Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2448 (15.12.1925)
- Date
- 1925-12-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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ftttater Wtotfteitacfhinrt_15, Dezcmtzer 1925 Rr. MIA ^imr-inT-T nT%tw~r-r-T—1 ■ m— ,. , ■ - ■— i.1■ ' ** - - >- - —i ■ i um - ' Ser Mhrbund Rheinland. l\t Schlacht Mm NSdl ng vor den «djBffen. Eine Frau in tiefer Trauer erschien gestern zu Be* ginn der Verhandlung vor der Zeugenbarre. Ihre Stimme zittert und sie mutz Platz nehmen Es ist die Witwe degetöteten GemeinderrieS Müller. Unter allgemeiner Spannung beginnt sie ihr« Aussage. Sie und ihr Mann schliefen bereits, als sie um Mitternacht von dem G.nosien Bauern feind geweckt wurden. Müller Neidete sich foforr an und lies fort. Die Frau blieb liegen. Nach 12 Uhr bekam sie Nachricht, datz ihrem Mann Furchtbares zugestoben sei. Sie eilte ins Spital. „Don sagte mir der Arzt-, fährt sie fort, „Frau Müller, weil en Sie nicht, sinh Tie gefaßt, ihr Mann isi schrecklich zugerichtet worden, das spottet jebet Beschreibung, ich habe so etwas noch nie gesehen." A.s ich meinen Mann erblickte, fing 'ch za we-nen an, er tröstete mich, es werde schon besser werden. Dräute« mußte ich dann 6 8 3 Uhr früh warten, bis die Operation vorüber war. Dann verließ ich in Begleitung von Genossen das Spiial. Schon um 5 Uhr ging ich wieder fort. Zn der Managettagasse iah ich an zwei Stellen Blutlachen« — Bors.: Haben Sie auch einen Revolver ober eine Revolvertasche gesehen? — Zeugin: Nein. — Frau Müller erzählt dann auf Befragen, ihr Mann habe in den Jahren 1923 und 1924 eine Waffe besessen, diese aber später weggegeben. Seither habe sie eine Waffe bei ihrem Mann nicht gesehen. Gegen halb 6 Uhr früh ging sie in Gesellschaft des Gemeinderates Vogel wieder ins Krankenhaus. „Jetzt erzählt« mir mein Mann", jagre Frau Müller, „über die Vorgänge. Er sei an der Pianke in der Nordpolgasse gestanden, aus einmal hörte er Kommandorwe: „Hurra, vorwärts! Schützen, schießen!" Er sing an zu laufen, da verspürte er auf einmal einen Schlag am Hmrerkopf, dann stürzten sich viele Leute aus ihn, hiebe« uno stachen aus ihn ein. Sie beschimpften ihn dabei forwährrnd: „Du Hund, du mußt «och krepieren, haut ihn zusammen, den Gauner, h u mutz er sein!" Dann haben sie ihn bei den Füßen gepackt und die Gasse hinaufgeschleist. Die Spuren d:s Schleifens habe ich.an seinen Kleidern gesehen. Hemd, Hose und Bluse, alles war blutgetränkt und voll Straßenkot." Bors.: Mo haben Sie.die Kleider übernommen? — Zeugin: Im Spital, n ch i» derselben Nacht. — Bors.: Waren viele Blutspuren zu sehen? — Z e u g i n: Ja, Las Hemd war 'ganz blutgetränkt, in der Gegend der Lunge von einem Stich zerschnitten. Auch an anderen Stellen waren Spuren von Stichen z« bemerken, Sand und Straßenschmutz. Die Aerzte haben mir gesagt, ez ist geradezu furchtbar, wie man den Mann;ugerichtet hat. — Bors.: Sie erleiden außer dem Schmerz durch den Verlust ihres Gatten auch vernrögersrechiliche Nachteile? — Zeugin: an" — Sie Mm drr krmordekn als Krugl». Gewiß. - SiaaiSanwalt Dr. Sacher: Hat Ihnen ihr Man« ausdrücklich erzählt, daß er das Kommando „schießen" gehört hat? — Zeugin: Ja, zuerst Hurrarufe, dann „Feuer, vorwärts" und „Schützen, schießen!" Damit ist die Einvernahme der Zeugin beendet. Es werden hieraus die Zeugen Wilhelm Linhart, Hoch» schüler, Frau Marie Gutschreiter tdiese war bei der naiio« nalen Feier am Eichkogel selbst anwesend), deren Gatte, der Bum desbahnlnspektor Joses Gutschreiter, der früher einmal £&« mann der großdeuischen Gemeinderaisgruppc m Mödling gewesen war, und dl? Tochter Herta de- Ehepaares emvernom» men. Letztere gab gestern an, str habe in den Taschen zweier Burschen damals aus der Bahnbrücke Steine geichen. Der Vorsitzende verliest ihre diesbezügliche