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Wiener Morgenzeitung · 1926-01-09 · Heft 2471 (9.1.1926) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2471 (9.1.1926)
Date
1926-01-09
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Wkiem» K. ftSnner 1926 Nr. 8471' Gerichtssaal. Hrrktor «ad BerwaltuoMrat. Vor dem Strrfbezirksgericht 1 gelangte gestern ein seit Jahresfrist anhängiger Ehrenbeleidigungsprozeh zum Abschluß, welchen der gewesene Direktor der „Lumen", Isidor L i n d e n b a u gegen den Berwaltungsrat dieser Gesellschaft Ludwig Goldberg angestrengt hatte. Wie in der Klage ausgeführt wurde, hatte der Beschuldigte, dessen Bruder Präsident der ,Fumen" war, in einer am 29. Dezember 1924 stattgehabten Generalversammlung dieser Gesellschaft behauptet, daß Direktor Lindenbaum bei dem W i t o l d- G e sch äst (es war dies ein Berkauj von Naphthagruben an die Lumen) Provision genommen habe, weiters daß Lindenbaum sich für Lumen-Geld eine Bildergalerie angelegt habe. Der Beschuldigte hatte in der ersten Verhandlung im wesenüichen zugegeben, die inkriminierten Aeußerungen gemacht zu h^ben, dies jedoch nur als Abwehr gegen heftige Angriffe, die Direktor Lindenbaum in der Generattvrsammlung gegen seinen Bruder, dem Präsidenten der Lumen, erhoben hatte. Der Beschuldigte hatte sich auch bereit erklärt, für die Richtigkeit seiner Behauptungen den Beweis des guten Glaubens, eventuell den Beweis der Wahrheit zu führen. Es wurde auch bereits ein Teil der beantragten Beweise durchgeführt. In der gestrigen Verhandlung kam schließlich ein Ausgleich zustande. Der Beschädigte gabeine angemessene Ehrenerklärung ab, worauf das Verfahren gegen ihn über Rücktritt des Privatllägers von der Klage e i n g e st e l l t wurde. Meder ein freigesprochener Totschläger. Bor dem Schwurgericht hatte sich gestern der 23jährige 'Friseurgehilfe Anton Kouril wegen Totschlages und Berte u m d u n g zu verantworten. Bor dem Gasthause Svoboda in der Herzgasse im 10. Bezirk war es in der Nacht zum 1. Juli vorigen Jahres zu einem Streit zwischen Kouril und dem Kutscher Albert Lang gekommen. Im Verlauf des Streites zog der Angeklagte sein Taschenmesser und versetzte dem Lang vier Stiche in das Gesicht, von denen einer in die Mundhöhle eintrat und den Tod oes Verletzten durch Blutvergiftung herbeiführte. Kouril beschuldigte vor dem Untersuchungsrichter einen Bekannten des Lang, namens Otto F e r d u s, des Totschlages. Ferdus wurde in Untersuchung gezogen, es stellte sich aber bald heraus, daß er an dem Streit gar nicht beteiligt gewesen sei. Nun änderte auch Kouril seine Verantwortung wieder und gab zu, daß er den Lang gestochen hat. Lang sei im ganzen Bezirk als Raufer bekannt und sei schon einmal wegen Totschlages verurteilt worden. Als Lang in die Tasche griff, offenbar um sein Messer zu ziehen, habe er aus chn losgestochen. Es geschah dies nur in Notwehr. Der Angeklagte, der wegen Körperbeschäüigung schon mit drei M onaten schweren Kerkers vorbestraft ist, verantwortete sich auch gestern in der gleichen Weise. Die Geschwornen beantworteten die Hauptfrage aus Totschlag mit neun Stimmen Ja und drei Stimmen Nein. Die Zusatzfrage auf Notwehr wurde gleichfalls mit neun gegen drei Stimmen bejaht. Der Verleumdung wurde der Angeklagte einstimmig schuldig erkannt. Aus Grund dieses Verdiktes verkündete der Vorsitzende zunächst den Freispruch des Angeklagten vom Verbrechendes Totschlages. Wegen Verleumdung wurde Anton Kmlril zu achtzehn Monaten schweren Kerkers verurteilt. 