Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2481 (19.1.1926)
- Date
- 1926-01-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1 Sekts 6 Men, Dienstag Seckchtrsaal. Das Ordinationseinkommen des UniversitStSprofessors. Ter tzerwalmnostvrlchtshoj verhandelte qestern über eine LrouerbcschwerSe des Universiiätsproftssors Tr. Franz Chwostek. Für vaS Jahr.1922 hatte Professor Chwostek ein E.nkommen von 51 Millwnen Kronen an Diensteinkommen, Kapitalsbesitz und ärztlicher Privatpra^s einbekannt, wobei ans letztere 1-1 Millionen rein entfielen. Die steueradministration erachtete da4 Einkommen aus der Privatpraxis als zu gering lind holte vier Sachverstän' digengulachten über das vermutliche Ordinationseinkommen ein. Ter erste Sachverständige schätzte das Einkommen ans der Privatpra^'s des Professors Chwostek, weil er ent erster Kliniker und sehr geeicht sei. ans 80 Millionen. Ser zweite Lachverständige auf 150 Millionen, der dritte wies in seinem Gutachten aus das ^barsche und a b s p r e ch e n d c Benehmen" des Prof. Chwostek hin, welches seiner Prvttprax's nicht fö.dcr 'ch ser. Darauf erging der Bo.halt der L l e u e r a dmi n i st:a l ion an Prof. Chwostek, Saß das von ihm f a t i e r t e Einkommen aus der ärztlichen Praxis auffallend niedrig sei, er werde daher eingeladcn. die Richtigkeit näher zu begründen. In der Beantwortung des Borhaltes wies Prof. Chwostek darauf hin, daß er iw: dreimal in der Woche ord niere. Twddem sch i bdi- Steuerbehörde ihm die Einkom nensttmr aus s.iner Prax s von 111.500.000 K. vor. Gegen diese von der Bernfungsrornmission bestätigte Lr.'uerbemessuug richtet sich die Beschwerde des Pro'. Chwostek an den Berwaliungsgerichtshof D.r Bejchmerdevertreter Dr. Anton machte gellend, daß die Steuerbehörde aus den vier Gutachten höchstens das arithmetische Mittel, also 75 Millionen, anzunehmen berechtigt gewesen wäre. Die Gutachten der Sachverständigen hätten den Farenten vorg hauen werdm müssen, da dies nicht geschah, konnte er zu ihnen nicht Stellung nehmen. Bei Richtigkeit der von dcr Steuerbehörde angegebnen Ziffer hätte Prof Chwestek in jeder Ordination 16 Patienten behandeln müssen, so daß auf den einzelnen Patienten bloß einige Minuten entfallen wären, das Aus- und Ankleiden der Patienten-, allein mache aber schon mehrere Minuten ans. Der Verwaltungsgerich'shos (Vorsitzender Vizepräsident Jenny) gab der Beschwerde Folge und hob die ang.sochtene Entscheidung wegen mangelhaften Verfahrens aus. weil die Antwort der Steuerbehörde, „der Vorhalt sei nicht entkräftet", nicht g nüge. um die VersLumnis'olgen an nnchmen. Da überdies Prof. Chwostek detaillierte Angaben machte, wäre es notwendig gewesen, ihm einen weiteren Vorhalt zu machen, falls seinen Ausschreibungen kein Glaube beigemessen wurde. „Unverschämtheit", „unerhört" — keine Amtsehrenbeleidigung. Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Fünshaus, Bezirksrichter Dr. B a n e c e k, hatte sich kürzlich der Bücherrevisor Ferdinand Kaiser wegen 2l m t s e h r e n b e l e' d i g u n g des Schaffners Rudolf S t r a ß e r zu verantworten. Bor einiger Zeit fuhr ein Zug der 8er-Linie vom Gürtel (Nußdorferstraße) nach Meidling Be! d v Haltestelle Gnmpendorferstraße bemerkte der Fahrgast F.rdinand Kaiser, ein älterer Herr, daß bte Fahririchtungstafel im Wägeninnern die Fahrtrichtung verkehrt zeige, nämlich von Meidling nach dom Gürtel Er forderte den Schaffner auf. die Tafel umzukehren und richtig aufzustellen. Es entspann sich ein D'sput zwischen Fahrgast und Schaffner. Der Schaffner