Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2526 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2828 _ Men, Freitag_ Sie öftmelchssche Polizei und das navoleonttche Sandedkin. Bon De. N. M. Gelber. HI. *) Kaiser Franz, informiert sich über den Eindruck des Tarchedring auf die österreichischen Juden. — v. Tumeraus Rundschreiben an die Landeschefs. — Spezielle „Jnvigilierun^ der Juden. — Herz Homberg im Dienste des österreichischen Hofes. Am 21. Oktober 1606 teilte der Chef der Polizeihofstelle, Freiherr v. S u m e r a u, dem Kaiser Franz dem Ersten mit, daß das Einladungsschreiben der Notabeln-versa.nmlung in Paris an ihre Glaubensgenossen in den übrigen Staaten Europas, das „von nichts geringerem als von einer gänzlichen Regeneration des jüdischen Volkes" spricht, schon öffentlich bekannt geworden sei. Napoleon habe scheinbar die Absicht, „im strengsten Sinne mit seinen übrigen Rollen auf dem Welttheater auch noch die Rolle eines Pseudo-Messias zu vereinigen". Auf diese Note verfügte der Käufer in einer Resolution vom 24. Oktober, erheben zu lassen, wie denn die Stimmung der österreichischen Judenschaft den Bestrebungen Napoleons gegenüber sei unö -relchen Eindruck der Judenlongreß in Paris und die Einberufung des Sanhedrin auf die österreichische Juden schaft gemacht hat. Ferner verfügte er, daß Maßnahmen getroffen werden, falls „die in meinen Erb-' landen wohnhaften Juden eine Bereitwilligkeit geäußert hätten, sich während des Sanhedrins zu Paris einzufinden". um ihnen das Reisen nach dem Ausland unmöglichzu machen. Eine erhöhte „Jnvigilierung" in den Erbländern und eine strengere Kontrolle der jüdischen Passanten, die sich nach dem Auslande begeben, sollte die Juden batmi hindern, den Sanhedrin aufzusuchen. Inzwischen hatte Sum e rau ein Schreiben an sämtliche Landeschefs erlaffen, in dem er sie auf die neuesten Entschlüsse des französischen Kaisers zur Einberufung eines Sanhedrins hinwies, das aus einem Obechmpte und 70 Mitgliedern nach der Verfassung, welche vor der Zerstörung des Tempels in Jerusalem bestand, gebildet, uui> der allerhöchste Richterstuhl über alle religiösen Angelegenheiten für die Inden in ganz Europa werden sollte. Schon eine oberflächlich? Beobachtung dieser Angelegenheit enthüllt nach Ansicht des Polizeichefs die politische Tendenz Napoleons; es sei daher notwendig, daß alle Staaten, in welchen Juden „zerstreut und durch Reichtum, Verbindungen, Schlauheit und Zusammenhang bedeutend sind", mit besonderem Augenmerk die kommenden Ereignisse verfolgen.Napoleon habe schon der Freimaurerei eine politische Richtung gegeben und aus den Mitgliedern dieses Ordens in einigen Staaten eine Art geheimer Polizei für seine Zwecke gebildet. Es scheine daher, daß er auch den Sanhedrin nur zu diesem Zwecke errichten will. Napoelon habe am 18. September die Notabeln verständigt, der gesamten Judenschaft Europas die Einberufung des Sanhedriys anzukündigen und sie aufzufordern, Delegierte nach Paris zu schicken. Da nun der Sanhedrin in der allernächsten Zeit eröffnet werden soll, habe der Kaiser „bei der großen Zahl von Juden, welche in den Evbstaaten leben, dem vorliegenden Gegenstand alle Aufmerksamkeit gewidmet, welche derselbe in so vielfachen Beziehungen verdient. Es sei daher Aufgabe der Landeschefs, kein Mittel der „Klugheit unbenützt .bleiben zu lassen, uim jedwede Verbindung der österreichischen Juden nrit der Pariser Notabelnversammüung zu verhindern. Vor allem wäre es angezeigt, die Korrespondenz bedeutender Juden überhaupt, besonders aber „solcher, welche durch höhere AMtur, Abweichung von der Orthüdoxie und Beruf sich auszeichnen, zu invigilieren". Man möge in diese geheime E i n s i ch t n e h m e n und jedwede Mitteilung, die irgend welchen Bezug auf diese Frage haben könnte, ihm zur Kenntnis