Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2416 (13.11.1925)
- Date
- 1925-11-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Po>en. Wgiosz D V V iV i en; z-um Abliolcn in der Expedition, 11., Taborstr. 1-3, )det in einer Verschleisstelle Trafik) monatl. o Schilling Strassenverkaul in W i en durch die Kolporteure der l'irma Goldschmied, Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich ' f6 Schilling lschecho- Slowakei: Mon. K 22. J u g o s 1 a wi e n: Mon. Din.'60. Polen’: Mon. 4 Zloty. «Deutschland: Mon. Gm. 4,.Frankreich, Belgien: Mon. Pres. 18 rener (Nachsahtangcn M Preiserhfihangcn rorbehalten Nr. 2416 Wie». Freitag. 13. November 1923 Ifrreis LvH Engl a n d: Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl. 18 Lire: Rumänien: Mon. 170 Lei. Bulgarlen:Mon.lOOLc|wi. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration Wien, II. Taborstr. 1 Telephone: 44-0-38,43*3-19 ' Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6-8 (Druckerei lg, Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.698 ummmBammmm 7. Fabrgang Wie Moria M m Zeugin nach Lemberg km. Steiger sieh! die Ledl zum ersten Male in seinem Lebe». — Verwandtschaften. — Die Fasormatione» ans der „Arichrpost". (Bon unserem ».-Korrespondenten.) Lemberg, 12. November. In der heutigen Verhandlung wurde das gestern durch die Vornahme des gerichtlichen Lokolaugcnsche.ines auf dem Attentatsunicrbrochene Zeugenverhör der aus W i,e n vorgeladenen Lolomotivsührersgattin Viktoria Ledl forigesetzt. Zunächst wurden die. gestrigen Aussagen der l’cW rekapituliert und der Vorsitzende stellte an den Angelegten Steiger die Frage, was er auf die Aussagen der Zeugin zu erwidern habe/ Steiger'antwortete sehr furz und sehr bestimmt: „Ich erkläre nochmals: ich bin völlig unschuldig. Die Aussagen der Zeugin sind unbedingt unrichtig. Ich sehe die Frau heute zum ersten Mal in meinem Leben." Die Verteidiger Steigers stellten nun der Zeugin eine lange Reihe von Fragen,, Verteidiger Dr. Ringel allein ihrer etwa hundert. Die Antworten, die. Viktoria Ledl gab — soweit sie nicht die von ihr bevorzugte Methode anwandte, zu s ch w e i g e n —, erschlossen ziemlich merkwürdige Zusammenhänge. Es ergab sich, daß Frau Ledl am kritischen 5. Sepchnber 1924 tatsächlich in Lemberg war, wo sie zahlreiche Verwandte hat, unter anderen einen Brü der. Nun scheinen aber,, da die Verwandtschaft der Viktoria Ledl in.Kreise der Lemberger Polizeibehörden reicht, diese 'M 'M freiwillige Meldung der Ledl znr 'Zeugenäüssage einigermaßenbestimmend gewesen zu sein. Erwägt man, daß die Lemberger Polizei nach dem Attentat auf den Präsidenten der polnischen Republik unbedingt einen Schuldigen finden müßte, wer außerhalb der Kreise stand, welche für ein Attentat in Betracht kamen, der. ukrainischen Organisationen, deren , die Lemberger Polizei, wie sie ans Anfragen aus Warschau erklärte, völlig sicher war, so daß sie die Verantwortüng für die Sicherheit des Staatspräsidenten übernahm; bedenkt man, daß die ganze Lemberger Polizei, durch' das Attentat vom 5. September 1924 aufs ärgste bloßgestellt, ein Interesse hatte, eine neue Spezies von Verschwörern und Verschwörungen zu finden, von der sie, sich vor ihren Vorgesetzten Behörden verantwortend, sagen könnte, daß. sie mit dieser „geheimen Verschwörung" nicht rechnen konnte; nimmt man in Acht, daß sich; als der jüdische Student Stanislaw Steige r, der sich unter der Menge am Attentatsort befand, die nach dem Bombenwurf flüchtete, und der — wahrscheinlich infolge gewisser Aehnlichkeit in Kleidung und Größe mit dem mutmaßlichen' Attentäter, angehalten wurde, für die Lemberger Polizei sozusagen eine populäre Devise für ihre Verantwortung - gegenüber den Vorgesetzten Behörden ergab; -— berücksichtigt man all dies, so . ist verständlich, daß der die polizeiliche Untersuchung leitende Inspektor L u k o in s k i, als die. Balleteuse Pasternak ihre Steiger belastenden Angaben machte, in Anwesenheit des Chefs des Sicherheitsdienstes 'für den Staatspräsidenten, Kommissär Swolken, ausrief: „Das ist die Reiterin, die Gott uns gesandt hat!", was der Pasternak, gewissermaßen das Stichwort für.die von allen Theaterleuten und Hh-Existenzen ersehnte „große Rolle"-gab, die sie bis heute durchführt; und es ist auch verständlich, daß alle zufälligen Beziehungen einzelner Lemberger Polizeibeamten für die Stützungsaktion zugunsten.des Ansehens her Lemberger Polizei herhalten Mußten.: i ■ v *. : ,! 