Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1777 (26.1.1924)
- Date
- 1924-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer KiOOO W i e q; Zam Ahholen in der Expedition, 11Tabor 8tr. 1 -3, oder in einer Versehlcisstelle (Trafik) monatl. K 35.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I. Bez„ Wollzeile 11. Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 35.000 fs ch e c h o-S 1owa k e i: Mon. K 18. Insrosinwien: Mon. Dinar60. Polen: Mon. Österreich. Kronen 30.000. Dentflchl.: Mon. Goldmark 4.—, Frankr„ Relgien: Mon. Frcs. 12 Mi* NaeViialiluoyen 1HI bei Preiserhöhungen Vorbehalten ■BKpmmwMiiNRHRjvflnami 91t. 1777 teuer w TrAYq Märtyrerin WN Polen: poU.100-000 Italien: Monatl. 12 l.ire, Rumänien Mon. 130Lei, Bulgarien Mon. 80 Lewa, Schweiz nnd das übrige Ansland monatlich Frcs. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483.25-282 T el.» Adr.:„Morgenzeitnng" Wien Wim. Samstag. 26. Zäunet 1924 O esterreich isch es Postspat - kassen- Konto Nr. 150.693 6. Kaljrgang fff LW«!! I I i (Eigendienst der „Wiener Morgenzertnug") Aula«! der „Morning Paß" durch die Konservativen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) London, 25. Jänner. Der Parlameutsberichterstatter deS „Daily Expreß" schreibt, nach dem Tode Lenins und angesichts der Krankheit Trotzkys sei es notwendig festzuflellen, mit wem über die von der Arbeiterregierüng beabsichtigte Wiederanfnahnie der Beziehungen zu Rußland verhandelt werden solle. Es heiße, daß Premierminister Mac Donald eine Untersuchüngskommission nach Moskau entsenden werde. Er habe gestern die russische Frage mit den zuständigen Beamten des Foreign Office erörtert. O'Grady und Rakowskh hatten an dieser Untereduug teilgenommen. Nach den vorliegenden Berichten aus Moskau' wünsche die r u s s i s ch e R e g i e r n n g ein Einvernehmen mit Großbritannien und sei bereit, Lirkernessene Garantien ß geben. Mac Donald sei seinerseits entschlossen, Rußland keine schikanösen Bedingungen auszuerlegen. Nach einem weiteren Bericht des Korrespondenten habe Mae Donald bei seiner gestrigen Anwesenheit im Foreign Office auch die Frage der Reparationen, des Separatisums in der Pfalz und der Kölner Bahnen erörtert. Der Berichterstatter meint, in einiger Zeit werde eine internationale Konferenz einberufe« werden. Eine Konferenz in London. L o n d o n, 86. Jänner. Aas Beschluß des neuen Kabinetts wird die Anerkennung Rußlands vorbereitet. Zwei Vertreter der Regierung werden sich demnächst nach Moskau begeben, worauf dann später eine formelle Konferenz mit russischen Ministern in London stattfinden wird. Dabei wird ausdrücklich *chon jetzt erklärt, daß die britischen Forderungen gegen Rußland und ebenso später die russischen Forderungen gegen England geregelt werden sollen. Krnsfln - Botschafter in England. London, 25. Jänner. Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, ist Krassin zum russischen Botschafter in London anser'ehen. DWoumtenempsang bei Mac Donald. London, 25. Jänner. Mac Donald empsing heute nachmittags nacheinander die diplomatischen Vertreter Deutschlands, Frankreichs, Italiens, der Vereinigten Staaten, Spaniens, Belgiens, Brasiliens und Japans. Die Vertreter der anderen Staaten werden Montag empfangen werden. London/ 25. Jänner. Die .„Movning Polst" wurde von .konservativer Seitze für einen großen Betrag gekauft. Entscheidend für den Kaufabschluß ist die politische Niederlage der Konserva tiven, die jetzt versuchen-wollen, die breiten Massen für sich zu gewinnen. Die „Mvrnmg Pc.ft" soll aus einem Aristokratenblatt zu r-insm Boulevardblatt umgeiVandett werden. Meffingham geht nicht nach Deutschland. 