Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2451 (18.12.1925)
- Date
- 1925-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| Po en LA moszy 1 Wien /.umAuhoien in uei Expedition, ll., laboistr. 1-3, odei in clneiVerschlelsstelle Trafik mopatl. o Schilling Strassenverkam in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, Wollzelle 11 Mit Postversand lüi Wien und Oesterreich monatlich o Schilling 1 sch echo-Slowakei. Mon. K22. Jugoslawien: Mon. Din. 60, Polen:Mon. 5Zloty. Deutschland*. Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien Mon. Fr«. 18! tetrec «cv»«U oc t re» t» erhOnno e n *orbeh*Hen Sit. 2451 Wien. Steileg. 18. Lezemver tüL» Iptsir 20?! England. Mon. -I Schilling. Italien Monati. 18 Lire: Ru nänlen Mon. 170 Lei. Bulgarien Mon.KHiLews. Schweiz und das übrige Ausland monadien Frcs. 5 Redaktion. Administration Wien, II. Taborstr. I Telephone 44-0-3«. 43-3*lü Ab 6 Uhi 21-102, 25-2*82 IX. 'Universitätsstrasse 6-8 (D uckerei g. Steinmanni Oester« elchisches Postspar* k> •'en-Konto Nr. 150.698 7. Solitaaiifl fteigesproche«. Me Httuvtsragen von den Geschwomm mit acht gegen vier Stimmen ' verneint. Lemberg, 17. Dezember. (Eigendienst der „Wiener Movgenzeitung".) Um 4 Uhr nachmittags wurde das Verdikt der Geschwornen verlesen. Die zwei Hauptfragen wurden mit 8 gegen 4 Stimmen verneint. Damit entfiel die dritte Zusatzsrage. Tie erste Hauptfrage hatte gelautet: Ist der Angeklagte Steiger schuldig, daß er am 5. September 1924 in Lemberg in der Absicht eines Mordes gegen die Person des Präsidenten der Republik Wojeziecholvski eine Bombe, respektive eine Petarde geschleudert hat, welche nur infolge äußerlicher Ursachen nicht explodierte, also in einer bösen Absicht eine Tat vollzogen hat, welche Vas Verbrechen des Mordes zum Zwecke hatte? Die zweite Hauptfrage: Ist der Angeklagte Steiger schuldig, daß er am 5. September 1924, als er gegen den Präsidenten der Republik eine Bombe, respektive eine Petarde schleuderte, daß er absichtlich die Sprengmaterialien benützt hat, um auf diese Weise das Leben, die Gesundheit, sowie das Eigentum der in der Umgebung befindlichen Personen einer Gefahr ausznsetzen? Auf Grund des Wahrspruches erfolgte der F r e I s p r u ch des Angeklagten. . Der Gerichtssaal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Auch vor dem Gerichtsgebäude hatte sich eine ungeheure Menschenmenge angesammelt. Die Erregung . war unbeschreiblich. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung war die gesamte Ponzeimannschaft Lembergs herangezogen worden. Steiger wurde sofort auf freien Futz gesetzt. Eine vieltausendköpfige Menge bereitete ihm, den Geschwornen und den Bertevdigern rauschende Ovationen. -y. W i e n. 18. Dezember Stanislaus Steiger ist freigesprochen. In die ganze Welt trägt der Draht' die Nachricht' hinaus, daß an dem Rechtlichkeitssinn der Lemberger Geschwornen eine der unheimlichsten Intrigen zerschellt ist, die antijüdischer Haß je ersonnen hat. In der ganzen jüdischen Welt begrüßt man .diesen Wahrspruch mit dem Gefühl des heißesten Dankes an den Mann, der ein unsagbares Martyrium auf sich genommen hat und der .tapfer und standhaft alle Qual einer dreizehn Monate währenden Haft ertragen hat. Er ist in das so unsäglich lange Register der Menschen eingeschrieben, die leiden mußten, weil sie Juden , waren. Steiger wird seiner Familie wiedergegeben und die Freude, die sie empfindet, trägt mit ihr die jüdische Gesamtheit. Sie hasst, daß diese Episode abgeschlossen ist. Das Verdikt ist ein Ehrenzeichen für das polnische Volk. Die merkwürdigsten Geschehnisse waren rm Verlaufe der Untersuchung und noch mehr des Prozesses zu verzeichnen; Aeußerungen einer hysterisch aufgepeitschten Phantasie, Tratsch aus Hinterstuben und aus Klosterzellen, falsche Protokolle, Drohbriefe, Bestechungsgeschichten und Einschüchterungen — das alles zog