stellte die Fahrtrichtungstafel richtig ries aber emen Wachmann und ersucht, ihn dos Nationale des Fahrgastes auf uschreiben, denn er (der Schaffner) sei von ihm b e l e t o i g: worden; er habe ihm während der Fahrt durch die Scchshauserstroße das Wort „Frechheit" zugerusen. Gegen Kaiffr wurde die Amtsehrenbeleidigunosklage siegen dieses Wortes „Frechheit" erhoben. Bei der Verhandlung führte Verteidiger Dr Rabenlechn.er ans, daß die Zeugen bei der Polizei angegeben haben, daß das Wort „Frechheit" nicht gefallen sei, wohl aber „Unverschämtheit" ober „unerhört". Jder Fohrgast ha: dos Recht, zu wissen, wohin er fährt, und auch das Recht, den Schaffner auf ein Versehen oder eine Unterlassung aufmerksam zu machen. Andere Schaffner hätten sich bei H.rrn Kaiser bedankt. Der Schaffner ist aber grob geworden und hat mit Herrn Kaper gesckrien: „Wer sind Tie, was geht das Sie an?" Was Herr Karzer ihm erwidert hat. ist nichts ander s gewesen als e'ne berechtigte Kritik. Nach durchgeführrer Verhandlung hat der Richter den Angeklagten sreigeiprochen. In der Begründung hat sich der Richter der Anschauung des Vert.idigers angeschlosten. Die von Kaiser gebrauchten Ausdrücke waren als Kritik aufzufassen, nicht als Anttsehrenbeleidrgung. , Copyright 19J6 by J. Ladyschnikow Verlag, B.rlin. Ein Glaubensmarlyrium. 12 Roman von Schalom Asch. Indessen wartete der Vater auf ihn an der Tür der Schenke mit einem Päckchen Wäsche unterm Arm, und als Schloimele zurückkam, nahm ihn der Vater in die Mikwe mit, um zu Ehren des Sabbats zu baden, denn der Schames hatte bereits auf dem Markt des Städtchens ausgerufen, daß die Mikwe zu Ehren des Sabbats geheizt wäre. Als sie dann aus der Mikwe in sauberen Hemden mit weißen, breiten Kragen, die über die grünen Röcke herülergelegt waren, heimkamen, fanden sie die Schenke in ein ruhiges Sabbatnest veruxmdelt. Nichts erinnerte darin an eine Schenke. Die Fässer mit Branntwein waren mit weißen Decken verdeckt, und die Wandbretter mit der Ware mit Tüchern verhängt. In der Sche.cke war sauber aufgeräumt, und nichts erinnerte daran, daß hier jemals Handel getrieben wurde. Sieben rituelle Ker'en brannten in dem großen kupfernen Sabbatleuchter, an dessen Fähnchen die Inschrift „Sabbatkerzen" funkelte. Zwei Paar Barches, das eine greß, für den alten Hausherrn, das zweite llein, für den Jungen, lagen auf dem weiß gedeckten Tisch, auf dem ein großer und ein kleiner silberner Becher stand. Am Tisch aber saß die Schwiegermutter mit der Schwiegertochter, beide in langen, herabwallenden, grünen seidenen Kleidern und neuen Spitzenhäubchen. Um ihre blanken Stirnen trugen die Frauen Tücher, an der Brust aber an einem „Schild" das Geschmeide, das sie von ihren Männern mm Geschenk erhalten hatten. Dwoirele, die als kleine junge Frau angezogen tvar, machte der Schwiegermutter alles nach, während Maru'cha, die zu Ehren des Sabbats eine neue Schürze und ein neues Tuch um den Kopf trug, auf einer kleinen Bank am Ofen faß und die junge neue Hausfrau festlich anblickte. Die beiden Hausfrauen aber sangen, bevor sie die Sabbatkerzen segneten, das folgende Lied zu Ehren des Sabbats: „Ein schönes Lied werd' ich singen Mit frischer, fröhlicher, herrlicher Stimme, Zu Ehren der heiligen Königin — die ist hier wohl bekannt, Mir ihr.'m Namen wird sie ZWm genannt. Gott, bei dem das Licht ruht, Möge die schöne Königin in mein Haus herniedersenden. Wiener Morarnzelinns_ BoUswirt. Amerlla als SBeltglSuMgcr. 