8 o n d o n, 25. Jänner. M e s s i n g h a m dementiert die Berliner Meldung, wonach er zum .englischen Botschafter beim D e u t s ch e n R e i ch ausersehen sei. Skobelew am Paris Mernfen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 25. Jänner. Der seit zwei Jahren in nicht offizieller Eigenschaft in Paris tätige Herr ß X o b e l e w, der: das Interesse ruffMer Firmen in Frankreich vertrat, vmrtze,Wmz WMrMschen Regierung angewieseu, Pahis zu verlasseß. Die russische Regierung hatte die Tätigkeit Sköbekews in Frankreich geduldet, weil sie annahm, daß sie daraus normale Handelsbeziehungen zwischen Frankreich und Rußland entwickeln würden. Bei einem Prozeß, den ein Franzose wegen irgendwelcher Schaden, die er in Rußland erlitten hatte, angestrengt hatte, entschied. das französische Gericht, daß die russisch« Vertretung, die Skobelew repräsentierte, nicht die Vorrechte der Handelsvertretungen genieße. Die russische Regierung erklärte nunmehr, daß Skobelew unter diesen Voraussetzungen in Frankreich nicht bleiben könne. Die Angelegenheit hat natürlich einen politischen Hintergrund. Die ruffische Regierung erklärt, sie habe kerne Ursache, ihre Staatsangehörigen unter ungünstigeren Bedingungen behandeln zu lassen, als die der anderen Staaten, und erwartet, daß Frankreich die normalen Handelsbeziehungen ausnimmt, wenn es ein Interesse daran hat. Inzwischen sind sämtliche in Frankreich abgeschlossenen Kontrakte russischer Staatsangehöriger aufgelost'worden Skobelew begibt sich nach London, und alle französischen Kanfleute, die beabsichtigen, russischen Firmen Angebote zu machen, wurden aufgesordert, sich an die russische Vertretung nach London oder Berlin zu wenden. Die Täter entksinmen. Berlin, 25. Jänncr. (Tel. der „Wiener Morge.n- "zeitüng".) Gestern abends wurde der Separatistenführer Schlich aus Bell zwischen Nieder- und Obermendis erschossen. Er ist von acht Kugeln getroffen worden. Schlich war gerade von einer separatistischen Propagandareise heimgekehrt. Die Täter sind entkommen. Der Ermordete war Anführer der hiesigen Separatisten und fungierte als Landrat des Kreises Mayen, als welcher er für sieben Trillionen Mark Geldscheine drucken ließ, die unter dem Namen „Schlich-Geld" bekannt Wurden. Neuer Separatistenterror. Ueber Speyer wurde von der französischen Besatzuugsbehörde erneuert die Briefzensur verhängt. Alle ein- und auslaufende' Post wird kontrolliert und die T e l e p h o n g e s p r 8 ch e werden von den Separatisten überwacht. Das Postamt in Kassel hat von den Separatisten Befehl erhallen, alle einla« senden behördlichen Schreiben den Separatisten vorzulegen. Außerdem haben die Separatisten sämtliche Zeitungen auf drei Tage verboten, weil sie in einem Flugblatt Einspruch gegen die Eingriffe der sogenannten autonomen Regierung in die Preßfreiheit erhoben haben. Keine Verlängerung der deutschen tzrmächtigungsgesetzes. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 25. Jänner. Wie die Blätter aus parlamentarischen Kreisen erfahren, ist eine Verlängerung des Ermächtigungsges etzes, das am 15. Februar seine Gültigkeit verliert, nicht geplant, da dies von der Ncichsregierung nicht für notwendig gehalten werde. Der Reichstag werde alsbald nach der Abreise der Sachverständigenausschüffe der Reparationskommiffron aus Berlin etwa Mitte Februar zusammentrcteu. Der ttalienM-lngoslawische Vertrag. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Rom, 26. Jänner. Die jugoslawischen Minister sind heute mittags hier eingetroffen. Um 8 Uhr abends fanden sich die Gäste zur Hoftafel ein, an der außer den jugoslawischen Ministern auch Ministerpräsident Mussolini, der jugoslawische Gesandte und der italienische Geschäftsträger in Belgrad teilnahmen. Die Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees verschoben. London, 25. Jänner. (I. T. A.) Da die amerikanischen Mitglieder des Aktionskomitees nicht rechtzeitig zu dem ursprünglich festgesetzten Termin des 7. Februar in London eintreffen können, wurde die. Sitzung des Mwnskowiteefür Ende Febx«ax verschoben. Hortttz-HejjaS'Hohler. Kr. Wien, 26. Jänner. Jetzt erst darf nian zu hoffen wagen, daß es in Ungarn zum letzten Entscheidungskampf zwischen der blutigen Reaktion und ihren Gegnern kommen werde. Nicht das Blendwerk der Budapester. Polizei mit ihrer scheinbar objektiven und rücksichtslosen Erforschung alter uild neuer Verbrechen war geeignet, solche Hoffnung zu wecken. Als in Csongrad die Bombe in dem Tanzfest des jüdischen Frauenvereines platzte