Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2470 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. &m Oken, Freskag Lvletter Marstenzesfimft b. *fäntitt-ffizb %m t Kunst, Bühne, Buch. „tl' heiUae Nohanna." Deutsches VollStheater. Vernarb Shaws „Candida" oder seinen „Arzt am Scheideweg" kann man wiederholt Horen. Die „Heilige Johanna" hingegen — wie sich bei der gestrigen Reprise erwies — ist ein erfolgreiches ZuOück, das bei der WiÄerbegegnung nichts gewinnt und manches verliert. Da man die lustigen und die geistreichen Dialogstellen vom vorigen Male kennt, bleibt nichts übrig, alS die Verwunderung darüber, baß diese nur andeutungsweise dramatisierten Dialoge nicht auch bloß andeutungsweise inszeniert werden, daß man den Weg, welchen die Tchashirtin Johanna durch den weiten Bezirk der Shawschen satirisch-didaktischen Zeit- und- Menschenbetrachtung zurücklegt, mit mächtigen, buntbemalten.Kulissen anSstattet, mit Glockengebimmel, Fanfaren, KriegSlärm und gelegentlich auch noch mit süßen Geigen begleitet. Annemarie G t e i n s! e ck in der Titelrolle ist eben so gut geblieben wie sie eS bei der Premiere war. Allerdings wünschten wir damals, baß sie besser würde. Einige Neubesetzungen (insbesondere d!e Herren Brandt und S h a l l) fügen sich gut in das Ensemble. Festzustellen, ob dieser oder jener ein bedeutender Schauspieler ist, dazu gibt der Besuch einer Reprise gute Gelegenheit. E d t h o f e r ist einer. Sein Dauphin, pfiffig und beschränkt, Kretin und kluger Egoist — eine Charakterstudie, die nicht jedem gelingt. O. A. zum Lode Paul 8-ffirerr. Line moderne Tragödie. Paul Cassirer, der, wie wir in unserer gestrigen Ausgabe meldeten, aus Familiengründen Hand cm sich legte, ist seinen Verletzungen erlegen. * Der erfolgreiche Kunsthändler und Verleger hat sich wegen seiner Gattin, der Künstlerin Tilla Durieux, erschossen. Es ist eine moderne Tragödie. Paul Cassirer berauschte' sich an Erfolgen seiner Frau, „lebte" von ihnen; Tilla Durieux hinwiederum wurde oft weit über Gebühr gepriesen — weil sie die Gattin des mächtigen Paul Cassirer war. Die große Komödiantin, durch Begabung ebenso ausgezeichnet wie durch Betriebsamkeit, trat trotz vorgerückten Alters noch immer in jugendlichsten Rollen auf, trug ihre charmante Häßlichkeit in prachtvollen Roben zur Schau und wurde auch dann, wenn cs angebracht gewesen wäre, sie wegen solcher Verirrungen zu tadeln, in den höchsten Ausdrücken gepriesen, weil man mit dem einflußreichen Paul Cassirer auf gutem Fuß stehen wollte. Der Verlust ihres Gatten dürfte auch aus ihre künstlerische Betätigung zurückwirken. Die Durieux wird eS nicht mehr -vagen dürfen, etwa das süße Madel in Schnitzlers „Abschiedssouper" zu spielen, wie es noch bei ihrem vorletzten Gastspiel in.'Wien geschah. . . SafMel de« vaMlurMchen hedriilschrn Lheateri in Amerika. AuS Jerusalem wird unS geschrieben: Der Mvesene amerikanische Botschafter in der Türkei, Henry Morgenthau, widmete während seiner jüngsten Reise durch Palästina besonderes Interesse den kulturellen Einrichtungen des neuen Jischuw. So besuchte er auch daS hebräische