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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-09 · Heft 2560 (9.4.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2560 (9.4.1926)
Date
1926-04-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gotte 2 Mn, ÜPtcita« Mkener Moraeiizeskurts Wege im Lrimt. -W tctt, 9. April. In Marokko ist der heilige Krieg proklamiert; die französische Offensive im syrisch-palästinensischen Grenzgebirge ist in vollem Gang; die blutigen Kämpfe der mer chinesischen Generale um Peking dauern fort. DaS Feld der Ehre hat sich, zehn Jahre nach derp Weltkrieg, nach dem Orient verschoben und das menschliche Kanonenfutter erhält wieder den odiosen Anwert. In der Zeit des Friedens ist der Mensch als solcher nicht gar so sehr geschätzt. Er rackert sich an einer Maschine ab, geht hinter dem Pflug oder sitzt an einem Schreibtisch. Er lebt, vegetiert und stirbt. Erst wenn Krieg kommt, wird er ein beachtetes Mitglied der Gesellschaft. . Man versucht auf seine Phantasie, auf sein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Rasse, zu einer Klaffe oder zu sonst einer Gruppe zu wirken und ihn mit der Ueberzeugung zu erfüllen, daß seine Faust und sein Gewehr unbedingt dazu beitragen müssen, den ruchlosen Feind zu vertreiben. Das ist im Orient nicht anders als im Okzident. Leute, die bis gestern noch friedlich mit Frauenhandel oder Schafzucht oder Straßenraub beschäftigt waren oder für europäische Aktionäre Baumwolle kämmten, avancieren ins Heldentum und werden gewaltsam in transzendentale Empfindungen gepreßt, die ihnen im Namen einer unverständlichen, aber fanatisch vorgetragenen Idee das Krepieren am Straßenrand oder unter den Fliegerbomben als etwas Großes erscheinen lassen. Sonst sterben diese Namenlosen höchst zurückgezogen an der Tuberkulose oder an der Läusesucht oder ertrinken in einem Reisfeld. Wenn der Krieg über das Land geht, dann sehen sie sterbend in ein Paradies. Krieg war immer und die Aufklärung des Abendlandes naht sich dem Orient nicht mit den gleisnerischen Versprechungen, mit denen sie daheim ihre Mordlust verhüllt. Daheim gibt es Friedensverträge, Bündnisse und Allianzen. Es ist jeder Fall vorgesehen und. die Diplomatie arbeitet sehr eifrig daran, alle nur möglichen Kombinationen in Paragraphen zu fassen und auf eine, wie man das so nennt, legale Basis zu stellen. Gesetzlichkeit über alles und Ordnung muß sein. Für das Geschrei der dummen Menge von Steuerzahlern sorgt die Ablenkung auf die Juden oder auf irgend eine Minderheit, die sich durch andere Organisationsform, durch eine andere Sprache, eine andere Religion, eine andere Nasenform verdächtig macht. Auch hiesür gibt es feste Normen und es wird peinlich genau darauf geachtet, daß die Unterdrückten den vorgeschriebenen Jnstanzenzug einhalten. Dem Orient gegenüber sind diese Formen nicht notwendig. Der Orient ist Interessensphäre aller und Raufereien oder Kriege erfreuen sich immer der Patronanz einer europäischen Macht- oder Kapitalsgruppe. Im Orient freilich vollzieht sich der Siegeszug der Kultur nicht unter so komplizierten Begleiterscheinungen. Der metaphysische Anstrich des nationalen Patriotismus fehlt. Man I ist primitiver und aufrichtiger. ' In Europa sucht man den Anlaß zum Mord ur verklausuliert sich hinter einem System von Note und Erklärungen. In Afrika und Asien führt ma Krieg um des Krieges willen. Natürlich kennt man au, dort das Borstadium der Diskussion, etwa darüber, o die Gebetmühle nach links oder nach rechts zu drehe sei. (Wenn man näher zusah, so ergab sich, daß di betreffenden Mühlen von einer französischen oder enc lischen Fabrik erzeugt und daß eine bodenständig Unternehmung den Profit