Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2533 (12.3.1926)
- Date
- 1926-03-12
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Wien, Freitag Mener Oror-enzettung 12. Marz 1926 Nr. 2588 Volkswirt. Sie MSHung der öfterreichifchra SSlle. Bevorstehende Kündigung von Handelsverträgen. Tic Behandlung der Zolltarifuovclle soll derart beschleunigt werden, daß noch im Laufe des Frühjahrs alle die österreichische Wirtschaft schädigenden Z o l l v e r t r ä g e gekündigt und sofort aus Grund der neuen Zollpositionen in Handelsvertragsverhaudlungen mit den Nachbarstaaten cingetreten werden kann, lieber die Agrarzölle sind die Verhandlungen der Parteien und Interessenten schon sehr weit vorgeschritten, so daß nach Beseitigung der von den Sozialdemokraten erhobenen politischen Einwendungen die entsprechenden Vorlagen schon demnächst den Nationalrat beschäftigen werden. Die agrarischen Zollwünsche erstrecken sich auf die Neueinführung von Zöllen auf Milch, R ah m und Schlachtvieh und auf die Erhöhung der Zölle für Molke r e i p r o d u k t e, Zucht- und Nutzvieh, ferner auf Gefrierfleisch, Fleisch und Fettstoffe. Diese Zollpositionen werden von Nationalrat und Bundesrat beschlossen werden müssen. Anders steht cs bei den Jndnstriezöllen. Diese sollen gemäß einem Anträge Heinl und Genossen von der Regierung nach Anhörung des Hauptausschusses jeweils den Bedürfnissen der Wirtschaft angepaßt werden können. Es scheint, daß auch die Opposition der Regierung diese Ermächtigung erteilen wird unter der Voraussetzung, daß die geplante Erhöhung einer industriellen Zollposiiion in jedenl Falle vor das Plenum des Nationalrates kommen muß, wenn ein Drittel der Mitglieder des Hauptausschusses dies verlangt. Unter anderem ist die Erhöhung folgender industrieller Zollpositionen in Aussicht genommen: Stabeisen, Bleche, Draht, Blechwaren, Messerschmiedwaren, Baumwollgewebe, Garne, Wirkwaren aus Baumwolle, Leinen- und Hanfgewebe, D a m a st e, Jutegewebe, Wirkwaren aus Wolle, Kunstseide, Spielkarten, nahtlose Gummiwaren, grobe Zeug st off e, Lederhandschuhe, Holzwaren, künstliche Drechsler- und Schnitzwaren, Hohlglas, gepreßtes Glas, Spiegel- und Tafelglas, Ziegel und Platten, Steingutwaren. verschiedene Farben, Bleistifte, Glyzerin usw. Große österreichische AutomoöMSufe im Auslande. Wie. in finanziellen Kreisen verlautet, hat ein großes Wiener Textilunternehmen vor kurzem 120 Automobile bei einer französischen Firma g kauft. Dieser Kauf muß um so mehr auffallen, als bekanntlich die österreichische Automobilindustrie über schlechte Absatzverhältnisse klagt und sich in der letzten Zeit audie Serienfabrikation umg stellt hat, um billiger produzieren zu können. Es scheint aber, daß diese Umstellung nicht mit der nötigen ökonomischen Einsicht - durchgeführt wurde. Tatsächlich sind noch immer die österreichischen Automobile in vielen Fällen teurer als manchausländische Automobilmarken. In dem betreffenden Fall hat die Wiener Unternehmung Offerten bei sämtlichen österreichischen Automobilfabriken für Kleinwagen eingeholt. Diese Offerten waren aber teurer als französische Offerten, 'ür Automobile derselben Qualität, selbst wenn der Automobil- Zoll hinzugerechne: wird. Infolgedessen sah sich die Wiener Unternehmung g nötigt, sich die Automobile bei der ausländischen Gesellschaft zu verschaffen. Ae Aaleihepolitlt des aeweseae» Ministerpröstdealen Srabsti. Eine scharfe Verurteilung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung/') Warschau, 