Aussage in der Vorunterjuchung: „I ch vermutete, daß sie Steine trugen." Dg Lig Zeugin hierauf in Verlegenheit gerät, bemerkt der Vorsitzender „V e r g e s s e n S i e n i ch t, d a ß e s e i n w c s e n t l t ch e r U Nterschied ist. ob Eie mit einer Freundin darüber plauder« oder hier im Gerichtssaal Aussagen mache n." Ilse Steingruber, di« Cchivkster der beiden Srstangeklagten, will einen Schuß, der gegen die Rheinland-Leute gerichtet war, gehört haben. Die Verteidigung beantragt die Vereidigung der Zeugin. Sic wird jedoch auf Beschluß dc8 Gerichtshofes nicht vereidigt. Der Zeuge Josef Weiß, Mitglied der FronMmpfervep einigung, marschierte mit den Rheinland-Leuten zum Bahnhof. Er blieb auf drr Brücke stehen, da hörte er Plötzl'ch Hurrarufe, die Truppe stürmte in die Nordpolgasse hlnein und währenddessen hörte er Schüsse. Mer geschossen hat, das weiß er nicht. Er betont, daß er die Schüße erst nach den Hurrarufen gehört habe. Eine Reihe weiterer Zeugen berichtete im wesrutlichen rrchts Neues. Der Kellner Karl C e p e l sagte aus. daß er gehört habe, wie dir Rheinland-Leute beschlossen, einen Sturm aus dgs Ar* beiterheim zu machen. Einige waren besonders wild darauf und schrien: „Auf jeden GaLkandrlaber wird ei« Roter ausgchängt!" Die folgenden Zeugen, der Bankbeamte Joses Kronberg, seine Gattin Amalie, der Private Philipp Zweig, der Drechsler Vinzenz Horty und der Spävgler Franz Juranitsch, alle Bewohner der umliegenden Häuser in der Managettagasse, sagten übereinstimmend aus, daß sie damals um Mitternacht durch die Schüsse und den Lärm aus dem Schlaf geweckt wurden. Dem Zeugen Zweig. der sich nach der Ursache erkundigte, ries ei« Rhein« lond-Man« zu: „Die roten Hunde verfolge« unS." Zeuge habe dann beobachtet, wie vier Männer einen Verwundeten durch die Straß« schleiften. Die Verhandlung wurde sodann abgebrochen Heute werden Die restlichen Zeugen emvcenvmmen und sodann dapsychiatrische G u t a ch t e n über de« Angeklagten B e r g n e r erstattet. fritt < Wen, Sie deutsche AeriermwMe. tot* demokratische Abgeordnete Koch mH der Kabinettsbildung betragt. (Ehrendienst der „Wiener Morgew^eitung".) Statt», 14. Dezember. Der Reichspräsident hat heute den Führer der Demokraten Abgeordneten Tr. Koch empfangen und ihn. mit der Regierungsbildung betraut. Dr. Koch hat sofort die Berhandlnngen mit den Parteiführern zwecks Bildung eines Kabinetts der Großen Koalition ausgenommen. Das Zentrum hat ihm seine Unterstützung zugesagt; die bayrische Volkspartei ist bereit, an den Verhandlungen teilzunehmen; die Sozialdemokraten machen ihre Mitwirkung davon abhängig, daß die übrigen Parteien zunächst zu dem von ihnen ausgestellten Arbeitsprogramm Stellung nehmen; gegen dieses Arbeitsprogramm hat aber die deutsche BolkSpartei Einwendungen erhoben. Nun will Dr. Koch selbst ein Arbeitsprogramm aufstellen, das eine Berhandlungsbasis böte; dieses wird -er morgen vormittags den Parteiführern vorlegen. Tie Mission Kochs hat wenig Aussicht auf Erfolg, zumal der frühere Reichskanzler Dr. Luther, dem es nicht gelungen ist, das Koalitionskabinett zu bilden, gegen die Grobe Koalition kräftig Stimmung macht und sich für die Rolle des „pater patriae" parat hält, der ein „Vertrauens« männerkabinett" (lies: mit Beamten gespicktes Rechts« kabinett) bilden soll. Werden die Mordabspordiiekn drr Serlcht fonmttt? Berlin, 14. Dezember. In dom Prozeß gr?en den wegen Mordes verurteilten G r ü t t e - L e h b «t bat der Angeklagte Angaben über ein MordL-mPlott ge:cn den Minister Severin und außerdem über Aeußwmgen des Atg. Wulle, welcher Fememorde bestellt bat, mltge'eilt. Hiezu erklärt der Am-tkiche Preußische Pressedienst, daß die Staatsanwaltschaft die Frage prüfen werde, ob die Angelegenheit dem Ob-erreichZanwalt vorzulegen sei. Leutlche Zuffkz. Berlin, 14. Dezemiöer. (Wol'is.) In