Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2401 (29.10.1925)
- Date
- 1925-10-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sekte 8 Wien, Donnerstag Wiener Mnrnemektnnq 30. Mover 1926 Nr. 2401. Mit den kuktur- und kunstfeindlichen Tendenzen der Gegenwart. Einstimmig angenommen wurde ein Antrag Berlin, der verlangt, daß die Regierungen der Länder Sachvevständigencnlsfchüsse Einsetzen sollen, deren Gutachten vor jedem Einschreiten der Polizei oder der Gerichte gegen Werke der Literatur mild. Kunst gchört und berücksichtigt werden nviisse. Russisches Theater in Berlin. Dänischen kos Mus italische,Bühne erzielte am Berliner Theater Mi: einer eigenartigen, künstlerisch hochwertigen AuHührung von Ofstnbachs „Per-ichole" einen imgewöhnlichen Erfolg. Dieses Gastspiel wird als Erholung von den fragwürdigen nenberlliniischen Operetten und Revuen empfunden, mit denen das Publikum überfüttert wird. Die größte Sensation bildet das Programm des jüdischen Künstlerkabaretts int Wooia-syeUaal, 2. Bez., Pratevstraße 60, das unter der Leitung des weltbekannten und berühmten Komikers Max Streng steht. Heute, Donnerstag den 29. d. AnMhmnig des Schlagers „A M oid a CH w a t", der bei früheren Aufführungen kolossalen Erfolg hatte. Es wird Wlichst geibeten, sich Plätze reservieren zu lassen, da der Andrang ungemein stank ist. HageUbund. Die Ausstellung der Werke des verstorbenen Malers,A. B. Hawlicet und seines Sohnes Pros. Ernst Hawlicek nn Hagenbund wird am Sonntag um 12 Uhr Mittags, geschlossen. tzerichtssaal. Belohnung für Wohnungstausch — zulässig. Der Hausbesitzer Jacques Weiß happet batte sich für die Einwilligung oes Wohnungstausches zwischen dem in feinem Hause wohnenden Joses Lehrer und dem Privaten Nathan T e n n e n b a u m von dem letzteren 400 Schillingausbedungen und auch erhalten. Der Wohnungstausch kam aber nicht zustande, weil Lebrer aus Wien flüchtete, und seine Wohnung beschlagnahmt wurde. Da der Hausbesitzer Weißhapvel trotzdem die 400 Schilling nicht mehr zurückgeben wollte, klagte ihn Tennenbaum auf Dtückgabe dieses Betrages unter dem Titel der Bereicherung. Der Beklagtenvertreter wendete ein, daß der Wohnungstausch aus Gründen, sie nicht in der Person des Hausbesitzers liegen, unterblieb. Deshalb liege kein Grund zur, Rückstellung des Betrages vor. Das Geld wurde für die Einwilliguna gezahlt und diese sei auch erteilt worden. Das Bezirksgericht Döbling hat aus oiesen Gründen die Klage abgewiesen. Sind Jnkasiofordemngen aussonderungsberechtigt? Herr Philipp StesaniA hatte am 23. Juni 1924 der verkrachren arischen Oesterrelchischen Kaufmännischen Bank den Auftrag erteilt, sein Guthaben von 5100 Dollar bei der Zentralbank in New-Iork einzukassieren und ihm auszusolgen. Er ubergab der Kaufmännischen Bank das Bankbuch und das Scheckheft, in welchem er einen Scheck aus den Betrag von 5100 Dollar ausgesüllt hatte. Am 24. Juli verständigte ihn die Kaufmännische Bank, daß. der Betrag emgegangen sei und überwies.ihm einen Scheck, ihrer eigenen Anstalt. Herr Stefanitz nahm diesen anfänglich an, stMe ihn jedoch nach einigen Tagen zurück und verlangte effektive Barzahlung. Hierauf wurde ihm zugesagt, daß er den Betrag von 5100 Dollar nach drei Tagen beheben könne. Die Auszahlung konnte jedoch nicht erfolgen, weil inzwischen die Schalter der Bank gespeM und am 9. August 1924 das Ausgleichsverfahren eröffnet worden