaufmann, der nur auf sich gestellt ist, und er hat auch die stärkere, potenzierte Einwirkung aufdie Gesetzgebung. Der nationalistische Schreihals, der für Vaterland und Geltung das Maul aufreißt, ist angesehener, als der stille Mann des Erwerbes, und 'die Partei, die den Sabel herumträgt und durch ihre Leader alle Welt in Schrecken.jagen will, genießt Ansehen und Beachtung. Der Massenwahnfirrn, der im Krieg sittliche und politische Probleme durch die Anwendung der Massenbrutalität zu lösen sich unterfangen hat, ist nachher nicht gebannt worden. Sein. Feld ist sogar noch viel größer geworden und seine Propaganda erschöpft sich in dem einen Worte: Gegen. Man kämpft nicht mehr für positive Ziele, für die Verständigung der Menschen und Klassen, für den Gedanken des Weltfriedens, sondern gegen Rassen, gegen Grenzen, gegen das Recht, gegen die Minderheiten, gegen den Weltverkehr. Für die Ziele der Demokratie mußten Schulsysteme ersonnen und ganze Bibliotheken geschrieben werden. Den Führern von heute genügt die leicht faßliche kurze Phrase, und wo sie der Unterstützung bedarf, sucht sie nicht das Argument des Gedankens, sondern nur den Revolver. Die Mentalität des Schlachtfeldes, in der der Mann auf das Kommando gedrillt war und nur ausführende oder unterlassende Maschine sein durfte, wirkt fort und aus ihr entstand der Faszismus, der sich nicht auf Italien beschränkt. Er beherrscht Europa vom Rhein bis zum Ural und seine vergiftende Wirkung ist in alt den Strömungen zu sehen, die fiir die Leitung der Staaten die starke Hand fordern und ihr nicht die Idee zur Verfügung stellen, sondern nur die Armee und den Ungeist der Kaserne. Der Faszismus wendet sich dagegen, daß die Bokker durch gewählte Vertreter in den Parlamenten die Kontrolle der Machthabenden üben, er wendet sich gegen die Uebernationalität des Völkerbundes, gegen das gleiche Recht der Menschen. Für ihn ist der Staat als die Herrschaft der Mehrheit ein Selbstzweck und diesent Götzen opfert er bedenkenlos Recht und Sitte. Unter dieser Erpressung der Faust stöhnt und windet sich die Menschheit und es ist verständlich, wenn das' kranke Gehirn einer Frau dem Exempel, das sie rin-gs m sich blühen sieht, erliegt, ' Jas Attentat auf Mnffolini. Polizeiliche Einvernahme der Miß Gibson. Rom, 9. April. (Tel.-Komp.) Miß G i bs o n, die vorgestern das R e v o l v e r a t t nt t*a t a u f Mussolini verübte, gab bei ihrer Polizeilichen Einvernahme an, daß sie dett Ministerpräsidenten vorher n ie gesehen hatte, daß sie sich aber ans den Photographien Mussolinis sein Aeußeres so gut eingeprägt habe, daß sie sich nicht, wie ein großer Teil der Menge, die vor dem Kapitol auf das Erscheinen des Ministerpräsidenten tvartete, täuschen ließ und den Senator C r e nt o n e s e mit dem Ministerpräsidenten verwechselte. Tatsächlich war Senator C r e m o n e s e nach der Eröffnung des Chirurgenkongresses als erster auf den Platz vor dem Kapuol hinausgetreten und von der wartenden Menge, die in ihm Mussolini zu erkennen glaubte, lebhaft akklamiert worden. Die Blätter krmerken hiezu, daß möglicherweise Senator Cremone se den: Umstande sein Leben zu verdanken habe, daß die Attenlälerin vor Verübung des Anschlages die Photographien des Ministerpräsideit?en so genau studierte. Zum Verteidiger der Attentäterin Miß Gibson wurde der maximalistische Abgeordnete C a s s i n c l l i bestellt, der auch die Verteidigung Zantbonis, der das erste Attentat auf Mussolini verübt hat, führt. Faszistischer Imperialismus und Pangermanismus. Die französische Presse über die Rede Mussolinis. Paris, 9. April. (Tel.