Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2422 (10.11.1925)
- Date
- 1925-11-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Gerte * Wen. Donnerstag_ Wer hat al o die Bombe in den MabethMter Klub gelegt? (Bon unserem Budapester Korrespondenten.) Die erste Budapester Gerichtsinstanz hatte es nach gründlicher Voruntersuchung und Peinlich genau durchgeführter Hauptverhandlung einwandfrei festgesteÜt: Julius Marffy Md Genossen-waren eS, die mit Vorbedacht.dst Höllenmdschine in den Ofen des Festsaaleö an dem Tage, au fvelchem im Aub ein großes Bankett hätte stattfinden -'sollen, praktiziert haben, um auf solche Weise eine Anzahl bekannter jüdischer Persönlichkeiten — der größte Teil der Bankelteilnehmer waren Inden — hinzumorden. Der Mordplan ist in schaurigster Weise gelungen. Acht Juden wurden getötet und 23 sind infolge der Verletzungen für ihr ganzes Leben lang Krüppel geblieden. Der Gerichtshof konnte, da die Schuld der Angeklagten klar erwiesen tvar und Marffy und Genossen wahrend der Verhandlung einen unerhörten Zynismus an den Tag legten, beim besten — oder sagen wir schlechtesten — Willen nicht anders, als das Gesetz an-, wenän und die Hauptschuldigen Marffy und Marosr zum Tode, durch den Strang, und die übrigen'Beteiligten an dem Bombcnattentat zu mehrjährigen Zuchthausstrafen'verurteilen. . Marffy, der Spiritus rector der rassenschutzlerischen Erwachenden Ungarn, nahm damals das Todesurteil mit höhnischem Lächeln entgegen. Er wußte genau, daß es niemals würde ausgeführt werden. Die Königliche Tafel als Berufungsinstanz mühte sich Tage hindurch ab, Marffy und Genossen von der Schuld an der Ermordung der Juden und dem Wentatsverfuch an den liberalen Politikern Karl Rasjay und Andreas Miklos zu befreien, um das erstgerichtliche Todesurteil nicht bestätigen zu müssen. Die Verhandlung vor dem Senat der Königlichen Tafel hat die Schuld Marssys und Genossen an den ihnen zur Äst gelegten Delikten womöglich noch offenkundiger festgestellt als die erste Gerichtsverhandlung. Uhd dennoch: Marffy. der zum Tode verurteilt war, wurde von der Anklage, gegen das Elisabethsiädter Kasino das Bombenattentat verübt zu haben, freigesprochen und bloß wegen des geplanten Attentates gegen die französische Gesandtschaft zu sechs Jahren Zuchthaus und anderthalb Millionen Geldstrafe verurteilt. Karl Marosi, der ebenfalls zum Tode verurteilt war, wurde f r e i ge sp r o che n und seine sofortige Enthaftung angeordnet. Josef Szasz, der vom Gericht zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, wurde zu 20 Tagen Gefängnis, Franz H orva th, der gleichfalls zu fünf Jahren Zuchthaus Verurteilt worden war, sowie Bela Drenka (gleichfalls zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt gewesen) wurden freigesprochen; ebenso wie der zu zehn Jahrey Gefängnis verurteilte minderjährige Josef R a d o. Der Staatsanwalt Dr. Keler meDete gegen den frei-, sprechenden Teil des Urteils der Königlichen Tastl die Berufung an und beantragte, daß die steigesprochenen Angeklagten in Haft veMelben. Marffy meldete die Nichtigkeitsbeschwerde wegen seiner Verurteilung an. Die Königliche Tafel entschied, daß die freigesprochenen Angeklagten sofort in Freihe it zu setzen seien. Ter Sinn dieses unerhörten Urteils ist klar. M o rtz e, die in der Zeit der „großen Vollserregung", wie die Blütezeit des weißm Terrors auch heute noch selbst von Mitgliedern der Regierung genannt wird, an Juden, Arbeitern und liberalen Politikern begangen oder versucht wurden, dürfen nicht gesühnt werden. Bloß wenn der „patriotische Eifer" in seiner Naivität sich an die Vertreter einer auswärtigen Macht heranwagt, muß der Schein der Rechtsordnung gewahrt