8iu Glaubensmartynum.w Roman von Schalom Asch. „Ich will den Teig für die Barches kneten. Der Ofen ist ja schon warm." „Warum denn Barches Mitten in der Woche?" „O, weh mir, es ist doch schon Donnerstag", erwiderte die Frau verwundert. „Jochewed, du irrst, es ist erst Mittwoch. Du weißt ks schon wieder nicht, Jochewed?" schrie der Mann. „Jochewed, wir leben in einer Wüste, wo es keinen Juden gibt, und du weißt nicht, welchen Wochentag wir haben." Die Frau stand wie schuldig mit dem brennenden Kienspan in der Hand da und antwortete flehend: „Verbitter mir doch nicht das Leben, Mendel, sieh nt Kalender nach, es ist doch Donnerstag heule, Mendel." Mendel seufzte und ging, die große Tafel anzusehen, die an der Wand hing. Es war ein Kalender, den der Waad der vier Länder für die jüdischen Schanttvirte, die draußen wohnten, in Lublin hatte drucken lassen. Der Kalender war mit verschiedenen Farben unterstrichen und rs staken in ihm kleine Hölzchen, die sich Mendel als Merkzeichen gemacht hatte. Mendel betrachtete lange den Kalender und fragte schließlich sein Weib: „Jochewed, was für einen Tag halten wir doch vorgestern, Morttag oder Dienstag?" „O, weh mir, du weißt nicht, was für einen Tag wir vorgestern hatten, Mendel, Mendel! Wenn du es '.ticht weißt, woher soll ich's wissen? Ich bin ja doch nur 'ine sündige Jüdin." Mendel betrachtete den Kalender weiter, während Juchewed ängstlich dabei stand. Daß ihr Mann nicht wußte, welchen Tag man hatte, regte sie so aus, als hätte sie sich in der Nacht allein in der Steppe verirrt. „Mendel, was sollen wir nun tun, es ist doch eine tödliche Sünde, wenn ein Jude nicht weiß, welchen Tag ber Woche man hat, Mendel?" „Warum weinst du, warum schreist du so? Ruf doch Maruscha herein." Tie alte Kosakirr war in der Tat'tvährend der Jahre, die sie Lei Mendel diente, mit den jüdischen Gebräuchen Volkswirt. Sitte neue österreichische Prämienanleihe. Zwecks Durchführung von Investitionen. — Voraussichtliche Emission noch in diesem Jahre. Wie wir erfahren, wird int Schoße der österreichischen Regierung der Plan erwogen, noch im Laufe des Jahres 1926 eine umfangreiche österreichische Prämienanleihe zur Emission gelangen zu lassen. Mit dem Ertragnisse dieser Prämienanleihe, welche Loscharatter haben soll, wird eine Reihe von Investitionen dnrchgefiihrt werden. Im Laufe der Diskussionen über das zukünftige WirtjchaftSprogramm Oesterreichs wurde der Plan erwogen, die große Arbeitslosigkeit durch staatliche Jnvestitionsanlagen zu beheben. Die aus der Völkerbundanleihe zur Verfügung stehenden Mittel können für diese Zwecke nicht verwendet werden, da sie bereits eine Zweckwidmung haben. So zum Beispiel fehlen die Mittel für die Errichtung von Wohnbauten für öffentliche Angestellte in den Jndustvieorten, wo die Wohnungsnot sehr groß ist. Der Plan des Wiener Finanzreftrenten Breitner, solche Bauten mit Hilfe der lausenden Steuereinnahmen zu errichten, wird von der staatlichen Finanzverwaltung nicht gebilligtwelche der Ansicht ist, daß derartige Bauten nur mit Hilfe öffentlicher Kredite errichtet werden können. Andererseits hat der große Erfolg, welchen die letzte Emission der Baulose aufzuweisen hatte, der Regierung den Weg gewiesen, um erfolgreich an die Bevölkerung zu appellieren. Das Ergebnis der Losanloihen ist so günstig, daß die Finanzverwaltung die Prämien an die Wiederverkäufer von einer Baulosemission zur anderen immer mehr vermindert hat. Die Aufnahmsfähigkeit des Publikums für Losanleihen scheint vorläufig unbeschränkt zu sein. Dieser Umstand hat die Regierung in ihrem Plane, eine weitere Prämienanleihe zu emittieren, bestärkt. Vorläufig steht noch nicht fest, wie hoch diese Prämienanleihe sein wird. Es sprechen aber sehr viele Anzeichen dafür, daß eine solche Anleihe, welche ihren Jnvestitionszweck besonders betonen soll, noch im Laufe dieses Jahres zur Ausgabe gelangen wird. Diese Prämienanleihe dürfte zweifellos zur Belebung und Ausgestaltung des Wiener Losmarktes, der schon vor dem Kriege einen großen Umfang hatte, sehr viel beitragen. ß Werbet Abonnenten für die k .