bringen. Man müsse auch erforschen, ob wirklich einzelne österreichische Judensynagogen von der Notabelnversammlung Einladungen erhalten haben. Es ist daher klar, daß im bejahenden Falle denjenigen Personen, die sich zu diesem Zwecke ins Ausland zu begeben beabsichtigen (Rabbiner oder jüdische Notabeln), sowohl Paffe, als auch sonstige Mittel der „wirklichen Abreise" verweigert werden sollen. Ferner waren diese Personen vorzuladen, jedoch mit Schonung und unter Angabe eines anderen Anlasses zu belehren, daß es mit den Interessen des österreichischen Staates unvereinbar sei, an der Notabelnvevsammlung teilzunehmen, da die. Folge, „welche Annäherung in dieser Beziehung für ihn und vielleicht für sein Volk haben dürfte", nicht vorauszusehen sei. Im übrigen bleibt es der Klugheit und dem Diensteifer der Landeschefs, da sie die Lokal- und Perfanalverhältnisse viel bester kennen, belasten, das Nötige zu veranlassen. Allerdings verlange die Nähe des Termins der Einberufung des Sanhedr'ms schnelle Maßregeln, um gegebenenfalls die nötigen Gegenwirkungen auszulösen. Die Landeschefs haben daher sofort ihre Beobachtungen über die Wirkung der napoleonischen Judenpläne, „sowohl auf den rohen als besonders auf den gebildeten und. tonangebenden. Teil der Juden" mitzuteilen. Außerdem hatte der Außenminister Graf S t a d i o n sofort den österreichischen Botschafter in Paris, Metternich, beauftragt, zu erforschen, ob nicht ungeachtet der strengen Aufsicht im Innern und an den Grenzen der Monarchie dennoch einheimische Juden zu der Versammlung in Paris gekommen sind. Im bejahenden Falle waren die Namen sowie ihr österreichisches Kornizil zu erforschen und mitzuteilen. Inzwischen hatte Sumerau dem Grafen Stadion versichert. daß die Staatspolizei kein Mittel, welches in ihrer Hand liegt, unbenützt lassen wird, um mit Nachdruck allen Folgen borzubeugen, welche aus „jenem weit ausfehenden *) Siche „Wiener Morgenreitung" vom 17. und 31. Feliitai. _Wiener Moraemeitunq_ Plane Napoleons" hervorgrhen könnten. Er habe sich Vorbehalten, auf die führenden Männer der Wiener Judenschaft v. A r n st e i n und v. E s k e l e s persönlich einzuwirken. Ferner habe er auch die Absicht Herz Homberg, „auf was Art es sei, ganz für die Sache d:s Hofes zu gewinnen, damit er sowohl Nachrichten gebe" als im Sinne des Kaisers auf die Juden einwirke, zugleich aber müsse man ihn persönlich beobachten sowie seine Korrespondenz kontrollieren, da er. wenn auch für die gute Sache ganz, gewonnen, für jeden Teil invrgiliert werden müsse. Die Bearbeitung Hombergs, den Sumerau als geistreichen, aber geldarmen Menschen bezeichnet, wollte er persönlich nicht übernehmen, sondern übertrug es dem damaligen Wiener Polizeioberdirektor Hofrat v. Ley. Die Polizcihofstelle hatte ein besonderes Interesse, die Stimmungen der bedeutenden Wiener Juden kennen zu lernen. Zu diesem Zwecke richtete Sumerau zugleich mit seinem Rundschreiben ein spezielles Dekret an den früher erwähnten Hofrat Ley, in dem er aufgeford.rt wurde, einen Bericht über den Eindruck, „welchen die französischen Reformen sowohl auf bett altgläubigen als auch gebildeten und tonangebenden Teil" der Wiener Judenschaft gemacht habe. Diesem Bericht sollte auch eine nähere Charakteristik jener bedeutenden Juden be:geschloffen werden, die eine „begründete Vermutung wider sich haben", daß sie den französischen Projekten zustimmen und selbst eine Korrespondenz mit Paris oder anderen Städten in Deutschland führen. Insbesondere sei darauf zu achten, ob sie keine Verbindung mit dem Zentrum der deutschen Judenschaft in Braunschweig und dem dort lebenden Hofagenten I a k o b s o h n aufrecht halten. Ferner sei zu erfahren, ob denn wirklich von der Notabelnversammlung an die Wiener Judenschaft eine förmliche Einladung zur Abfindung eines