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Wiener Morgenzeitung · 1926-03-10 · Heft 2531 (10.3.1926) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2531 (10.3.1926)
Date
1926-03-10
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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(Seite 8 Wien, MWvoP Wseirrr Moearnzesk««« Serichtssaal. „Dar Ja-- des Bezirkes Favoriten. Bor dem Bezirksgericht Favoriten trat der Geschäftsführer eines Fleischhauerladens, Simon Wollner, gegen die 55jährige Frau Eva Z e l e n k a und zwei ihrer Tochter als Kläger auf. Die Klage war auf eine aufgeregte Szene znrückzufuhrcn, die sich in dem Geschäfte abspieltc. in dem Wollner tätig ist. Frau Zelenka besorgte dort einen Einkauf und und übergab ihr Kundenbuch dem Kassier, damit er die betreffende Eintragung vornehme, der cs Wollner überreichte. Darüber geriet die Frau in große Aufregung und schrie: „Der Sauzud hat i n mein Kunde n b u'ch nicht h i n e i n z u s ch r e i b e n!" Eine Balgerei war die Folge, wobei Wollner angeblich der Frau eine so heftige Ohrfeige versetzt haben soll, daß sie am rechten Ange verletzt wurde. Frau Zelenka behauptet, sie sei darum kurze Zeit später auf diesem Auge erblindet. Ob das richtig ist, wird erst von dem Zivilgericht gelegentlich eines Schadenersatzprozesses festgestellt werden. Tattache aber ist, dag sich die Töchter der Frau Zelenka in die Wohnung Wollners begaben, wo nur dessen Gattin und seine 15jährige Tochter anwesend war und dort aus Rache erzählten, daß Wollner ein Verhältnis unterhalte, Vater eines außerehelichen Kindes sei und Mimente zahlen müsse, was vollständig erfunden war. In der Verhandlung erklärte die angeklagte Frau Zelenka vor dem Bezirksrichter Dr. Mülle r, die Ohrfeige, die sie von Wollner erhallen habe, sei so heftig gewesen, daß sic sogleich zum Arzt mußte und nach acht Tagen erblindete. Klagcvertreter Dr. Karl Neumann: „Das ist ein Unsinn, Ihre Erblindung hat ganz andere Ursachen." Die Angeklagte erklärte zu ihrer Verantwortung, sie habe nur von einem angeblichen Verhältnis gesprochen und meinte schnippisch: „Dabei bin ich nicht gewesen." Richter: „Warum haben Sie die Beschimpfung „Saujud" gebraucht?" Angeklagte: „Das ist in der Erregung geschchen. Herr Wollncr wird bei uns allgemein „Der Iud" genannt. Das ist doch keine Beleidigung." Kläger (erregt): „Herr Richter, cs ist nicht wahr, daß man mich allgemein „den Juden" nennt. Ich schäme mich zwar meines Judentums nicht, aber ich habe das Recht, ebenso lvie die andern, auch selbst als „Herr W o l l n e r" angesprochen zu werden. Die einvernonnnenen Zeugen bestätigen die Darstellung Wollners und sagten, es sei nicht richtig, daß er „der Jud" genannt wird. Der Richter sah in der fälschlichen Behauptung, daß der Kläger außereheliche Beziehungen unterhalte, eine Ehrenbeleidigung, die geeignet sei, das Familienleben zu zerstören und verurteilte Frau Zelenka zu acht Schilling Geldstrafe, die Töchter zu je zwölf Schilling Geldstrafe. Darf ein Zahntechniker Rezepte schrechen? Auf Grund einer von der Bereinigung der Zahnärzte erstatteten Anzeige hatte sich gestern beim SttaisbLzirksgevichte 1 der Zahntechniker Maximilian P. wegen Kurpfuscherei zu verantworten. Nach Inhalt der Anzeige hatte der Beschuldigte vor mehreren Mona:en einer Dame, die sich bei ihm über gwße Zahnschmerzen beklagt hatte, auf seiner Gesch äst s'kar t e ein schmerzstillendes Heilmittel, nämlich Triqemin, in einer Dosierung von 0,25 Gramm verschrieben. Die Dame hatte sich das