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Wiener Morgenzeitung · 1926-04-07 · Heft 2558 (7.4.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2558 (7.4.1926)
Date
1926-04-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wen, Mittwoch Wiener Morgenzeitnns 7. April 192,', I i . j ' n j; i i u t' E' j! j i t \ t t i | I | kin vereitelter Budapester Putsch. Sin phantastischer Plan. - st Univerfitsttshörer verhaftet. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Seite 8 DK geistige Arbeit. — y. Wren. 7. April. Gestern hat sich in Wien der Weltkongreß der geistigen Arbeiter versammelt. Wir sehen hier eine der Institutionen, die aus dem Geist des Bö^rbundes geboren ist und die Grundlage eines kulturpolitischen Systems schaffen soll, dessen Zweck die Überwindung des Mßtrauens bleibt. Keine Zeit ist leider geeigneter wie unsere, die Notwendigkeit einer wahrhaft internationalen Organisation zu beweisen; die negativen Voraussetzungen sind Legion. Von den positiven, von dem guten Willen zur Zusammenarbeit sind wir heute so weit entfernt wie nur je. Vielleicht ist dies so gekommen, weil die geistige Arbeit verkümmerte oder sich verkümmern ließ. Vielleicht ist die geistige Arbeit verfallen, weil das politiscl)e Mißtrauen fortbesteht. Es ist ein unseliger Fchlerkreis, den auf seine Reißfestigkeit zu prüfen eben die Aufgabe der geistigen 'Arbeiter wäre. Wenn nämlich diese geistigen Arbeiter von denl gleichen Willen beseelt wären, tvenn sie eine einheitliche Organisation bilden könnten, die alles in sich sammelt, was der Höherzüchtung der nach Menschlichkit und gegenseitigem Verständnis dürstenden Massen dienen will. Eine Organisation dieser Art aber ist eine blanke Unmöglichkeit und auch der Weltkongreß, den wir gerne begrüßen, kann nur eine mechanische, auf materielle Forderungen eingestellte Bereinigung schaffen; ihr fehlt die Wärme, die Idee, der Impuls, der große politische Gedanke, daß alle Arbeit gleichwertig ist, aber doch nur dann, wenn sie vom Frieden ausgeht, von dem Bekenntnis, daß die Menschen gleichrvertig sind. Die geistige Arbeit ist nicht frei, sie schasst nicht um ihrer selbst willen. Sie ist ursprünglich einmal — lang ist's her — frei gewesen, ist aus dem inneren Drang entstanden, sich mitznteilen, den Menschen das Wort zu bringen. Aber sie ist ärr Politik unterlegen und von dem Machtstreben überschattet worden. Das ist in der Geschichte der letzten Jahrhunderte sehr oft unheilvoll zu bemerken gewesen und es ist in unserer Zeit noch weit stärker herausgetreten. Die geistige Arbeit ist eingeschachtelt in das politische System, das die Zurückführung der Menschheit in den Feudalismus anstrebt. Verachtet nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft. Das-. Mrphistowort ist die Kernformel dieses Systems, das in jeder Tat und in jeder Unterlassung die Ausschaltung des geistigen Strebens zum freien Denken und die Uniformierung der Gehirne bezweckt, weil dann die Uniformierung der Körper ein leichteres Unternehmen wird. Die Intellektuellen haben mit wenigen verschwindenden Ausnahmen den Kampf um das Recht des Wissens vermieden; ja mehr noch, sie haben sich überall und zu allen Zeiten als der getreue Schrittmacher der Politischen Reaktion bewährt. Kein Krieg, kein Akt der Unterdrückung wäre möglich, wenn nicht die Feder des Gelehrten und des Forschers zur Verfügung stünde und aus eins zchn zu machen verstünde. Der Völlerbund, seine Mission mck seine Tätigkeit sind heute Geheimwissen. Das hat doch nur darin seine Begründung, daß die Demokratie, deren stärkstes Argument eben der Völkerbund sein müßte, nichts zur Verbreitung seiner Grundideen beiträgt. Aber auch die