der rs^rb^'Äinschen Zeitschrift „Die Justiz" stellt der RsichsiagLabgerrdnete Otto- Landsberg, der in dem Magdeburger Prozeß des verstorbenen Reichspräisidenttn E be-rt Rechtslbeistand Eberts war, die Behauptung ans, daß die be drn juristisch gebildeten Mitglieder des Magdeburger Gerichtshofes, Webersdorf und Sch ulze, die das erstinstanzliche Urteil bestimmt haben, und die beide als Politiker zum völkischen Block der deutschnationalen Partei gehörten, sich bei der Fällung des Urteils von ihrer politischen Einstellung hAten leiten lasten. Zum Beweis seiner Behauptung führt Abg. Landsderg an, daß Webersdors mit dem Verteidiger drs Angeklagten Rotbart zusammengewirkt habe. Des we'teren behauptet Landsberg, daß AmtkgerichtHrat Tr. Schulz gegenüber Weber-dorf S ch e -i d e m a n n mit einvm schwer-beleidigenden A usdruck belegt habe, der aber von Dr. Schulz abaestritteu -wird. Landsberg erklärt, daß er mit seinen Verö'.feMichungen erst nach Mvabschiedung des preußischen Amnest'egesetzes hevdortr-e'e, weil er haben wollte, daß die Untersuchung Heiner MitieÄung'm nicht durch die N!-edevsch.agung des Verfahrens verhindert werde. 8t. Aamel fift« Otttf. Beseitigung der Kontrolle. — SÜrkimg unsere, Wahrung. Im Hnuptattsschuß erstattete gestern Bundeskanzler Dr. Ramek Bericht über-die Verhandlungen in Genf und stellte fest, daß durch das vorliegende Uebereinkommen mit dem Völkerbunde die Kontrolle tatsächlich beseitigt ist. Die Beendigung der Kontrolle bedeute allerdings nicht die volle finanzielle Unabhängigkeit. Diese habe die wirtschaftliche Unabhängigkeit zur Voraussetzung. Der Bölkerbundrat hat die Empfehlungen de- Wirtfchastskomitees angenommen. Er hat die Staaten eingeladen, so rasch als möglich in Verhandlungen mit uns einzutreten und die noch fehlenden Handelsverträge zustande zu bringen und die bestehenden Vertrage zu verbessern. Wir haben dem Rate angekündigt, daß wir m einigen Monaten über das Resultat seiner Empfehlungen berichten werden. Die handelspolitische Aktion der Regierung ist nicht abgeschlossen, sondern wird fortgesetzt. Hinsichtlich der Kreditfituation ist materiell für uns von großer Bedeutung, daß wir noch einen Teil der Anleihe besitzen. Hier stehen wir vor der nächsten Ausgabe der Regierung, die Kre ditreste den Kreditbedürfnissen unserer Volkswirtschaft nutzbar zu machen. Wir haben darüber bereits Verhandlungen gepflogen. Der Generalkommissär wird schon in der allernächsten .Zeit mit dem Präsidenten der Nationalbank über diese Anregungen verhandeln und im Marz werde» wir dem Finanzkomitee einen Plan über die Clozieruugen vorlegen. Die Regierung wird einen Vorschlag für diese Verhandlungen ausarbeiten und sich hiebei von zwei Grundsätzen leiten lasten: Schafsu«g von EntwicklungSmöglichkeiten für unsere Wirtschaft und Stärkung unserer Wahrung.. Der Bericht des Bunüskanzlers wurde nach längerer Debatte zm Kenntnis genorruneri. Mielruvovelie und Ansorderungs- > grfetz. I Eine Erklärung des Ministers Dr. Resch. Heute wird im Nationalrat die erste Lesung der M:etennovelle stattfinden, aber schon gestern ließen die Sozialdemokraten den Minstcr für soziale Verwaltung während der Budgetdebatte sondieren, wie er sich zur Verlängerung des mit Jahresende außer Geltung tretenden Anforderung sge setz es stelle. Dies besorgte Abg. Sever. der übrigens bei dieser Gelegenheit auch feinen durch den Marxismus nicht gebändigten antisemitischen Instinkten keinen Zwang antat. Er verlangte Antwort auf den Brief des Bürgermeisters Seitz über das Anscrderungsgesetz und polemisierte gegen Dr. Seipel, der die Parole ausgegeben habe: Entweder Verhandlung der Mietengesetznovelle oder das Ablausen des Ansorderungsgesetzes. Das sei eine Erpressung, die jedcch nicht die Sozialdemokraten, sondern die Wohnungslosen betrefft. „Wir lasten", sagte