Trigemin in einer Apotheke geholt. Nach der Behauptung der Anzeige und nach einer Auskunft der kompetenten Magistratsabteilung soll Trigemin ein Heilmittel sein, welches in den Apotheken nur auf Grund eines vom Arzt ausgestellten Rezeptes ausgefolgt werden kann. Vor Gericht stellte der Zahntechniker jedes Verschulden im Sinne einer KurzHuscherei entschieden in Abrede. Er erklärte, daß Trigemin ein schmerzstillendes Mittel sei, welches sehr häufig in den Apotheken ohne Rezepr an jedermann abgegeben werde. Da er zur kritischen Zeit kein Trigemin in feinem Ate!-er vorrätig hatte, habe er der Dame, die über heftige Zahnschmerzen klagte, geraten, sich 0.25 Gramm Trigemin in der Apotheke geben zu lassen und habe auf einer Gr s ch ä f Lska r: e ihr das Mittel auMschr-eb-'n. Diese Auszeichnung aus der Geschäftskarte sei keineswegs als ein Rezept anzusehen. Der als Sachverständiger vernommene Kommerzialrat Hla watsch stellte sich in seinem Gutachten ans den Standpunkt des Beschuldigten, weshalb der Rechter den Zahntechniker mangels jeden subjektiven und objektiven strafbaren Tatbestandes fteisprach. Uebrrdies war das Delikt verjährt. Treuderl. (1) Eine Erzählung von Leopold Kompert. Welch' freudige Schauer überfliegen uns, daß wir die Tat einer uns vielteuren Person von so beredten weiblichen Lippen schildern hören... rnöcht nur wissen," sagte Scholem nach einer Weile tiefer Ergriffenheit, ,-warum der Doktor sich nicht verheiraten will? Könnt' zehntausend und zw anzigtausend und noch mehr bekommen und bleibt ledig. Wie versteht man das?" „Das wissen wir Weiber besser wie du," entgeguete Mndol mit fast geheimnisvollem Tone. ,Marum? Er nimmt vielleicht 'deine Tochter nicht und bare zehntausend Gulden dazu?" rief lachend der Ehemann. „Und wenn du ihm eine Million auWhlst, auch nicht!" versetzte Mindel ebenso geheimnisvoll, „unsere Tochter nimmt er nicht, aber auch keine andere." „Damit bist du getröstet," meinte Scholem, ,solle Weiber gleichen sich doch ans ein Haar. Krieg' ich ihn nicht, denken sie, so soll ihn auch keine andere bekommen. Da drin steckt die ganze Weisheit von so einem Weiberkopf. Meinst >du, wenn man mit chm ein gut Worte! redet, er wird mit dom Kopf schütteln?" „Steck du mir den Finger in den Mund, wie einem Kind, ob es beißen kann," sagte Mindel bitterböse, „es ist genug geredt worden." „Also doch?" lachte Scholem. ,Mets verschweigen die Weiber, wenn man zu ihnen min sagt; dangen lhängen sie sich dis große Trommel um, wenn sie nur auf tausend Schritte wett es einem ansehen, daß er ja sagen wird." „Geh, geh," meinte Mindel verdrießlich, ,/hört man dich reden, so weiß man nicht, daß dir eine zwanzigjährige Tochter un Hause herumgcht." „Sorgst du nicht vielleicht, wie du für sie und ihre zehntausend Gülden einen Mann bekommst?" rief lustig Scholem. „Ich wüßt' dir einen, und der greift zu mit 'beiden Händen. Wenn du zum Fenster hinansguckst, so lhast du ihn gerade vor dir tzetzeu," Loliswitt. Re Ratlonalbank im Krlseuiahre 1921. Reingewinn 19 Millionen Schilling. — Die Eskomptezinsen gegenüber 1924 um 50 Prozent geringer. Gestern wurde der Geschäftsbericht ver Oesterrttchischen Nationalbank, welcher der am 16. d. stattfindeiiden Generalversammlmrg vorgelegt werden soll, veröffentlicht. In dem Geschäftsberichte wird ausführlich die Wirtschaftslage Oesterreichs im vergangenen Jahre besprochen. Unter ander:m wird darauf verwies:«, daß die Oesterreichische Nationalbank im Juli des Vorjahres gegen die damals in ihren Anfängen befindliche Haust.' durch