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Wiener Morgenzeitung · 1925-09-17 · Heft 2361 (17.9.1925) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2361 (17.9.1925)
Date
1925-09-17
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Gelte 6 _Wen, DoWerStag_ Serltztssaal. Set neue Reinlh-Proreß. Drei Verteidiger. Laut Meldungen aus Szatmar hat der zum Lode ver- LvteAte Jakob Reinitz den Advokaten Dr. Georg Si'- monla die Vollmacht zur Verteidigung Übergaben, ne'ben dem auch noch eine Dame die Rolle des zweiten Verteidigers übernommen hat. Als dritter Verteidiger hat sich jetzt der ehemalige Hcmdelskammersekretär und spätere Minister in der ^ungarischen Szegedmor Gegenrevolutionsregierung, Dr. Ludwig Varjassy angeschlossen, der in Bukarest einer der gesuchtesten Advokaten Rumäniens ist. Dr. Varjassy ist bereits aus Bukarest in Großwardein eingetroffen, wo er sich für die vor der Grotzwardeiner Tafel am 89. d. stattfindende ZlppellaiionSvechandliung vorbereitet. Wieder eine Kindesmörderin freigesprochen. Die Hausgehilfin Moisia Walter wurde am 4. Alpril in ihrem Dienstort von Geburtswehen überfallen und brachte im Klosett einen Knaben zur Welt. Sie steckte dem Kinde einen Fetzen -in der: Mund, schnürte ihm mit eurem Schürzenband den Hals zusammen und steckte es 'in die ^Klosettmuschel. Bon den Schmerzen und Anstrengungen der Geburt geschwächt, rief sie eine zweite Hausgehilfin herbei und bat sie um Hilfe. Diese zog das bereits tote Kind aus der Schale. Gestern hatte sich die Walter vor einem Schwurgericht unter Vorsitz des Hosrates Dr. K a r- «ert wegen Kindesmordes zu verantworten. Zu ihrer Verteidigung gab die Angeklagte an, sie habe keine Ahnung gehabt, daß sie fchwa-Mr sei. In ihrer Auftegung über die plötzliche Geburt habe sie nicht gewußt, was sie tue. Den Vater des Kindes wollte sie nicht nennen. Die Geschwornen beantworteten die Hauptfrage auf Kindesmord mit 12 Stimmen I a, die Zusatzfrage auf Sinnesverwirrung mit 10 Stimmen Ja. Auf Grund dieses Verdikts verkündete der Vorsitzende den Freispruch. Die Walter, die das Gefchwornenverditt anfangs nicht verstand, wollte sich für ihren Freispruch beim Staatsanwalt bedanken, wurde aber auf ihren Irrtum aufmerffam gemacht uNd stattete sodann den Geschwornen ihren Dank ab. Der Dank des Vaterlandes. Das Ansuchen des ehemaligen Unt-erofftziers .Johann T-ulecki in Graz um Beteilung mit einem AnstellungsberechtigungSzertifiLat wurde vom Bundesministerium für Heerwesen mit der Begründung abgewiesen, daß aus ein solches Zertifikat nur jene Unteroffiziere Anspruch hoben, die durch eine vor dem Feinde oder in Ausübung des öffentlichen Sicherheitsdienstes erlittene Verletzung dierchunsähig geworden sind, die Lnngentüberkrlose des Bewerbers aber nicht als eine „Verletzung" angesehen werden Dune, selbst dann nicht, wenn sie vor dem Feinde erworben wurde. lieber die dagegen eingebrachte Beschwerde fand gestern vor dem Berwattüngsgerichtshof unter Vorsitz des Präsidenten. Dr. Schuster die Verhandlung statt. Der Beschwerdevertreter machte geltend, bei den modernen Kampfmitteln sei als „Verletzung" nicht nur eine durch Stich-, Hieb- oder Schußwaffen herbeigcführte Wunde, sondern auch eine durch Gasangriffe und ähnliche Kampfmittel verursachte Erkrankung anzusehen. Nun sei die Tuberkulose des Beschwerdeführers tatsächlich auf einen Gasbombenangriff im Kriege zurückzuführen. Die Jnv alidenenffchädigun.'skmnmission in Graz habe dies äuch anerkannt, indem sie dem Beschwerdeführer die Invalidenrente Anerkannte Da diese aber nur 12.000 Kronen betrage und der "Beschwerdeführer davon seWvevständlich nicht loben könne, müsse er