11. März. In der letzten Sitzung der Bndgetkommission erörterte der jüdische Abgeordnete.' Tr. Rosmarin in der Debatte über den Bericht des Referenten Dr. K u ch a r s k i über die Staatsschulden die Politik des gcw.scnen Ministerpräjidettleu Grabski. Insbesondere unterzog Abg. Rosmarin die Anleihcpalitik des frichereu Kabinetts einer scharfen Kritik, die seiner Ansicht nach nur ein Mensch mit bösem Willen betreiben konnte. Grabski habe die Anleihe mit dem Bankhaus von T i ll o n eigenmächtig, ohne jemanden etwas hiervon zu berichten, unter derartigen Beding,tilgen abge>chlossen, daß sie dem polnischen Wirtschastslben schweren Schaden beigebracht habe. In der Debatte beantragten mehrere Abgeordnet.', den Ministerpräsidenten Grabski dieser schädlichen Wirtschaftspolitik wagen in den Anklagezustand zu versetzen. Anläßlich der Debatte über dos Budget des Innenministeriums schilderte Abg. Rosmarin die Mängel des Verwaltungsapparats, der einen allzu großen Veamtenstab erhalte. Statt die Ausgaben zu vermiud rn, beantrage die Regierung die Vergrößerung der Ausgabepo-sten, ohne hierbei die gegenwärtige schlechte wirtschaftliche Lage des Landes in Betracht zu zihcn. Zur Illustration führt er an, daß beispielsweise im alten Oesterreich das Innenministerium 150 Beamte und 3 Scktionsckt ss, wogegen das polnische Innenministerium 336 Beamte, 2 Vizeminister und 6 Lektionschefs beschäftige. Es sei daher unbedingt notwendig, durch einen entsprechenden Beamtenaöbau eine Reduzierung des Budgets herbeizuführen. Die italienische Anleihe für Polen noch nicht gesichert. Der gewesene Haiudelsminister Ing. K l a r n e r ist aus ^Nalland zurückgekehrt, wo er mit der Banca Commercial: wegen Erteilung einer 10-Millionen-Dollaranlerhe st'ir Polen verhandelte. Die Verhandlungen führten noch zu keinen:, positiven Resultat und werden von dm polnischen Gesandten in Rom, K oz i c k i, fortgesetzt. Die Nordisch-Oesterreichische Bank umß ihr Palais räumen. Vor kurzem hatte das Zivillandesals Berufungsgericht über einen Kündigungsprozeß zu entscheiden, den der österreichische Bund es sch atz als Eigentümer des Hauses Seilerstätte 22 gegen die dort untergebracht gewesene zusammengebrochene Nordisch-OesterreichischeBank angestrengt hatte. Das Palais ist im Tauschweg an die „P atria" Grundbesitz und Verwertungsgesellschaft m. b. H., übergegangen,'die nun bestrebt ist, den bisherigen Mieter aus dem Hause hinauszubekommen, um es selbst in Benützung nehmen zu können. Durch Dr. Ernst L o e w hat die „Patria" gegen die Konkursmasse der Nordisch-Oesterreichischen Bank eine Klage auf Auslösung des von ihrem Vorgänger mit der Bank geschlossenen Mietvertrages und Räumung der Lokalitäten begehrt. Das Bezirksgericht Innere Stadt hat aber der Klage Folge gegeben, die Berufung wurde vom Zivillandesgericht unter Vorsitz des Hofrates Dr. Reg ins zurückgewiesen. Insolvenzen. Das Ausgleichsverfahren wurde eröffnet über: Strickerei- und Wirkwarenhandlung Olga Fischer, 9. Bez., Alserstraße 26; Hinde Nachhauser, Parfumerie- und Seifengeschäft, 17. Bez., Ottakringerstratze 80; Karl Auerbach, Elektrotechniker, 2. Bez., Wohlmuthstraße 19; Natalie Bugarsky, Private, 13. Bez., Feitingergasse 16; Berlassenschaft des Josef Ennsthaler, gewesener Schuhwarenhändler, Krems; Waldviertler Quqrzsandwerke G. m. b. H. in Allentsteig; Julius Mitschkr Händler in Pcrsenbetlg, Franz I ü r l i n g e r, Kaufmann h Eggenburg; Hans Fraß, Kaufmann in Böslau. Generalversammlungen von