-Koinp.) Tie gestrige Rede des italienischen Mnisterpräsideritett hat in der gesamten französischen Presse eine sehr ungünstige Ausnahme gesunden. Eine ganze Reihe von Zeitungen ziöht aus Anlaß dieser Rede eilte Parallele zwischen Mussolini und dem früheren deutschen Kaiser Wilhelm dn Zweiten. Der „Paris Soir" stellt die Worte Mussolinis, daß „das Schicksal Italiens auf dem Meere lieg e", neben den bekannten Ausspruch Wilhelm des Zweiten, ,/Unsere Zukunft liegt ans dem Wasser!" und konstatiert, die beiden Aussprüche sähen einander ähnlich wie der faszistische Imperialismus dem Pangermanismus. Das,/Journal des Debats" weist in demselben Zusammenhänge daraus hin, daß in den Reden Mussolinis immer wieder die Worte ,Mieg" und „Schlacht" wiedertkchren und wirft, ebenso wie einige andere Blatte, mit einiger Besorgnis die Frage ans, worauf die imperialistischen Wünsche Mussolinis wohl gerichtet seien? Reue französische Forderungen in VuDvest. (Eigendienst dör „«teuer Morgenzettung".) Budapest, 9. April. Die französische» Emissäre erschienet heme vomittags beim Oberstaatsanwalt Dr.'Sztrache und teilten ihm mit, daß sie, bevor die eingeleitete ergänzende Erhebung ihrerseits als abgeschlosse» betrachtet werden könnte, die Klarstellung ern'ger Umstände für notwendig halten. In erster Reihe wünschen sie, daß die Angelegenheit der Steinklifchees bereinigt werde. Sie wollen insbesondere wissen, von wem die. Zeichnungen derSteinklischeeS stammen. Diesbezüglich verlangen sie die Einvernahme urch die Konfrontierung von Windischgrätz, Raba und Gerö. Der Oberstaatsanwalt hat die Vornahme, dieser Verhöre angeordnet. Auch Abgeordneter Georg H i r soll einvernommen werden. Die Franzosen ersuchten ferner um Fortsetzung der Erhebungen bezüglich der Rolle des Julius Meszaros und um Beschleunigung der Verhandlungen mit der türkischen Regierung tvegen der A u s l i e s e r u n g M e s z a r o s. Reue Erhebungen In der Sokollillscher- Angelegenheit. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 9. April. Der Präsident der Staatsanwaltschaft Dr. S z t r a ch e wird tnorgen die auf die Sokolsälschung bezüglichen Akten an die Oberstadthauptmannschaft weiterleiten, damit sie die Erhebungen durchführe. An den Erhebungen wird auch der juristische Beauftragte der Budapester tschechoslowakischen Gesandtschaft, Doktor Friedmann, als Vertreter der tschechoslowakischen Nationalbank und des tschechoslowakischen Justizministeriums Mitarbeiten. Neue Einvernahme Pallavieinis. Heute vormittags hat der Untersuchungsrichter eine neuerliche Zeugeneinvernahme mit dem Markgrafen Pallab i c i n i vorgenommen, die über eine Stunde dauerte. Ueber die Einzelheiten des Verhörs wurde nichts derlatttbart. Bethlen ist dem Eömbös nicht genug raffenschiltzlerisch. Budapest, 9. April. In der gestrigen Konferenz der Rassettschützlerpartei hielt Gömbös eine Rede, in der er die angebliche Absicht des Ministerpräsidenten Grasen Bethle n, mit den geheimen Gesellschaften auszuräumen, bekämpfte. Göntbös führte aus: Alles hängt von der Definition des Begriffes „gcheune Gesellschaften" ab. Ich selbst bin Mitglied vieler Organisationen, deren Mitglieder ein Gelöbnis für das christliche Ungarn abgelegt haben. Wir Rassenschiitzler werdet! für unsere Ideen iveiterkäntpfen, und falls es no'hrerdig sein sillte, werden wir. wie die e r st e n C h r i st e n, uns vor der Regierung in die KatalSölben jNküchieWt üfK Zdee» zur» Siege MlgMlG - Der jüdische Sejmklub. Die Besprechung zwischen der Wetfterttttft und dem Präsidenten Hartglas. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 9. April. \ Die bereits angekündigte Aussprache zwischen den Vertretern des jüdischen Dejinktubs und den Regi-ernngsvertretern hat gestern begonnen. An der Konferenz nahmen teil: Ministerpräsident Skrzyn sk i, Bildungsminister G ra bski und Unterstaatssekretär S t u r z y n s k i von seiten der Regierung, Ehrend der jüdische Sejmklnb durch Präsidenten Hartglas und Vizepräsidenten Färb st c i tt vertreten war. In der Konferenz, die von der Regierung angeregt worden war und nahezu zwei Stunden währte, gaben die Regierungsvertreter die Erklärung ab, daß der Regierung bloß ein zwischen der Regierung und dem jüdischen Klub abgeschlossener Pakt bekannt sei, der zwvlfV e r st ä n d i g u n g sp u n k t e enthalte. Ministerpräsident S k r z y n s k i versicherte, daß die Regierung entschlossen sei, diese zwölf Punkte, soserne sin noch nicht durchgeführt seien, zu erfüllen. Präsident Hartglas erwiderte, daß in diesen zwölf Punkten gerade die dringendsten und nnerläßlichsten Forderung e n der jüdischen Bevölkerung aus wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete nicht berücksichtigt erscheinen. In sehr entschiedener Form betonte Herr Hartglas, daß die Inden in ihren Forderungen keine Sonderrechte für sich beanspruchen, sondern darauf bestehen, daß die ihnen t u der Verfassung gewährten Rechte auch tatsächlich gegeben werden. Die Juden seien daher auch nicht in der Lage, für diese verfassungsmäßigen Rechte, die der übrige Teil der Bevölkerung ohne jede besondere Gegenleistung genießt, einen besonderen Preis, als das, was sie bereits jetzt tun, die loyale Erfüllung ihrer Bürgerpflichten, zu bezahlen. Aus die Erklärung der beiden Minister, daß die ihnen bekannle Abmachung mit dein jüdischen Klub tticht mehr als zwölf Punkte enthalten habe, legten die beidett jüdischen Vertreter im Sinne eines Beschlusses des jüdischen Klubs den Text jenes Verständigungsabkommens vor, das der frühere Präsident des jüdischen Klubs, Deputierter Dr. Reich, der bekanntlich die seinerzeitigen Verständigungsverhandlungen mit der Regierung zum Abschluß gebracht hatte, seinem Nachfolger Präsidenten Hartglas erst vor kurzem als den authentischen Verständigungstext übergeben hat. Dieser Verständigungsakt gehe weit über den Rahmen des von der Regierung anerkannten Verständigungskomplexes, hinaus. Beide Minister versicherten jetzt, zum ersten Male diese Abmachung zu Gesicht zu bekommen. Minister G r a b s k i gab zu, daß im Verlause, der Verhandlungen wchl auch Über jene weitergehenden Forderungen gesprochen worden sei, doch habe die Regierung sich zu ihrer Erfüllung niemals verpflichtet. Im übrigen, erklärten, beide Minister, stoße die Regierung wegen der Verständigung mildem jüdischen Klub bei• allen. Parteien auf den größten Widerstand; immerhin sei die Regierung von dem Willen beseelt, die übernommenen Verpflichtungen auch zu erMen. Die Aussprache endete mit der Erklärung des Ministerpräsidenten S k r z y ns k i, daß er für die nächsten Tage eine neue Konferenz anberanmen werde, an welcher auch die bezüglich der Forderungen der Juden in Betracht kommenden Minister sowie 8 as Präsidium des jüdischem Sejmklubs tei'lnehmen werden. Skriyaskks Reife verschöbe«? (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warchau, 9. April. 'Die „Rzeczpospolita" meldet: In gut informierten Kreisen verlautet, «daß Ministerpräsident Skrzynski solange nicht nach Prag fahren wird, als die tschechische Regierung die Fragen des polnisch-tschechischen Handelsvertrages und des Einfuhrverbotes für polnisches Vieh gänzlich bereinigt haben wird. Demgemäß wird die geplante Reise des Ministerpräsidenten SkrzynsEi, die am 11. d. erfolgen sollte, aus einen späteren Termin verschöben. (Eine Bestätigung dieser Meldung liegt nicht vor, vielmehr ist für die Anwesenheit Gkrzynskis in Prag und in Wien das Programm bereits ausgeavbeitet. Der polnische Ministerpräsident soll am Donnerstag von Prag in Wien eintresfen. Red.) Inland. Schwierigkeiten der zofftarlfreform. In der nächsten Woche sollen im Parlament die Verhandlungen über die Novellierung des Zolltarifs wieder ausgenommen werden. Mit Beziehuttg daraus gibt 8aä sozialdemokratische Organ bekannt, daß die Sozialdemokraten alle Verhandlungen über Fragen, die der Negierung am Herzen liegen, ablehnen werden, wenn nicht endlich über die Streitfragen der Alters- und In Validitätsversicherung ernstlich verhandelt wird.,Der Streit geht von der Sozialversicherung und der Novellierung der Angestelltenoersicherung aus. Während die Mehrheitsparteien für die Wahlen in die Vorstände der Krankenkassen die Einführung des VechältniSwahlrechtes fordern, wollen die Sozialdemokraten, um die Herrschaft über die Kassen nicht zu vertieren, den Proporz nur zugestehen, wenn den Unternehmern nur ein F ü n f t e l der Vovstanvsntandate eingeräumt wird. Ein ganz analoger Streit verhindert dir Gesetzwevdung der Novelle zum Angestelltenversicherungsgefetz. Die Regierung und die Majoritätsparteien werden also wohl oder übel, wenn sie die Novellierung des Zolltarises zeitgevecht unter Dach und Fach bringen wollert,. tu die von drr Opposition gewünschten Verhandlungen eintreten müssen.