eine „Ermntiation ihres Präsidenten eingegriffcn und auch deswegen die im Inter:ste einer Erleichterung der Produktiorisbedingungen in Aussicht genommene Ermäßigung der Bankrate auf einige Zeit vertagt habe". Es wird ausführlich auf die Erleichterung im Devisenhandcl und die anderen Maßnahmen, wie die variable Feststellung des Dollarkurses verwiesen und des starken Aufluffes der auswärtigen Guthaben Erwähnung getan. Die Bank schloßt mit einem Reingewinn von 18,803.861 Schilling. Die Bruttocrträgnisse belaufen sich auf 55,217.982 Schilling. Davon machen die Erträgnisse aus dem Valuten- und Devisengeschäfte allein 35 Millionen aus. In den Erläuterungen wird erklärt, daß von dieser Summe zirka 96 Prozent auf reine Zinsenerträgniste aus dieser Post fallen. Die Erträgnisse aus den Provisionen haben sich sehr vermindert. Aus dem reinen Eskompteg.schLft resultierte ein Betrag von 12 Millionen Schilling. Dies sind nur 48,8 Prozent der analogen Ziffer des Vorjahres. In dein erhebliche,t Mind:rertrag des Eskomptegeschäftes kommt zum Ausdruck, daß nicht nur der durchschnittliche Stand des Wechs:lportefeuilles, sondern auch die durchschntttliche Laufzeit der Wechsel und der durchschnittliche Bankzinsfuß erheblich niedriger als im Vorjahre waren. Eine Zunahme wnsen die Erträgnisse der Effekten auf, welche zum Zwecke der Veranlagung der Pensionsreserven angeschafft wurden. Di: Steigerung aus diesem Posten beträgt 265.000 Schilling. Es wird die Verteilung einer Dividende von 10,5 Prozent vorgeschlagen wevden. Baloristerung der alMerreWschen Postsparlaffenemlasen in ver Tschechoslowakei. 100 Friedenskronen — 100 tschechische Kronen. Aus Prag wird uns gemLet: Wie die „Prager Presse" berichtet, Hai der Abgeordnet: Hans Wagner bezüglich der Liquidation der österreichischen Postsparkasteneinlagen Jnformationsschritte bei den zuständigen Aemrern unternommen und in Erfahrung gebracht, daß die Liquidierung der Einlagen der Wiener Postsparkasse noch im heurigen Jahr: in Angriff genommen wird. Derzeit erfolgt im Postscheckamt in Prag die Liquidation der Budapester Postsparkasse, und zwar wird sie durchgeführ: hundert zu hund:rt, so daß der gesamte Nennbetrag der Sparbücher in der gleichen Summe tschechischer Kronen zur Auszahlung gelangt. Cs ist nach den Informationen bestimmt anzunehmen, daß dieses Verhältnis auch für die altösterreirhischen Postsparkasseneinlagen beibehalten wr Es können somit die Sparer von ehedem mit der Auszahlung d:s Nennbetrages ihrer Sparbücher rechnen und wäre schlechtesten Falles eine geringfügige prozentuelle Erniedrigung dieses Verhältnisses möglich. „Du meinst doch nicht Trenderl Schlosser?" ries Mindel entsetzt. „Narr, men Venn?" entgeguete Scholem, dem m -der Heiterkeit seiner Seele aller Schlaf vergangen war. „Ein schöner Jung' ift^er. Was fehlt ihm? Und hast du etwas anszusetzen an ihm? Ein Jüdenkind ist er und von den Schlechten und Flausenmachern einer, wo nichts hinten und nichts vorn steckt, ist er auch nicht. Dazu 'hat er zwei Hände, und wenn er die aufhöbt, hat er sein Auskommen, bester wie mancher Doktor." „Wer dich so reden hört, Scholem," erwiderte Mindel gereizt, ,pmöcht' nicht glauben, du bist Schalem Brandeis, -der reiche Mann, der an Almosen in einer Woch' mähr ausgibt als ein anderer in einem ganzen Monat einnimmt. Der letzte Schulklopfer könnt' auch nicht anders reden." ,Mn schöner Jung' ist er, und sein Auskommen lhai er auch." wiederholte Scholem seinem Weibe wie zum Trotz. Mindel hielt es nicht der Mühe wert, auf