Pctroleumgesellschaftrn. Dü galizische Naphtha-Aktiengesellschaft G a l i c i a beruft ihre Generalversammlung für den 26. März rmch Lemberg ein; die Aktiengesellschaft Naphtha für den 27. März ebenfalls nach L e m b e r g. Bei der G a l i c i a soll die Eröffnungsbilanz in Zloty und die Festsetzung der Höhe des Aktienkapitals genehmigt werden. Die Ermäßigung der rumänischen Ausfuhrzölle in Wirksamkeit getreten. Wie uns aus Bukarest gemeldet wird, hat der Ministerrat die von uns bereits gemeldete Ermäßigung der Ausfuhrzölle für Getreide, Nahrungsmittel, Holz- und Petroleumprodukte genehmigt. Die letzte Ausgabe des „Monitorul official" kündigt bereits diese Ermäßigung offiziell an. Durch eine Anlveisung an die Zollbehörden ist sie auch schon in Kraft getreten. Abwartende Haltung der jugoslawischen Mühlen. Aus Belgrad wird geschrieben: Die meisten Mühlen in Jugoslawien haben ihren Betrieb eingestellt. Trotz des Weizenkrachs in Chikago wollen dci Eigner in der Woiwodina keinen Weizen abgeben. Ihre Denkweise ist auf drei Dinar fürs Kilogramm'' eingestellt, während die Käufer sehr zurückhaltend, unter 2,80 Dinar entbieten. Tie großen Weizenverschiffungen aus Argentinien mid Kanada nach Europa drücken auf den Weltmarkt. Die Mühlen warten, bis die Frühjahrssonne scheint und die Weizensaat sich in ihrer vollen Pracht zeigt. Die Mühlen hoffen, daß sich das Mehlgeschäft sehr bald, beleben werde. Die Mehlvorräte lichten sich überall. Aber der Absatz allein genügt den Mühlen nicht. Sie müssen zumindest den einfachen Mahllohn herausholen. Die Mühlen in der Woiwodina, die zum Viktoria- und zum Concordiakonzern gehören, werden wohl längere Zeit stillstehen. Trotzdem wird kein Mangel' an Mehl wahrnehmbar werden. Aus der Lodzer Textilindustrie. Zwischen der Lodzer A.-G. für V a u m w o l l w a r e n L. Geyer und der British Eastern Marchants Corporation ist dieser Tage ein Vertrag zustandegelommen, wonach die englische Firma 10 Prozent der Jahresproduktion der A.-G. Geyer für zwei Millionen Dollar erwirbt. Die Bezahlung erfolgt gleichzeitig mit der Lieferung der Ware. Ten Verkauf der von der A.-G. Geyer zu liefernden Erzeugnisse, die zu einem bedeutenden Teil für den Export bestimmt sind, hat die englische Gesellschaft den Lodzer Großhandelsfirmen Gebr. Herman und Ch. L. Lipnowski übertragen. Im Laufe des Jänner d. I. wurden aus Lodz Textilwaren für 2.0 Millionen Zloty attsgeführt, davon gefärbte Baumwollwaren für 2,2 Millionen Zloty. Die Zollrückerstattung für ausländische Farbstoffe betrug rund 50.000 Zloty. Unter den Abnehmern stand an erster Stelle Rumänien mit nahezu einer Million Zloty; es folgen Rußland mit 790.000 Zloty, Südamerika mit 838.000 Zloty, sodann China, die Türkei, England, Lettland und Danzig. Geringe Bewegung auf den Devisenmärkten. Im Gegensatz an ven lebten Tagen war auf den internationalen Devbeaplätzen ein äußerst gerin es Geschäft u verzeichnen Nach den letzten Steigetunaen war der französi'che Franken wieder flau. Die Devi e Paris senkte sich in .'Zürich von 19.— auf 18.85. — Ungleichmäßig war der Zloty; wä rend er in Prag una Berlin rurückaing. blreb er in Wien unverändert. Für den Dollar wurden 7.70 bis 7.8tl Z'oty bezahlt. - Die notdischen Devisen Oslo und Kopenhagen zooen wieder, an. — Bukarewar wieder rückgängig. Ter Leu senkte sich in Zürich von 2.21 auf 2.20. Wiener Proöudtenbörfe. Nach flauem Beginn erhöhten sich in Cdik.'go owohl die Weuevals auch die Ma'svreist auf gesteigerte Nachfrage far den Exvort. Am Wiener Platz blieb W e i z e n u n v e r ä tt d e r t, M a t 8 lag r u i g e r. während Roggen und Hafer gering umgesetzt wurden. ES notierten inklusive der Wgrenumfatzsteuer ex Zoll pro 100 Kilogramm Weizen: Inländischer 10.