Theater in Jerusalem. Es wurde Möllere» „Der eingebildete Kranke" gegeben. Nach der Vorstellung hatte der amerikanische jüdische Diplomat mit dem Direktor des Theater» Herrn G n e s s i n, eine längere Unterredung, im Verlaufe welcher Direktor Gnessin die Schwierigkeiten schilderte, mit dem daS hebräische Theater in Erez Israel/noch zu kämpfen habe. Das Theater verfüge noch nicht überfeine eigene, selbstständige Bühne, sei daher nicht in der Lage, an Samstagabenden Vorstellungen zu geben, weil an diesem Abend kein in Betracht kommender Saal zur Verfügung stehe. Morgenthau war voll de§ Lobes über die künstlerischen Darstellungen deS Ensembles und erklärte, daß die hebräische Theatertruppe auf so hohem Niveau stche, daß sie den Vergleich mit keiner europäischen Künstlertruppe zu scheuen hätte. Er legte Direktor Gnessin nahe, mit seinem Künstlerensemble ein« Gastspiel tour nee in Amerika zu unternehmen und er sei überzeugt, daß eine solche Gastspielreise nicht nur moralischen, sondern auch reichlichen materiellen Erfolg aufzuweisen hätte. Direktor Gnessin mchm die Erklärungen MorgentihauS dankend zur Kenntnis. Was jedoch die Amerikatournee betrifft, meinte Direktor Gnessin, daß daS hebräische Theater in Crez Israel als palästinensische Schöpfung noch große kulturelle Aufgaben im Lande selbst zu lösen habe, ehe es inS Ausland geht. Immerhin, werde der Vorschlag Morgenthauernsten Erwägungen unterzogen werden. Henry Morgenthau versprach schließlich, nach seiner Rückkehr in Amerika im Interesse der Förderung deS hebräischen Theaters in Erez Israel zu wirken. Au» den Aeatem. Buratbeater. Moppen. V,8 Ubr abend». JSP a» forBarbara" Mittwoch zum ersten Male „Lady Winde r m e r e S ü ä ch e r". S1kat>em'e»dea*er Morgen, */«8 Uhr abend». „DiezerbrocheneLetter". Overvtbeater Heute gelangt auß-r dem Abonnement (Vorstellung der Theatergemeinde. S rle L» B i t t n e r r Singspl k „$> a » höllisch Gold" m Auffübrung. Hierauf wlot da- Ballett .Don In an". Beginn 7 Uhr abend». Be chränkter Kartenverkauf. Morgen, {/t6 Uhr abend». .D 1 e Meistersinger von Nürnberg". Rodoutentaal. Morgen. 7 Uhr abend», da» neue Ballett ,T a n z b t l d e i". B o t k » o v e r. Heute. 7 Uhr abend». „D 1 e s ch S n e Helena* m't Marie Schwarz. Förster at» Gast in der rttelvattie und Dr. Krögteral» Part». Deul'che» Bot»»thearer. Dim»tag „R e iner Lisch". Montag „Die b eil« ge Jod an na". Mor en. '/,8Uhr abend», E'staufMrir.ig der ^»iaktige« Homörte .Der mutige Seefahrer" m Georg Kaiser mit Albert und Else B a k s e,r m a n n. . S ontk Rainer, Karl F o r e st, Han» Ziegler, Wolter Brandt und Otto S o I t a u. in der Inszenierung von Dr. Rudolf Beer. R a t m u n d - T d e a l e r. Sonntag und Dienstag „Der Löwe und b a * St ätz ch e n". Morge' u d Montag ,J o 1 e v h i n e". Samstag, Uhr nachmittags, ,T l s ch l e i n d e ck' d t ch . Johann-Strauß-Tbeater. In der morgigen Aufführung von ,P a g a n i n i" sin> t Karl P t a n n zum erstenmal die Tilel'vlle und die Ove n'ängetin Lola G r a y l ans Stockholm die Partie er A n n a E l t i a. Tbeatertn der Josef st a d t. Die Premiöre