2uropa als Abnehmer ist wichtiger <rf* seine Gesamtschulden. London, 18. Jänner. (Wolfs.) „Morning Post" veröffentlicht Edelheiten der kürzlich vom Staatssekretär Mellon vor der Kommission des Repräsentantenhauses üoer die Frage der Auslandsschulden b.i den Bereinigten Staaten abgegebenen Erklärung. Mellon habe unter anderem ausgeführt, Amerika müsse die Zahl u'n g s f ä h i g k e i t jeder Cchulönernatiou in Betracht ziehen. Die G.samtschulden seien für das amerikanische Volk nicht so viel wert als Europa als Abnehmer. Wenn die Finanzen Europas nicht wiederhergestellt, seine Währung nicht auf eine g.sunde Grundlage gestellt werde und seine Völker nicht in der Lage feiert, zu verdienen und auszugeben, werde Amerika seine Erzeugnisse an Lebensmitteln, Rohstoffen und Waren nicht verkaufen können. Mellon fügte einige Beispiele hinzu, wobei er auch Deutschland erwähnte, dos im Jahre 1923 für 149 Millionen Dollar amerikanische Banmrvolle cingeführt habe. Mit dem Daw.s- Plan und einem richtigen Finanzsystem sei die Baumwollausfuhr rm Jahre 1924 auf 233 Millionen Dollar gestiegen und habe in den erstetr zehn Monaten d.s Jahres 1925 bereits 198 Millionen Dollar betragen. Amerika müsse mit seinem Kapitalsüberschuß durch private Anleihen an Europa für industrielle Zwecke helfen. Jede ne ne Anleihe mache eine amerikanische Ausfuhr möglich. Die SemmerlnsM« wird eleltrWert. Ausnutzung der kalorischen Kräfte der steirischen Braunkohlengruben. Wie uns aus Graz gemeldet wird, wird in Steiermark ernstlich daran gedacht, in kürzester Zeit die Semmeringstrecke zu elektrifizieren Dieser Plan wird deswegen forciert, um dadurch die ungünstige Geschäftslage der steirischen Brannkohlenindustrie zu beheben. In der letzten Zeit ist der Ausbau der Elektriziiäiskräfte in Steierntark darauf gerichtet, nebrtr den Wasserkraftanlagen kalorische Anlagen zu errichten, um dadurch sich von den Belriebsstorungen infolge d.r Winterkälte unabhängig zu machen und um andererseits der Braunkohle Steiermarks ein dauerndes Absatzgebiet zu schaffen. Die für die kalorischen Werk? notwendige Kohle soll in erster Reihe ans dem Graz- Köflacher-Revicr genommen werden. Es wird damit gerechnet, daß die Elektrifizierung der Semmeringbahn den Konsum an Elektrizitätskrast stark vergrößert würde, so daß die durch die kalorischen Kräfte erzeugte Elektrizitätskrast eine wertvolle und günstige Abnahme finden könnte. Der Gedanke dieser Elektrifizierung wird in erster Reihe von den der Graz-Köflacher nahestehenden Wivtschaftsgruppe propagiert. Tie Herabsetzung derEffk'enprovisionen. Gestern fanden neuerlich Beratungen zw scheu dem F nß..5m!n'fterium und den Bankenv.rtretern wegen even uelle. Ermaß gung der E fekterprovisionen statt. Bekanntlich steh: dus Finanzministerium auf dem Standpunkte, daß die Bank.m eine ft rke Herab'etzung ihrer P ovisionssätze dorn.hmcn müssen. Hingegen v.r'anren de B nkenvertreter. daß die H.'rabsetzung der E'fektenumsa rsteuer und der Pwvisionen sich im selben Maßstabe bewegen sollen. Die gestrige. Verhandlung hatte nur informativen Charakter. Das Finanzministerium präz'sierte seinen Standpunkt. Eine endgültig? Vereinbarung dürfte erst C’Cuei getroffen werden. _-_19. jySnnet M8_Jjt 2481 Gerüchte Mer Fallissements kn der Rllhlem Manche. Eine österreichische und eine Bndapester MWenfrma sollen sich in Schwierigkeiten befinden. — Die Tätigkeit d:r Kontermlne. An der gestrigen Wiener Börse wurden schr lebhaft Gerüchte komme,itiert, tvclche davon wissen wotttett, dutz eine österreichische und eine ungarische Mühlenfirma in Schwierigkeiten geraten wären. Es handelt sich nm schr angesehene Firmen, die