einstreichen wollte.) In Er ropa sterben auch heute noch Menschen für Homusio oder Homöusios, aber weitaus legaler. Der Orient t| eben rückständig. Die letzten Kriege in Marokko, i Syrien und auch in China finden ihren Ausgangspunl in europäischen Provokationen, die durchaus das Füll Horn ihrer Zivilisation auch den Proletarierrasse bringen wollen. Das arische, in seinen führende Schichten homogene Europa ist eben der Ansicht, da in diesem Weltteil und den Gebieten, die seiner geistigen Einfluß ofienstehen wie Amerika und Japan die Dinge aufs herrlichste stehen. In Europa herrsch Frieden, Wohlstand und Ordnung. Es gibt hier keinei Haß, und wenn er sich noch hier und da zeigt, so sin daran nur die Juden schuld. Europa leitet aus seiner Zustand das Recht ab, den Orient glücklich zu machet und ihm die Waffen zu geben, mit deren Hilfe in Abendland solche Idyllen geschaffen wurden, nämlich di Kriegswaffen. 8m Fräse der Elche« Kolonisation. : Immer wieder zeigen Berichte und Tatsachen aus Rußland, daß die Pläne der russischen Regierung in Bezug aus Ansetzung von „100.000 jüdischen Familien am" Land innerhaÜ der nächsten 10 Jahre" ein reiner Bluff sind. Abgesehen von den von uns schon tviedevholt angeführten Tatsachen, daß die Kolonisten ungenügend ausgerüstet werden und die Ansiedlungen böses Blut unter den nichtjüdischen Bauern verursachen, also unter steter Pogromgefahr stehen, ist überhaupt in Rußland kein freies Land vorhanden, das heißt das vorhandene genügt Ui dem derzeitigen Stand der landwirtschaftlichen Technik nicht, um die jetzige Bauernbevölkerung zu ernähren. Nach den neuen Untersuchungen — siehe die amtliche Zeitschrift „Economic Shisu" Nr. 870 und 872 — ist in der 1 — KLUB RADIKALM ZIONISTEN — Samstag den 10. April 1920 um 8 Uhr abends Im Cafd Wiener Bürger, ll., Prateratrasae 11 VERSAMMLUNG Tagesordnung: Stellung der radikalen Zionisten r», gegenwärtigen Lage in PalBstlna und in der zionistischen Organisation. — Diskussion. Referenten. 0l. ISRAEL WALDHANN OBERBAURAT ROBERT STRICKER Zutritt Naban all« dar Batarraichlanhan Landaaorgani* •allen angehSranden zioniaten Ukraine und in den fruchtbarsten Schwarzerdengebieten Zentralrußlands (tzwuvernements Woronesch und Tcnnbow) bereits die Hälfte aller Bauern ohne Vieh und Pflug, also vollkommen verarmt. Die amtlichen Quellen berichten ferner, daß der Zustrom der Landbevölkerung, die stark wächst, nach den Städten so groß ist, daß in diesen bereits 2,5 Millionen Arbeitslose vorhanden sind, das heißt ungefähr halb so viel Menschen, als Rußland überhaupt Industriearbeiter zählt! Unter diesen Umständen an eine Kolonisierung von Juden zu denken, ist absurd. Heute gibt es schon einen großen Landhunger bei Millionen von Bauernkindern Rußlands. Die auffallende Tatsache der lächerlich geringen Summe für die Ausstattung einer Familie — 70 Pfund, also ein Zehntel desien, was für Palästina (ohne Boden) gerechnet wird —, hat vielleicht ihre sehr einleuchtende Erklärung darin, daß die Regierung sich einfach nicht traut, anständig ausgerüstete jüdische Kolonien zu schaffen, wenn daneben die Mehrzahl der russischen Bauerngüter von dem notwendigsten entblößt sind, wie bereits oben erwähnt. Daß sich aber die jüdischen Organisationen, die 80 Prozent der Mittel für diese Kolonisation geben, indes die restlichen 20 Prozent von den Sowjets ohnehin nur auf „Kredit" geborgt werden, dazu hergeben, daß solche lebensunfähige Kolonien geschaffen werden, ist mehr als rätselhaft. Ein pikantes Detail aus dem offiziellen Komzetbericht ist noch nachzutragen. Unter den von den Sowjets gewährten Kreditgeldern befinden sich 100.000, Rubel, die dürch „den Verkauf von kostbaren Gegeirständen, welche in