Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2425 (22.11.1925)
- Date
- 1925-11-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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eeifcS Men, Gomrlag SBieitet Morsenzertung LS. Novmver IW Nr. Ne»» wer de» Ursprung der »Protokolle der Welse« von 8to»*. Jude« und Freimaurer. Bekanntlich beruht das ganze Gebäude der „Protokolle der Weisen von Zion" auf der Tatsache", daß 6er ganze Freimaurerorden ein Spielzeug te den Händen der Juden sei. Der Orden sei nicht nur „verjGet" im landläufigen Sinne des Wortes, sondern mit Haut und Haar den Juden verkauft und gezwungen, alle Besohle der „Weisen von Zion" blindlings auszuführen. Durch welche Gewaltmittel die Juden diesen Zwang auSübeu, wird uns nicht gesagt. Wie verhält es sich nun mit dieser Tatsache? Ein soeben erschienenes Buch von Ln. P. Bräunlich unter de« Titel „Leo TaxilS weltgeschichtlich denkwürdige Schelmenstreiche"*) gibt darüber Aufschluß. Leo Taxil war einer der größten Schwindler der Weltgeschichte. Ursprünglich Kommunist, Revolutionär und Atheist, verstaner es, durch eine scheinbare „Bekehrung" die ganze katholische Welt, ihre führenden Kreise mit dem KardinalSlollegirnn und dem Papst an der Spitze, zu umgarnen und irvezuführen, indem er gegen den Freimaurerorden einen Krieg im großen Stil inaugurierte. Er versicherte, als ehemaliger Angehöriger des Ordens alle seine Geheimnisse zu kennen und nun preisgeben zu wollen. Er verfaßte eine unabsehbare Reihe von Büchern, Broschüren und Flugschriften, in denen er die Freimaurer der scheußlichsten Verbrechen beschuldigte, unter anderem huldigten sie dem Teufel Bitru, zelebrierten die „schwarze Messe", pflegten den Satanismus und verübten überhaupt alle tnog» lichen Scheußlichkeiten und Greuel. Das allez fand in der katholischen Welt ungeteilten Glauben und Leo Taxil zog aus dem Erlös seiner Literatur enorme Einkünfte... Endlich hatte der Schelm das Spiel- und die Einnahmen satt, und an einem schönen Frühlingstag 1898 bekannte Leo Taxil in einem der größten Pariser Säle vor eurem riesigen Publikum, daß alle seine Behauptungen eine einzige große Mystifikation gewesen seien, ein frecher Spatz, den er sich mit den höchststehenden Persönlichkeiten und Körperschaften in Europa erlaubt habe. . . Bräunlich erzählt die seltsamen Peripetien dieses Schwindlerlebens mit viel Behagen und Humor und weist nach, daßTaxilderUrheber der Legenden ist, wonach die Juden die eigentlichen Leiter der Freimaurerei seien. Im Kreise Leo Taxils und seiner Pariser Freunde und Freundinnen sei darauf auch die damit zusammenhängende Sage der „Weisen von Zion" ausgebrütet worden., die die „Men" WellnöberungSpläm der Juden im Gerste der neuen Zeit auSgestaltet haben... Die Ausführungen Bräunlichs bieten eine Fülle von neuen Gesichtspunkten und werfen viel Acht ans das Treiben des internationalen Antisemitismus. S. ßi« Mchm vor«v MALOWAN Telephon 18-84 L. FRANZ Opornrlno 81 infolge äusserst günstigen Abschlusses bringen wir aus allerfeinsten engl. Double-Stoffen, auf Seide gearbeitet, in den neuesten Fassons zum Preise von 195 Schilling und Seldenblhder in tllersohwerster Reinseide und neuesten Dessins zum Preise von 9.50 schl ling sm Der Mmnte französische DramatÄer Henry Bernstein hat sich m einem Artikel im ,Semps" sehr scharf gegen Bevmnd Sha w gewendet, der in einer Unterredung mit einem 'Journalisten von einem ,Pvovinzial'iSmus" der .französischen Schriftsteller und einem StMsta.nL im französischen Drama j^oa$. Bernard Shaw erwiderte in einem osstnen Brves an Henry Bernster.n, aus dem die Londoner ,Morrringpost!" einige interessante Auszüge bringt. Bernard Shaw fuhrt m dem Brief ans, Bernstein Me sich nicht getroffen fühlen, denn er sti Jude, nicht Franzose und Wune ebensowenig wie die übrigen Angehörigen feiner Rasse ife Franzosen oder Engländer oder