ins scheu Cchausviels „S a k u n t a l a" von K a l i d a s a, deutsch von Rolf L a u ck n e r, findet am 12. d. statt. N e u e W i e n e r B ü h tt e. Heute gelangt Doktor 8 t i e g l i tz", Lustwiel von A min Friedmann uns Ludwig Nerz, mit Ludwig S t L r t als Gast zur ersten Aufjüarung. Modernes Tbeat'er. Heute, l/4tl Uhr nachts, Erstaufführung de» SckwankeS „R a t di e i n Kind" von Margrei wr a j o. De Ave ^Vorstellungen von „E n f a n t t e r r b I c" beginnen um V38 Ubr abendS. Lustspteltheater. H »te Er auffübrung der Lustspielnovität „Die legitime Freundin" von Fntz G o t t w a l d. 790mal „Gräfin Mariz^. Hubert Marischka absolviert im Wiener Bürgertheater anläßlich der 700. Aufführung der Kalman-Operette „Gräfin Mariza" Dienstag den 12. d. ein einmaliges Gastspiel m der von chm kreierten Rolle deS Bela Török. Dieses Jubiläum bedeutet im Theaterleben Wiens einen Rekord an En-suite-Aufführungen eineS Bühnenwcrkes. Jeder Besucher erhält ein Souvenir. Dev Münchener „Simplizissimus" fft in der letzten Zeit wieder so gut wie in seinen besten Borkriegssahren. Er hat daher neuerdings Konflikte mit der Obrigkeit. Jüngst wurde eine „Slmplizrssimus"-Nummer beschlagnahmt, weil sie eine karikaturistische Zeichnung von Heinrich Zille enthielt, die nackte Modelle im Äünstlcratelier aufwies. Daß die Polizeibehörde durch diese Maßregel nur das Unvermögen erwies, die humorvolle Kunst ZilleS mit Pornographie zu. verwechseln, hat der „Simpliziffimus" in -seiner jüngsten Ausgabe schlagend erwiesen. Et vereinigte eine An ayl Nacktphotographien. dk in Zeitschriften erschienen und unbeanständet blieben auf einer.Seite und ließ den „braven Normalmenschen" dazu die Bemerkung machen: „Nieder mit der Karikatur! Sie verdirbt mir die Freude an den täglich. erscheinenden süßen Bildeln!" Bemerkenswert, tvas mm geschah: Der Staatsanwalt hat auch diese „S implizisstmus"-Nummer konfisziert. Die neue römische Akadmie. Nach dem Muster der Academie Francaise wird in Italien über Beschluß des Ministerrmes eine neue italienische Akademie gegründet. die das Geistesleben Italiens auf dem Gebiete der Wissenschaft» Kunst und Literatur pflegen soll. Sie wird' im Palazzo Giustiniani ihren Sitz haben, wo früher da8 preußische historische Institut -und die italienischen Freimaurerlogen untergebracht waren. Die Zahl der Unsterblichen, welche in diese. Akademie einüeheu sollen, rst auf sechzig beschränkt. Die Ernennung erfolgt auf Lebenszeit, die Akadrmcker werden ein Jahresgehalt vcn 80.000 Lire beziehen. Die ersten Mitglieder der römischen Akademie werden DA n nun z io und Marconi sein. Das königliche. Ernennungsdekret der Akademiker erfolgt auf Vorschlag des Premierministers nach Anhörung des MinisterrateSi Die Akademie hat keine außerordentlichen und keine ausländischen Mitglieder. Leretne. Vortröge «ndBeksammlnogm. Wiener Beth-Ha mi. dral ch» 2. Bez-, Ferd nandstraße 23. Um 3 Uhr Lektor Dr. S. Rubtnr „Der nationale Gedanke bei Jakob und Josef. — Kür fürs o r g e. Mitglieder für den neuen' Unie stützungSveretn Kuifürsorge im 20 Bezirk werden geiucht. Auslunit bet K o h n. 20. Bez. Jägerstrabe Nr. 88. — V e r e i n d e r F r e u n d e d e » N a t u r h i» stortschen Museum ».Dienstag. 