Synagogen konfisziert würden, erlöst worden sind. Gegen Matur und Faszlsmus. Eine europäische Liga zur Verteidigung der Freiheit. Zum Kampfe gegen die Gewaltherrschtaft der Diktatur, der nacheinander mchrere große europäische Länder anheimgefallen sind, ruft von P a r i s aus eine soeben ins Leben getretene Europäische Liga z u r V e rleid i g u n g d e r F r e i h e i t aus. Die Kundgebung der Liga, die in Paris ihren Sitz hat, trägt die Unterschrift von dreihundert der prominentesten Vertreter des europäischen GeisteÄ^dens. Es sind, die namhaftesten Vertreter der Wissenschaft, der Literatur und der Kunst Frankreichs, Deutschlands, Englands, Spaniens, Italiens, der Schweiz, Belgiens, Oesterreichs». Polens, Portugals, Rumäniens und Rußlands, die sich als Bannerträger der Freiheit an die Spitze der neuen Organisation gestellt haben. Ter gestern veröffentlichte Aufruf erklärt es für die Pflicht aller Intellektuellen, im Kampfe gegen jede Art von Diktatur die Führung zu übernehmen und sich zusammenzuschließen, um die Völker an ihre Wicht zu erinnern, sich selbst zu regieren unter dem freien Regime der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Ms politisches Ziel der neuen Organisation wird unter anderem die Modernisierung der parlamentarischen Einrichtungen durch Anpassung an die gegenwärtigen Bedingungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, die Erziehung der Böller zur Solidarität und gegenseitigen Unterstützung, die Einigung Europas durch Arbeit nnd Frieden, und der Kampf gegen jeden Versuch, die Böller gegenseitig auszuspielen, bezeichnet. Mussolini aus der Fahrt nach Tripolis. Auch seine Zukunft liegt auf dem Meere. Rom, 8. April. Die Agenda Stefani meldet vom Bord des Panzerschiffes „Cavour": Ministerpräsident Mussoli n i hat sich um 10 Uhr 35 Minuten an Bord des vor Ostia liegenden Panzerschiffes „Cavour" eingeschisft. Er schritt die Front der Ehrenkompagnie ab und hielt eine Ansprache an die faszistischen Parteisekretäre. Er sagte, er habe sie an Bord des Schiffes berufen, damit sie der Marine, aus der die wesentlichste Hoffnung für die Zukunft beruhe, die Ehre bezeigten und damit die Faszisten bei seiner Rückkehr , in di« Heimat dafür sorgten, daß das Bewußtsein von der Wichtigkeit der Marine vollständig envache. Er fügte hinzu: Wir sind Menschen des-Mittelmeeres und unsere Zukunft — ich will damit niemanden kopieren — ist i m m e r aufdem Meere gelegen und wird immer aus dem Meere liegen. Plünderungen nach dem. Attentat. Wie nachträglich bekannt wird, sind gestern nach dem Attentat auf Mussolini mehrere Privatwohnungen teilweise zerstört worden. Die Mö-bel wurden zerschlagen und verbrannt. Personen sind nicht verletzt worden. Betroffen wurden unter anderen die Wohnungen eines sozialistischen Abieerdne'.en und eines Journalisten. _9. 8lpril 1926_Nr. 3860 Religiöse Wahnvorstellungen der Ättentäteein. London, 8. APrül. Miß Gibson, die das Attentat ans Mussolini ausgesührt hat, wart vor etwa drei Jahren während sechs Monaten in einer englischen Irrenanstalt untergebracht. Im Februar 1328 wurde sie in der Pension, in der sie damals lebte, mit einer Schußwunde aufgefunden, die die Lunge durchbohrt hatte. Nach ihrer Heilung litt sie an religiösen Wahnvorstellungen. Seit dem Dezember 1924 lebte sie in Rom, wo sie nicht unter Beobachtung stand. Sie war zum Katholizismus übergetreten und verbrachte ihre Zeit meistens in Gebet und in der Kirche. Ihr Bruder Lord Ajhbourne ist ein begeisterter irischer Nationalist, trägt fast immer irische Nationaltracht und erregte im Oberhaus seinerzeit großes Aufsehen, als a seine erste Rede m irischer Sprache hielt. AntkmIMrlstische Jemonstratioir in Brüssel. Brüssel, 8. April. (Tel.