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Wiener Morgenzeitung · 1926-02-14 · Heft 2507 (14.2.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2507 (14.2.1926)
Date
1926-02-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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«Kfe 5 Me«, Sonnftg Ookays Bubikopf-Haarschnitt ist Kunst, sein Henne-Haarfarben das Beste, seine Dauerwellen einzig IX.» Währingerstrasse Nr. 15 Die neue Internationale. -y. W < e «. 14. Februar Da mühen sich die besten Menschen Europas ab, für das Humanitätsideal die brauchbare politische Formel zu finden; da setzen sie ihr reifstes Können daran, eine neue Plattform des Friedensprogramms und der Ueberstaatlichkeit zu zimmern, die auch den Nationalismus überwindet, der die Gleichwertigkeit der Menschen leugnet. Da entwerfen sic Thesen und Richtlinien, halten Konferenzen ab und sehen nicht, daß sie schon wieder zu spät aufgestanden sind und daß die Internationale des Nationalisnms, so paradox diese Zusammenstellung sich auch liest, doch schon besteht. Die Rückwärtserei ist aktiv, agil, offensiv. Sie wird von Personen betrieben, die ihr persönliches, ihre Existenz mit der Sache verbinden, der sie zum Sieg verhelfen wollen. Sie stehen mit beiden Füßen fest im Leben; sie sehen es, wie es ist, und wollen ihren Verdienst dabei finden. Siegt ihre Sache, dann ist ihr Glück gemacht. Siegt sie nicht, dann gehen sie zugrunde. Die Denkweise des Konquistadoren, der alle Brücken hinter sich zerstört, mag belächelt und bespöttelt werden. Aber sie wirkt stärker auf die Massen, die in ihr heute den letzten Rest der Romantik und der Rebellion sehen und ihre Initiative, ihre Phantasie gerne von dieser Sorte Radikalismus entzünden lassen, der sich als kämpfende Minderheit aufspielt. Er ist es nicht, er ist, wenn man genau zusieht, sogar eine große Mehrheit, die er durch das klar ausgesprochene Streben nach dem persönlichen, schon jetzt erreichbaren Vorteil fest an sich bindet. Die Dichter der Politik, des Pazifismus und des Sozialismus träumen sich tief in die Zukunft hinein. Eine andere Menschheit, sagen sie, muß konnnen, die gerecht und klug denken und den Krieg und den Haß verabscheuen wird. Die anderen aber sagen: Greift selbst zu, holet euch euer Glück dort, wo ihr es findet. Die Demokratie hofft, die Reaktion handelt. Diesen Gegensatz erleben wir jetzt. Er spielt sich vor unseren Augen ab. Wir sehen den Betrug an den Masten, wir sehen die Personen, die ihn vollführen, wir erkennen ihren Wagemut, das Schicksal ganzer Volker in die Hände einzelner zu spielen. Kleine Minderheiten waren es, geringfügige Kreise, die den Kriegswahnsinn in die Menge trugen. Sie konnten dies wagen, weil die Menge, der die Zusammenhänge fremd waren, an diese Personen glaubten. Im .Krieg zeigte sich die große Lüge. Die Volker haben sie erkannt, aber sie unterwerfen sich ihr wieder. Kaum zehn Jahre nach dem großen Exzeß der Monomachen-Thrannei und nach ihrer Niederlage steht wieder die Diktatur auf dem Plan. Sie mag sich rot oder weiß drapieren, sie mag als Bolschewismus oder Faszismus auftreten, sie ist im Kern dasselbe System, das 1914 in der Stille der Kronräte beschließen durfte, auf Massengräbern Throne zu bauen. In Moskau, Rom und in Madrid, in Budapest und in Athen rauschen die großen Phrasen von der Völkerbeglückung durch die Zurückstellung der Uhr. Vom Kreml bis zur Alhambra eine einzige große Offensive, der die Demokratie nichts entgegenzusetzen weiß, als Lampenlicht und Limonade. Die Reaktion hat sich eine internationale Organisation geschaffen, sie fälscht die Geschichte, das Recht, das Geld. Sie ist eine Macht, mit der gerechnet wird. Das demokratische Deutschland hat sich dem Hakenkreuzterror, dem Diktat des Revolvers unterworfen, aber das nationalistische ist aktiv, spielt Locarno und geht in den Völkerbund mit dem Vorsatz, ihn von innen heraus zu sabotieren, und es findet Beziehungen zu den englischen Konservativen, bei denen auch noch die Vertreter Primo de Riveras, Pangalos