Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2449 (16.12.1925)
- Date
- 1925-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^Poten; »5 flroMyl Wi en: 4um Abholers in der Spedition. IL Taborsti. 1-3, oder in einer Verscbleisstelle (Tratik rnonatl. ö Schilling Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Gold sch mied, I., Wollzellc 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling i sehecho*Slowakei: Mon. K22. Jugoslawien: Mon.Dtn.60. Polen:Mon. 5Z]ofy. Deutsch!and: Mon. Om. 4. Frankreich, Belg* en: Mon. Frcs. 18 fyadu«ntiingcii bei frei»« erbObuntfen vorbebelles renetr rPT.t.srai England; Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl. 18 Lire. Rumänien: Mon. 170Lei Bulgarien Mon.tOOLewf. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs'; Redaktion, Administration Wien, II. Tabor sir. I Telephone: 44-0-38.43-3-19 Ab 6 Uhr 21-1Ö2, 25-2-8: IX., Universitätsstrasse 6-< (D.uckerei lg. Steinmatin' Oesterreich|sches Postspaikäsen-Konto Nr. 150.693 «r. 2449 Mw. Mittwoch. 16. MS 1. MnFriedemkMgretderPresse —f. W r e n, 16. Dezember Eine internationale Friedenskonferenz der Presse >urd aus. Genf angekündigt. Es sind vorbereitende Schritte durch die Bereinigung der bei dem Völkerbund akkreditierten Journalisten eingeleitet worden, gemäß einem auf der letzten Völkerbundversammlung gefaßten Beschluß, der die Heranziehung der Presse zur Friedensarbeit als Vorbedingung einer intellektuellen und moralischen Abrüstung empfiehlt. Es ist sicher den in Genf sitzenden Journalisten, die ja in der Atmosphäre des. praktischen Pazifismus leben, sehr ernst um ihren Vorschlag und es ist schon oft genug erklärt worden, daß es die Aufgabe der Presse sei, an dem Friedenswerk mitzuarberten. Aber es noch sehr die Frage, ob die. Presse diese Mission erfüllen kann. Voraussetzung wäre der Wille hiezu und eine gewisse uniforme Betrachtung der Dinge. Es müßte eine Reihe von Grundsätzen ausgestellt werden, an die sich die Presse zu halten hat und denen sozusagen sakraler Charakter beigelegt werden müßte, der unter keinen Umständen verletzt werden dürfte. Die Presse müßte zu einer einheitlichen Auffassung der Begriffe Frieden und Abrüstung gebracht werden. Hier stockt maw schon. Ist dieser Gedanke nicht unausführbar? Ist er nicht vollends unmWich in einer Zeit, in der das politische Leben der Kristallisierung in Parteien, in politische Trusts immer mehr zudrängt? r Die Presse ist kein Dingan sich, das - so einfach und allein indie Welt, gesetzt.'ist?Me Presse ist Organ, '. Werktag einet bestimmten sozialen oder politischen oder ökonomischen Joee, einer Strömung, einer Partpü Wer kann.natürlich nur von der ernsten Presse, yicht aber von den Blättern der Borsenkoterien die Rede sein, obzwar gerade diese für gewöhnlich als die siebente Großmacht auszutreten, verstehen.). .Die Presse steht unter einem für sie jederzeit fühlbaren Druck. Die Presse wird von Menschen gemacht, die sich freiwillig, aus einem inneren Drang Zu der Idee bekennen, der die betreffende Zeitung dienen will, und die sich zu Welt und Menschen so einstellen, wie das ihr Organ ihnen vorschreibt. Sie wollen wirken, möglichst viele Menschen mit - ihren Anschauungen . erfüllen und sie merken sehr, bald, daß ZeituM und Leser in einem Wechselverhältnis stehen, bei dem jeder Teil gibt und empfängt. Eine Zeitung und ihr Leserkreis bilden einen Körper, der sich gewisse Gesetze gibt und ein eigenes Leben, führt. Er duldet kein Abweichen von der Linie: Wie will man nunin der Frage Frieden' oder Krieg, in der Frage, in der das politische' Temperament am stärksten reagiert, eine Uniformität Herstellen? Liegt denn dieses Problem für alle gleich? Nicht einmal der große Krieg wird von allen in gleicher Weise als ein Unglück - für die Menschheit behandelt. und es steht leider so, daß für den Großteil der Entente- Presse das Krieg bedeutet, was den Deutschen als Friedensziel vorschwebt und'umgekehrt. Es ist unmöglich die sozialistische und die kapitalistische Presse auch nur in einer geringfügigen . Angelegenheit unter einen Hut zu bringen, geschweige denn in der Frage der intellektuellen und moralischen Abrüstung, die ein Dutzend der stachligsten Probleme in sich