und ihr Vernichtungswerk vollbrachte, reiste eben Graf Bethlen zu seiner Änleihetour nach London ab. Das Krachen der Bombe war eine schlechte Begleitmusik, und Graf Bethlen als ein ge- Iviegter Zigeunerprimas ließ alle seine Detektivs mobilisieren, und das ganze Orchester seiner ungarischen Presse spielte dem Ausland die Operette „Wie Ungarn konsolidiert wird" vor. Das war damals, als Bethlen in London Iveilte. In demselben Augenblick jedoch, da die Verhandlungen Bethlens in London ihren für ihn durchaus nicht erfreulichen Abschluß fanden, wurde in Budapest den Detektivs und den Polizisten abgewinkt, das Orchester verstummte und bloß einige widerspenstige, ungebärdige Politiker ließen es sich nicht nehmen, in der Nationalversammlung der Konsolidierungsregierung die Rechnung aller bisher unbeglichen gebliebenen Posten, ohne deren restlose Tilgung eine wirkliche Konsolidierung unmöglich wäre, zu präsentieren. Nicht dieVerfolgung der Pütschkompagnie Ulain, die Recherchen nach den Bombenwerfern und auch nicht die , mit, großem Aplömb' durchgeführten Beschlagnahmen-von verborgenen Nassen, Munition und Grafit berechtigte zur Hoffnung.auf ein Aufdäin-mern -der Freiheit in Horthy-Ungarn. Ulain und Genossen sind zu lächerlichen Freiheitsstrafen, die verbüßt erscheinen, verurteilt worden, die Mittvisser der Bombenattentate und Waffenverheimlichung wurden in Freiheit gesetzt, sämtliche Verfahren wurden eingestellt Und der so lange gesuchte Attentäter des Elisabethstädter Kasinos soll von der Polizei wohl festgestellt worden sein, kann a'ber leider nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden, weil er, wie man sagt, schon längst gestorben sei. Wie die Siegerstaaten ihren „unbekannten Soldaten" feiern, so werden die Erlvachenden Ungarn von nun ab zu ihrem „unbekannten Bombenwerfer" wallfahrten können, denn die Polizei hat den Attentäter wohl eruiert, verschweigt aber seinen Namen, wohl aus. Respekt vor der Majestät des angeblichen Todes. Daß die Regierung die geheimen Waffenlager evakuierte, erweist sich gleichfalls nicht als .Heldentat, denn sie holte sich die Waffen einfach von dort, wo sie sie selbst verborgen hatte. Trotz alledem beginnen wir selbst daran zu glauben, daß es in Ungarn nicht mehr so lange trostlos bleiben kann, wie es bisher war. Der englische Gesandte in Budapest, Hohler, hat telegraphisch seine Demission gegeben. Jetzt kann es besser werden. Dieser Hohler tragt die meiste, wenn nicht die Hlwptschuld an all den Ungeheuerlichkeiten, die sich Horthy und seine Leute in den letzten fünf Jahren hatten zuschulden kommen lassen. Hohler, der Hausfreund des gesamten ungarischen Hochadels und der reaktionären Gentry,, hat alle Niederträchtigkeiten gedeckt. Ein Festgelage in irgendeinem Budapester Adelskasino oder auf irgendeinem Jagdschloß genügte, daß Hohler in illuminierter Verfassung nach London telegraphierte, daß Horthy ein Gentleman und Ungarn das Eldorado der Demokratie und der Freiheit sei. Dieser Hohler war die wickstigste Stühe des weißen Terrors, der Erlvachenden Ungarn und der Offiziersdetachements. Horthy, Hcjjas und Hohler bildeten eine Interessengemeinschaft, eine Gesellschaft zu gegenseitigem Schutz in Ungarn und zur gemeinsamen Irreführung des Auslandes. Nicht nur wir und die unabhängige europäische Presse, auch Colonel Wcdgowood, der jetzt im Kabinett Mac Donald sitzt, weiß davon ein Lied zu singen. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, daß Hohler bewußt unwahre Berichte an seine Regierung sendet, daß er ein Hindernis für jedes Konsolidierungsbestreben ist. Als Wedgewood an der Spitze einer Delegation der Labour Party in Budapest weilte, war es wieder Hohler, der ihn ans falsche Wege zu führen suchte. Damals wurde Hohler unter dem Druck der Anklagen gegen ihn auf Urlaub geschickt. Horthy und seine Presse beeilten sich, dem Hohler bei seiner Regierung beizuspringen, indem sie ihm das Zeugnis eines strenges rücksichtslosen, aber objektiven Kritikers ausstellten. Sc kam Hohler wieder.auf seinen Posten zurück nnd dar alte Intrigenspiel begann von neuem.