und Mussolinis akkreditiert sind; das Ungarn des Horthy ist im Völkerbund und knüpft von dort aus seine Schlingen. Sie alle leben für den Tag und schöpfen von dem Braten, den sie heute kochen, das Fett ab. Die Idee des Internationalismus und des Völkerbundes wird vorgespannt, sie ist Mittel des gar nicht so dunkeln Zweckes geworden, den neuen Krieg vorzubereiten, indem er schon jetzt den Völkern plausibel gemacht wird. Diesem Ziel strebt die neue alte Internationale zu, indem sie Minoritäten drangsaliert, den Ritualmord am Judentum für ihren Moloch predigt, Politik und Wirtschaft vergiftet. Die Demokratie verkriecht sich in ihrer Feigheit hinter dem Schreibtisch. tzdel und geiftreich. Weil Mussolini die Deutschen in Sudtirol in abscheulicher Art drangsaliert, hat man zlvei italienische Aerzte, welche an einer Wiener Universitätsklinik studieren, davon gejagt. Der Herr Professor, die Herren Assistenten und die Studienkollegen haben gefunden, daß sie mit diesen beiden Aerzten, die als freundlich, bescheiden und fleißig geschildert werden, nicht länger unter einem Dache weilen können. Sie treiben die zwei unschuldigen Italiener fort, weil ihre deutsche nationale Würde es erfordert. In Wirklichkeit wahren sie die nationale Würde ebenso schlecht, wie in der seligen Monarchie der ^„patriotische" Pöbelhaufen, der zu äkriegsveginu serbische Friseure und italienis^ Salamihausierer überfiel, verprügelte miö beraubte. Dem Pöbel- TOtfiwr prftfiiflrinnifl__ hausen von anno dazumal können aber noch der Mangel akademischer Bildung, die Verhetzung von oben und die jahrhundertelange Erziehung im Geiste der Reaktivtt als ntildernde Umstände zugebillitzt werden. Für die Wiener Akademiker von der medizinischen Fakultät gilt keine Entschuldigung. Ihre Handlungsweise ist unvcrhüllt dumm und unedel. Unedel, weil sie sich gegen Unschuldige und Unverantwortliche richtet. Dumm, weil sie den Schuldigen moralisch stärkt und zu neuen Verbrechen an den Deutschen ermutigt. Herr Mussolini mag sich freudig die Räuberhände reiben. Jetzt braucht er sich den in Italien lebenden wehrlosen Deutschen und Oesterreichern gegenüber schon gar keinen Zwang mehr aufzuerlegen. Die geistreichen und hochherzigen Helden von der Wiener Augenklinik haben ihm die Absolution für alle künftigen Roheiten verschafft. Den Millionen Italienern, welche die Politik des Gewaltmenschen und seiner Genosten innerlich ablehnen. ist es durch den Wiener Vorfall noch schwerer gemacht, gegen das Treiben der Mussolini-Leute Stellung zu nehmen. Man zwingt sie in eine moralische Solidarität mit Mussolini hinein, statt dahin zu trachten, Mussolini und seinen Anhang von der zivilisierten Welt und auch vom italienischen Volke zu isolieren. Aber mit solchen Gedanken ist es nicht ratsam, den Herren von der Wiener Universität zu kommen. Verstanden wird Man gewiß nicht, dafür angegröhlt und angespuckt. Rühmlich ist auch die Haltung der Wiener Presse. Daß die deutschnationalen und reaktionären Zeitungen den Vorfall preisen, ist natürlich. Daß aber die freiheitlichen Organe, mit Einschluß der sozialdemokra-. tischen, schweigen und nicht die kleinste Mahnung zur Vernunft, nicht das leiseste Wort des Tadels hören lasten, ist bezeichnend. Der Geist dieser Journale und Journalisten ist der Geist von 1914. Lieber mit den Wolfen heulen, als auch nur für vierundzwanzig Stunden unpopulär sein. Alan hat zwar ein Programm von Völkerfrieden und Völkerversöhnung, man macht auch Gebrauch davon, wenn es gilt, um eine Anleihe zu werben oder eine französische Tänzerin, einen englischen Boxer, einen italienischen Tenor anzustrudeln. Aber wenn es ernst wird, da steckt man das Programm vom Völkerfrieden schön in die tiefste Tasche und überläßt dem chauvinistischen! Stumpfsinn das entscheidende Wort. _ str. 3m Reform der außenpolitischen Arbeit des gionismur. Bon Dr. Michael Ringel, Mitglied des polnischen Senats. Es bedarf wohl keiner näheren Begründung, wenn wir behaupten, daß seit dev^öestätigung des Mandats im Juli 1922 unsere Außenpolitik