werden. Die französische Regierung läßt sich nicht mundtot machen wie Juden, Arbeiter und liberale Politiker im eigenen Lande. Mar f f y und sein Verteidiger U l a i n wußten schon zu Beginn der Bekufungsverhandlnng, daß ein Freispruch erfolgen werde, und nehmen auch die Strafe wegen des Attentatsversuches gegen die französische Gesändtschast nicht tragisch. Die Strafe wird nicht abgebüßt werden. Das Horthh-Regime weiß, was es seinen zur Zeit der „patriotischen Volkserregung" hilfsbereiten Mordbuben zu danken hat. Der Bombenwerser Marffy und seine Komplizen wurden fteigesprochen. Wer waren also die Bombenwerser und Mörder, denen acht Juden zum Opfer gefallen sind? Auf diese Frage ' darf die heutige ungarische Justiz offenbar ebenso wenig die wahre Antwort geben, wie sie die zahlreichen Juden- und. Arbeitermorde, obgleich die Mörder landes bekannt lind, nicht zu sühnen wagt. Re „Aus ottulWarbeit" des Fmisvms. Mussolinis Kammerrede. Rom, 18. November. Heute um 3 Uhr nachmittags wurde die Kammerfession eröffnet. Die Faszisten waren vollzählig erschienen; von der Opposition waren die Abgeordneten Salandra, Giolitti, .Soleri und einige andere anwesend. Der Kammerpräsident beglückwünsch'c Mussolini zum Mißlingen des Attentates. Hierauf w-eibte Mussolini die neue. Rednertribüne mit einer Rode ein. in der er unter anderem auf die innere Lage zu sprechen kam; er dankte seinem Mitarbeiter Federzoni, der mit voller Energie eine A-usrottuntzsarÄsit vollbracht habe, zu der man sonst dreißig bis vierzig Jahre gebraucht hätte. Das ganze La nd, fuhr der Ministerpräsident sott, sei heute saszistisch gesinnt. Was übrig - bleibe, feien nur archäologische R e si e. Selbst wenn es Len Missetätern gelungen wäre, Hu zu hejeitigen^ wäre ^er Faszis- Wiener Morgenzeitung 19. November 1925 Nr. m Irr Kamps um Lukomsti Bnl Werchola. - Der zeuge Fine!. - Me anonymen Briese. (Bon.unserem ».-Korrespondenten.) Lemberg, 18. Novemtber. In fortgesetztem Zeugeirvechör wurde heute der Ingenieur Orlieki «sindernommen, dessen Gattin in der Freitagverhandlung ausgesagt, hatte, daß stö vom Cafe de la Mix. aus zur Zeit, als -das Attentat erfolgte, in der Nähe des Baievscheu einen kleinen glattrasierten Mann in einem braunen Anzug die Flucht ergreifen sah, nachdem er währ.no der Vorbeifahrt des Wagens des Staatspräsidenten eine ziemlich, auffällige Handbestegmig gemacht hatte. Ihr Gatte -Ingenieur Otholt, der heute eilivmwmmen wurde, hat die gleichen Wahrnchmungen gemacht wie feine Frau. Auch er schüdert dm Fluchtenden, als untersetzt, in einem -raunen Anzug, und gibt über Befrage» an, daß er k.e i n e B r! l l e getragen habe. Es wurden sodann eine .Bureaukollegin Steigers, Fräulein Dinner, und ein Bureaukollege namens Gebot verhört. Sie stellten Steiger in bezug auf seine Tätigkeit das beste Zeugnis aas. erklärten^ daß er seinen Bureauavbeitenmit Eiset nachkam, kein« anderen Interessen verriet und stets ruhig und arbeitsam seine Agenden versah. Am Tage des Attentats arbeitete er wie stets von Bureaubegmn MN s Uhr vormittags dir gegen 1 Uhr mittags, zeigte keiner^ Unruhe, die auf etwas Außergewöhnliches hätte schließen lassen und be-faßk sich außer mit feiner Bureauarbeit an . diesem Vormittag lediglich mit einem Geschenk» das die Angestellten ihrem Bnveauchsf Menkes anläßlich fernes Geburtstages überreichen sollten und das Steiger zu besorgen übernommen hatte. (Tatsächlich hatte Steiger gerade am 5. 