6 Uhr abend». Vortrag der Frau Dr. Melanie S t t a ß n y tm Vortrags aal (1. Bez., Burgring 7) über „Ostasiaitsche Plastik" (mit Lrchtb ldem). — Verein z u rV e r to rau n g hilfsbedürftrger israelitischer SBtt'H.en in Wie«. Montag den 18. d. um */«7 Uhr abendS. 9. Bez., UnwersitätSstraße 4, G en e r a l v e r s a m m l u n g. Zion rstts che, Sektion Prater. Heute, V,8 Uhr a&e> d». im Heime, Jungst aße 8, Vortrag Dr. N. G o l d st e t n über Midrasch. Urania. Un>v »Prof. Dr. O. R e ch e wird heute (Freitaa). l/tS Ubr abends, nn großen Uraniaiaal einen Lichtbilder- Vortrag mit dem Thema i „U nt er Menschenfresser« N e u g u i n e a s" halten. Die Privatistenprüfungen aus israelitischer RAigio« für Schüler und Schwerinnen an Volks-und Bürgerschule» für daS erste Halbjahr des Schuljahres 19^6-26 finden durch die zustandigeu Religionslehrer in den Sammelstationen statt. Die Termine können bei'den zuständigen Schulleitungen oder im Schulamte der Israelitischen Kultusgemeinde, Wien, 1. Bez.. Seitenstettengässe 4. 3. Stock, m'der Zeit von 9 bis 12 Uhr vormittags, ab 20. d. erfragt werden. Die Prüfungsta'xe beträgt derzeit 5 S. pro Halbjahr. Der Betriag ist im vorhinein an der Kasse der Israelitischen Kultusgemeinde, 1. Bez., Seitenstättengasse- 4, 1. Stock, oder bei den Bezirksämtern, 16. Bez.. Turnergasse' 23, 16. Bez., Huberg^ffe 8, 18. Bez.. Schopenhauerstraße 39 und 21. Bez., Holzmeisteraafle 12, in der Zeit von 9 bis 12 Uhr vormittags, zu erlegen. Der fchrlfttiche Bescheid des Stadt-, beziehungsweise OrtSschulrateS über die bewilligte Dispens vom Besuche des öffentlichen isvaelitischen Religionsunterrichtes ist dem Prüfer vorzuweisen. Ettttohnung für die vermitttnng einer Miete zulässig. Der Oberste Gerichtshof hat eine wichtige Entscheidung über die Frage gefällt, ob eine verhältnismäßig hohe Entlohnung für sie Vermittlung einer Miete zulässig ist. In einer Klage auf Zahlung von 185 S. für die Vermittlung eines GeschästSlokales hatte das Bezirksgericht Hernals die Entlohnung eines nicht b e r ü fs m ä ß i a e n Vermittlers für unzulässig erklärt und die Klage abgewiesen. Da» Zivillandesgericht als Rekurs ge r ich t verurteilte den Geklagten zurZahluna eines BermittlungShonorar» von 100 B. an den Klager. Ter Lberste.Gerichtshof hat der Revision des P-Nagtea keine Folge gegeben und das Urteil des VerufunMerlchts bestätigt. In der Begründung wird!>ervoraeyoo«n. eS lasse sich nicht grundsätzlich und mit Geltung ür alle Fälle sagen, ob vie Tätigkeit deS verufsmäßigen Bermittermühtvollkr oder leichter ist als die in dem betreffenden Fall von dem Kläger entfaltete. Sine Woche strengen Aneft» und 800 S. Geldstrafe wegen de» Preise» für et« Achtel Wermut: Bor dem Bez'rksger>cht FünfhauS mutt Leitung d.s Ober.andetzgerichlsraleS Dr. Ney oha hat kürzlich eilt« benterkenswerte .PreiStreibereiverhandtUNg gegen däs Ehepaar Thomas nuv Marie Anberl stattaefpnden, w.il sie für ein Achtel Wermut den Betrag von 12.000$. gefordert haben. - Das Ehepaar Ändert