Irländer endgültig urteilen. Er sei ja durch und durch Orientale. Im Verglich mit dem Bolle Ifrael, schreibt weiter Shaw, seien die westeuropaiisH-en. Raffen Parvenüs, ja Gar-, ba re n. Wenn also Bernstein als -Jude und Idealist diese westeuropäischen Rassen verehrt, so sei dies nichts als Götzendienst das ist eben die edle Schwäche derJuden. ihre Ideale zu Götzen zu erheben. Mag der Kopf eines Franzosen nichts als ein Schafskopf sein, so wird sich der Jude vor ihm ducken und i>hn wie das goldene Kalb verehren. Bernard Shaw schließ, daß Kr den DurchschMsfranMen.Herr Bernstein nichts als ein Ein dringting, ein orientalischer Parasit, kurz — ein Jude ist. »Henry Bernstein entMgenete Mn in einem offenen Brief, daß Bernard Show zwei Monate lang über ein Argument als Antwort nachsinnen mußte, bis er endlich auf das billige jüdische Argument kam. Er, Bern-- stein, habe bisher in Shaw einen Athleten gesehen, dgr aus härterem Holz geschnitzt ist als ein Franzose. Auf einmal habe sich der Riese Shaw oils sehr menschlich entpuppt. In die Enge getrieben, denunziere er seinen Gegner als. einen im Nationalismus Befangenen, als einen „Juden". Bernsteint nennt Shaw noch einen sozialistischen Mul'itrmillivnär und Antisemiten und schließt: ,/Wären Sie, Bernard Shaw, ein Dichter, und nicht allein, ein großer Virtuose, zuweilen auch ein großer Schwätzer, Sie würden sich cher mit meinen Argumenten als mit. meiner Nase beschäftigt haben." Bernstein unterzeichnet: „Ihr — 'bei allem Götzendienst — Henry ©e-ntfÄ." * Dü Firma SchuhhauS Dorn, 2. BH., Taborstraße 8, Lat die rveltberühmten Schweizer ,/9ally"-Schuye und die englischen Hazelschuhe in neuester Form für den Herbst erhalten, welche auch weiter für meine werten Kunden billigst abgegeben werden. *) Verlag von Robert Peitz, Cainbmg, Saale, 1925, ut «Wche am.*) Das israelitische BlindeninMt. Auf der Hohen Warte befindet sich das emzigartige Institut, das gewiß zu dem Interessantesten md Wertvollsten gehört, was das jüdische Wien aufzuwerstn hat. Gegründet im Fahre 1870 von dem durch das eigene Erlebnis seines geschwächten GesickMermögens fcfyii angespornten Dichter Ludwig August Fra nkl mit lverktatiger Unterstützung des Barons Jonas Frankel, ift-es von allem Anfang an dis auf der: heutigen Tag eines der f ü hxenden Blindeninstitute Europas überhaupt Mtd das einzige jüdische in der ganzen Welt, Pa das in Jevusivlem vorhandene mehr ein kleines Asyl für Blinde, denn ein Institut ist. Die zum Zwecke des StMums des Mndenwesens unternommenen Reisen Frankls nach Deutschland und der Schweiz machten das Institut zu einem der zweckmäßigst eingerichteten, das spater die Entwicklung des gestritten Blindenwesens' in nicht geringem Maße beeinflußte. Schon auf dem in die Zeit der Gründung des Instituts fallenden ersten Kongreß der Blindenlchrer und Blindensreunde, der in Wien tagte und dem dieses eben errichtete jüdische Blindeninstitut gleichsam als Geschenk dargch^cht . wuchs, stellte Frankl Forderungen von jo großer Bedyttumg, daß selbst die hohe Entwicklung, die das Mindenlwestn seither nahm, nur einen Teil dieser Forderungen erMt hat, während em Tell heute noch angesttebtes Ziel ist. Die B e r e i n h e i t l i ch u n.g d e «r Blindenschrift-und deren obligatorische Einführung, die Zugrundelegung der P sycho lo.g ie für 'die Blindenpädagogik, 'die Gründung einer' Uindenfachzeitschrist nahmen von hier aus ihrett Weg, ebenso das eigene, sd^on 1685 angewaMe System derHandfertigkeit, das Ungefähr gleichbedeutend ist mit dem vtddernen System der ArbeitsschBen. Das in den Werkstätten geübte AuSbrldungSverfahren ist ein solches, daß es den Zöglingen die Möglichkeit der selbständigen Arbeit gibt, ein Verfahren, das die Anstalt Äs einzige ähnlicher Art der Notweridigsköit eines. wie sonst Mich, angegliederten Versovgungshausts enthebt; wenigstens hat sich bis jetzt.eine