„Wiener Morgenzeitmg" I und Gesetzen so vertrant geworden, daß eine ihrer Funkl tionen in Mendels Haus darin bestand, auf die Beob-! achtung der jüdischen Gesetze zu achten. Sie sprach mit Mendels einzigem Sohn Salomon, den sie gestillt und aufgezogen hatte, jeden Morgen Modeh ani und vorm Schlafengehen das Schrnagobet, sie erinnerte ihn bei jeder Mahlzeit an den dabei notwendigen Segensspruch. Und zu den Pflichten Maruschas gehörte es auch, zu wissen, welchen Tag der Woche man hatte, um den Sabbat richtig zu feiern. Als Maruscha die Angstrufe ihrer Herrschaft hörte, trat sie ins Zimmer. Als sie aber sah, daß ihre Herrschaft die Zeitrechnung vollkommen verloren hatte, packte sie selbst solcher Schreck, daß sie, obwohl sie wußte, daß vor zwei Tagen erst Montag gewesen war, doch selber verwirrt wurde und sich scheute, in einer so wichtigen Angelegenheit ein entscheidendes Wort mitzusprechen. „Woher soll ich's denn wissen, Herrschaften? Ich bin doch eine Christin! Vielleicht war es Montag, vielleicht aber Dienstag, Gott Hab' Erbarmen mit uns!" Mendel und seine Frau wechselten einen ängstlichen Blick miteinander, und alle drei begannen durcheinander zu schreien, der Mann, die Frau uttb die Magd. Als der Knabe aber sah, daß die Erwachsenen schrien, fing auch er an zu schreien, und der Lärm weckte das schlafende Väterchen. Der Pope gähnte aus vollem Halse und blickte sich verwundert um. „Teures Väterchen, hilf du uns," flehte ihn Miendel an. „Weißt du nicht, welchen Tag wir vorgestern hatten, Montag oder Dienstag?" „Montag oder Dienstag? Vorgestern? Warte, laß mich Nachdenken," erwiderte das Väterchen, krempelte den Aennel aus und begann au den Fingern zu zählen: „St. Georg fällt immer auf Donnerstag, den ersten Tag nach der zweiteit Woche nach St. Paul, wenn es zu schneien anfängt. Da sagen wir in der Kirche ein Gebet fürs heilige Väterchen Anton." „O weh, der Pope ist dein Rabbi, Mendel, Mendel!" fing die Frau wieder zu weinen an. Mendel vertiefte sich abermals m den Kalender. Allein all sein Suchen war vergeblich, tim zu wissen, ob man Mittwoch oder Donnerstag hatte, mußt er erst fest- Sie Stabilisierung der Franken. Keyncs verlangt die Stabilisierung auf dem gegenwärtigen 3tanH Aus Pari s, 8. d., wird telegraphiert: Der englische Volks. Wirtschaftler K e y n e s veröffentlicht in der „Information" einen offenen Brief an den französischen Finanzminister über die Lag« der Finanzen und über die W ä h r u n g s k r i s e in Frankreich, Das Mittel, das Vertranen wieder hrrzustellen, bestehe nach seiner Ansicht darin, daß man die Währung ungefähr auf dem gegen« w ä r t i g e n S t a n d stabilisiere. Tie Metallreserven der Bank von Frankreich deckten, nach dem gegenwärtigen Wechselkurs berechnet, cuva vier j i g Prozent der im Umlauf befindlichen Banknoten, Die Bank von Frankreich nrüßte sich bereit erklären^ mindesten« zwei Jahre lang Franken gegen Dollar in unbegrenzten Beträgen und zu einem Kurs einzuwechseln, der nicht niedriger sein dürfte, als eine feste Relation zwischen Dollar und Fvanken. Der anzniwendenüe Satz für einen Dollar würde wahrscheinlich zwischen. 2 5 und 30 Franken liegen. Zwei Fragen gebe es allerdings, über die die französische Regierung Entschlußkraft zeigen müßte: Den F r a n k e n k u r s auf ein M i n i in u m festzusehen und r e stl o s die Stenern e i n z u z i e h c n. * Freundliche Haltung des französischen Franken. Der französische Franken eröfsnete gestern auf allen internationalen Devisenplätzen sehr fest. Maßgebend war für diese Tendenz der Umstand, daß di« französische Regierung es mit der Abzahlung der Vorschüsse an di« Banque de France ernst nehme und eine Milliarde für diese Zweck« überwiesen habe. Doch konnte sich diese Festigkeit nicht dauernd halten, da Realisationen den Ansangskurs wieder drückten. In Zürich eröfsnete die Devise Paris mit 20.10, ermäßigte sich jedoch dann, um mit 19.987, gegen 19.965 dem Vortage gegenüber, zu schließen. — Der Zloty lag bei geringen Umsätzen weiter behauptet. In Berlin besserte er sich von 50.74 auf 61.74, während er in Prag von 425.