zehn Wochen lang an Richtern und Geschwornen vorbei, mit höllischem Raffinement zu einer Anklage zusammengebraut, an der nicht ein einziges Wort wahr blieb, in der nicht eine einzige Behauptung aufrechterhalten .werden konnte. Selten noch ist die totale Amoral des Judenhasses.so grell und so rasch in das Scheinwerferlicht der Wahrheit, geraten, selten noch ist ein.Wahrheitsbeweis so gründlichmißlungen wie in diesem, Prozeß, der als Fall Lokomski in die Sammlung Pitaval eingeht. . - Denn die untersuchende Behörde verläßt gerichtet den Saal, diese Behörde, deren Organe ihr Möglichstes taten, die Wahreit zu verdunkeln, die Zeugen herbeischleppten, deren •Beeinflussung sich sofort ergab. Da ist einer, der den wehrlosen Häftling mit der Faust ins Gesicht schlägt; neben ihm einer, der sein erlogenes Material in die Stube der Kanaillenpresse trägt; einer, der . das Verhörprotokoll fälscht und Dinge hineinschreibt, die er nie vernommen hat. Und da ist schließlich der Staatsanwalt, der sich kühl über das unter Eid abgelegte Geständnis des wahren Täters hinwegsetzt und rhm die Beweiskraft mit der. durch nichts-gestützten Behauptung abspricht, es sei mit dem Geld amerikanischer Juden erkauft worden. Die Infamie dieser Gesinnung wird nur noch von der Naivität der Konzeption übertrosfen. All, dies : ist in nichts zerflossen dank der unbeirrbaren. Sicherheit der Männer, die dem Angefallenen zur Seite traten. Sie haben das Attentat zerschlagen, das auf die Ehre nicht des Angeklagten, sondern der jüdischen Gemeinschaft getnünzt war und aus dem Unglück' getraut werden sollte,.'das der Welthetze neuen Stofs zu bringen bestimmt war. Die Hexenküche der unterirdischen Politik, der Hintertreppen und der GHeimgesellschasten, in deren Wirken Ehre und Leben federleicht' wiegt, wurde in den.Gerichtssaal gebracht. Vogelsrei soll der jüdische Angeklagte sein, den eine stehend getaufte Ballettdame als'gottgesandte Retterin dem Lukomski präsentierte. Vogelfrei mit dem Studenten Steiger das Volk, dem er angehört. Der Spuk ist nun vorbei, hoffentlich für immer. . Jet letzte Tag. H,, Lemberg, 17. Dezember. Einen Tag wie den heutigen hat Lemberg wohl noch nie erlebt. Vom frühesten Morgen an waren die Straßen lebendig. Tausende von Menschen waren in Bewegung. Die gesamte Polizeimannschast• mußte ausrücken und sie hatte schlvere Mühe, die Straße' vor dem Landesgericht einigermaßen sreizuhalten. Dev' Andrang zu der Verhandlung, die gegen 10 Uhr begann, war unglaublich. Ter Saal und die Korridore waren von Menschen gestopft voll. Die Verhandlung brachte zunächst unter atemloser Stille des Publikums das Resümee des Vorsitzenden Tr. Franke. Er sprach vier Stunden lang. Seine Ausführungen waren nichts als eine sinngetreue Wiederholung des Plaidoyers des Staatsanwaltes. Nach 2 Uhr nachmittags schloß der Präsident. Unmittelbar darauf zogen sich die Geschwornen in ihr Zimmer zurück. Niemand verließ den Saal. Als der Angeklagte,abgesührt wurde, winkten ihm die Verteidiger zu. Gegen 4 Uhr erschienen die Geschwornen wieder im Saale. Die Atmosphäre war fast atemberaubend dicht geworden, die Nervosität nicht zu schildern. Ter Obmann verliest das Verdikt. Erste Hauptfrage: acht Nein, vier Ja. Wie ein Rauschen geht es durch den Saal. Der Präsident blickt strenge in das Auditorium. Zweite Hauptfrage: acht Stimmen nein, vier Stimmen ja. Die dritte Frage fällt aus. Ter Präsident erteilt den Befehl, den-Angeklagten wieder vor zu fü h ren. Es ist totenstill im Saal. Man merkt es den Leuten an, daß sie nur der Respekt vor der Gerichtsstätte zurückhält, dem jungen Menschen ihre Sympathie zu beweisen. Ter Präsident sagt: „Stanislaus Steiger, Vernehmen Sie das Urteil!" Steiger, tiefblaß .im Gesicht, sieht ihn ruhig an. „Sie sind freigesprochen." Steiger verbeugt sich, dann wendet er sich lächelnd den Verteidigern zu und verbeugt sich