Deputierten ergangen sei und w?s diesbezüglich beschossen wurde. Es sei auch selbstverständlich, daß keinem Wiener Juden eine Anwe'sung auf einen Reisepaß nach Frankreich zu ertnlen sei. Außerdem verfügte Sumerau. daß sämtliche Ueberfitzungen der an die Nötabelndersammlung gerichteten zwölf Fragen nach und n.'ch aufgekauft und vernichtet, eine zweite Auflage dagegen nicht gestattet werden solle AutiftmitisHie Demonstration bei einem Leichenbegiinqnis. tEigendienst der „Wiener Morgenzeitung.") Budapest, 1. März. Bei dem gestern stattgefundenen Leichenbegängnis des verstorbenen Universitälspwsissors Doktor Johann Barsony kam es;u einer Demonstration der rassenschützlerischen Hochschuljugend, die allgemein peinliches Aussehen erregt;. Professor B a r s o n h war „Generalissimus" des rasfinschützlerischen und irredentistischen Bundes „Habu" und har noch in den letzten Jahren die Studenten öffentlich zu Ausschreitungen gegen die jüdischen Studenten ausgehetzt. Beim Leichenbegängnis wurden zuerst dioffiziellen Nachrufe gehalten. Dann trat, gegen das Programm, der Führer des „Csaba-Bundes", Doktor Ladislaus Csik, an den Sarg, auf welchem der „Generalshelm" des „Csaba" lag, und hielt eine zündende R-'de, in der er unter anderem sagte: „Der Verblichene war der oberste Führer der zum Bewußtsein erwachten christlichen Studentenschaft. Er war der Wegweiser der christlichen Hochschuljugend, der die Worte, die Professor Barsony uns in der Aula zugerufen hat, unvergeßlich bleiben werden: „Jungens", ermahnte uns der Führer,' „verteidigt eure Recht;, duldet es nicht, daß Fremdlinge euch aus dem Erbe eurer Väter verdrängen! Lasset nicht ab vom Numerus clausus!" Mit zum Schwur erhobener Hand schloß Csik seine aufreizende Rede: „Wir geloben, daß wir vor den- Toren der Universität sichend das Gesetz des Numerus clausus verteidigen werden ..." Die Hetzrede hat selbst auf hie anwesenenden Professoren und offiziellen Persönlichkeiten den peinlichsten Eindruck geübt. Aus der Budapest« Gesellschaft. Aus Budapest wird gemeldet: Nachts wurde der Leiter eines rechtswisfinschastlichen Seminars mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein 'Spital gebracht. Der Gelehrte hatte für gestern abends eine Zusanlmenkunft mit dem homosexuell veranlagten PrivaHeamten Johann Wies er verabredet, dem er 1,5 Millionen Kronen für eine gemeir<am zu verbringende Nacht versprochen hatte. Wieser verlangte jedoch 3 Millionen, und als der Gelehrte sich weigerte, diese Summe zu bezahlen, stach ihn Wieser nach kurzem Wortwechsel mit seinem Taschenmesser nieder und verletzte ihn lebensgefährlich. Wieser wurde heute nachmittags auSgeforscht und verhaftet. 400.000 Marl veruntreut. Aus Berlin wird gemeldet: Das „Berliner Tageblatt" meldet aus München: Der hiesige Bankier Max Ketiler ist mit den gesamten Depots seiner Kunden ins Ausland geflüchtet. Er dürft; insgesamt etwa 800.000 bis 400.000 Mark veruntreut haben. Ueber das Geschäft, eine Jnflationsgründung vom Jahr« 1928, wurde der Konkurs verhängt. Sin Banllouto Kr Hunde. Bei einer Londoner Bank ist jetzt das erst Bankkonto für einen Hund errichtet worden. Es handelt sich um den in englischen Hundezüchterkreisen berühmten Airedaleterrier Aetverstone, der mit einer Einlage von L Pfund aus seinem Konto eine Sammlung für seine kranken Brüder, soweit sie armen Leuten g.hören. eröffnet hat. Der Hund geht mit einer Büchse um den Hals von Tür zu Tür, klingelt und sammelt Beträge. Für die Entge-genriahme d;r Bankquittungen und die Ausgabe von Schecks ist für Aolverstoue allerdings vorläufig noch die Mitwirkung seines Herrn, des Commender Dave np v r t. notwerrdig. Z. Mrz 1828 Sekte G KAISER-NERO Alles nennt mich einen Schlemmer! Ach, nun -jquält mich das Dilemma: Sagt man’s, weil ich gerne saufe, Oder gar auf laufe? Brand