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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-11 · Heft 2473 (11.1.1926) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2473 (11.1.1926)
Date
1926-01-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nach dem diplomatischen Mitarbeiter des „Daily Telegraph" sind dieStaatender kleinen Entente an die Westnrächte mit der Anfrage herangetveien, ob diese eine Untersuchung der ungarischen Rotensälschunsaffäre durch deu Völkerbund veranlassen werden. Nachdem bereits vor einigen Tagen die „Times" eine internationale Einmischung in triefe Affäre sehr kühl behandelt haben, kommt der Mitarbeiter des „Daily Telegraph" zu dem Ergebnis, daß vorläufig eine Verfolgung und Untersuchung des Verbrechens und auch der politischen Putschabsichten eine innere Angelegenheit der ungarischen Regierung sei. Der einzige Artikel des B ö l k e r b u n d st a t u t s, der sich auf eme internationale Untersuchung beziehen könne, sei der 8 2 des Artikels 11 (in welchem gesagt wird, daß jedes Mitglied des Völkerbundes berechtigt ist, die Aufmerksamkeit auf Umstände zu lenken, welche den Freden und die Eintracht dtr Völker stören können. — Die Red.). Es sei jedoch juristisch höchst frag! i ch, ob dieser Paragraph auf diesen Fall anwendbar sei. Eine neue Verhaftung. Budapest, 11. Jänner. Der Sekretär der Landeszenirale des ungarischen Kreditverbandes, Dr. Tibor S v e tz, ist gestern i ü H a f t g e n o m m e n worden.' Diese Zentrale ist eine rassenschützlerische Unternehmung. - — -", Nach dent „Szozat" ist die Pariser Polizeiabordnung durch einen sozialdemokratischen Arbeiter des kartographischen Institut informiert worden. Der Mann soll Schulz heißen. Die „Nepszava" erklärt, daß dieser Schulz anders heiße und 'n hakenkreuzle risch er Provokateur sei. Der Bischof der Geldfälscher. Budapest, 10. Jänner. Nach Veröffentlichung des Communiques Wer die Beendigung dev Erhebungen in der Francfälscheraffäre hat sich Ministerpräsident Graf B e t h l e n gestern abends nach Mezöheghes zur Jagd begeben. um auch dadurch zu dokumentieren, daß er die ftiisatwnelle Affäre für beendet betrachtet. Nun treten aber die politischen Auswirkungen der Affäre in den Vordergrund. Leit gestern halten die Führer der oppositionellen Parteien ständig Beratungetl ab, in denen erwogen wird, auf welche Weist die Negierung gezwungen werden könnte, die Erhebnngeu fortzusetzen und tatsächlich alle Schuldigen vor das Gericht stellen zu lassett. Auch aus der gestrigen zusammenfasseu- \’u Darstellung der Affäre gehl hervor, daß die Angelegenbeit des Feldbischofs Zadravetz noch ihrer Lösung harrt. Ju politischen Kreisen wird die Nolle des Oberhauptes der ungarischen Militärgeistlichkeit in dieser Affäre viel besprachen iiud erregte großes Aufsehen. In Regierungskreifen wurde beute behauptet, der Oberkommandant der Honved hätte die DisziPlinaruntersuchung gegen Zadravetz bereits eingeleitet und die militärstrafgcrichtliche Verfolgung werde auch nicht lange mehr auf sich warten lasten. In oppositionellen Kreisen ist man jedoch diesen Gerüchten gegenüber äußerst mißtrauisch und fordert, daß Zadravetz, der keine Militärperson sei, den bürgerlichen Gerichten Wergeben werde. Sowohl in den Kreisen der Regierungspartei, wie bei der Opposition wird behauptet, daß sich im Verlaufe der Untersuchung in jeden Zweifel ausschließender Weise ergeben habe, daß Zadravetz die au der Fälschung Beteiligten unter Eid genommen habe. Er habe eine eigeneEidesformel verfaßt, in der es hieß, daß die Beeidigten über ihre Patriotische Aktion in deren Dienst sie sich gestellt haben, weder den Bchörden noch Privat-, Personen gegenüber eine Erwähnung tim. würden. „Ich schwöre auf den lebenden Gott", soll diese Eidesformel gelautet haben, „auf dessen einzlggeborenen Sohn und auf die heilige Jungfrau Maria, das Geheimnis für mich zu behalten, und sollte ich meinen Eid brechen, so möge meine Seele verdammt sein, utir das Jenseits verschlossen bleiben und die Erde möge uteinen Körper nicht in ihren Schoß aufnehmen." Auch gegen den gewesenen . Staatssekretär im Ministerpräsidium, den Führer der Rassenschützler Julius Gömbös, wird das