sich um eine Stelle als Bundesangestellter bewerben, und dazu brauche er das Zertifikat. Der Regierungsvertreter gab zu, daß als „Verletzung" im Sinne des Unterofflziersangestelltengosetzes auch eine durch Gasangriffe oder andere mechanische Einwirkungen entstandene Verletzung anzuseben sei, vertrat aber die Anschauung, daß es nicht erweisbar sei, ob der Beschwerdeführer die Tüoe-rkuwfe bei diesem Gasangriff aq-uiriert habe. Der Berwaltungsgerichtshof erkannte aus diesem Grunde auf Abweisung der Beschwerde. Wiener Morgenzeitnns ' ln der „wiener Morgenzeltung“ Gratulieren Sie Ihren Verwandten, Freunden, Gästen, Kunden in der der „Wiener Hergenzeitung11 Sie sparen Geld, Zeit u.Mtthe! Die Neuiahrsgraiulationen der «Wiener Morgenzeltung“ haben sich seit Jahren beim jüdischen Publikum bestens eingeifihrt Um die grosse Fülle der einlaufenden Gratulationen unterbringen und günstigst placieren zu können, empfiehlt es sich, den anliegenden Bestellschein sofort auszuschneiden und umgehend an die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung“ einzusenden. Der Preis fUr das Einheitsinserat (20 mm) beträgt! Für Wien und Oesterreich S 7. - Für Polen.Zloty 5.— Für alle übrigen Länder Dollar 1.— beziehungsweise dessen Gegenwert in der Landeswährung Muster J. M. Frost und Frau I II., Grosse Mohrengasse Nr. 47 gratulieren allen Verwandten, Freunden und Bekannten zum Neuen Jahre! .-.: Hi--r amachnelden I. Bestellschein An die Verwaltung der „ Wiener Morgenzeitung4* Wien, Ii. Taborstrasse 1—3 3ck bestelle ßr die Rosck - Haschanah -Xummev der ,tWiener SKotsenzeitunj“ .Vieajahrsgi atulationfcn) zum {Preise von und sende den {Betrag gleichzeitig mit diesen Nestel schein ein. TEXT (deutlich auejüllen) 31 amt Sldtesse .» den..1925 17. SePkenM 19215 Nr. 2361) Volkswirt. Polnische Wirtschaft-Woche. (Bon nuferem polnischen M.-D.-Korrespondenten.) Die Beratungen bcS wirtschaftlichen Ministerrates iit Warschau bezüglich der Elnfnhrkvnti-iigente wnd der Zweiteilung der imponierten Maren in Bedarfsartikel und Luxuswaren dauern in Warschau fort. Infolge der Planlosigkeit der Beratungen finden sie in der gesamten polnischen Presse eilte scharfe Kritik. Die neuerliche Verstauung des Zlotyknrses machte die Warschauer Finanzkreise stutzig. ALan glaubte, den Zloty bereits stabilisiert und rechnete tatsächlich nur mehr mit einer weiteren Steigerung der Notierung. Der Rückgang trat nicht nur im Ausland, sondern auch auf den inländischen Börsen zutage. Der Aufsichtsrat der Bank Polski beabsichtigt nun die Krediteinschränkungen weiterhin in Kraft zu lassen, da man Erfahvuugen gemacht hat, daß die Industriekreise die ihnen zur Verfügung gestellten Kredite zum Einkauf von Dollar verwenden und aus solch eine Weise staatliche Mittel zur Steigerung des Dollarkurses verwenden. Die Verhandlungen mit Deutschland bezüglich eines Handelsvertrages begannen programmgemäß am 16. d., und es dürfte zu einer Verständigung konnnen, wenn Deutschland an Polen ebenfalls Konzessionen machen wird. Polen beabsichtigt nämlich, Deutschland die Meistbegünstigungen zu bewilligen, wird jedoch daraus bestehen, den unbeschränkten Kohlenexport auch weiterhin zu behalten. Auf den Börsen konnte die Tendenz keine Aenderung erfahren und mit Ausnahme von manchen Arbitragewerten konnte in keinen Papieren irgend welches Interesse festgestellt werden. In folgenden Papieren wurden einige Transaktionen durchgeführt: in Zieleniewski-Mtien zu 10.76, in der Warschauer Diskontobauk zu 4.90, in Chodorow zu 3 und in der Hypothekonbant zu 0.39 Zloty. Auch auf dein Bruttonlarkt Mt die Stagnation au, zu Abschlüssen kommt es dort überhaupt nicht. Die Baubank A.