Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2456 (23.12.1925)
- Date
- 1925-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1 sVolem 2S tfroViy] Wien.'^umAöhoicn in der Expedition, 11., fflborstr. 1-3, oder in einet Verschleißteile 'Trafik) monatl. b Schilling Strassenverkaui ln Wien durch die Kolporteure der Pinna G ol d sei,mied, 1„ Wollzelle 11 Mit Postversand (fit Wien und Oesterreich monatlich ■ ' 5 .Schilling; Tscbecho-Slowakei: Mcm.K22. Jugoslawien: Mon.Dln.60. Polen: Mon. SZioty. Deutschland; Mon. Gm. 4, Frankreich, B el gl e n: Mon. Pres. 18 ftacbMhinte» bei J'rejierbOhantea torMul»« tener rffret. nä ti England: Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl, 18 Lire: Ru uäni en: Mon. 170 Lei. Bulgarien Mon.lOOLewa. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration Wien, II. Taborsfr. 1 Telephone: 44*0-38,43-3-19 Ab 6 Uhi: 21-102, 25-2-82 IX.. Universitätsstrasse 6-8 (D uckerel lg. Stelmnann) Oesterreichisches Postspatka sei,-Konto Nr. 150.693 «r. 2456 Sie Ilatersuchittig eesen Audio md (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) - Warschau, 22. Dezember. Gestern um 12 Uhr nachts ist mit dem Schnellzug Stanislaus Steige r in Warschau. angolangt. Seine Abfahrt von Lemberg wurde geheimgchalten,. so daß sich zu seinem Abschied nur einige jüdische Journalisten nn-d sein Bruder einfanden. Bis Przemysl wurde er von sein-em Verteidiger Dr. Landau begleitet Im Zug wurde er von jüdischen Passagieren erkannt und.stürmisch begrüßt. Der im Zug zufällig anwesende Rabbiner Tobias H o r o w i tz gab ihm | seinen Segen. Sei feiner Ankunft in Warschau wurde.Steiger ebenfalls bon. mehreren Vertretern der dortigen jüdischen Presto aus dem Bahnhof erwartet und begrüßt. Er sühlt sich. sehr schlvach und müde, ist bleich und die moralischen Seibcit, denen er in fünfzehn Monaten Haft ausgesetzt war, haken sichtbare Spuren in seinem Aussehen zurückgelasien. Steiger wird bei einem'der angesehensten jüdischen Kausleute in Warschau wohnen, dessen Name und Adresse auf seinen cursdrücklichen Wunsch -nicht bekanntgegeben werden. Er ist über die ihm erwiesene Teilnahme sehr gerührt, will aber sticht mehr im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stehen. : : . . . Gegetr den Untersuchungsrichter aus dem Prozeß, Rudka, wurde'bekanntlich schon während des K or«- -H.Hozesse8 ' aus' Grund einer JnwrMatwn im polnischen Äjm .' < :' eine DisMinäruntersnchung sittgeleitet. Da. der Steiger-Prozeß neues belastendes Mtzterial brachte, wuche. die -Disziplinaruntersuchuug bis gu^ Ende des Prozesses hinausgeschoben, um die gesamten Akten über die Tätigkeit 'dieses '.Üntevsuchungsmchwrs und seines Protokollführers P i»t r o W s kh beisammen - zu haben. Me wir erfahren, wird in den allernächsten Tagen die- DisziplinarMtersuchimg in beschlsunigtent Tempo Ive-itergesührt werden. Währendesten blieben R n d k a mrd Pio t ro w s Li'bis Mf weiteres im Amte. ' Pt.otrowski ist, 'wie. inan erfährt, der Autor der während des Prozeßes erschienenen H e tz a r t i k e l im „Slowo Polski". . Die letzten Stunden Steigers im Gefäugms. Unser L e m b e r g e r Korrespondent hatte während der Fahrt nach Würschan eine. Unterredung mit Steiger, der ihm die letzten Simche-n seiner .Hast fol.Aenöer>nc.