'September, nachmittags, dieses Geschenk, eine silberne Tabatiere, besorgt, weshalb er auch etwas früher als gewöhnlich vom Haufe -tvegging. Diese Tabatiere wurde auch bei feiner Verhaftung bei ihm gefunden.) Die hierauf einvernommene Zeugin Frau Anna Hornfttln mackie eine Aussage, die einerseits wieder wie schon -mehrere andere Zeugenaussagen die 1l ngla unwürdig kait der Angaben der Wiener Zeugin Frau Viktoria Le dl beweist, andererseits ein bisher unbekanntes Moment vorbringt- Die Zeugin Hornstein, 'die den Hergang des Attentats nicht bemerkt Alte, kam gerade dazu, als Steiger verhaftet wurde; sie sah zwei Polizisten, nur eine Frau (die Pasternak, so daß abermals erwiesen ist, daß Frau Le dl bei der Verhaftung nicht da bei wa r) und, wie sie angibt, zwei MänNer. Der eine tvar Steiger, von de m a nde r en weißdie Zeugin nichts anzugeben, kann ihn auch nicht beschreibe n. Sie sah dann ein.Auch herrnkommen, in dem ein Polizei,beamter . (offenbar Kommissär L u k o m s k i) saß, und merkte, wie Steiger, die Pasternak und die Polizisten in has Auto einsiiegen; währenddessen sagte Steiger laut zur Pasternak: .Fräulein, ich war es nicht, Sie haben mich nicht gesehen, Sie irren sich!" Die Pasternak antwortete: „Ich irre nrich nicht." In diesem Moment — gibt.die Zeugin an. — sah sie einen Mann im Zivilanzvg ans das Auto zulaufen, das sich gerade in Bewegung, fetzte, Die Zeugin glaubt, daß dieser zweite Mann mit S t e i g e r . e i n i g e' Worte gewechselt habe. Da sie über das Aussehen dieses Mannes.gar,Nichts gussagen bann, so ist aus ihren Mitteilungen kein klares Md zu gewinnen. . Großem Interesse des Gerichtssaales begegneto die Zeugenaussage der Braut Steigers, Fräulein Marek. Die Zeugin, die über Befragen des Vorsitzenden angibt, daß sie wohl mit Steiger nicht offiziell verlobt sei, sich jedoch als seine Braut betrachten könne, gibt Näheres über mus in Italien so stark, 'daß das Regime ihn gar nicht mehr brauchte. Tann legte Mussolini zu einer Hetze gegen den Parlamentarismus los, indem er unter anderem sagte: UeLerall begreift man, daß das parlamentarische System,' das. seine Nützlichkeit hatte, heute nicht mehr genügend-ist, um dem wachsenden Ansturm der Bedürfnisse und der Leidenschaften der modernen Zivilisation im Zaum zu Hilten. Man fühlt überall, daß es in dieser modernen Gesellschaft 'notwendig ist, energisch die Grundsätze der Ordnung, der Disziplin und der H i e r a r ch i e wieder he^ustellen, ohne welche die menschlichen Gesellschaften deck Chaos und dem Untergang entgegenschreiten. Diese Grundsätze sind .nicht nur für Italien, sondern für alle z i v H i s i e r h n San d e r von Vorteil. Den Schluß der Rede bildeten 'Drohungen gegen Länder mit antifaszistischen Tendenzen. Mussolikis Prise nach London. London, 18. November. (Tel.-Komp.) Nach Meldungen, die beim „Foreigne Office"''eingelangt find, scheint die Meist Musf o li n t s nach>2 o n d-o n zur Unterzeichnung der Locarno-Verträge sicher zu sekn. Die Trabe Unions nehmen fortgesetzt eine feindselige Haltung ein und dürfien Nim Empfange Mussolinis der * VwlMg große SKvlerigteAett bereite». Ple Kejze; die gesellschaftlichen Beziehungen ryns Verlobten an; er hat feine freie Zeit hauptsächlich ihr gewidmet, in Gesellschaift kamen die jungen Leute wenig, mit Kommunisten Pflog Steiger nie Verkehr. Für de- 5. September hatte Steiger mit seiner Braut den Besuch des Theaters verabredet, in welches die beiden Brautleute, da sie eilt Abonnement besaßen, öfters zu gehen Pflegten. Nichts im Benehmen Steipers in der Zeit vor dom 5. September Wtfe darauf schließen, daß er irgend etwas Außergewöhnliches vorhabe. Die Zeugin gibt ihrer Ueberzeugung von der Unschuld Steigers -beredten Ausdruck. Cs kamen hierauf zwei Zeugen zu Wort, deren Aus-» sagen zur Rektifizierung früher gemachter Angaben von ' nicht gerade einwandfreien Zeugen dienen. Wie noch ■ erinnerlich, hatte der Kommissär L u k o m s k i, welcher; durch die Aussagen