war noch vor kurzer Zeit Kaffeehausbesitzer m der Thaliastraße 15ö. Am 19. Dezember 1924 kamen zwei junge Leute, der Li.llncr Johann H an d l i k und der Musiker Johann D a u n c e k, aris die Polizer und zeigten an, daß sie silr drei AS)tel Wermut 86.000 K. haben zahlen muffen. Als sie dem Anderl Vorstellungen machten, sei er grob geworden und habe erklärt, bei ihm koste ein Achtel Wermut 12.000 K. Die Preisprüsungsstelle erstattete ihr Gutachten dahin, daß ein Achtel.iter Wernmt 2 7 60 K., mit allen Spesen 4 600 K. koste, also cur übermäßig hoher Preis (333 Prozent) vorliege. Bei der vorletzten Verhandlung gab Ander! an, daß eS sich mn ein Konzert e a f e handle »uw daß es ein Wermut war, der n i ch t fiir die Gäste, sondern für den Eigenbedarf bestimmt war. Die Verabreichung an die Gäste sei eine Gefälligkeit gewesen. Der Musiker Tauneek führte bei der letzten Verhandlung aus. er sei bis gegen 2 Uhr nachts beruflich beschäftigt getvesen und wollte dann noch zur Stärkung etwas zu sich nehmen. Im Lokal war ein Zettel angebracht, daß Wermut zu haben sei. Konzert war reines im Lokal, er yabe keinen Ton gehört. Der Richter hat den Thomas Anderl, der -den Preis bestimmte und der Leiter des Geschäftes war, zu einer Woch? strengen Arrests und zu 500 S. verurteilt, die Marie AndeÄ s r e r g e s p r o ch e u. Räuberromantik in der Gumpendorferstraßc. Zwei beschäftigungslose Barschen» die 30,Lhrigen Andreas Gkllert und Martin Heinz, hätten den Plan gefaßt, nach Afrika auszuwandern. Sie beschlossen, sich durch erne Gewalttat die Mittel zur Reise zu verschaffen. Gillert sagte, er werde in der Nacht auf der Straße ein Mädchen überfallen, chr eine Handtasche entreißen, und Heinz solle ihm dabei behilflich sein. Am 20. September gegen Mitternacht sprach Gillert in der Kärntnerstraße die Marie Nekola an und ging mit ihr plaudernd bis zur Gumpendorfcrstraße. In der Nähe der Rahlstiege faßte Gillert das Mädchen am Halse, würgte es und warf eS dann zu Boden. Heinz, der dem Paare gefolgt war, sprang hinzu und flüchtete mit Gillert, der dem Mädchen inzwischen die Handtasche entrissen hatte, in der sich eine silberne Zigarettendose befand. Der Oberwachmann Sch Warzen berger^ hatte die Hilferufe der Ueberfallenen gehört und wollte den Hein^ der ihm gerade entgegenlief, festnehmen. Heinz erhob seinen Stock und wollte gegen SchwarMberger losschlagen, der ihm aber den Säbel an die Brust setzte, worauf Heinz sich verhaften ließ. Auch Gillert wurde bald darauf festgenommen. Bor dem Schwurgericht unter Vorsitz des Hofrates Dr. Czerny hatten sich gestern Gillert und trinz wegen Raubes, Heinz überdies wegen öffentlicher Gewalttigkeit zu verantworten. Zu seiner Verantwortung gab der Angekläate Gillert an, daß er zur Zeit der Tat seiner Sinne nicht mächtig war. Der Angeklagte Heinz erklärte sich nichtschuldig. Er habe an das Mädchen nicht Hand angelegt. Die Geschworenen bejahten die Frage auf Raub für den Erstattgeklagten einstimmig und verneinten die ihnen vorgelegten Schuldbezüglich des Zweitangeklagten. Im Sinne dieses Verdiktes wurde Martin Heinz frei gesprochen und