diese /-widersinnigen Reden" ihres Mannes eines Weiteren einzugehen; sie stellte sich an, als ob sie schliefe, und Scholem hatte dies kaum an ihrem Schweigen bemerkt, als er trotz des lärmenden Hämmerns den wirklichen Schlaf nicht mehr lbewältigen konnte. Drin in der Nobenstübe konnten sich indes zwei andere Augen lange nicht schließen. Am offenen Fenster, das der Schlosserwerkstätte gerade gegenüber lag, stand im Nachtkleid eine schlanke, weibliche Gestalt, die hatte die Reden der ibei-den Eheleute vollständig vernommen. Als die Sprache aus den Schloster gekommen war, den Scholem mit dem Prädikate eines „schönen Jungen" bezeichnete, be-deckten sich ihre Wangen mit einer so hohen Glut, daß, hätte man das feurige Eisen, -dem der Schloster um diesen Augenblick auf dem Ambosse die Form g<rb, dagegen 'halten können, der Zweifel rcge geworden wäre, wo da ein Unterschied zu finden sei? * Das Hämmern in >der Werkstätte. dauerte noch in die späte Nacht hinein, 'bis es endlich schwieg. Erst jetzt, wo man wieder „fein eigen Wort" vernimmt, wie die wackere Frau Mindel in solchen Augenblicken zu sagen «pflegte, können wir Agz auch MMex Wicht enMtzen, Wd Mer all das Gesagte _10: März 1926_ Sine eigene »entettfaliffe nn der Wiener Sülle. Die Wiener Börsenkammer hat wieder, wie vor dein Krieg, eine eigene Rcntenkulissc cingesührt. Die Ursache zn dieser Maßnahme siegt in den Vorgängen ans Sem Anlagemarkt in der Vorwoch:, die bekanntlich znr Auflösung einer Kulisse führten, in weicher die Dorkriegspsandbriefe und -Renten gehandelt wurden. Da von den Börsenhändlern gegen diese Maßnahme entschiedener Widerspruch eingelegt wurde und auch die Börscnkammtt selbst einsah, daß eine Regelung gctrcoffc.it werden müsse, wurde nunmchr die Einführung der Ren'enkulisse beschlossen. Die Kundmachung hat folgenden Wortlaut: Die Wiener Börsenkammer gibt bekannt, .daß ab 9 März 1926 als Standort der R e n t e n I u 4 i s sid i nt Bors» nsaale der Platz hinter dem Schranken — Eae Shrse^ gasse-Börscplatz, bestimmt ist. Diese Kulisse umfaßt den Handel in 4% Mairente, 4% Julirente, 4,2% Fcbrnarreruc, 4,2% Aprilrcnte, 4%% Oestcrr. Schatzscheine Em. 1914 (Verl, bis 1. April ’ 1929), 4% Oesterr. GoDrente, 4% Oesterr. Kronenrente (März- September), 4% Oesterr. Kroneinrente (Inn!-Dezember), 3%% Oesterr. Jnvcstitionsrente. Ferner: 4% Ungar. Rente v. I. 1910 und 3Vs% Ungar. Jnvcstitionsrente. Geplante Kredittlcuiemngen au die Gelverbetrewenden bei« Dorotheum. Bei der Generaldirektion des Torotheums sprach kürzlich eine Abordnung des Verbandes österreichischer Eisen- und Metallwarenprcduzenten unter der Führung des Präsidenten, «jkommerzialrates B. Buchwald, wegen Erleichterung der Kreditgewährung an bifc Gewerbetreibenden vor. In der Diskussion wurden auch einzelne Mängel der bisherigen Belehnung erwähnt und erklärt, daß gerade das Torocheum berufen erscheine, Gewerbetreibenden und kleineren Unternehmern billige Kredite zu gewähren. Seitens der G en e ra-ld i r ek t ion wurde, dieser Anregung entsprechend, erklärt, daß beabsichtigt sei, in der Banlkabteilung des Torotheums un:er Fühlungnahme mit anderen Geldinstituten eine Organisation für den geloerblichen Kredit zu schaffen. Die Mindesthöhe der Darlehen an Industrielle und Gewerbetreibende ist dabei mit 2 0 0 0 Schilling in Aussicht genommen. Deiters wurde zugesichert, daß bei kurzftistigen Belehnungen in berücksichtigungswüvdigen Einzelfällen die Zinsen tunlichst niedrig gehalten lvevden. Besserung des französischen