schließlich vor den Geschwornen. Der Staatsanwalt erklärt, sich Bedenkzeit zur Berufung gegen das Urteil vorzubehalten. Ter Vorsitzende erklärt die Verhandlung für schlossen. Eine halbe Stunde später ist Steiger frei... Inzwischen war die Kunde von dem Urteilsspruch aus dem Saal hinausgedrungen. Journalisten eilten zu den Telephonen und verbreiteten überallhin die Nachricht. Man rief sich dieses. Resultat, das von wenigen erwartet worden war, zu. In einem Augenblick war die mühsam hergestellte Ordnung auf den Straßen durchbrochen. Die Leute, die aus dem Haus hinausgelangten, stürmten die Straßen entlang, riefen: „sreigesproch^t!" in die Fenster und Straßenbahnwagen. Tausende von Menschen stauten sich in der Batorygasse, in der sich das Gerichtsgebäude befindet. Kurz nach halb 5 Uhr erschien Stanislaus Steiger, gefolgt von seinem Vater, der ihn noch im Saale in Empfang genommen hatte. Ein unbeschreiblicher Sturm bricht los. Hüteschwenken, Händewinken. taufendstimmige Rufe: . „Hoch Steiger!" Die Polizei ist faum imstande, dem Freigegebenen den Weg zu bahnen. Die Ovationen dauern ununterbrochen stundenlang an. Es werden Hochrufe auf die Geschwornen laut. Schließlich bildet sich ein Zug von Demonstranten^ der den braven Verteidig e r n den 'Dank bezeugt. In der Legionenstraße wird das Auto, in dem Senator Tr. Ringel sitzt, angehalten, ' Ringel . heräüsgezogen und auf den Schultern der Begeisterten.fbrtgetragen.' Die gleichen stürmischen Ehrungen werden Tr.'Grek, Dr. Löwenftein, Tr. Landau,' Tr. Zmiarowski, Dokto»! Rosenkranz zuteil. Die Polizei ist machtlos. Vor dem Wohnhaus Steigers steigerten sich noch die Ovationen. Die Polizei hatte um mittelbar nach dem Urteil starke Kordons um das Haus gezogen, die sich aber, als . gegen 5 Uhr Steiger und sein.Vater ankamen, nicht holten konnten. Nur mit Mühe konnten die beiden in das. Haus gelangen. Tie Menge auf der Straße wich nicht und brachte immer wieder Hochruf e a u f Steiger aus. Auf Ersuchen eines Polizeiosftziers kam schließlich Steiger, in dessen Wohnung inzwischen zahlreiche Gratulanten hatten eindringewollen, auf den Balkon. Er hielt eine kurze Rede, dankte für die ihm gezeigte Sympthie. und bat schließlich die Leute, sich, in R u h e z u entfernen. Sein Appell wirkte und die Straße war in kurzer Frist leer. Die Stimmung in Lemberg. H., Lemberg, 17. Dezember. 9 Uhr abends. In der Stadt herrscht voll» komm ene Ruhe. Es ist n''v"ends HU Zwischen fällen gekommen, die P:(>:zetbereitschaft ist eingezogen worden. Ihr Korrespondent erfährt, daß der Staatsa n wa>l t die F r i st zu r B e r usu n g ve rst reichen 'lasten wird, ohne etwas zu unternehmen'. Im jüdischen Publikum, das sich in gehobener St'mimt'tiß befindet, herrscht mir eine Stimme des L des für diie Verleid' gang. Insbesondere die prachtvolle Rede, in der Dr. Löwen st ein die Argnmeirtze. der Anklage in Trümmer schlug, wird allgemein M das enli'sche'dende Moment in dem Prozeß gevühmt. Mit tvarmer Verehrung gedenkt man des Verteidigers Dr. G r e k, des Vorsi^^n der Lemberger Advrkatenkammer, -und der Mühe des Tr. Landau, dessen juristischer Scharfsinn viel zu dem Erfolg beitrug. Dr. Ringels Name wird überall mit wahrem Enth.t.siä'mus gefeiert. . Die nichtjüdischeBevö -lkerNng teilt in ihrer Mehrheit die Freude der jüdischen Masten. Es wurde keinerle i gehässige Bemer'kung laut, dagegen begrüßten v'e'e, trtt denen man diie-s nicht gehofft halte, den Sieg der Wahrheit in dem Freispruch Steigers. Die Nachricht in Wien. Der Verlauf des.Steiger-Prozesses wurde in Wien begreiflicherweise vom orften Tag bis zu dem gestern erfolgten Äischluß mit ungesckwächter Spannung verfolgt. Die Le'denschai't, mit der im Lemberger.. Schwurgericht der Kamps um den Kops des nnschuldlgen Steiger gekämpft .wurde-, hat sich beereislichcrweiss auch den j üd i- , schen Kreisen in Wien mitgeteilt. Der Fall wurde