Intellektuellen, die durch das im Weltkrieg begangene Aufgebot der Massenbrutalität chre Geltung und ihr Ansehen verloren haben, könnten ihre Position nur verbessern, wenn sie der geistigen Arbeit zu ihrem Recht und zur Macht verhelfen, wenn sie die Uebernationalität des Wissens lehren und sich für die Wiederherstellung des RechtsWens mit allen Kräften einsetzen. Es fehlt Hnen jedoch die Einsicht in die bestehenden Verhältnisse, vor allem aber die Ueberzeugung, daß das Recht auf keinem Gebiete zurückgedrängt wecken darf, wenn nicht die Anrainer schwersten Schaden nehmen sollen. Die Intelligenz muß sich die Prinzipien der Völkerbundes zu eigen machen urck sie vertreten. Sie muß aussprechen, daß sich der Krieg nicht mehr wiederholen daff, daß alle Streitfragen zwischen den Völkern, die doch immer nur Streitfragen von Klassen oder Kasten sind, durch Schicksgericht zu regeln sind und daß niemand aus dem Titel seiner Zugehörigkeit zu einer Minorität Schaden leiden darf. Dies würde freilich voraussetzen, daß die Intellektuellen in der Lage wären, sich auf eine Linie zu stellen. Die Verschiedenheit nach Herkunftsländern, Weltanschauung und politischer Gewöhnung schließt dies aus. Die geistigen Arbeiter bleiben immer nur Diener der Politik. Sie haben nicht den Willen zur .Herrschaft, also auch nicht die Eignung. Paul Boukonr in Warschau. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitrmg*^ Warschau, 6. Aprll. Paul Boneour, der Delogierte Frankreichs im Völkerbund, ist, wie von uns bereits angekündigt, am 1. d. in Warschau oingetroffen. Der bekannte sozialistische PolitÄer Frankreichs will in erster Linie Informationen über den Fragenkomplex, der die Stellung Polens zum Völkerbund betrifft, einholen. Boneour wird die polnisch-russische G r e«z e besuchen und an Ort und Stelle sich von dem sogenannten Bollwerk Polens gegen Rußland überzeugen. Ferner soll er nach Wilna und Danzig reisen und die Frage des umstrittenen ,Korridors" prüfen. Pressevertretern gegenüber äußerte Boneour sein Interesse für das Minderheitenproblem und sprach keine bestimmte Hoffnung aus, daß im -Herbst sowohl Deutschland als auch Polen in den VöAerbund eintreten werden. Budapest,. 6. April. Welcher Geist im heutigen Ungarn herrscht, zeigt ein Contmuniqüe der Budapester Lberstadthauptmannschaft, wonach die Polizei am 2. d. Kenntnis davon erlangte, daß sechs junge Leute währender Osterfeiertage einen ittckentistischen Putsch ausfi'chren wollten. Die Vorbereitungen zu dem Putsch waren angeblich ganz unzulänglich uud geradezu kindisch. Die sechs jugendlichen Verschwörer hatten weder Gewehre, noch Munition. Sie wurden in Getvahrsam genommen und ein Verfahren gegen sie eingeleitet. „Magyarorszag" erfahrt dazu, daß der Plan eines bewaffneten Einbruchs über die Grenzen eines Nachbarstaates von einigen Universitätshörern stammte. Eine Truppe Fanatiker tvar bereit, auf ein gegebenes Signal hin cmfzübrechen. Die Studenten wurden jedoch rechtzeitig beobachtet und fest genommen, noch ehe fie sich Waffen beschaffen konnten. Das Verhör mit den jungen Leuten wurde heute vormittags beendet. Die englische Raturalisationsvolitik. Der englische Innenminister S-r William Johnson Hicks «npsing den Direktor der IMzchen Telegraphen-Äyemur in London, Herrn Meer Groß mann, und sprach sich chm gegenüber in svlaenber Weise über seine PolitÄ in der Frage der Einwanderung und der Stawilifterung aus: ,M ist absurd, zu behaupten, daß ich bei der Naturalisierung Fremder einen Unterschied nach dem Glaubensbekenntnis Mache und absichtlich bte Naturalisation Fremder, die schon viele Jahre hier leiben, verzögere. Ich finde seiden Tag auf meinem Arbeitstisch eine Anzahl