— bis 40.50. Ungarischer Theiß 79/80 Kilogramm 42 50 b s 45.50 Ungarischer 41.— bis 44.—, Jugoslawischer 76 Kilogramm —.— bis —. ~ Iugoilavischer 77/78 Kilogramm —bis — —. Roggen: Inländischer Marchfelder 26 75 bis 27.25. Pester Boden 25.25 bis 25.75. Gerste Brauware inländische 31.— bis 35. - böhmische mährische —.— bis —. Ma ' s: Iugo- 'lstoischer 20 — bis 21.— K i n q u a n t i n neu 30.— bis 31 — Harer Inländischer 27.50 bis 28.50 R e i S: Italienischer 78.— bis 80.- Burma 62.— bis 63-. Mahlprodukte Treuderl. (3) Eine Erzählung von Leopold Stomptot. Es tvar ein leicht verzeihlicher Irrtum jenes Herzens, dem diese Zeilen entsprangen, daß cs in diesem Briefe Worte und Ansichten im Namen einer Menge aussprach, die nicht die ihrigen waren. Handwerker wolle man haben in der Gemeinde, hieß es von allen Seiten, denn zuletzt habe das „Dorfgehen" doch auch keinen rechten Grund mehr. Der Kaufmann in den Städten gebe die Ware schon so billig, daß es ein Spott auf den gesunden Menschenverstand wäre, wenn der „gemeine Dänin" nicht lieber zu Hause bleibe und ein Handwerk Vorzüge, ^das ihm „Nahrung bringt". Wozu aber ein Jude einen Dachstuhl zu besteigen brauche? Oder einen Blitzableiter zu betätigen? Ob man dadurch vom Einschlagen des Donners bewahrwerde? Solcher Fragen, die häufig mit einem mitleidigen Lächeln auf Emanuel verbunden waren, erschollen von vielen Letten. Namentlich von den Frauen in der Gaffe erfolgte gar dnterer und heftiger Widerspruch. Wenn man nicht wüßte, hieß es, daß der Doktor selbst der Schn eines armen Dorfgehers svl. man müßte meinen, er wolle nur darum aus den Kindern Professtor.isten machen, damit sie nicht „Dorsgrher" würden w'.e setn Vater und dem gleichsam ins .Handwerk eingriffen! Zugrben würde das keine jüdische Mutter, ihr Kind wie eine Katze auf den höchsten Dächern herumgehend zu erblicken — und doch lvaret^das dieselben Stimmen, die tagelang in Fwst und Hitze, im Schneegestöber und sengenden Sonnenbrand auf den Markten ihr kupte, kupte laczinyi (kauft, kauft wohlfeil) schrren! Wenn der Doktor durch diesen woylgeziellen Widerstand entmutigt, die von ihm für so heilig angesehene Sache hätte fallen lassen, wen konnte dies in Staunen setzen? Man ist eher geneigt, der bleiernen Roheit des Bovurteils sich entgcg.i.zusetzen und Schritt für Schritt des gewonnenen Erdreiches abzuringen; aber es ist ein kühnes Wagnis, dort kämpfen zu wollen, wo es, wie es hier geschah, die weichen Tone des Gemütes sprechen. Aber Na'uven, die einen so harten Kampf drtrchqerungen. wie ihn uns Emanuels Tat dargetan, bringen als Siegesbeute ge-wühnlich eine gewisse Herbheit davon, die gerade gegen die Forderungen des Gemütes am eru schic densterr auftritt. Sie wissen es aus Erfahrung, daß man vor d:csen Sirenenklängen wie jener irrende König die Ohren verschließen müffe. Der Doktor verlor nicht den Mut seiner stark gewordenen Seele; er war es sich bewußt, daß die Leute nur insofern in ihrem Rechte waren, als sie sich für eine Sache nicht begeistern konnten, die wie ein Baum im Walde, fruchtruch tatlos dastand. Erst lange Jahre mußten dahingehen, ehe die Verwirklichung einer JÄee lebendig und fruchttragend vor ihren Augen in rüstigen, arbeitgekräfkigkn Handwerkern sich darstellte. Trotz des geringen