in der Pariser Aulomobllsadrik Srtroen. Aus Paris wird uns gem;ldet: In einem Gebäude der Citroen-Auwmobilfabrik auf dem Javel-Quai brach kürzlich ein großer Braud aus. Aus bisher noch unbekannter Ursache brach in d;r Lackierer«! im dritten Stockwerk eines der Gebäude ein Feuer aus, das in dem aufgestapelten Material reichliche Nahrung fand. Das Personal war zum Glück größtenteils abwesend; nur-15 Arbeiterinnen, die zurückgeblieben waren, wurden von den Flammen abgeschnitten und mußten 'über die Dächer hinweg gerettet werden. Ein Werkmeister wurde verletzt. Die Feuerwehr arbeitete rwch in den Nachtstunden eifrig an der Bewältigung des Brandes. Der Schaden, der durch die, Feuersbrunst verursacht wurde, wird aus eine Million Franken geschätzt. Drei Feuerwehrleute sind bei den Rettungsarbeiten erheblich verletzt worden. Alkechinr SimullanprovuNion 6e$ der Hakoah. Die gestern von der Hakoah-Schachfiltion im Saale der Cafe Attlon veranstaltete Simultanproduktion des russischen Schachmeisters Alexander Aljechin nahm einen hochinteressanten Verlauf. Aljechin stellte sich 31 Brettern. Die Teilnehmer, unter denen sich auch eine Dame befand, setzten sich aus allen führenden Wiener Amateurvereinen zusammen. Zahlreiches PubMum wohnte der Vorführung bei und spendete dem in glänzender Form befindlichen Meister lebhaften Beifall. Aljechin bewies durch seine rasche und elegante SpieMhrung, daß er auch zu den führenden Mistern der Simultanproduktion gehört. Die meisten Partien konnte er durch geistreiche OpferkombiNation zu Ende fuhren. Er zeigte auch, daß er im Stellungsspiel eine glänzende Klinge führt. Die gestrige Veranstaltung war für Teilnehmer und Zuschauer äußerst lehrreich und für den Mister gleichzeitig ein wertvolles Training für das am Somrtajg am Semmering im Hotel Panhans bannende große Turnier, für. das Aljechin hoher Favorit ist. Er wir dort bekannNch auch mit seinem Laitdsmann Bogoljubow, dem Sieger im Moskauer Turnier, Zusammentreffen. Bei Blattschluß hatte Aljechin 10 Partien gewonnen, «ine remisieri und eine aufgegebeu. Mn Men« Fest. Die Messewoche, die diesmal ein Jubiläum mü zahlreichen Empfängen und Festen bieten wird, soll einen besonders festlichen Ausgang finden. Die neugegründete FremdenverkchrÄommission für Wien und Niedewsterreich hat angeregt, daß der auf die Messe unmittelbar folgende Sonntag (14. März) zu einem befand cren Fest läge gestaltet werde» möge. Me Theaterwerden Festvorstellungen geben, ebenso die Kinos und anderen Vergnügungsstätten. An den wichtigsten Punkten der Stadt finden am Abend des 18. März und am Morgen des 14. März Festkonzerte der Kapellen des Bu-ndcsheeres statt. Alle Gast» und Kaffeehäuser werden dekoriert, die Geschäfte besonders glänzend öckeuchett werden. Der Eingang zum Prater wird festlich geschmückt sein. Alle Praterlokale geben Extravorstellungen. Das Rathaus wich wieder das feierliche Bild der Festbeleuchtung bitten, ebenso Wird der Hochstvahlbrunnen firne Künste Zeigen. _ z>« große Zirkusse» der Wie»« Silne» tfinftler. Mudrückr von der «enerakpwve. Theaterleute im Zirkus. Die Zuschauer habe» LampensiebeL Werden die, die auf den Brettern der Welt unsere Lieblinge geworden sind, auch in der Manege uns entzücken? Die Lichter klammen auf. die Generalprobe beginnt. Ehsler und Granichstaedten dirigieren persönlich aus ihren Werben. Und dann gcht de« Rummel los: Dora Kaiser und Max Neuseld beginnen mit einem Mpentawz, Frau Wohl gemuth führt dressierte Ponnys vor, Frau Marberg zeigt uns ein glänzendes Hundecheater, der Präsiden: des WhnenvsrerneL Ludwig Stärk führt sechs Trakehner Hengsbr vor. Unxr der Leitung des Opernbollctrmeisters Dubois zeigt sich ein gelungenes Amazonenballett, die beiden Solotänzerinnen Pfundmayer mfc "isch karikieren rinen Boxkampf bei dem Herr N emeth fthr ge-