des Chefs des Warschauer Sicherheitsdienstes S u ch e n k o schwer kompromittiert worden tvar, angege'ben, S u ch e n k o sei beim Verhör der Pasternak, das er vornahm, betrunken gewesen: LukomSki habe ihm dies auch gesagt. Der heute einvernommene Leutnant Proczkotvsk, der bei diesem Verhör anwesend war, erklärte dezidiert, daß Kommissär Suchenko sich durchaus korrekt bei seiner Amtshandlung benommen und in keiner Weise den Eindruck eines Betrunkenen gemacht habe. Sodann kam durch die. .Einvernahme der Zeugin Orlowska der famose Belastungszeuge der Staatsanwaltschaft, der Polizeikonfident Werchola, den der Staatsanwalt als Kronzeugen für Steigers Verkehr mit K o m m u n i st e n geführt hatte, wieder aufs Tapet. Von dieser Frau Orlowska haste . nämlich Werchola behauptet, daß sie mit Steiger und den Geschwistern Mrak, die als Kommunisten bekannt fc'C? häufig zusammenkcnn. Frau Orlowska erklärte unter Zeugcneid, daß sie Steiger nie gesehen habe; die Angaben Wercholas bezeichnet sie, ebenso wie es schon die Geschwister Mrakgeran halten, als Phantasien eines pathologischen Lügners. Wie bereits gemeldet, hat die Verteidigung in Ergänzung des Beweisverfahrens die Einvernahme eines Zeugen namens F t n e I beantragt,, ferner verlangt, paß das Gericht den Lemberger Metropoliten Szeptycki um Herausgabe der ihm zugekommenen ' anonymen Briese ersuche. Heute wandte sich der Staatsanwalt gegen diese Anträge. Bezüglich des Zeugen Finel berief er sich aus einen anonymen Br i es, in dem ihm mit-- geteilt wurde, Finel sei ein Mann von minderwertiger Intelligenz, ja sogar als geisteskrank zu betrachten; überdies besage dieser anonyme Brief, daß Finel ein M i t s ch u l di g e r Steigers sei, außerdem sei er als Kommunist polizeibekannt. Auch gegen die Einforderung der anonymen Briefe beim Metropoliten Szeptyrki wandte sich der Staatsanwalt mit der Begründung, r habe erfahren, daß der Metropolit die anonymen Briefe nicht mehr besitzt. Gegen die Ausführungen des Staatsanwaltes Polemisierte Verteidiger Dr. Landau mit dem Hinweis darauf, daß die Berufung des Staatsanwaltes auf anonyme Briese nicht stichhältig sei, und daß überdies die in dem anonymen Schreiben übet Finel gemachten Angaben in keiner Weise der.Wahrheit entsprechen. Das Gericht hat sich die Beschlußfassung über die Anträge für später Vorbehalten. Der Vorsitzende schloß hierauf die Verhandlung. Morgen Men Steigers Kollege F i ch m a n n, mit dem ec am 5. September kurz vor seiner Verhaftung beisammen war, sowie der Polizeikommissär Äajdan, der durch sein erstes Verhör mit Steiger, bei dem er diesem i n s G e s i ch t s ch l u g, eine traurige „Berühmtheit" a> langt hat, einvernomcken werden. und Lokomotivführer haben beschlossen, d e v Zug Mussolini 8 n i cht zu bed i e n e n. Das Frauenstimmrecht in Italien. . Rom, 18. November. (Tel.-Komp.) Der Senat hat nach lebhafter Debatte das Gesetz über die Ei-nsübruwA des Frauen stimm r echtes in dm G-e me i n'd e n grundsätzlich genehmigt. Sin MeMche» HauSelsmivWerium der Moskau, 18. November. (Tel.-Ag. der Sowjetunion.) Da- Präsidium des Zentralexekutivkomitees der Sowjerunio» hat heute beschlossen, die V o l k s k o m m i s s a r i a t e sür detz Innen- und für den Außenhandel zu vnm nm heltlichen Volkskommi ssariat für fen thifefiii und Innenhandel zu vereinen. Zum Volkskommissar des neue« Amtes wurde Alexander Zjurupa. der -stellverttetend- Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der Sowjetunion, ernannt, der vom Vorsitz in der staatlichen PlaniviNschaM kommission enthoben wurde. Zu seinen Zrellverkretern wurdetz der sriihere BolkSkommissär für Außenhandel, Krassia, und der frühere DolkskommW für he» Jnnerchande^