--G. hat die Valorisierung ihres Aktienkapitals vorgenommen, dieses beträgt jetzt 900.000 Zloty und.-ist in 30.000 Aktien im Nominalwerte von 30 Zloty aufgekeilt. Die Warschauer Diskontobauk versuchte in der Berichts- Woche das Recht des Wechseldiskonts, welches ihr seinerzeit abgenommen wurde, neuerlich zu erlangen. Die diesbezüglichen Verhandlungen mit dem Präsidenten der Bank Polski, Karpinski, verliefen infolge der neuerlichen Kreditrestriktionen ergebnislos. Die Warschauer Diskontobank steht bekanntlich mit der Kreditanstalt f. H. u. G. in Verbindung. In den letzten Tagen ist die Verordnung des Finanzministeriums bezüglich der Verlängerung der Anmeldefrist für die polnischen Eiseubahnprioritäten und Obligationen des che-inaligen Landesfonds von Galizien erschienen. Der Termin für die Anmeldung wurde bis zum 1. Oktober verschoben. Die Verordnung betrifft die Besitzer der.sprozentigen Prioritäten der Karl-Äudwig-Bahn ans den Jahren 1899 bis 1902, der Lprozentigen Prioritäten der Erzherzog-Kavl-A'lbrecht-Bahn aus den Jahren 1890 bis 1893 und die Besitzer von Obligationen der galizischen Landesanleihen au's den Jahren 1903, 1904, 1907, 1913 und schließlich der 4,ö-prozentigen galizischen Landesanleihe. Die Eisenbahnobligationen müssen in Warschau bei dem Dtaatsanleihenbureau, die der galizischen Anleihen in der Lenrberger Finanzprokuratur hinterlegt werden . Copyright 1924 by 11 Forlseb mg. Kurt Wolff V-rl -g A.-G. München Nachdnilk cerbot«u. Herr Fettwanst. Eine amerikanische Autobiographie von Samuel Ornitz. Ein schamloses, gfftmäuliges Pack mietete die Erdgeschosse vieler Häuser in der Allen Street, und stellte in den Fenstern farbenprächtige nnr.schliche Ware' zur Schau ans. Selbst der lasterhaften Stadt die New-Iork damals war, erschien diese freche und anmaßende Entheiligung einer Wohnstraße als i * rbrcd^iifd). Nichts wurde verborg?«. es gab kein Vcr'nscknm, kein Geheimnis. Dir Riten des Geheimnisses aller Geheimnisse wurden zur gröbsten Komödie. Schlepper stritten sich auf offener Straße um einen aufs Korn genommenen Kunden. Äna- >ben wurden willkommen geheißen und mit ermäßigten Preisen angelockt. Die frechen Geschöpfe in den Fenstern pfiffen einen eigenen Pfiff, ein Zwischending zwischen Zischen und Pfeifen, den sie von den Straßen Warschaus und Budapests mitgebracht harten; ihr Bunde'slied gewissermaßen, das von den Jungen bald genug erlernt und fleißig geübt wurde. Bald war es eines der Lieblingsspiele der Straßenjungen: ganze Horden von Jungen aus allen Teilen der Eastside schlichen sich vorbei, staunten und gafften, höhnten und lachten. . . Ein geschäftiger, lauter Markt. . . ungemein einträglich «für Zuhälter, ^Hausbesitzer, Politiker und Polizisten. Jssy Weingrad, der Wagendiebe veranlaßte, ihre Beute nach dem Laden seines Vaters zu bringen, führte Jkey Schneider in die Komödie der Allen Street ein. Und so hatte Jkey einen weiteren Grund zum Stehlen. . . Mike Rothstein, ein gutmütiger, leichtgläubiger Bursche, dessen Brüder und Schwestern Vorbilder guten Betragens waren, schien allen Sinn für Gut und Böse verloren zu haben. Er tat einfach alles. Wenn ihm Jssy angab. wo er gewisse erwünschte Waren stehlen 'könne, ging Mike einfach hin und stahl sie. Und wenn ihn Jkey ibat, ihm in der Allen Street Gesellschaft zu leisten^ ging er einfach mit, nur um schon sehr bald aus lauge Zeit ins Hospital zu wandern . . . Aber Mikes Pech hielt uns nicht ab: ba.d war es durchaus die Reget, daß unsere Bande die Allen Street besuchte . . . und auch das wurde zur Selbstverständlichkeit. Und die selbstverständlichen Dinge sind die, die eben sind. 7. Auf Onkel