war. Herr Stefanitz klagte nun die Kaufmännische Bank ruf Anerkennung seines Aussonderungsanspruches, da er nicht, wie die übrigen Gläubiger, auf die 25prozentige Quote Anspruch besitze, sondern ihm die 5100 Dolllar, die sein Eigentum seien, voll und ganz auszufolgen wären. Die Oesurreichische Kaufmämnche Bank wendete ein, daß der Kläger allen übrigen Gläubigem gleich zu behandeln sei, da es sich um eine Geldforderung handle. Das Handelsgericht unter Borsitz, des Hofrates Dr. Stein wies den Anforderungsanspruch ab, weil der Anspruch des Klägers eine bloße Geldforderung Larstelle. Ueber Berufung des Klägers hat das Oberlandesgericht unter Vorsitz des Hoftates Dr. Springer der Klage 'stattgegeben und den Anforderungsanspruch anerkannt. In der Begründung wurde ausgeführt, daß für die Dollarforderung ein Aussonderungsrecht besteht, weil weder das Einlagebuch noch der aus demselben erzielte Erlös nach dem Willen des Klägers Eigentum der Bank wurde. Die beklagte Bank hat gegen diese Entscheidung die Revisionsbeschwerde ergriffen, so daß--der Oberste Gerichtshof über diese Rechtsfrage zu entscheiden haben wird. PELZMODENHAÜS lllllllllllllllflllllllllllllillllllllllllllllllflllllllllltllllllllllllllllllllllllllllll ZUM SIBIRISCHEN ZOBEL Wien,VI. Mariahilf er strasse 101-103 Kürsc n rnieister // nNur letzte Neuheiten 91 in bester Ausführung!! 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Seine Abreise tvar eine Woche lang streng geheim gehalten worden, weil sich die deutsche OessentlichNt klar darüber war, daß dies keinen guten Eindruck' auf das Ausland machen würde. Damit ist der völlige Zusammenbruch des Dr. Stiunes eklatant bewiesen. Da ihn die Kalamitäten förmlich zu erdrücken drohten, hat er schleunigst die Wucht ergrifscn. Was die antisemitischen Deutschnationalen dem Michael nicht genug vovwersen konnten, -aß er sich nämlich durch Wucht den Unannehmlichkeiten einer Untersuchung entzogen habe, hat der Nachkomme des hakenkkveuzlerischen Wirtschaftsheros unter viel unangenehmeren Umständen vollzogen. Es steht fast, daß sich der Konkurs über das Vermögen des Dr. Edmund Stiimes nicht wird vermeiden lassen. Die Situation' der Aga ist ziemlich t r i st e. da sich eine Behebung der Schwierigsten dieses Unternehmens durch Abstoßung des Aktienpaketes an das Ausland nicht bewerkstelligen ließ. Dr. Edmund St'mnes scheint die Situation übersehen zu haben und die Flu cht als den besseren Teil der Tapferkeit Heroen der völkischen Wirtschaftseinheit auch vollkommenen Debakel vorgezogen zu haben. Ob die hakenkreuzlerischen Größen' im Preußischen Landtage, die in Untersuchungsausschüssen nicht genug gegen die Barmath, Kutisker und Michael Hetzen konnten und für diese Zwecke sogar Richter bestochen haben, ob diese Heroen der völkischen Wirtschaftseinheit auch jetzt den Mut ausbringen werden, gegen einen der Ihren vorzugehen, ist sehr fraglich. Cs zeigt sich aber gerade in dem Schicksale des Stinnes-Erben eine gewiffe geschichtliche Vergeltung. Was die deutschen Hakenkreuzler den jüdischen Jnflationsgrößen vorgeworfen halben, kommt in viel krasserer Weife bei den Jndustrievertvetern des arifchgermanischen Wirtschastsideals zum Aufdruck. Die kininhrschwiengkeilen in Pole«. Reise österreichischer Regierungsvertreter «ach Warschau. »Da sich die Schwierigkeiten bei der Einfuhr österreichischer Waren nach Polen in der letzten Zeit sehr