Verfahren noch fortgesetzt. Der als Z,euge vernornmene Chauffeur des Prinzen Windischgrätz i.chegledi hatte nämlich bei der Polizei ansgesagt, er hätte nicht bloß seinen Herrn, sondern auch den Abgeordneten ÄömböS wiederholt in die kartographische Anstatt gebracht. bei den Westmöchten. Ein Manifest der Sozialdemokraten. Budapest, 10. Jänner. Der Landesparterausschuß der sozialdemokratischen Partei hielt gestern abends eine Sitzung ab, in der eine Entschließung angenommen wurde, worin es u. a. heißt: Der Landesausschuß erblickt in der Francfälschungsaffärr keinen gcivöhnlichen Kriminalfall und stellt fest, daß man einer weitverzweigtenBerschwörunggegenübersteht, deren Urheber mittels der Franesälschung ihre für das Land verhängnisvollen Ziele erreichen wollten. Die Verschwörer haben das tollkühne Verbrechen angeblich im Interesse patriotischer Ziele verübt. Das Land hat das Rech', zu wissen, wie diese patriotischen Ziele geartet waren Wir fordern volle Klarheit in der Frage, welche Personen und Körperschaften im Hintergründe dieser abenteuerlichen Unternehmung standen. Die Drohungen der kompromittierten Gegcnrevolutionäre schüchtern die sozialdemokratische Parte: nicht ein. Die Partei verwahrt sich gegen den Terror und die Diktatur der R a s' e n f ch ü tz l e r und protestiert gegen die Maßregelung ver oppoj tiomllen Prcste. Sie macht o t * Negierung dafür verantwortlich, wenn die politischen Beziehungen der Franesälschung und Me geheimen Kräfte Absichten und Z'eie n'cht restlos aufgcdech werden, von denen sich die Verschwörer leiten ließen. Die sozialdemolrati'ch." Partei warnt ferner vor i e d: x Abenteurerpolitik und g'öi der Hoffnung Ausdruck, daß die öffentliche Meinung der demokratischetc Welt keine für die arbeitenden Schichten des Landes nachteiligen Folgen ableiten werde. Der Parteiausschiiß fordert schließlich die, Arbeiterschaft zu entschlrssener Acre.',schuft aus und macht sie darauf ausmerkstm daß sie auf Eventualitäten gefaßt sein/ müsst, die'von ihr erfordern konnten, unter Ausbietung 'hrcr ganzen Kraft un) Entschlossenheit jedes Streben nach Diktatur schon int Keime zu unterdrücken. Dcrhastung einet Falschmönzrtbnnde in Berlin. Berlin, 10. Jänner. (Wolfs.) Eine vielköpfige F a l s ch m ü n z e r b a n d e, die sich mit der Herstellung und dem Vertrieb von englischen F ü ns -Pfund Noten befaßte, konnte nach langwierigen Ermittlungen der Beamten der Falschgeldabteilung der ReichSbank fcstgenommen werden. Es handelt sich um die Kausleute S a g e r t und D a h l i n g, einen Ingenieur Gerstenberger und um einen Typographen namens Kuhn. Die Fälschungen reichen bis in das Jahre 1924 zurück. Bisher sind etwa fünfzig Stück der falschen Scheine ausgetaucht. Die vier Fälscher, die nach anfänglichem Leugnen ein Geständnis ablegten, wurden den: Untersuchungsrichter vorgesiihrt. Ghambetlain in Ftalren. Rom, 10. «Jänner. Staatssekretär des Aeußern Chambe rla in G mit seiner Familie in Pisa eingetrosstU'. _ Betlchiebnng Der Abrültungskonserenz. Paris, 11. Jänner. Wie „Echo de Paris" meldet, sind zwischen dem Sekretariat des .Völkerbundes und den zur Abrüstungskonferenz geladenen Mächten Deutschland. Rußland und Amerika Mitteilungen ausgetauscht worden» wonach die vorbereitende Konferenz, die aus d.'u 16. .Februar festgesetzt war, verschoben wird. Die Er- Öffnung soll er ist im April erfolgen. Sie zioniften-Revifioniften in PalWna legnliRett. - Haifa, 11. Jänner. (I. T. A.) Vor kurzem meldeten einige Zeitungen, daß die Palästinaregierung es abgelehnt hat, die Satzungen der Partei der Ziouisteu-Revisionisteu zu legalisieren. Demgegenüber wird authentisch mitgeteilt, daß die zuständige Behörde die Legalisierung der palästinensischen Landesgruppe der Zionisien-Nevisionisten vorgenommen hat, nachdem die Landesgruppe in ihre Satzungen einen Punkt ausgenommen hat, wonach d i e Zionistische Organisation als die I e w i s h Agency laut Mandat anerkannt wird. Jet Wnndettabbi von Sochatzew gestorben. Warschau, 11. Jauner. Der weitbekannte Wunder rabbi von Sochaczew ist gestern gestorben. Land Marshall an Mal««. New-York, 8. Jänner. (I. T. A.) Der Präsident deS amerikanisch-jüdischen Komitees, Louis Marshall, der