Eifers für sein Wollen und Wirken verlor Emanuel den Glauben an die bessere Zukunft nicht! Der erste Knabe, um den der neugegründete Handwerker- Verein seine schirmenden Arme legte, war das Kind eines armen „Dorfgehers", dessen Leoben unter Mühe, Kummer und Drangsal erst kürzlich geendet. Es war eben unser Schlossermeister. So hatten die Leute also doch recht, wenn sie den Doktor der „Parteilichkeit und des Brotneides" anklagten, da er ein Kind der Gasse dem Berufe entriß, den sein eigener Vater seit so vielen Jahren ausübte!? Das Kind sollte nach der ersten Anregung Emanuels ein Zimmermann werden. Dagegen erhob sich aber von allen Seiten ein wohlorganisierter Widerstand. Weil das Kind ein Waisenkind sei, das keinen Mlter und Mutter habe, sprach man hier und dort, glaube man, alles könrtte aus ihm gemacht werden. Aber um Gottes des Lebendigen willen, so etwas solle man lassen und die Gemeinde dadurch nicht versündigen, so etwas könne zu gar nichts Gutem führen. Ob man das bei dem toten Vater jenes Kindes verantworten könne, wenn dieses einen Fchltritt auf einem steilen Dache machte und in die schwindelnde Tiefe hinabstürzre? Oder wenn es durch einen Balken erschlagen würde? Ob man an den Beispielen, die tagtäglich vorfielen, nicht genug hatte? Um Gottes des Allmächtigen willen solle man keine Neuerung anfangen; sie werde sich fürchterlich rächen und das an ganz utijgulttjpi ftuftag* tat schrittweise konnte es Emanuel über sich gewinnen, diesen immer lauter werdenden Klagen zu tveichen; er war es endlich zufrieden, daß der Handwerkerverein seinen Schützling —. zu einem Schlosser machen wollte. Die Wahl dieses Handwerkes traf nicht mehr aus so heftige Gegenstimmen, trotzdem man sich nicht überreden konnte, was denn ein Schlosser in der Gasse solle? Ob man etwa glaube, daß ein jüdischer Schlosser von den zerbrochenen Schlüsseln und Schlössern der Gemeinde leben könne? Dennoch klagte man nicht über Versündigung an Gott, und das war den Miigsiedern des Vereins genug; denn ihre Seelen waren ob des wirren Geschreies der sie anklagenden Frauen wirklich schon zaghaft g«vorden. Emanuel erfuhr es bald, welche Mächte einem einmal aufgerüttelten Vorurteil zur Seite stehen. Als man den Knaben bei einem der Schlossermeister im Orte in die Lehre verdingen wollte, wurde der Verein mit verletzender Grobheit zurückgewiesen. Es war nie erhört worden, daß ein Knabe au§ der „Gaffe" dieses Handwerk erlernt — und dazu noch dir. fcofe bieten! Ihn die Kunstgriffe und das Handwerk lehren und sich so an seinem eigenen Vorteil kürzen! Am Handel habe man nicht genug, jetzt solle auch die Profession daran. So erging es dem Verein bei drei, vier Meistern, bis sich ein fünfter fand, der aus „M'n leiden" und weil er den Vater des Kindes sehr gut gekannt, ihm die Lehr- und Wevkstätte auftat. Aber schon nach einer Woche wurde der Knabe mit der Weisung entlassen: ,Hie Zunft" sei dagegen, der „Zechmeister" habe in ihrem Namen feierlich gegen die Aufnahme des Kindes protestiert; es müffe ihn nur wundern, daß man ihm selbst noch nicht die Fenster eingeschlagen. Auch bei den Mistern in der Nachbarschaft hatten die Bemühungen des Vereines keinen besseren Erfolg, und Emanuel mußte es sich schmerzvoll gestehen, daß der Weg. aus Vereinen heraus einen jüdischen Handwerkerstand zu gründen, ein verfehlter sei. Ms man dem einzelnen zugestanden. das schlug man entschieden den vielen ab, die gsleichsam als vre Vertreter des ganzen Volkes kamen... Gortsetzung folgt)