er, „kein Junktim zwischen Mietengesetz und Ansorderungs ge setz zu und werden d»e Wohnungssuchenden auf den Ballhausplatz zum Bundeskanzler und zum Minister für soziale Verwaltung schicken. Wir werden der Wiener Bevölkerung zeigen,.daß die Herren Seipel und Konsorten und die Großagrarier, die die Mietzinse der städtischen Bevölkerung einen Schmarren angehen, aus der Seite der jüdischen Schieber stehen, die ja zum großen Teil die Wiener Hausbesitzer sind. Minister Dr. Resch erwiderte, er sei bisher nicht in der Lage gewesen, mit dem Bundeskanzler betreffs des Brie, fes, den der Bürgermeister von Wien an diesen gerichtet habe, zu verhandeln. Es sei aber die persönliche Meinung des Ministers, daß das Arisorderungsgesetz in s e i n e r h e urigen Form nicht mehr verlängert werden k ö n n e, da es viele Härten mit sich bringt. Zumindest müßte d«u Hausherren, wenn eine Wohnung frei wird, ein bindendes Vorschlagsrecht eingeräumt werden. Im übrigen werde morgen über die Regierungsvorlage verhau« delt werden, die ja nicht nur eine Reform des MietenrechtS, sondern auch des Ansorderungsgesetzes bezweckt, und es wird Sache der Parteien sein, Verhandlungen über diesen Gesetzentwurf zu führen, da die Regierungsvorlage ja kein Dogma ist. Folgen der MielerttmlorMernrig ln Deutschland. Aus Berlin wird uns berichtet: Nach einer Mitteilung der Nachtausgabe des „Tag" haben die rückständigen Mieten in Berlin eine Höhe von 6,5 M i l l i o n e n Mark erreicht. Bei einem Stande von ungefähr 30.000 Häusern gibt es kaum ein einziges Haus, in dem alle Wohnungsinhaber die Miete pünktlich bezahlt haben. Am meisten sind die Häuser in den Vorstädten mit Kleinwohnungen betroffen. So befindet sich zum Beispiel im Südosten der Stadt ein Haus mit 40 P a r t e i e n, von denen 28 m der Miete im Rückstande sind. Nochmal« fiet Fall Sükller. Zwischen den steirischen Christlichfozialen wnd bit Wiener Partei herrscht seit einigen Wochen ein gespanntes Verhältnis da gewiste Wünsche der Steirer wegen Subventionierung der Grazer Bühnen von der Regierung nicht erfüllt wurden. Dazu kam noch der Fall Gürtler. Die Steirer stellen sich auf seiten Dr. G -ü r t l e r S, dem sie zubilligen, in Abwehr eines dem Grazer Ha ndelZkammevpräsidenten angetanen Affronts die für die Verleihung der Auszeichnung an den Kammer- PrÄsidsnten verantwortlichen Beamten ganz richtig charakterisiert zu haben. Eine Beleibiguug des Bunbespräsidenten sei tvährerd der Juibelseier der Grazer Handelskammer nicht erfolgt. Die ganze Angelegerihelt sei nur vom Handels minister Dr. Schürf maßlös ausgebauscht worden, der zu allem Ueberftuß noch die Beamten gegen den Abg. Gürtler gehetzt >habe. Der Klub der steirischen National- und Bunde'srä-te hielt gestern in der Wohnung des erkrvnisten Landeshauptmannes Dr. Rintelen mit dom engeren Vorstand der Landesparteileitung in An'we»sen>heLt des Finanzministers Dr. Ah rer eine Besprechung ab, die angeblicher durch die Beendigung der Genfer Aktion gescha Dienen Lage galt. Wie das Grazer Parteiossiziöse 'Blatt .berichtet, seien auf Grund der mehrstündigen Besprechung konkrete Beschlüsse gefaßt worden, die der am 21, d. stattflndenden Lairdesparteile itungssitzung vorgeliegt ^werden. klar Frledmilovfrllnr der Presie. Paris, 14. Dezember. (Tel.-Komp.) Die international Bereinigung der bei dem Völkerbund aktveditierten Journalisten hat die vorbereitenden Schtittie hür die Ginibevufung einer miernationalen Friedenskonferenz der Presse eingeleitet. Die «Jdoe einer solch:» We.'tjviisdenskonferenz der Presse wurde au,f der letzten im September atgehaitenen Tagung der Völkerbundversammlung in Ornf auftzeworftn, die in einer Resolution die Hevanzichung der W e l t p r«>s s e . zur. i n te rna.tionalen Friedensarbeit als Vcrbödingung einer intellek tuellen und moralischen Ab--