-Komp.) Anläßlich der heute vom König abgehaltenenTruppenschau kam es zu einem peinlichen Zwischenfall. Als Ministerpräsident Poulet erschien, rief die Menge: „Nieder mit Poulet! D emtssionl Nieder mit der Armee!" Die Polv»t nahm m e h r e r e V e r h af t u n g e n vor. Ae internationale Wlrtschaftrkonserenz. « Genf, 8. dlpril. Das vorbereitende Komitee der internationalen Wirtschaftskonferenz wird am 26. d. zum ersten Mal in Genf zusammentreten. Nach dem Wortlaut der Entschließung soll sich dieses Komitee auf die technische Organisation des Völkerbundes und auf das internationale Arbeitsamt stützen. Zwei Mitglieder des internationalen Arbeitsamtes werden vom Völkerbundrat ersucht, in das Komitee ornzutreten. Lemisfion Maidps. Paris, 8. April, (.havas.) Minister des Innern Malvh hat demissioniert. Arzpustl ln Men. Wie die Politische Korrespondenz erfährt, wird sich der polnische Ministerpräsident und Min Per des Aeußern Graf Skrzynski vor Mitte dieses Monats nach Prag begeben. Im Anschluß an .seinen Prager Aufenthalt begibt sich Ministerpräsidnt Skrzynski nach den bisher getroffenen Dispositionen nach Wien und wird hier zwei Tage verweilen, um der österreichischen Regierung in Erwiderung des im.Jahre 1923 erfolgten Besuches des Bundeskanzlers Dr- Seipel und des Ministers für die auswärtigen Angelegenheiten Dr.. Gründe r g er einen Gegenbesuch abzustatten. Sine Kampagne gegen den polnischen Feld« «arschall PIlsudski und de« Kriegsminifter Szeligowski. .(Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 8. April. Der Krakauer Kommandant General S z e p t y c k i hat nach 'Veröffentlichung eines offenen Briefes an den Kriegsminister, in dem er sich über den Feldmarschall Pilsudski bitter beklagt, demissioniert. Aus diesem Anlaß hat eine scharfe Kampagne der pollnichen Rechtspresse gegen Pilsudski' und Szeligowski begonnen. Die Blätter sondern, daß Pilsudski, von dessen Reaktivierung als Genera il st a b s chef in letzter Zeit viel die Rede war, auf seinen Armeeposten nicht mehr zurückkehrt. Bo« Warschauer Knltnrrat. Die Agudah sabotiert die Arbeit. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 8. April. Trotz der Wahl des Se>jmdeputierten F a r b st e i n zum Kultuspräisidenten ist vorläufig der Beginn der normalen Vevwaltungsavbeii nicht abzusehen. Präsident Farbstein will sich vor allem alle juristischen Voraussetzungen sichern, um den Kultusrat nicht nutzlose Arbeit leisten $it lassen. Diese Vorsicht erscheint um so gerechtfertigter, als bekannt 'wurde, daß die Agudah, die «bet den letzten Wahlen des Präsidiums unterlagen ist, bereits diese Wahlen bet der zuständigen Behörde ang e f o ch t e n hat. Die Agudisten glauben mit ihrem Wahlprotvfft reüssieren zu können und rechnen zumindest mit einer Verschleppung der behördlichen Bestätigung der Wahl und damit auch des Beginnes -brc Avbev unter einem zionistischen Präsidenten. Angeklagte Frant'enslllscher als Setettftw. Budapest, 8. April. (iTel.-Komp.) Wie „Magyarorszag* berichtet, bemühen sich die auf freien Fuß gesetzten Angestellten des kartographischen Instituts den Aufenthalt des Mannes ausfindig zu machen, der die Polizei auf die in der Anstalt vorgenommenen Frankenfaischungsarbeiten aufmerksam machte. Es handelt sich um einen früheren Angestellten des YnsEuts, der vor etwa einem Jahre entlassen lvvrden war. Die^r hatte am A. Dezember einem Beamten des kartographischen' Instituts das Geheimnis der in dem Institut vorgenommemn Wlschungen herausgelockt und es dann der Polizei v e r r a.t e n. Auf Grund seiner Angaben sind dann der technische Ra.i Gero und seine Mitarbeiter verhaftet worden,'

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