Andreas Gillert zu eineinhalb Jahren schweren Kerkers verurteilt. _• Erholung der Wiener Börse. Freundliche Tendenz im Anschluß an Berlin. — AusWndischr Käufe. — Deckungen der Kontermine. Das Ereignis des gestriges Tages bildete die freundliche Gestaltung der Wiener Börse, die ziemlich unerwartet kam. Sowohl im Schranken als auch in der Kulisse gestaltete sich das Geschäft ziemlich lebhaft. Einzelne Schrankenwerte wieselt ziemlich erhebliche Kurssteigerungen aus, wie zum Beispiel Donau-Dampf um 67.000 K., D i t m a r L a m p e n um 80.000 K. usw. Ursache dieser TendenKvaMung war das Einlangen größerer telegraphischer Kauforders aus dem Ausland, tvelche von zwei Großbanken' durchgesührt wurden und sich auf eine ganze Reche von Schrankenwerten erstreckten. Merdings verlautete, daß diese Orders limitiert seien, so daß für die Steigerung eine gcwiffe Grenze gegeben sei. DaS Bekanntwerden der ausländischen Aufträge erregte um so größeres Auffchen, als auch aus Berlin Meldungen eintrafen, welche davon zu berichten wußten, daß in N e w - A o r.k unter dem Namen European Shares Jncorporatron eine Gesellschaft unter übeMiegender BetrMgung amerikanischen Kapitals gegründet werden soll. Bon deutscher Seite sollen unier anderml dre Darmstadter und die Nationalbanx sowie die HamburgerBonk Marburg Mitwirken. Bon den deutschen Banttn soll ein Fünftel des Kapitals aufgebracht werden. Die Gesellschaft soll die Aufgabe haben, Aktien d e u t s ch e r Unternehmungen anzukausen, wenn die Kurse im Verhältnis zur Rentabilität gimstig stehen. Dadurch soll die Kapitalsbeschrffung für die deutsche Wirtschaft erleichtert werden. Diese Meldung begegnete zwar einigem Zrveffel, doch führte sie immerhin an der Berliner Börse zu bedeutenden Kurssteigerungen. Sie wirkte auch auf den Wiener Diarkt nachhaltig zurück, wa» die auf dem Wiener Markte etwa» tätiger gewesene Kontermine zu raschen Deckungen veranlaßt« und damit eine weitere Steigerung der einzelnen Wert« verursachte. Aus Budapest waren unkontrolllerbare Nachrichten einge-- langt, daß dort ei« Hauffekonsortim» in Bildmg begriffen sei, welches einzelnen ungarischen Werten xr stärkeren Kurssteigerungen verhelfen wolle, was zweifellos auch aus Wien seine Rückwirkungen ausüben würde. Die S t e i g e r u n g der 1925er B a u! o f e um 25 Prozent muß als «ine rew lokale Erscheinung gewertet werden, die in erster Reihe auf rein börsentechnische Momente zurückzuführen fein dürfte. Bon dieser Emission sind im ganzen 800.000 Lose her. ausgegeben worden. 800.000 waren seinerzeit den Banken als Abzahlung eines BorschuffeS übergeben worden, der Rest wurde dem Bankensyndikat -um freien Verkauf überlassen. E» scheint, daß im Ratenhandel mehr Stücke verkauft wurden als vom Syn. dikat dem freien Verkehr übergeben worden waren. Die Folge davon ist ein Stückmangel in diesen Losen, der eine Steigerung bewirkt«. Die gestrige Bewegung an der Börse muß als interessante»- Ereignis gewertet werben. ES hängt von der Haltung der Börse in den nächsten Tagen ab, ob dieser Bewegung tatsächlich der Charakter de» Umschwünge» jugesprochen Wwes darf. >