— aus 421.—, in Wien von 87.50 aus 86.75 sich er« mäßigte. Der Dollar notierte in Warschau 8.08. — Die Kursänderungen der übrigen Valuten waren gering. Wallstreet erhöht die Banknüe. Zwecks Bekämpfung der Börsenspekulation. Wie aus N e w - 2) 0 x f gemeldet wird, hat die Federal Reserve, bank New-Aorks ihren Diskontsatz von 37auf 4 Prozent erhöht, Im Lause der letzten drei Wochen haben bereits sämtliche übrigen föderalen Neservebanken der Bereinigten Staaten ihre Rate von 372 auf 4 Prozent erhöht. New-Aork ist als letzte Federal- Res ervebank diesem Entschluß beigetreten. Daß gerade jetzt dl« Erhöhung vorgenommen wurde, liegt in den lokalen Verhältnissen Wallstreets. Es scheint, daß die New--Aorker Finanzfaktoren mit dieser Erhöhung der Spekulationswut, die in der letzten Zeit in New-Aork großen Umfang angenommen hat, entgegentreten wollen. Für die Erhöhung scheint auch die Unterredung des Gouverneurs der New-Uorker Federal-Reservebank, Melons, mit dem Gotwerneur der Bank von England, Montagne Norman, entscheidend gewesen zu sein. Es scheint dies in den Intentionen Leider führenden Finanzmänner zu liegen, welche durch eine möglichst parallel verlaufende Diskontpolitik ihren Zweck, die mitteleuropäischen Währurtgsverhältnisse zu beeinflussen, erreichen wollen. Die Diskonterhöhung Wallstreets dürfte auf dem internationalen Geldmärkte von keinen weitreichenden Folgen begleitet sein, da London diese bereits seinerzeit durch die Erhöhung um ein ganzes Prozent voreskomptiert hatte. stellen, welcher Tag vor zwei Tagen gewesen, war: Montag oder Dienstag. Das wußte aber keine lebende Seele in Slotschow. Einen Augenblick lang startden alle erschrocken 8a und hatten Angst, sich vont Fleck zu rühren, als fürsteten sie, die Welt würde untergehen. Plötzlich aber ging mit einem Windstoß die Tür auf und etwas Kleines und Verschneites wälzte sich in die Schenke hinein, wie gejagt vom Wind, das in eine Joppe, Frauentücher, Männerschals und sonstige Kleidungsstücke eingehüllt war. Zuerst konnte man kein menschliches Gesicht daran erkennen. Das Ganze sah wie oin einziger Schneeknäuel aus, und nur die (Stimme, die man vernahm, ließ erkennen, daß es ein menschliches Wesen war. „Gelobt fei Gott, hier wohnt ein Jude?" sprach di« Stimme. „Ein Jude, ein Jude!" antworteieu Mendel, seine Frau, die Magd und selbst der Pope mit freudiger Ueberraschung, indem sie den Ankömmling umringten. SDer Schneemann begann unterdessen die verschneiten Schals, Tücher uttd Jacken eins nach dem andern, ahzuwerfen, und als er sich schließlich ans all diesen Hüllett herausgeschält hatte, sah man eine» kleinen gvauett Juden, mit einem kurzen Weißen Bärtchen, schneeweißem Haar, strahlenden Kinderaugen und einem altkindlichen Lächeln auf dem reinen Gesicht. Der Fremde streckte Mendel seine Hand zum Gruß entgegen. „Gelobt sei Gott, daß ich mich zu einenr Jttden verirrt habe. — Schalotn aleichem!" „Tretet au den Ofen, Reb Jude, es ist geheizt," lud die Hausfrau den Fremdett ein. Der kleine Jude trat an dett Ofen, umarmt« ihn, wie man einett alten guten Freund umarmt, und sagte: „So weit, weit in die Steppe hinein ist ein .Jttde geratett. Sieh an, wo deine Juden dich suchen, Herr der Welt, so weit in der Steppe suchen sie dich, Vater >im Himmel?" „Woher habt ihr euch aber so weit in die Stepp« verirrt?" fragte Mendel, der erst jetzt eigentlich zur Besinnung kam. (Fortsetzung folgt.)

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