0o 'stecht' denn did -Lokomotibführersgattln Viktoria Ledl,. eine , . ' ' loyale Ukrainerin, 'vor der Zeügenbarre; ' gestern ' waren ihre Aussagen in .zwpi wichtigen Punkten anfänglich sehr unsicher: sie kam sozusagen allmählich zur Gewißheit, das; Steiger der .Afte-ntäier war,- nachdem sie. ihn anfänglich, als er Hut und Mantel anzog, nicht mit Bestimmtheit erkannt hatte, .und sie machte über die Stelle, wo die Bombe auffiel, Angaben, die in direktem Widerspruch zu denen 'der anderen Zeugen stehen. Heute zeigte die Zeugin.' schwaches Erinnerungsvermögen für ihre Lemberger Verwandtschaft. Verteidiger Dr. Ringel ersucht die Zeugin, die gestern erklärt hatte, sie habe zahlreiche Verwandte in Lemberg und Stryj, ihre L e m b e r g c r Verwan dt e n aufzuzählen. Die Zeugin schweigt. Verteidiger Doktor Ringel fragt, ob Frau Ledl Verwandte bei der Lemberger Polizei habe. Nach langem Stillschweigen bejaht die Zeugin zögernd diese Frage. Ans die Frage, mit welchem Beamten der Lemberger Polizei sie verwandt sei, erklärt die Zeugin stockend . „Mit dem Oberkommissär Kozakiewiez." Große Bewegung im Saale; denn in Lemberg weiß jedes Kind, daß Oberkommissär Kozakiewiez der Chef der Lemberger Untersuchnngspolizei ist. Noch ein anderes interessantes Detail fördern die Fragen, welche Verteidiger Dr. Ringel an die Zeugin stellt, zutage. Dr. Ringel fragt die Zeugin, welche Umstände sie in Wien veranlaßt haben, sich über ihre Wahrnehmungen am kritischen 6.- September zu äußern, da sie während ihrer Anwesenheit in Lemberg den zuständigen Behörden keine .Meldung über das, was sie gesehen haben will, gemacht hatte. --'Je N g im (wie sieks bei'ihren Ant-' Worten, nach langem Zögern): In einer Zeitung stand, daß Steiger und die Juden das Attentat gegen das Leben des Herrn Präsidenten unternommen'haben. Auf die Frage, in welcher Zeitung sie das gelesen habe, will die Ledl erst nicht mit der Sprache heraus; nach eingehendem Befragen Dr. Ringels antwortet sie endlich, die Zeitung, durch die ihre Aufmerksamkeit darauf gelenkt wurde, daß das Attentat von Steiger sozusagen als Exekutivorgan der Juden verübt worden sei, sei die „Reichspost" gewesen. Verteidiger Dr. Ringel: Abonnieren Sie die „Reichspost"? — Zeugin: Nein, mein Mann tauft sie und bringt sie nach Hause. — Dr. Ringel: Lesen Sie die „Neichspost" ständig? — Zeugin: Sehr wenig, aber sie entspricht mir sehr. — Dr. Ringel: Es gibt in Wien Zeitungen, die in den Bevölkerungsschichten, denen Sie angehören, viel populärer und mehr verbreitet sind, zum Beispiel die „Kronenzeitung". Warum bevorzugen Sie also die „Reichspost"? — Zeugin: Das ist eine religiöse Zeitung. — V erteidiger Ist Ihnen bekannt, daß diese Zeitung eine Parteizeitung ist? — Die Zeugin schweigt. — Dr. Ringel: Die „Reichspost" ist eine christlich soziale Parteizeitung/ — Zeug i n (nach längerem Schweigen): Das habe ich ja gesagt, es ist eine religiöse Zeitung. — Bert. Dr. G r e k: Nun, so ganz dasselbe ist das lange nicht! (Heiterkeit.) Verteidiger Dr. Ringel fragt dann die Zeugin, ob sie den Artikel über das Lemberger Attentat zufällig in der „Neichspost" gelesen habe; nach längerem Hin und Her erklärt die Zeugin, man habe sie auf den Artikel aufmerksam gemacht. Auf die Frage, wer dies getan habe, gibt die Zeugin keine Antwort. Wieder ein Moment, das eigenartige Zusammenhänge ahnen läßt. Nach einer