ein gewisses Zurückveichen zeigt, und daß sie eine nur von ziemlich dünn gesäten Erfolgen unterbrochene Reihe von kleineren Schlappen und größeren Niederlagen darstellt. Da die politischen Fähigkeiten und die Energie speziell Dr. Weizmanns nicht angezweifelt werden können, müssen unsere Mißerfolge ihren hauptfichlichen Grund m dem verfehlten Arbeitssystem der Exekutive haben. Wir wollen gerechterweise zugeben, daß ein T c i l dieser Schlappen in äußeren Verhältnissen liegt, die zu ändern n.cht mlmer leicht möglich ist, aber es bleibt trotzdem eine unwiderlegte Tatsache, daß die Schuld zum überwiegenden Teile an der überhasteten, unsystematischen, oft erst im letzten Momente einsetzenden, impulsiv inspirierten politischen Arbeit der Exekutive liegt. Beweise dafür sind auf allen Gebieten zu finden. Seit der Schaffung des National Home auf Grund oes Mandats stehen uns folgende Faktoren für unabsehbare Zeit als Partner gegenüber: a) In L o n d o n die britische Regierung — insbesondere das Kolonialministerium und teilweise auch das War-Office — und ba§ englische Parlament. b) In Genf: Ter Rat des Völkerbundes, die Mandatskommission und das Generalsekretariat des Völkerbundes. Die be.den letzteren wechseln — wohlgemerkt — nicht in chrer Personalzusammensetzung. c) In Palästina: Die Organisation der Araber, wobei zu bemerken ist, daß die sogenannte christlich-mohammedanische Exekutive nur dank einer optischen Täuschung, die auch auf zionistischer Seile vorlag, so lange als die Vertretung der Araber gelten konnte, ferner die Vertreter der christlichen Konfessionen, und — last not least — die britische Verwaltung. d) In Rom: Der Vatikan :md die italienische Regierung. e) In der ganzen Welt: Die phiiozion istischen und ausgesprochen antizionistischen Parteien und Bevölkerungskreise unter den Nichtjuden. Das Geschick oder Mißgesch.ck wollte es, daß wir beinahe aus allen diesen fünf Gebieten Niederlagen erlitten. In bezug auf London, ist, abgesehen von Ehurchillschen Weißbuch mit seiner emengenden Interpretation des Mandates insbesondere die unerwartete Ernennung Lord Plumerszu erwähnen, die ohne jedes HöflichkeitSpflästerchen für die Jewich Agency in der Form ener wenigstens nichtoffiziellen Fühlungnahme erfolgt ist. Dazu kommt noch als „Jllustrationsfaktum" die bekannte Araberrede Minister Amerhs in Palästina und die Emigrationserschwerungen. In Gens: Die Nichtberücksichtigung des Berichtes der Jewish Agency seitens der Mandatskommission und des Völterbundrates im Jahre 1924, der ganz ungünstige Bericht der Mandatskommission in deniselben Jahre und gewisse Teile des VernehmmigsProtokM mit Herbert 2 ö m u e I vor d»ser Kommission, die wieder einmal schädliche Präjudizjällr schaffw, ß. tm 1926 *t. mm LN -Dauerslrümüfe haben Weltruf j>n Elegant, unverofistlicb ✓ Ueberall crWitlish Zentrale; LEO SUSSMANN Wien, 1. Bezirk, Schwer i^asse Nr. 2 können. Das Ergebnis der Tagung im Jahre 1925 war wohl günstiger, ater bei weitem noch nicht zufriedenstellend. In Palästina: Die Bildung einer gemeinsamen Front zwischen Mchammedanern und Christen — eine im Orient, wo das Konfessionelle das Entscheidende ist, bisher seltene Tatsache — unter dem Schlagworte: arabischer Nationalismus gegen den Zion:smus, bei beinahe völliger Untätigkeit unsererseits, Mangel an Initiative, an Tatkraft und an einer prakt:schon politischen Plattform für das tägliche Zusammenleben. Tenn allein mit den alle zwei Jahre von der Kongreßtribüne in die Welt geschmetterten Liebesarien an die Araber kommen w:r nicht weiter. In Rom: Die beinahe offene Feindseligkeit der italienischen Regierung trotz der offiziell-diplomatischen Korrektheit. Sie zeigt in dem offen antizionistischen Auftreten des MarquL Theodoli, des Präsidenten der Mandatskommission, wenn er auch „formell" dorr nicht als Vertreter Italiens den Vorsitz führt. Weiters ist die von langer Hand vorbereitete Parlamentsrodc des italienischen Deputierten Pedrazzi im April 1925 zu verzeichnen, die sozusagen den vatikanischen und quirinalischen