ßen schildert: ' Während der ganzen fünfzehn Monate meiner Gesängnisdauer hatte Ich das beruhigende Gefühl, daß das ganze jüdische -Volk ,n i ch t . dar an glaub r, daß sein treuer Sohn ' di es es Attentat verübt hatte. Die ärgste'Zeit verbrachte ich m der Nacht vou M!ittwoch a u f 'Do n n e r s t a g. Mittwoch während des ganzen Nachmittags stand ich unter - dem Eindruck der Verteidigungsrede meines Vertreters Dr. L ö w e n st e i n. Die. Stunden bis zum nächsten. Morgen kamen mir.sehr lange'vor und' ich wartete ungeduldig auf dm . Tag Miner Befreiung, auf den ich lange genug gewartet habe. Vergebens versuchte ich Schlaf zu finden, war aber nicht imstande,' die Augen zu schließen. Ich' trank zwei große Gläser Rum und schlief endlich ein. Aber schon um 5 Uhr früh erwachte ich .und konnte nicht' mehr. einschlasen. Selbst der Rum vermochte nicht mehr seine Wirkrmg auszuüben. Jede Minute währte, für' mich eine, ganze., Ewigkeit; ich fand kein e n. r uhi gen P l.a tz mehr in '.immer Zelle. Als 15 Minuten nach 10 Uhr vormittags mich zwei Wärter, in den Herichtssaal holten, -.hatte ich starkes H erzklops en..Unter dem Eindrücke der fast schlaflos verbrachten vergangenen Nacht konnte ich kaum aufnehmen, waS um mich herum vorging. Von der Rede des Staatsanwaltes verstand ich nur abgerissene Sätze. Ich befand wich in. einem Freudentaumel und hörte nur die Freudenrufe: „Frei! Frei!" Vor Aufregung überkam mich ein kalter Schüttelfrost, Nach Verlesung des Freispruches verfiel ich m einen Wein krumpf. Von dem, was später mit mir geschah, ist mir nur erinnerlich, daß ich in einem Auto ins Haus meiner Eltern gebracht wurde. . , Steiger wird seine Erinnerungen an die fünfzehn Monate seiner Untersuchungshaft und seine Eindrücke während-des größten Prozeßes Polens niederschreibm. ' Der Verteidiger Steiger, Dr. G r e k, erhielt einen Drohbrief, in dem ihm mitgeteilt wird, daß er sich für die Verteidigung Steigers noch werde verantworten müssen. Das Echo des Prozesses in Palästina. Jerusalem, 20. Dezember. Die Nachricht von dem Freispruch Steigers hat in Palästina große Freude hervorgerusen. Sämtliche palästinensischen Blätter brachten ausführliche Berichte über'die letzten Tage des Lemberger Prozesses. Die Vereinigung der polnischen Juden in Palästina hat an die Verteidiger Steigers Glückwunschtelegramme gerichtet. Neu eröffnet! XX., Gaußplatz 11 Vornehmes bürgerliches Cafe, neu eingerichtet, mit allem Komfort, aufmerksame Bedienung, mäßige Preise Sie Unruhe» an den rmnkinischen Bukarest, .DMjnber.M,^T.A) Wtte dieser'Woche ' Äbett.’ die .OorleMtzen m Her infolge-der antPEkschm Unruhen . gesckMs-ew gxwestiPU B u k a r e st e r U n iversi'tät - wieder MsgenMnineu. An de>m Institut V ail» es, wo Pros., Bla de s c u eine .Vorlesung hielt, wurde der einzige jüdische Höver von den übrigen Studenten M-dom'.Hochtal hinqMgvwovseV.. Der. Student kehrte zurtick und ersuchte-Prof. Bladescu, ihn zu schützen,. doch wurde er von den Kommilitonen aöermals hinausgeiworisen. , Am gleichen Tage wurde Pros. -R e >i n e r, >de.v vor überfülltem Hövsaal evne Vorlesung 'halten, wollte, von den Studenten angespien und ausgep-sissen.^ Kein einziger jüdischer Student war anwesend. Pros. Reiner, am iJttde, verließ Wat den Hörsaal. Die Borlchmgen im chemischen .Laboratorium lwilrden. verhindert - mrd die Fensterscheiben eingeschlagen. Kar Pichvisum zwischen Leftemich «vd der Schweiz anssehoden. - Bern, 22. D^Mber. (Schwviz. Dep,-Ag.) Zwischen der 0 ch \v e iz und Oeste r reich wurde eine Berembarung abgeschlossen', wonach das Paß Visum für die beiderftitigen Staatsangchörigen aus gehoben wich, insofern dieselben 'nicht, zum Stelle na «tritt einreisen. wollen. Zum MenMertritt genügt ein vom He-imatstaat ausgeiMter Rchsepaß. __ M Sand in Sschedda. Kairo, 22. Dezember. (Wolfs.) Wie hier gemeldet wird, sind die T r u P p e n -I b n Sauds am Samstag kampflos in Dschedda emgezogen. Jbn Saud hat eine Amnestie ■ für die gesamte Bevölkerung des H e d 's ch'a s erlassen. König M-i abgedarrkt. London, 22. Dezember. (Wolfs.) In Erwiderung auf eine Anfrage im Unterhaus teilte Unterstaatssekretär Locker- La m P s o n mit, es liege eine Meldung