begreift. , Abrüstung und Frieden sind vor allem Erziehungsjragm. Sie werden erst verstanden werden, wenn die Schule von dem Gift wird befreit werden können, wenn es möglich sein wird, die Kinder von der nationalistischen Phrase, von dem Kehlkopfpatriotismus und der Heldenverehrung zu erlösen. Was die Presse zu einer Besserung des Zustandes tun kann, ist herzlich wenig. Sie ntüßte sich dafür entscheiden, auch den Gegner als Gentleman anzusehen und. fremde. Meinung zu respektieren. Sie müßte das Hetzen gegen Völker, Partien, Klassen einstellen. Das erfordert Selbstzucht und innere Disziplin.' Das kann jeder, der ^zur Feder greift, ansich erzielen. Dazu bedarf es keiner vorbereitenden Schritte zu einem Kongreß, der mit. seinem ganzen Klimbim nicht einen Revolver am Losgehen verhindert und bestenfalls zu den vorhandenen fünftausend pazifistischen Resolutionen noch zwölf in den großen Papierkorb sendet. Die Presse aller Staaten, aller Völker hat ihre Autorität vernichtet,! als sie. einheitlich und ohne, Ausnahme das große Kriegsgeschrei verbreitete.. 'Sie kann sie heute, mit dieser historischen Schuld beladen, nicht mehr erreichen. Me letzten Lage des Steiger-Prozesses. Der Beginn der Plaidohrrr. — Der Staatsanwalt hAt die Anllage ansrecht. (Bon unserem Lembcrger «.-Korrespondenten.) ■SH® Lemberg, 15. Dezember. Der große Prozeß ist heute in sein Endstadium getreten. Die Erregung in der Bevölkerung Lembergs ist kaum zu beschreiben. Aus ganz Polen sind gestern Neugierige hier eingetroffen, die dem Ausgang des Prozesses persönlich beiwohnen wollen. Die Judenschaft lebt wie in einem Fieber. Die große wirtschaftliche Krise, unter deren schwerem Druck das ganze geschäftliche Leben steht, wird kaum mehr beachtet. Jeder jüdische Einwohner weiß, um was es in dem Schwurgerichtssaal jetzt geht.- Das ganze zukünftige Verhältnis zwischen Juden, Polen und auch Ukrainern wird in diesen Stunden bestimmt und die Geschwornen werden über mehr entscheiden als - über das Schicksal des Studenten Steiger, in dessen Person sich ein ganzes Volk in diesen Wochen verleumdet und verfemt gefühlt hat. Die Juden wissen auch, daß die ganze große jüdische Welt außerhalb dieses Staates mit ihnen-und mit Stanislaus Steiger diesen an Merkwürdigkeiten so reichen Prozeß als' ben ihren durchlebt.. Tapfer und geduldig steht Steiger vor den Richtern. Seine seelische Kraft ist ungebrochen. Solche eisenharte - Nerven Hai nur - i das Gefühl der Unschuld, ...-^'^7 die ja für Wen, der die' Resultate -des "Prozesses an sich vorüberziehen läßt, als absolut erwiesen gelten muß. Es' gibt ■ ■ . ■ . keinen einzigen Umstand, der Steiger mit dem Attenat auf . den Präsidenten Wojciechowski in Verbindung bringen kann. Die Mtisemitische Bestie hat sich in diesen Fall verbissen. Aber sie hat nichts beweisen können. Mannigfache Fäden wurden zu dem Netz verarbeitet, nach Wien und nach Berlin Verbindungen gesponnen — aber daß Steiger nicht der Täter ist, das ist schon vor dem Auftreten Olsch anskis unwiderlegbar gewesen, der Wahrheitsbeweis der Anklage ist schon in den ersten Stunden in sich zusammengebrochen, als die Frage nach den, Motiv zu der Tat, die Frage, mit der die Anklage steht und fällt, unbeantwortet bleiben mußte. Der zionistische Student, der ehrenhafte, ruhige junge Mann, steht im Gerichtssaal, weil dort ein Jude stehen mußte. Und dieses muß ist der Inhalt und die Erklärung dieses Prozesses. * Vor überfülltem Vechandlungssaal begann heute der Staatsanwalt Dr. Hryniwieeki mit seinem Plardoyer. Er gab -zunächst eine Darstellung des Attentats gegen den Präsidenten Wojciechowski, wobei er sich vollständig m die Schilderung der Anklageschrift hielt, wie denn der Staatsanwalt von den negatitoen Ergebnissen des Beweisverfahrens überhaupt keine Kenntnis nahm. -Er versuchte d i e S ch u l d Steigers.zu beweisen und führte ans, die Schuld des Angeklagten sei bereits während der standgerichtlichen Verhandlung gegen ihn bewiese» gewesen. Wenn Steiger damals nicht verurteilt wurde, so verdankt er dies ausschließlich einem Zufall, und zwar dem Mangel an Einstimmigkeit unter den drei. Richtern des Standgerichtes. Steiger verhält sich ruhig und. macht sogar öfter den Eindruck, als ob er die Gerechtigkeit