gesteigert haben und sowohl der österreichische Handel alz aueh die österreichische Industrie dadurch gelitten hat, will die osterreichische Regierung offiziell bei der polnischen Regierung wegen Berücksichtigung der österreichischen Wareminfuhr nach Polen vorstellig wevdeM Zu diesem Zwecke fahren als Vertreter des österreichischen Handelsministeriums Ministerialrat Dr. S t e r n e g g und Miuistevialsekretär Dr. Augent Haler gemeinsam, mit dem Vertreter der Handelskammer, Regierungsrat - Dr: Fifchme i ste r, nach Warschau, um dort wegen 'der Beseitigung dieser Schwierigkeiten zu verhandeln. Bekanntlich ist von-einzelnen Wirtschaftsfaktoren der Regierung nahegelegt worden, ähnliche. Schwierigkeiten bei der Einfuhr polnischer Waren nach Oesterreich durch Erlassung von Einfuhrverboten zu bereiten. Die österreichische Regierung kann sich Copyright 1924 by 50 Fortsetzung. Kurt Wolö Vtrlag A^O. Mönchen Nachdruck verboten. Herr Fettwanst. Eine amerikanische Autobiographie von Samuel Ornitz. . Ein fröhliche^ ibekannt-nasaler Gruß weckte mich aus meinen Träumen bitteren Aergers. ,Hey chere, wo rennt denn ihr hin? Wo Lrennt's denn?" tJch muß gestchm, daß unsere Schritte mit dem Ansturm und der Quälerei meiner Gedanken Schritt gehalten hatten. Wir drohten uns um und erkannten, daß uns Hymie Rubin und Harry Wotin gesehen hatten und uns gefolgt waren, die beide inzwischen ihr Doktorat gemacht hatten. In ihrer Gesellschaft war ein schlanker, hübscher Meuisch mit braungebranntem Gesicht. „GM uns doch Gelegenheit, guten Tag zu sagen!" rief Hhmie scherzend. „Ich Hab' euch ja Jahr und Tag nicht zu Gesicht bekommen." ,-Gestatten Sie mir, Sie bekannt zu machen — Doktor 8i-onel Crane..." Wo bekam «denn der diesen aufgeblasenen Namen her? Der gar nicht zu seinem Gesicht paßt. Ich ärgerte mich über diesen angenommenen Namen — «ein Name, der zu smart klang, um etwas anderes sein zu können, als «»in angenommener Name — ein Name, der so gar nicht zu diesem hübschen, aber ausgesprochen jüdischen Gesicht passen wollte. Vielleicht war ich auch durch eine instinktiv auftauchende Eifersucht voreingenommen. Er hatte in Wirklichkeit nichts ausgesprochen Jüdisches an sich als feine Nase, und auch die war, wenn ich mir's genauer überlege, ein wundervolles Mulfterexemplar einer römischen Nase... Mer ich mochte ihn vom ersten Augenblick nicht, diesen Lionel Crane, geborenen, gewöhnlichen, ordinären Lazarus Cohen. Wie Samt, den man gegen den Strich streichelt, ekelhaft weich, seltsam irritieren-, war seine sorgfältige, wohlklingende Sprache Mit dem ausgesprochenen tzarvardatzent. Es widerte mich an. Sie klang nicht in ihm, gehörte nicht zu ihm von Recht's wegen, wirkte also affektiert. Ich fühlte, daß auch fein ausgezeichnetes Benehmen ebensowenig zu ihm stimmte und lediglich dazu 'beitrug, das meine in ein schiefes Licht zu rücken und' meine eigene Unbeholfercheit zu offenbaren. Alles in allein, ich fühlte , mich unbehaglich, verstört, befangen durch eine Art Kurzschluß in geistigen Drähten... Ich versuchte, Esther mit mir fortzuziehen. Denn irgendwo war ida ein Gegenstrom, der von Dr. Crane äusging und den ich fürchtete... „Zu Besuch in New-Tjork... im Begriffe, mich umzuschen... fabelhaft interessant... weites Arbeitsgebiet... unerhörte Entwicklung... Ja... vielleicht bleibe ich. Nein, nicht interessiert an Medizin schlechthin. Auch, nicht an