Philipp machte «die Nachricht, daß sich die Grodiw-Synagoge einen Row aus der. gleichnamigen Stadt verschrieben habe, leinen besonderen Eindruck. Ein Row, sagte er, ist ein Gelehrter, der tausend Jahre hinter seiner Zeit zurückgieblieben ist. Wird die Welt durch eine neue Erfindung, eine wissenschaftliche Entdeckung in Erstaunen gesetzt, ldann erklärt der Row verächtlich, daß es eine längst bekannte und ansprobierte Sache fei, was er durch Anagramme, Kryptogramme, versteckte Bedeutungen, Doppelsinnigkeiten in den Schriften der Alten, als diesem oder jenem Propheten bekannt beweist. Oder er behauptet, daß er schon von Salomo, jenem ersten aller Bes'"rwisser, als eitel und nutzlos verworfen worden sei. Ter Row lebt in einem dichten talmudischen Dschungel und wagt nicht einmal ein kleinstes Blatt abzureißen, um das Licht einzulassen. Er ist der oberste Gerichtshof seiner Gemeinde, präsidiert als Richter über alle Streitigkeiten, schlichtet geschäftliche Zänkereien, versöhnt seindliche Nachbarn, regelt alle rituellen Fragen, stellt geistige Maßstäbe auf und zensuriert Sitten, Gebräuche und .Kunst. Der neue Row, E'haim Zucker, hob sicherlich das Niveau der Groduiz-Thnagoge. Er zog viele fromme Mitglieder heran, und reiche Geschäftsleute zahlten höhe Sitzmieten für das Recht, in seiner unmittelbaren Nähe 'verweilen zu dürfen. Row Zucker machte es sich zur Aufgabe, Fonds für ein Seunnar aufzutreiben. Sein Schlagwort war: „Hütet euch! Dieses neue Land und seine Freiheit sind nur eine Lockung und eine Versuchung, um eure Jugend dem Judentum zu entfremden." Der Schammes begleitete ihn überallhin, als schweifwedelnder Diener, und trug die eingeheuden Beiträge in ein umfangreiches Geschäftsbuch ein. Row Zucker war mindestens siebzig Jahre alt. Schlank, eckig und aufrecht, bewegte er sich mit würdevoller Grazie. Er war wie ein Patrmrch. Sein Gesicht war durchscheinend blaß, und sein langer, weißer Bart flatterte um sein Gesicht wie eine wollige Wolke. Seine grauen Augen waren starr und weitsichtig. Ernsthaft und selbstbewußt ging er feiner Aufgabe nach, und keiner sagte chm nein. Sogar Philipp achtete ihn und bewunderte seine Haltung. Er sagte, es sei eine Schmach, «daß ein solcher Mann sich in einem Dschungel verirrt habe. Eines Tages entdeckte Row Zucker Allen Street. Rach dein Sabbaigottesdieuft blieben die Aeltesten der Groduo-Synagoge zu einer geschästlichen Besprechung beisammen. Der Row stellte eine merkwürdige Frage. Er wollte wissen, ob irgend eines der Mitglieder der Synagoge Grundbesitz an der Allen Street habe. Harris Rittberg undBaruchEngel erklärten, daß dem so sei. „Ist irgend ein Teil eures Besitzes als Bordell vermietet?" fragte der Rabbi. Es war eine stürmische Versammlung. Rittiberg und' Engel waren Ivohchabend und einflußreich. Sie versuchten die Frage des Rotv ausweichend zu beantworten — parierten den Stich und erklärten, daß sie nicht wüßten, was ihre Mieter täten, wiewohl es ein offenes Geheiinuis war, daß gewisse Mieter zehnmal so viel Miete bezahlten als andere. Der Rowe ließ es dabei und verhielt sich während des weiteren Verlaufs der Versammlung schlveigsam und majestätisch. Ter folgende Tag war ein Sonntag, der geschäftsveichfte Tag in der Allen Street. Zur Mittagsstunde stand Row Zucker an der Ecke ^der Canal Street und Allen Street, eine pittoreske Gestalt unter der hin und her streifenden Lllenge. Daun wandelte er mitten auf der Straße auf und ab und hielt seine Hände Wie im Gebet über den Kopf erhoben, so daß sich bald eine Gruppe von Männern itnd Jungen um ihn versammelte. Gortsetznng folgt.)

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