solche Notwendigleit infolge dieser spezifischen Ausbildung nicht ergeben. Etwas GvuMegerches ist die in den letzten fünf Jahren geübte individuelle Ausbildung, das heißt eine Ausbildung, die nicht nur, wie bis dahin, einfach die zur Wichen Bürstenbinderei und Korbflechterei Ar alle war, sondern in die Richtung der entsprechenden Befähigung des blinden Zöglings geht. Es wird blinden Schülern und Schülerinnen ermÄ^Ht, in allgemeinen öffentlichen Lehrerseminaren, Musikatademien, Universitäten (in den ihnen zugänglichen Disziplinen der Philosophie und der Jurisprudenz), öffentlichen Sprachschulen, wo sie die «Staatsprüfung für fremde Drachen oblegen ufw., ihre Ausbildung zu finden. Diese Ueberleitung in die I n t e lligenzberufe geschieht allerdings in begrenztem Ansmatz, für eine Zahl eben, die Aussicht hat, nach der Absolvierung der Studien eine Berufsstellung dieser Axt äuszuüben. Die Auswahl für diese Berufe wird mit größter Sorgfalt vorgenormnen. Cs wird daraus Gewicht gelegt, daß diejenigen, die Musik betreiben, es im Hinblick ans dieses Fach als ihren Hauptberuf tun, das heißt, daß sie die Staatsprüfung Wegen, um 'dorm als Professoren wirken zu können. Ein Teil der ZögliM hat eine eigene Musikschule, deren Absolventen! in den Tempeln der verschiedensten Städte als Organisten wirken. Gegenwärtig zählt das Institut 60 Zöglinge Männlichen und weiblichen Geschlechtes (beide Geschlechter m annähernd gleicher Anzahl) im Alter von sechs bis 20 Jahren. Der größere Teil stammt aus Polen und sonst aus aller.Welt. Wie im allgemoinen nur zwei Prozent aller Blinden wohlhabenden und reichen Familien ent- , stammenArmut ist die Mutter des Bliudsems -—, so sind auch unter diesen 60 Zöglingen nur zwei, beten Angehörige zu zahlen 'imstande sind, die anderen 58 -müssen in jeder Hinsicht-erhalten werden. Die' Resultate der. in -der Anstalt any>ewaMeN'Blw denpädagogik sind ganz hervorragend, zunial -die Intelligenz des jüdischen blinden. Kindes mwerhäiltnismäßig hoch ist Der Unterricht ist ein ganz spezifischer. I« erster Linie richtet er sich auf.die Sicherstellung de- Borstelllungsvermögens, um die GvuMagm für die manuelle Fertigkeit zu schaffen. Diesem Zweck stchl eine im Laufe der Jahre erworbene, zum großen Teil von den Zöglingen.selbst augeserhigte vorzügliche LchrrMA stmulung zur Vechigung. Die Lehrdisziplinen sind die der V olk su n d B ürge r s ch u l e und die aller Arten deS MittelschulstudiumS. Die VvAsschulgruPPe umfaßt Wenwärtig 14 Knaben und Mildchen, die Bürgerschülgvuppe 17, die übrigen machen, die Gruppe der Mittelschüler aus. Zum erstemnal wird auch in dieser Anstalt als der einzigen durch Einführung von M odellierar'b a rten das BechAtnls des Blinden zur Kunst erprobt, oi-n Versuch, der jetzt schon erstaunliche, von Künstlern anerkannte Resultate gezeitigt hat. Das Verhältnis des Schülers zum.Lehrer und mtgakchrt fft das denkbar beste kameradschaftliche. ES ist -noch nie vorgskommer^ daß eine in Schulen übliche Simse <pr einem Zögling vollzogen werden mußte. Dir Disziplin fft tadellos und vollzicht sich ohne jeden Zwang. Dir Zöglinge stehen um 6 Uhr morgens auf, an Samstagen und jüdischen Feiertagen um 7 Uhr, waschen sich und Neiden sich allein an, nehmen ihr FrÄhstück sin und bereiten ihre Schulfachen vor. Um 8 Uhr beginnt der Unterricht. Bor dem Beginn des eigentlichen Unterrichtes versammeln sbe sich im Musiksaal, ein Chor wird gesutlgen (ein Psalm oder ein Chor von Mendelssohn), dann werden ihnen von drn Lchrer» aktuelle wichtige Mitteilungen gemacht. ES wir-d ein Ereignis besprochen, das jüdische allgemeine oder auch lokale Bedeutung hat, dann suchen dir einzelnen ihre Schulzimmer auf, die allerdings nur im Winter benutzt werden^ da im Frühling, Sommer und »herbst der Unterricht im Garten oder sonst nn Freien stattfindet. Um 10 Uhr ist zweites Frühstück, 12 bis halb 1 