jn ihrer Branche über einen, großen Geschäftsumfang verfügten. Die österreichische Mühlenfirma soll durch einen Elementarschaden schwer geschädigt worden sein. Bei der ungarischen Mühlenfirma aber soll die Leitung sich in spekulative Engagements eingelassen haben. Eine von uns in Budapest gestellte Anfrage wltrde dahin beantwortet, daß es fick bei der ungarischen Firma in erster Reihe um Machenschaften der Kontermlne handle, welche sich mit verstärkter Verve auf dieses Papier geworfen habe und Gerüchte verbreite, daß cs dem Unternehmen schlecht gehe, um aus diese Art weitere Kursrückgänge zu erzielen. Die Budapestcr Banken behandeln diesen Vorstoß der Kontcrmine ziemlich skeptisch und erklären, daß im freien Verkehr nur wenig Stücke vorhanden seien, so daß die Kontermine dadurch Gefahr lause, eingezwickt zu werden. Jn den letzten Wochen wurde der Versuch gemacht, für das ungarische Unternehmen in Oesterreich Devisenkredite zu erlangen. Ter Wiener Platz aber zeigte sich diesem Wunsche gegenüber ablehnend. Absi wachung der Berliner Rachbörse. Auf Gerüchte über eine Unksorientierte Regierung. Wie uns aus Berlin telegraphiert wird, trat in den Nach- Mittagsstunden in vielen Gebieten des Berliner Effektenmärkteeine Ab;chwächung ein. Die Ursache liegt darin, daß die Verhandlungen über die Kabinettsbildung noch nicht abgeschlossen sind und die Berliner Finanzwelt damit rechnet, daß eventuell die Sozialdemokraten ebenfalls in die Regierung kommen könnten, was eine entschiedene Richtung nach links in der Wirtschaftspolitik bedeuten würde. Infolgedessen ist die Berliner Finanz etwas vorsichtiger geworden und hat jn ihrem Hausseelan, den sie in ihrer Mittagsbörse bekundete, in den Nachmittags- und Abendstunden wesentlich nachgelassen. Im nachbörslichen Verkehr war eher Ware angeboten, was eine Drückung der Schlußkurse im Privatverkehr zur Folge hatte. Leichter Rückgang des französischen Franken. Das Geschäft auf allen Devisenmärkten nahm einen sehr trägen Verlauf. Die Umsätze blieben im allgemeinen ger ng. Etwas flau lag der französische F r a n k. der in Zürich von 19 63 aus 19 42 ging. Verhältnismäßig schwach lag auch der Zloty, der in Prag von 435 aus 431.50, in Wien von 98.46 auf 9310 abbröckelle. Der Dollar nonerle in Warschau 7.28 Etwas fester lagen das englische Pfund und die Devise Belgrad' Ter Konkurs der Lombard- und Eskoutptebank. Gestern fand beim Wiener Handelsgcr.chw die erste G äubigerversammlung im Konkurs der Lombard- und Eskomptebank statt Neben den B.vollmächtigten waren auch die ur'p.ünglichen A sglelchsgläub'ger der Bank erschienen, welche sich ursprünglich bewegen ließen, sich durch neue Aktien an Stelle ihrer Forderungen befriedigen zu lassen. Ihre Stellung ist vo-läufig nicht entschieden. S'e stehen aus dem Standpunkt, daß durch den Konkurs das ganze Ausgleichsarrangement hinfällig gewordet, sei und sie infolgedessen wieder als Gläu- Um ihretwegen tat ich ja im Haus schön aufräirrnen. Warum macht sie aber so lange und tut draußen säumen? Ganze sechs Tage lana wandert sie in der Ferne Wie ein M.msch, der sich ^er Verbannung Plagt, Gleich einem Vogel fliegt si ocn einem Dach zum andern, B'.s die Zeit des Sabbats h.rannah:." Als aber Sch oimele das große Gebetbuch irr die Hand nahm und sich schon anschickte, mit seinem Vater in die Synagoge zu gehen, knallte plötzlich die große herrschaftliche Peitsche und ein Gespann mit vielen Pferden fuhr vor der Schenke vor. „He, Jude, mach' auf, der erlauchte Pan Dombrowski klopft an die Tür. Mach' auf!" „O, der