Naturalisationsakten, die ich zu unterzeichnen habe. Erst heute morgens unterschrieb ich 12 Naturalitätsge'uche; nach den Namen zu urteilen, sind 50 bis 60 Prozent dieser Ansuchenden Juden. Wir aber fragen niemals danach, ob die Ansuchenden Juden sind oder nicht. Wir untersuchen nur, ob der betreffende Fremde das Bestreben gezeigt hat, ein guter Bürger zu sein. Die Sache ist die, daß ein Fremder die Naturalisation nichtalS? e in Recht beanspruchen kann. Die britische Staatsbürgerschaft ist eine Gabe, die nicht fo leicht verliehen werden kann. Wr müssen fragen, ob der Anßuchende mit feinem ganzen Herzen Engländer geworden ift und sich mit den englischen Interessen identifiziert. Man sagt mir nach", setzte der Innenminister fort, ,^>aß ich oft kapriziös die Nakiralisation verweigere. Di« Statistik beweist, daß ich im vergangenen Jahve mchr Fremden die Bürgerschaft verliehen habe, als mein Vorgänger im dorausgogangenen Jahre. Im Jahre 1924, als ein Mitglied der Arbeiterpartei Innenminister war, wurden 936 Fremde naturalisiert. Im Jähre 1925 habe ich 1074 Fremden das Bürgerrecht verliehen. Ich befurchte", -sagte Sir William Joyniso» HickS, „baß die Beschränkung der Einwandemny noch viele Jahre wich bestehen müssen. Es kann von einer Annullierung dieser Beschränkung nicht die Rcke sein, da wir mehrals eine Million Arbeitslose zählen. Gegenwärtig sind im Lande etwa 273.000 Fremde registriert; alljährlich lassen wir eine beschränkte Anzahl Fremder ins Land, von denen mir wissen, Laß deren Hlen'ein dem Lande Nutzen bringt. Bei Untersuchung der Würdigkeit holen wir auch Rat vom Vertreter jener Viertel, in denen Juden in der Mehrheit sind. Mas die Teportativn betrifft, so kommt es verhältnismäßig selten vor, daß Ausweisungen erfolgen. Es wird nur derjenige deportiert, der sich gegen die Gesetze des Landes verging oder dessen Anwesenheit als zweifellos nicht erwürr'cht von nur angesehen wich. In gewissen Fallen sind wir überhaupt nicht in der Lage, die ausgesprochene Deportation zu verwirklichen, weil das Land, dem der Deportierte angchört, ihn nicht einlassen will. , Pie amerikanische Staatsbürgerschaft lür illegale Slnwanderer. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Washington, 4. April. In der geschlossenen Sitzung detz Einwanderungskomitees des amerikanischen Kongresses wurden zwei Verbesserungen zur Depoktati onsbill von außerordentlicher Bedeutung angenommen. Die Verbesserungen ermöglichen es Tausenden von Einwanderern, die auf illegalem Wetze ins Land kamen, in den Vereinigten Staaten als ständige Bürger zu verbleiben. Diese Novellierungen wurden vom jüdischen Deputierten New-Aorks Samuel Dickstein eingebracht. Eine Verbesserung bestimmt, daß Einwanderer, die vor dem 1. Juli 1924 nach den Vereinigten Staaten gekommen fiub, als legale Staatsbürger anznerknuen sind, W& Weng tzn EizvG Mt hexeKitzt UM. Dich. L»rMr Der Monsterprozeß gegen die FraukenMcher. Das Budapester Strafgericht hat gestern mit den Vorbereitungen für die Hauptverharrdlung im Frankenfälscherprozeß begonnen. Der Strafsenat des Kurialrichters Dr. T ö r e k y, dem die Frankenfälschevaffäre zugewicsen wurde, hat verfügt, daß alle übrigen dem Senat z u g e l e i l t e n B c r h a n b l it tt o c tt si stiert werden, um dem Senat die ungestörte Vorbereitung des Monsterprozesses gegen die Frankenfalscher zu ermöglichen. Für das gewaltige Interesse, das der Prozeß erweckt, ist es bezeichnend, daß gestern in den frühen Morgenstunden sich eine große Menschenmenge vor denr Gebäude des Strafgerichtes arrsammcltc, wn sich Eintrittskarten für die Hauptverhandlmrg zu sichern. Der genaue Termin der Hauptverhandlmrg wird nwrgen festgesetzt. Mesznros