Ant:zionismus in ein g e m e i n s a m e s System brachte. Das darauf folgende Auftreten Mussolinis wie auch seine sonstige Haltung war alles andere als eine Desavouierung des Anttz'.onismus. Dazu kommt noch, daß die gesamte italienische Presse vom ,IDsservatore Romano" bis zum „Corriere della Ära" — und noch viel weiter nach links — konsequent eine extrem antizionistische Haltung einnimmt. Und — last not least — residiert doch :it Rom, am anderen Trberuser unser ältester und gefährlichster Gegner, den wir wohl nicht ausdrücklich zu nennen brauchen. Und jetzt der Stimmungswechsel bei den christlichen Völkern. In der ganzen Welt ist ein Abflauen des in den Jahren 1917 bis 1922 erstarkten Philo- Zionismus zu verspüren, insbesondere auch in England, wobei wir nicht übersehen wollen, daß in Frankreich kürzlich eine Wendung zum Besseren angebahnt wurde. Aber im großen und ganzen hat die Minierarbeit des Vatikans, des Antisemitismus, die Araberpropaganda und die Eifersucht einiger Äaaten auf dem Gebiete der Kolonisationspolitik in Palästina eine immer stärkere Welle des Antizionismus geschaffen, deffen Auswirkungen uns auch im Völkerbund früher oder später gefährlich werden können. Aus dem vorhergehenden muß eine Schlußfolgerung schon jetzt — um nicht zu sagen sofort — gezogen werden. Die zionistische Außenpolitik muß reformiert werden, sie. muß sich der oben flizzierten Lage anpassen, sie muß systematisch werden und nicht mchr auf Zufällen beruhen, die manchmal gut, manchmal auch schlecht enden. Das politische Departement muß eine Ausgestaltung erschien, und zwar mußten darin fünf Abteilungen geschaffen werden: 1. Eine für den Verkehr mit den Londoner Instanzen, 2. eine arabische Abteilung, wobei in Jerusalem eine ihr entsprechende Abteilung (ich glaube auch dort existiert noch keine solche) mit der Londoner organisch verbunden werden kann, 3. eine Abteilung für,Mom" mit einer politischen Ben trerung an Ort und Stelle, 1 eine Messung für die Völkerbundangelegenheiten, welcher die Genfer Expositur unmittelbar unterstehen würde, 3. und last not least, was ich für einer der wichtigste« Ausgaben halte, ei ne besondere Abteilung für Propaganda des Philozionismus unter den Nichtjuden. Ich erwarte, daß sicherlich der Einwand kommen toirfy woher die Mittel zu nehmen wären. Nun an dieser Stelle können diese Einzelheialen nicht besprochen werden. Wenn irgendwo, so gilt eS aber beim Tempo der Schaffung des National Home, daß Zeit Geld ist. Geld finden wir schon immer, wenn wir eine Sache als lebensnotwendig zu bettachten beginnen. Aber die Zeit geht uns unwiederbringlich verloren, wenn wir unsere Außenpolitik noch weiterhin auf die bisherige Weise führen sollten. Dies könnte zu einer schweren Schädigung des Zionismus führen. Die pessimistische. illusionsraubende Rede Weizmanns auf dem 14. Kongreß tvar eigentlich ein Memento, wie schlecht es werden könnte, wenn in der zionistischen Außenpolitik kein Wandel geschaffen wird. Der 14. Kongreß hat auch in Anerkennung des Ernstes der Lage folgende Resolution beschlossen: „Der 14. Zionistenkongreß lenk! die Aufmerksamkeit dev zionistischen Oeffentlichkeit auf die Notwendigkeit eines Ausbaues und einer Erweiterung des politischen Apparates der Organisation. Die Exekutiv« wird aufgefordert, Schritte zu unternehmen, um hinreichende Mittel für die Organisierung der politischer» Arbeit henmzubiwen." In diesem Zusammenhang sei auch noch er« andere schwerwiegender Mangel hervorgehoben. Dem politischen Departement müßte endlich eine gut funktionierende Presseabt e i l u nn g angegliedert rverden. Die Presse ist eines der stärksten Machtmittel, über welche die Organifatiou verfügt. Auf der ganzen Erdkugel gibt es jetzt Tageszeitungen, Wochen- und Monatsschriften, tvelche enttveder rein zionistisch oder wenigstens zionsfreundlich sind. Man kann wchl behaupten, daß, mit Ausnahme der jüdisch-kommunistischen Presse in Sowjetrußland und der Wvacheg, km w Bewacht knuverr-

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