vor, daß König Ali am 19. d.' offczi ell ah ge dankt habe und daß eineprovisorische Regierung unter der Leitung des Gouverneurs von Dschedda Vereinbarungen wegen Übergabe der Stadt an den Wahabiien-Führer Jbn Saud treffe. -Die Truppen Jbn Sauds -haben inzwischen die Stadt besetzt. Die Red.) - AgM als Hort. -r. W i e n, 23. Dezember. Die große Trommel schallt schon wieder. Natürlich - aus Budapest. Ungarn ist der Hort - Europas. Ungarn hat schon wieder eine komnumistische Verschwörung ausgedeckt. Ungarn hat Leute verhaftet, -die mit der Wiener Sowjetgesandtschaft in Verbindung standen^ und: — jetzt. kommt die Hauptsache — shstetnatische Wühlarbeit in den Nachbarstaaten betrieben haben. Ungarn wacht, über den Schutz der europäischen Ordnung, Ungarn' hat noch zwei andere Personen in Hast genommen, Ungarn ist Tag und Nacht mit weiteren Erhebungen beschäftigt. Bum bum! In anderen Staaten werden derlei Vorfälle hübsch, ruhig behandelt, um den Kreis der Wissenden nicht vorzeitig ausmerksam zu machen. An anderen Staaten schreit man nicht so, weil nicht die Notwendigkeit besteht,' sich in Szene M setzen und die Aufmerksamkeit von anderen weitaus schlimmeren Dingen: abzulenken. Ungarn fühlt diese Noüvendigkeit. Was Ungarn ist, das - ist vor wenigen Tagen vor und -mchder Session des Bölkerbündrates wieder - em- 'rüal gezeigt worden' tinirift* berff daß die Organe dieses Systems sich anstrengeir, der Welt zu beweisen, daß' sie als-Kerkermeister^ einen gewissen Anweri besitzen. Der Beweis ist-bisher noch immer mißlungen und die Rakosi-Cnthüllungen wirkten lächerlich. Damals hatte es sich darum gehandelt, der Welt noch vor der Genfer Session einen Schrecken einzujagen und den Schatten Bela Kuns an die Wand zu zaubern. Als das trockene Dementi der Wiener Staatspolizei erschien, wurde rasä) abgebremst. Jetzt ist Genf vorbei. Aber das Verfahren gegen den Numerus-clausus-Staat schwebt noch. Der Graf Klebelsberg hat in seiner Verteidigungsrede abgeleugnet. Er hatte keinen Topf ausgeliehen, der Tops hatte schon einen Sprung und er hat ihn unbeschädigt zurückgegeben. Er gelobte ün Sinne seiner Rede das Gravamen abzustellen. Was er und sein Meister Bethlen darunter verstanden, das wurde dann im Abgeordnetenhaus klar, so klar, daß selbst die dickhäutigsten .Bekenner der neologen Demokratie wild wurden. Darauf bestellte man sich bei Eckhart und Gömbös mne niedliche Erpressung. Die Juden.sollen nur hübsch ruhig sein, sonst wird der Numerus clausus ausgedehnt. Inzwischen aber wird bekannt, daß der Rat des Völkerbundes in seinem Entscheid Ungarn eine Frist gesetzt hat, bis zu der es Mitteilen muß, ob das Schandgesetz Hallers in Kraft bleibt oder nicht. Der Völkerbund will endgültig wissen, ob in Ungarn Recht wieder Recht werden kann. Aber den Klebelsberg lassen seine Erwachenden nicht mehr los. Sie haben bei ihrer Fahnenweihe aus den Fokos geschworen, daß sie absolut nicht locker lassen. Das ist keine Phrase. Denn da Horthy, Erzherzog Josef (der Soldatenvater mit den Maschinengewehren) und Erzherzog A'lbrecht der Thronkandidat die Ehreumiigliedschast der Ebredö-Leute genießen, so ist diese Gesellschaft auch sehr wohl imstande, dep Klebelsberg und den Bethlen in die Wüste zu schicken. Aus ganz Europa sieht man neugierig aus diese Entwicklung. Da Hilst die Polizeikapelle. Bum! bum! Kommunisten einge- - sperrt! Agenten der Wiener Sowjetgesandtschaft! Wühlereien in den Nachbarstaaten, in. denen es bekanntermaßen von magyarischen Spionen wimmelt! Merke auf, Europa! Ungarnist der Hort. Nein, es ist MWWKM ■lf.ß Uhr, abends, Im; . immni-mXm llt| TftborslfMt« I „Prozess Steiger und die Redner: Qemeinderat Dr. Leopold Piaschkes u Rechtsanwalt Dr. Israel Waldmanik i D-8^C