Fvankenkurses. Jintervcntionskäufe der Banque de France brachten im Vereine mi: der ruhigeren politischen Lage dem Franken eine kräftige Erholung. Die Devise Paris echöhte sich in Zürich auf 18,875 Men 18,512 vom Vortage. Auch aus den anderen Tevisenplätzon war e>in-r entsprechende Besserung zu verzeichnen. Leicht rückgängig war die Devise Bukarest in Zürich. Sie smkte sich von 2,225 auf 2,21, im Gegensatz zu Wien, wo fie eine leichte Erholung anfwies. Schwankend war auch die Haltung des Zloty. Der Dollar wurde mit 7,75 bis 7,85 Zloty gezahlt. Insolvenzen. Das Ausgleichsvevfahren wurde eröffnet über Sußmann Bernfel-d, Küchengerätehandel, 20. Bez., Wallensteinstraße 27; über Adolf und Irene Feldmann, Kaffeesieder, 5. Bez., Reinprechtsdorferstraße 33, und über Heinrich Schindler, Gastwirt, 18. Bez., Salmannsdorferstraße 92. Beginn der Getreideausfuhr aus Rumimien. Ende Februar standen stk die rumänische Getreideausfuhr rund 60.000 Waggon Weizen, 130.000 Waggon Mais und 2&000 Waggon Gerste bereit, deren Ausfuhr jedoch durch Transportschwierigkeiten gehemmt ist. Da auch die Donauschifs<chrt in den Wintermonaten eingestellt ist, kann erst im Mai mit einer Belebung der Ausfuhr gerechnet und Getane jene Andentunigen geben, deren Fäden uns sonst unter Ver Hand entrinnen würden. Wir täten irnserem Schlosser gar keinen Gefallen, wenn wir verschweigen wollten, daß er seinen Beinamen „Trenderl" eigentlich seinem Handwerke zu verdanken hatte. Trenderl ist nämlich die Bez>eichltung jenes schnurrenden Spielzeuges der Kinder, das fast unsterblich geworden ist und fest undenklichen Zeiten unter diesem Namen im Dichten und Trachten jedes kindliches Gemütes liegt. Wo ist das Kind, dessen lelbendigstes Wünschen nicht nach einem Trenderl ginge? Wir wissen es sehr gut, „Trenderl Schlosser" wird vor Freude noch einmal so kräftig, als er sonst Pflegt, ans den Amlboß schlagen, wenn er hört, daß wir keine Schm genommen, ihn allerwärts kenntlich zu machen; denn wenn er auch mit seinem Wanderibuch und seinem eigentlichen Nalinen Wolf Turuauer fast die «halbe Welt durchpilgerte, so dürfte man seinen eigentlichen Namen doch nur da kennen, wo er ihn vlnpfangen hat. Treuderl war, -was so viele in unserer ass-oziationslustigen Zeit sind, ldas 'Geschöpf eines Vereins; er war aus einer Filiale des Wiener Handwerkervereins hervorg-egangen, gewissermaßen also das Kind unsichtibarer Mächte, die von 'der Residenzstadt aus ihre väterlichen Arme nach ihn: cvusstreckten. Eines Tages flatterten nämlich, adressiert an den ,Mohllöblichen" Gemeindevorstand, einige Bogen ^bedruckten PcvPieves, „Statuten" genannt; neben angeschlossen lag ein Brief mit einem großen Siegel daran, und bedeckt mit 'den Unterschriften einiger 'bekannten Wiener Glaubensgenossen, und dieser Brief enchielt die Aufforderung, ibeiliegende Statuten einer iräheren Prüfung zn unterzielherl, und im Falle man sich von 'deren Anwendung auf die Genreinde ersprießliche Folgen verspreche, einen „Filiailverein" zu gründen, der sich dem großen in der Residenzstadt anzuschließen ha'be. In eindringlicher Sprache machten die trefflichen Wiener Herren auf die Bedeutung des Handwerkes in den Gonleinden aufmerksam, und wie man sich der Hoffnung hingebe, >daß man bei der Auswahl bn ,Professionen" namentlich solche in Betracht ziehen werde» die ihrer schwierigen Erlernung oder ihrer seltenen Ausübung wogen von den Glaulbensgenvsftn mehr oder weniger sMkcheut und gemieden würden. (Fortsetzung folgt.)

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