an dem Bankett zu Ehren der rumänischen Delegation teilnahm, richtete an den Führer der Delegation, Herrn Titulescu, die folgende Ansprache: „Bor 41 Jahren hat sich Runtäuien im Vertrag zu Berlin verpflichtet, den Juden Gleichberechtigung zu gewähren, aber in diesen 41 Jahren ist dieses Versprechen nicht erfüllt worden. Sie wollest hier Kredit für Rumänien erhalten . . ." „Ja, moralischen und finanziellen Kre d i t" unterbrach Herr Titulescu. „ . . . Sie können aber so lange keinen moralischen Kredit erhalten, als sie durch Bedrückung der religiösen Minderheiten ihres Landes jene hohen moralischen Prinzipien mißachten, die irt Amerika als Gebote gelten." In bem gleichen Sinne sprach Dr. Stephen S. Wise. Herr T i l u t l e s c u erklärte in seine Antwortrede, er bitte die Vertreter der amerikanischen Juden, daß sie ihm die Gelegenheit geben, mit ihnen eine besondere Besprechung abzuhaften. Diese Besprechung fand auch statt, wobei Herr Titulescu versicherte, daß Rumänien die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden des Landes durchgeführt und darauf achtet, alle Hindernisse, die einer solchen Durchführung noch im Wege stehen, zu beseitigen. Er führte sieben Tatsachen an. die beweisen sollen, daß Rumänien auf dem bestell Wege sti, die bürgerliche Gleichberechtigung fiir alle Nationalitäten und Konststionen irn Lande zu sichern. Die antisemitischen Kundgebungen werden unterdrückt, zu wirklichen Pogromen sti es in Runtäuien nicht gekommen. Juden aus Rußland sind glücklich, wenn sie in Rumänien wohnen können. Herr Titulescu ersuchte auch die jüdische Telegraphenagentur, irn Namen der rumänischen Regie L u u g 'zu erklärest, daß sie, getreu der Verfassung und den Tradnionen ihres-Landes, die die Gleichberechtigung und Freiheit aller Bürger ohne Unterschied von Glauben vorsehen, immer darauf bedacht sein werde, diese Gleichberechtigung und Freiheit sicherzusiclleu. Für die hungernden Fnden Beßamdiens. Czernowitz, 8. Jänner. (I. T. A.) Sämtliche jüdische Bere'nigungen. o hn e U n t e r s ch id d e r Partei, haben einen Aufruf an die jüdische Bevölkerung der Bukowina gerichtet, mit der Bitte, die in 15 Kolonien Beßarabiens lebenden 7000 jüdischen Bauernfamilien vor dem Hungertod zu retten. Infolge der schlechten Ernte fordert die. Hungersnot im ganzen Lande Opfer. Nach beiläufigen Schätzungen sind in Beßarabien 20.000 jüdische Menschen der schwersten Hungersnot preisgegeben. Ler rnmönische Kronprinj. Berlin, 9. Jänner. (I. T. A.) Das antisemitische „Deutsche Tageblatt" bringt unter der Ueberschrift „D e r Kronprinz'von der Judenschaft gestürzt" eine läugere Korrespondenz aus Rumänien, in welcher erzählt wird, daß im Lande in Verbindung mit dem Gerücht von einer jüdischen Geliebten des Kronprinzen eine starke Erregung gegen die Juden besteht. In dem gleichest Atent wird erzählt, daß Kronprinz C a r o l ,chas Schandregiment des Ministers Bratianu, der seit Jahren das ganze Land einem unbeschreiblichen jüdischen Raubzug artsgeliefert hat, mit Gewalt stürzen und eine nationale Diktatur ausrichten -wollte. Die Juden hätten aber mit ihrer Allnt a ch t die Rückkehr des Krortprinzen nach Rumänien verhindert, der mit seinen f a s z i sti scheu Kräften der Ju.denschaft ein Ende ou wollte. > Wien, 11. Jänner. * Restaurateur I. Schwyrz gestorben. Einer her populärsten Gastwirte Wiens, der Restaurateur I. Schwarz, wirr heute vormittags zu Grobe getragen. Die Liebe, die ihm seine zahlreichen Stammgäste entgegenbrachten, ging nicht bloß durch den Magen, sie galt in erster Reihe seinem lauteren Charakter, seiner Herzensgute, seiner Welt- und MenschenkennMiS, die ihn niemals im Stich ließ und ihm ebenso zu seiner Popularität vechalf wie. die ausgezeichnete Küche seiner Gastwirtschaft in der Rotensterngasse im 2. Bezirk. Ein braver Mensch,' dessen alle, die chn kannten, stets mit wärmsten Gefühlen gedenken werden, ist mit chm zu» ewigen Ruhe eingegangen. Er hinterläßt ein« Witwe und einen verheirateten Sohn, dir die Gastwinschast weitersühre»l werd.m. Das Leichenbegängnis findet heute um halb 11 Nhr vv- .;i'. ">» vom Zentralfriechof (8. Tor) austatt.

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