heraussovdern wollte. Aber diese Ruhe sei nur eine scheinbare, i n n e r I i ch s e i d e r A n g e k l a g t e beunruhigt, da er selbst die Wucht der Beweise gegen sich kenne. Die' vom Gericht geführte Untersuchung wurde, wie der Staatsanwalt ausführt, in keiner Weise von der Oefsöntlrchkeit unterstützt. Im Gegenteil, dem Gericht wurden verschiodentlich Hindernisse in den Weg gelegt. Das Gericht wurde mit Drohbriefen und anonymen Schreiben überschüttet. Der Staatsanwalt berührt sodann den peinlichen Kamps zwischen der politischen und der Kriminalpolizei, welche dem Gericht naturgemäß die Arbeit erschwerte. Die Kriminalpolizei habe den richtigen Weg eingeschlagen, .indem sie an der Hand von Fakten und Beweisen die Schuld Steigert feststellte. Die politische Polizei habe dagegen verschiedene unnütze politische Konzeptionen geschaffen, indem sie die Frage nach dem Urheber und dem Motiv des Anschlage s aufwarf. Dadurch hat sich die Polizei dazu bewegen lassen, einmal die Kommunist e n und das cmderetnal die u k r a i n i s ch e militärische Gehei morganisat i o n anzuklagen. Dies hatte für die Erhellung der Wahrheit nichts beigetragen, aber doch die Verhaftung einer Reihe unschuldiger Personen zur Folge gehabt. Me Zeugenaussagen stimmen darin überein, daß die Bombe von dem Platz aus. geschleudert wurde, an dem Steiger nach seiner eigenen Aussage sich befunden hat. Es ist ferner sestgestellt, daß der Täter ein hochgewachsener Mann mit einem hellen Gummimantel und einem weißen H n t war. Auch Steiger hat niemanden in seiner Nähe bemerkt, der so wie er gekleidet war. Es ist ferner Tatsache und' sie ist als Belastung sehr wichtig, daß Steiger sofort nach dem Anschlag flüchtete. $cr Staatsanwalt gab zu, daß zwischen dm Aussagen dek Zeugen nt dieser Richtung gew iss.e Differenzen bKehen-twch ist er der Ansicht, daß die ^Aussagen auch m Lesern-Punktge gen. Sie ig er lauten. Alle Anzeichen sprechendafür,' daß ^-die' wichtigste Entl-astnngszeugm, Fräulein O r l ick a tendenziös- - z u g u n st e n S t e ig-ers gelogen hat,' während Frau Le dl, eine ä l t er e und ernste Fr au, die Wahrheit gesagt hat, als sie gemeinsam mit der Pasternak Steiger belastete. . : Nur die Pasternak und die Ledl haben die -Wahrheit gesagt, was, alle anderen Zeugen aussagen, sind pure Lügen und Erfindungen. be< gangen entweder in dem vollen Bewußtsein, den Angeklagten Steiger als Juden zu entlasten oder um zu ver^ tuschen, daß diese Zeugen in Wahrheit nichts g» sehen haben. Der Staatsanwalt hebt hervor, daß ock meisten Zeugen belastend aussagteu - und verlangt schließlich die Bestrafung Steigers im Sinne -der Uw Die Rede des Staatsanwaltes hätte um 10 Uhr früh begonnen und dauerte bis halb 4 Uhr nachmittags. Das Auditorium horte ihn inatemloser R n h e an. Der -AnMagte Steiger blieb die ganze Zeit über, ohne eine Bewegung zu machen, auf feinem Platze. Morgen wird für hie-Verteidigunk ' Dr. Löwenstein sprechen. Sollte es zu einer ReM des Staatsanwaltes kotn» men, so wird nicht, wie ursprünglich geplant war, Doktok Landau, sondern Abgeordneter Dr. Smiarowski aus Warschau, der Vorsitzende der Liga der Menschen rechte, vis Wort nehmen. Das Urteil erlvartet man allgemein '. « morgen um Mrtternacht. Vor dem GerichLßgMude finden den ganzen Tag übet Ansammlungen statt. Der Andrang des Mikrm6 zur Verhandlung war ungeheuer, so daß die Wache btc Eingänge durch Kordons abfperren mußte. Drohbriefe m den Prüfidenten Franke. Wie die Blätter melden, halben der Bochitzende Franke des Tribunals km StotMr-PvWtz sowie eimge iGefchwome Drohbriefe in -ukrainischer und' polnischer Sprächet evha'ltm, h welchen dich Pechum mit dem Tode .lbx'drcht werden, falls Steiger freagefpr oche n 'würbe. __ JemMon Loucheurs. - Naris, 15. Dezember. (Tel.-Komp.) FinatMünistch Lauchenr hat heute in der Fimnzkommission eme neuerliche Niederlage erlitte«. Die Kommission nahnt nämlich eine Resolution einstimmig mit einer einzigen Stimmenenthaltung an, in, welcher der gestrige Beschluß v? Kommission, die Finanzvorlagen Loucheurs in ihrer gegen wärtigen Fassung zurückzuweisen und nur die Vorlage über die Steuerhinterzichung in Beratung zu ziehen, 6eftä!t wird, ^cheur W MM Pitz Dtzmijjion: gegebeu. -