klinischer Praxis. Etwas Neues." Etwas Überlegenes, sehr, sehr Ueberlegenes. Er sagte es nicht, aber feine Manieren gaben einem zu vevstchen, daß er sich selbst als etwa Aelbevlegenes fühlte ... Veltbliüfstnd, was immer es sein niag... ,/RasfenPlsychölogle. Ernstlich Sehr. Rasseupshchologie." Was für ein Name 'für die — Judenfrage... „Ja, in Amerika... Sicher. Muß anfkommen, wird sich wie die Pest verbreiten, die jWsche 'Frage..." Ich schnappe Bruchstücke -des Geisprächs auf, Splitter einer Idee. Ich kann diesen heraiblassenden Lafsen in den englisch geschnittenen Kleidern nicht autstehen, ihn ebensowenig wie feinen einfachen Spazierstock, seinen lschmal umrandeten Kneifer mit dem schwarzen, dünnen Bande, das irgendwo unter seinem Rockkragen verschwand, seine Finesse, feine Ue'bevlegenheit, fein Selbftbewußtstin. Ich erkenne, wie er mir Esther wegnimmt; wahrscheinlich, weil er an sie appelliert wie ein .Haus am Granterey Square. Sie Ibeugt sich, interessiert, versunken vor feinem 'Redeschwall, vor seiner Persönlichkeit. Endlich kommt die Erlösung, alls sich Hymie mit einem Witz einmischt. Er ist ein vuMiches Mgnnchen geworden, das an einen kleinen Jungen erinnert, auch wenn er sich mit einem Barte wie der Herzkonig vermummt hat. „Wie gefällt dir mein Bart, Esther? Ich will ihn lang genug wachsen lassen, um meine krummen Knie dahinter zu verstecken." „Du siehst ifuvchübLr würdevoll und doktormäßig aus", erklärt Esther fröhlich. „Ich mußte diesen Urwald aus Gründen der Gellbftverteidigung wachsen 'lassen. Ich sah zu chevubinhaft aus. Mau kann nicht unschuldig ausfchen und Arzt sein. Man muß ausisehen wie ein Doktor, wenn man einer fein will." Selbst der ernste Harry witzelt über den Bart. „Doktoren", sagt er, „schulden den Mkterieu, die ihnen so viel Arbeit verschaffen, Dank. Und wenn sie sie aus i>ett Patienten heraustreiben, ist es nur Anstaudspflicht, daß sie ihnen ein Passendes Plätzchen zu>m Verstecken anweisen. Deswegen tragen Aerzte Bärte." „Ich bin ein Doktor, und hier ist mein Van-Dtzk- Bart, der es ibeweilst." So schwatzt Hymie drauflos, und erkl.rt, er fühle sich wie ein Schuljunge am ersten Tage der Ferien. Er hat eben seine Zeit als Internist in einem Frauenspital absolviert und beaibsichtigt, einen Teil des sogeimnnten Ordinationszimmers Harrys zu übernehmen, zwei leere Räume mit einer winzigen Anzahl von ärztlichen Einrichtungsgegenständen, um die Patienten entsprechend zu beeindrucken. Wie kann ein Arzt ohne wichtigtuende Instrumenteufchränke, ohne imposimteS Warte- 'zimmer mit Zeitschriften, Bildern, medizinischen Gerüchen und dem Schweigen unterdrückter Angst auskowmen — ohne das, was traditionell zu dem Sprechzimmer eines Arztes gehört? Kein Wunder, daß Harry nicht recht vorwärts kommt! Er kennt Kinder und kann sie behandeln. Wenn aber Mütter in sein nacktes Sprechzimmer kommen,, in dem nichts zu finden ist als fachliches Wissen, das sie nicht sehen können, fühlen sie sich abgestoßen. Das -kann kein guter Doktor jsein, denken sie. Der hat^ja selbst nichts! Das ist Harry, der das Ziel feines^ Ehrgeizes nach jahrelanger schwerer Ackbeit und nächtlichen Schwitzens beim Nähen von Kniehosen endlich erreicht hat. Er hat fein Ovdination'szimMr in der Forsythe Street vor nunntehl fast zwei Jahren eröffnet, >hat aber kaum einen zahlenden Patienten und sie so schäbig und devhungevt aus wk immer. Vortfetzung folgth