große, erlauchte Pan Dombrowski klopft an die Tür! Ich kann aber nicht aufmachen, Panjeleben, heute ist doch Sabbat." „Jude, ich werde dir dreißig Rntenhiebe verabfolgen lassen, mach' die Tür auf." „Ich kann nicht, Pan-eleben, ich dar nicht, Panjeleben. Heute hat der Jude Sabbat!" „Wie, wagst du es, Jude? Der erlauchte Pan Dombrowski will ein Schnävschen trinken." „Ich kann nicht, Panjeleben, ich darf nicht, Panjeleben, heute ist Sabbat." „Stell' wenigstens einen Krug Branntwein unter die Tür, in der ganzen Stadt gibt es ja keinen Trqpfen Branntwein ..." „Ich kann nicht, Panjeleben. Die Frau hat schon die Kerzen angezündet." „Verfluchter Jude! Wern der Jude seinen Sabbat hält, muß ganz Polen ohne Branntwein bleiben", hörte man vor der Tür fluchen. 6. Herein in die Jefchibah. Als Schloimele vierzehn Jahre alt war, rüstete man sich» ihn nach dcr Je'chibab von Lublin zu schicken, wo alle ehrsamen jüdischen Haussölhne Talmud lernten. Mendel bereitete sich vor, auf den Jahrmarkt von Lublin zu fahren, wo in diesem Jahre der Waad der vier Länder, der jüdische Sejm, tragen sollte, dem Mendel sich zum erstenmal als Protektor der Slotschower Gemeinde vorstellen wollte, um dabei eine wichtige Angelegenheit vorzubringen, die das ganze jüdische Volk betraf. An einem schönen Freitagnachmittag tauchte in den Straßen von Slvtschow der Schneider, dee zr.gleich Schloimes Lehrer lvar, auf. Schort bei Ausgang des Sabbats hatte er sich in Mendels Schenke hinter den Ofen,^ mit einem Fingerhut und einer Nadel bewaffnet^ hingesetzt, um für Schloimele neue Kleider zu fertigen, die dieser mit auf d'.e Reise nehmen sollte. Das Schneiderlein nähte die Kleider so, als lvären sie für die Wanderung der Juden in der Wüste bestimmt, doch so, daß sie zusammen mit dem Jungen wachen konnten: er nähte das „Ueberflüssige" unter, damit man nachher die Naht auftrennen und die Anzüge länger macken konnte. Das Schne'.derlein fertigte aus einem Kleidungsstück, das früher Mendel getragen, für Schloimele eine wattier'e Winterjacke, ferner aus roter Seide einen festlichen Anzug für Sabbat und Feiertage, ein Paar breite Unterbo'en aus schwarzem Zeug und zwei, drei Hemden aus Flachs an. Lauter koschere Kleidungsstücke mit runden Kanten, damit die Kleidungsstücke nicht der rituellen Troddeln bedurften; auch hütete er sich davon, Wolle mit Flachs ,u vermischen, er ließ sich auch nicht eine Minute lang beim Nähen ablenken, sondern sagte auswendig die Psalmen her oder die Mischnasoth. Man sagte dem Schneiderlein nach, er sei im gekeimen ein Zadik, einer von den sechsunddreißig, auf denen die Welt beruht. Bon Zeit zu Zeit pflegte der Schneider auf einige Wochen aus dem Städtchen zu verschwinden und sich in den dichten Wäldern der Umgebung aufzuhalten. Mitunter erschien er unverhofft am Sabbatabend in der Schenke irgend eines einsamen jüdischen Pächters, uni für ihn Kiddu'ch zu machen, oder aber er erschien bei einer einsamen Wöchnerin während der Wachnacht in einer ein'amen Schenke und kämpfte gegen den bösen Ge st Lilith, der das Kind tö'en wollte... Man erzählte sich von dem Schneider ferner, daß er im Walde von großen Geistern aufgesucht werde, die ihn in d'e Geheimnisse der Thora einweihten. So galten denn auch die Kleidungsstücke, die er anfertigte, als Talisman, der vor verschiedenen Krankheiten schützte. War jemand gefährlich krank, so ließ man ihn solche Kleidungsstücke tragen, und er wurde gesund; hatte eine Frau eine schwere Geburt, so brachte sie mit Hilfe dieser Kleidungsstücke das Kind zur Welt. (Fortiebuna folaD