Reihe weiterer Fragen ist das Zeugenverhör der Viktoria Ledl beendet und der' Vorsitzende schließt die heutige Verhandlung. ' Die Slschansli-AUre. Eine Erklärung Dr. Waldmanns. Rechtsanwalt Dr. Israel Waldmann ersucht uns um Veröffentlichung folgender Erklärung: „Da die ukrainische revolutionäre Organisation . es unterlassen hat, trotz meiner zweimaligen öffentlichen Aufforderung durch die Presse ihrer Verpflichtung nachzukommen, eine Erklärung, den Steiger-Prozeß betreffend,abzugeben, sah ich mich veranlaßt, alle Maßnahmen zu treffen, damit das mir in dieser Märe bekannte Material unmittelbar zur Kenntnis des Straflandesgerichtes in Lemberg gelange. Dadurch erscheint die Angelegenheit pir mich vollständig Wen und AMina. De Jouvenel nach London eingeladen. London, 13. November. (Tel.-Kvmp.) Die englische Regierung hat den neuen französischen Oberkommissär für Syrien Senator Henry de Jouvenel eingeladen, nach London zu kommen, um mit Außenminister C h a m b e r l a i n und dem Kolonienminister AmerY über die durch die Aufstande in Syrien geschaffene Lage an der palästinensischen Grenze und die Einwirkung der syrischen Aufstandsbewegung auf die Mandatspolitik Frankreichs und England s zu konferieren. „Exzelsior" meldet, daß Jouvenel der Einladung bald Folge leisten werde und fügt hinzu, die von England angeregte Besprechung werde auch verschiedene Fragen betreffend die beiderseitigen Z w i s ch e n f 8 l l e behandeln, die sich bei Aufhebung des französischen und der englischen Diandate im Orient ereignen könnten. Die Bestätigung dieser Meldung bleibt abzülvarten. Französisch-türkische Grenzverstärkurigen. Paris, 12. November. Der Korrespondent des „Temps" in Beirut meldet, die Tätigkeit der türkis charabifchen Banden im Antilibanon nehme immer mehr zu. Gruppen von Aufständischen 'hätten die Eisenbahn brücke der Bahnlinie Beirut-^ Damaskus zwischen dem Libanon"und'• li-banon gefprengt. Die - Wiederhetstellungsarbeiten seien im Gange. Es sei auch 'der Vey'uch unternommen worden, die Eisenbahnlinien im Libanon zu zerstör c u. Um diese für die Lebensmittelversorgung von Damaskus notwendige Linie zu schützen, seien die französischen Behörden gezwungen, die P oft e n /lä n g s der E i s e nbahn zu verstärken. : Nach anderen Meldungen sind auch die türkischen G r e n z p o st e n an der syrischen Grenze verstärkt worden Samts Lberdie Locarno-WM. London^ 12. November.., Das Rontersche Bureau meldet aus KaPstAt: Bei'einer Zusammenkuust der BAkeribu'Mlga erklärte General'lS m'u t s unter anderem,' was auch immer die Wivkungen des'Paktes von Locarno seien, müsse man voll anerkennen, daß.Großbritannien dadurch, daß■ es die ge,fährt:chen Berpflichtung e n d e s P a k t e s angenommen habe, im Hinblick auf den künftige« Fri.edg.njund die künftige Wohlfahrt «Europas gehandelt lhabe, .während es von feinem eigenen «Standpunkt aus Md für seine eigenen Interessen.vielleicht besser gewesen wäre, si ch von gro ß e n Bä rwilllu nge n e n t f e r.n i z it hal «t e n. Iin übrigen b e z w e i f I e er, oib alle Dominions dem Pakt -nachträglich b e i t r e t c n «würden. Es'gebe bedauerliche und .unvermeidliche zentrifugaIe Beftrebnngen, die im britischen Reich am Werke feien. Er fürchte sehr, daß' der Pakt von Locarno «ihnen einen neuen Antrieb geben werde. Eine Schwächung des Reiches würde aber eine der «größten K a- «t a ft x o p h e n dar stellen, die >die Welt' trafen könnten. Ae Konferenz der keinen Entente. Belgrad, 12. Novenrber. (U. T.-K.-B.) Der „Obzor" meldet: Die Konferenz der, kleinen Entente findet programmgemäß vom 30. November bis 2. Dezember in Belgrad statt. , Der BalkMart. Meldung beim VölkerbundsLkrttairiat. Genf, 11. November. (Schweiz. DeP.Mgentur.) Der griechische Außenminister hat dem Völkerbündse'kretariai die Bereitschaft seiner Reglern)lg zum Abschluß eines Balkan-Paktes zur Kenntnis gebracht. und in allen Preisingen i