wus Rußland ausgeMetsen. Moskau, 6. April. Ter ungarische Professor M e szar öS, der am Turkologischen Kongreß in Baku teilnimmt, wird aus der Sowjetunion a u s g e w i e s e n werden, da er in die ungarische F a l s chmnuz e>ra f f ä r e v c r-w i ck e l t ist. wurde beschlossen unter der Bedingung, daß die Fremdes den moralischen und physischen Anforderungen, die das Jmmigrationsgesetz stellt, entsprechen werden. Die Fiveite Korrektur empfiehlt, daß das B e r b o t, Einwanderer, die schon fünf Jahre im Lande wohnen, zu deportieren, weiter in Kraft bleibt. Der frühere Wortlaut des Gesetzes ermöglichte den Behörden, alle Fremden, die ans illegalen: Wege eingewandert sind, auszuweisen. Dieses Gesetz hätte in dieser Fassung für die Familien, deren Kinder schon in den Vereinigten Staaten geboren wucken, rmäbseh- >bare Folgen. Diese Aenderungen des Deputierten Dickstem geben also fast allen Einwanderern die Möglichkeit, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erreichen, ohne sie zur Vorlage der Dokumente, auf Grund deren sie eingswandert sind, zu zwingen. Der Jnnnigrationsansschuß wird wahrscheinlich bald die Redaktion der Dcportationsbill beenden und sie mit den beschlossenen Korrekturen dem Kongreß vorlegen. Sie Wischen Anwanderer in Frankreich. Paris, 5; April. (I. T. A.) Herr Dylvain Lev i, Präsident der Alliance Jfraelite Universelle, führte den Borfitz in einer Versammlung, die zu dem Zwecke eiüberufen war, um für Schaffung von Erleichterungen für die emgewanderten Juden und für deren Naturalisation in Frankreich zu plai-> dieren. Der Großrabbiner Frankreichs, Herr Israel L e v i, führte als Redner aus, es werde eine Organisation geschaffen! werden, die die Naturalisation der fremden Inden in Frankreich speziell betreiben soll. Die Einwanderer werden gestützt und in der Kenntnis des Französischen unterwiesen werden- Louis Marshall spendet 50.000 Dollar sür den göiut-Drsve. New-Nork, 5. April. (I. T. A.) Herr Louis Mars ha ltl spendete sür die vereinigte Aktion des Joint Distribution Committee 50.000 Dollar. Die gleiche Summe spendete Benjamin Winter. Paul Baerw'ald gab für den gleichen Zweck 30.000 Dollar. _ stnrovareise von Samts 01. Rasender». New-Zork, 6. April. (I. T. A.) Bor kurzem begab sich der Vizepräsident des Joint Distribution Committee, Herr James N. Ros e n lb e r g, auf eine Reise nach Europa. Er wird mit den amtlichen Stellen in Rußland und Polen sowie mit den Leitern >des europäischen Werkes des Jowt Konferenzen äbhalten. Vor seiner Abreise hatte.Herr Rosenberg «ne Zusammenikun'ft mit tem Handelsmimster Hoov e r. Mr. Rosenberg berichtete über die Joint-Arbeit in Europa, msbescmde>> in Rußland und in Polen. Kongreß der Wische« Arbeiter. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 4. April. Der Kongreß der jüdische« Arbeiter >hat hier seine Beraktngen ausgenonmen. Es sind Delegierte aus 84 Städten der polnischen Republilk anwesend. An vesetz »egen den Antlsemiftsmns in Rußland. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitling".) Riga, 5. April. Wie die in Moslkcm erscheinende „Jewrejska Schysn" berichtet, bereitete die Sorchetregie^ rung einen besonderen Gesetzesvorschlag gegen den Antisemitisnms in Rußland vor. Das Strafrecht SowjetvuUands soll eine eigene Novelle erhalten, die jede antisemitische Propaganda strengstens bestraft. Es ist an alle Parteivorftände ein Zirkulär ergangen, das zum snevgischM Kampf mit dem immer erstarkenden Antiisemitismus arffrust. (Man nmß nur fragen, wie dieser Plan mit lden ständigen Verfolgungen der Zionisten in Rußland in Einklaua ,;u bringen *»t. Die Red.) i

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