Uhr Spaziergang, halb 1 Uhr Mtlagessen. Bon 1 bis 2 Uhr ist wieder Aufenthalt im Garten oder Spaziergang. Um 2 Uhr beginnt der Mchmitbagsunterricht, der durch das Einnehmen der Jaust unterbrochen wird und bei den Größeren bis 7 Uhr abeM dauert. Ohne jede Einwirkung der Lehrer haben sich unter den Zöglingen Ar'b e i t s g e m e i nschaften gebildet; gegenüvärtig gibt es je eine für Esperanto, Hebräisch, Englisch, Fra-nzösisch und eine für Padagogik und Muficheschichte. Die jüdische Erziehung besteht darin, daß außer dem jüdischen Einschlag, den sie im allgemeinen hat,. strt drei Jahren sechs Stunden wöchentlich obligatorisch die hebräische Sprache gelehrt wird (in der Jbrith-. b'ibäth-Methode), jüdische Geschichte und jüdische Bücher aller Art gelesen werden. Die jüdischen Feiertage werden ihrer Bedeutung nach gefeiert (am Purim und Simchath- Lhora geht es überaus lustig zu), die Wirtschaft ist rituell. $ie Zöglinge besuchen den Gottesdienst im Tempel, an Feiertagen witd im Betsaal der Anstalt'gebetet. F ü nf : allgemeine Lehrer, zwei Werkmeister sechs Lehrer für Spezialfächer, dmchwegs vorragend Pädagogisch ^schult, besorgen den Unterricht; die pädagogische und allgeMine Leitrmg hat der um di«' Anstalt außerordentlich verdienstvolle, als BllmdeNpäda-. goge allgemein bekannte Direktor Allimann. Das 50 Raume umfassende HanS ist von einer mustergültigen Ordnung erfüllt. Ein RMdgang durch die Raume bietet oin verMtzendes Bild des lomplizierten, hier ganz erstaunlich gemeisterten Gebietes der BlindenpädagoM 'Das Interessanteste und zugleich Erschütterrüste ist die Bc--- sichtigung des Modell-ierfaales. Die Arbeiten, die da zu sehen sind, sind trotz der Jugend ihrer Schöpfer und der vom Mndsein bedingten P r i m i t i v i t ä.t oder gerade deswegen von eigentümlicher Wirkung. Wenn außer dem Erlebnis der Blindheit noch das einer fo g-vauenvolleu Heimsuchung hinzutritt, wie sie der jetzt 14jährige Michael R a b i n erlebt hat, der im P ogr om von P ro s l,u ro w seine Ellern vcÄoren hat, deren er sich nicht mehr erinnert, wohl aber daran, wie man ihn die Augen ausstach, dann üst die Wirkung einer künstlerischen Arbeit, die orir solcher mit Mndheit und Muenvoller Erinnerung Gcschlagmer geschaffen hat, geradezu unhüMch. Dieser Knabe hat fein Gesicht modelliert in jener von Schreck verzerrten Gestalt, die es nach feinem Empfinden davstelltc, als er vor -den Pogvomiften flüchtete. Außerdem ist er mit einem ganzen Zyklus, dst Jahreszeiten symbolisierend, im Modelliersaal vertreten. - Bon den übrigen SAen fft der Saal, der die Pro?- dukte der HandferiigkeLtsarbeiten zeigt, jener der MÄdchenhandarbeitest, des VerMschaulichungsrnktervichiies, die Werkstätten chw. hervorpheben. Die A nstaltsbibliother umfaßt 8000 Bände in Blin-. i b ensch x t f t. Auch einen eigenen Verlag besitzt die ^Anstalt, der bis jetzt 105 Merke in Blindenschrift übertragen hat. Ein erst neuerdings eingerichteter Saal zeigt eine Werkstätte zur Erlernung der Klavicrre p a r a t u r, die die Anstalt ebenfalls als erste ihre Zöglinge lchrt; bis jetzt hat man Blinde nur im Klavierstimmen» ausgeRldet. Die Absolventen der Anstailt, stsem sie Handwerker sind, gründen sich mit Hilfe der Anstalt Bürsten- und Aorbwarengeschäfte mit den einschlägigen Maren. Biele haben die Möglichkeit, als Klavierstimmer, MnsMehrer, 'Organisten, Lehrer für Blindenschulen und Juristen ihren Lebetrserwerb zu bestreiten, Nicht gering ist die Anzahl derer, die als Schriftsteller Md Kompomsten bekamt wurden. Das Budget der Anstalt hat im Vorjahr und auch in diesem Jahr 1,2 Milliarden Kronen, betrage^ die aus Spenden beischafft werden missen, da durch dre *> Siche Memr Morgenzeitmw" voin 9., 11, 24.! KvieWevMnisse -as ttn Frieden vorhandene Vermögen ,35, 1?, 6., '12., 15. Md 18. November. vvu.I1 Mflion,Hromy, das die Anstalt zu-' eiMX Ux unD in allen Prelslam