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Wiener Morgenzeitung · 1925-09-16 · Heft 2360 (16.9.1925) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2360 (16.9.1925)
Date
1925-09-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Veite tz Men, Mttwoch Wiener Morgen,ett»«g IS. Scht«G-r IW Nr. rssa kerichtssaal. Mn hossnmgsvoller Jüngling. Alfred Licht, ein 2Sjähriger Kostenloser Privatbcamter, verbrachte fehle freie Zeit hauptsächlich auf Rennbahnen nn-d in Nachtlokalen. Anfangs 1st34 lernte er ein damals erst der Schule entloachsenes lorjähriges Mädchen^ Elsa R.. kennen und es entspann sich zwischen ihpen ein LicvesverWtnis. Licht verstand es, das il>m nahezu willenlos evgeLene Mtädchen in der gewissenlosesten Mise aus- Anbeuten, indem er W tätlich von ihr Geld zur Bestreitung feines vcrsMocndori'chön Lebenswandels verlangte. Das junge Mädchen gab zuerst eigene Schmucksachen und kleinere GeWeträae, die sie sich aus dem WirtschaftsgÄde, das ihr der Vater gab, erspart hatte. Alfred forderte immer mehr nnd so veruntreute sie ihrem Vater Beträge bis zu 2000 Schilling. Später mußte sie ihm den F a m i -l i e n s ch m n ck ihres Vaters nnd fremde. Valuten^, beides. im Gesamtwerte von ungefähr 2500 Schilling übepbringen, und alles ging beim Kartenspiel in Kaffeehäusern und beim Totalisateur' auf. Der Gerichtshof verurteilte Licht zu 18 Monaten schweren Kerkers. Die Freikartenwirtschast in den Theatern. Vor einiger Zeit, wurde an der Tageskasse des T h e a t e r s a n d e r W i e n ein suvger Mann angehalten, der auf eine die Unterschrift des TheateMrektors S t e i n i n g e r tragende Anweisung zwei Freikarten auf Orchestersitze bcheben wollte. Der an der Kasse amtierende Kanzlist Franz Inst erkannte die Fälschung und lieh den Ueberreicher, den stellenlosen Privatbeamten Karl Ez., anhalten. Dieser gab an, dag ihm der Firmenvertreter Karl B. bse Anweisung mit dem Auftrag übergeben hübe, an der Kasse Zwei Freikarten zu bchsben. Gegen B. wurde denn Strafbszirksgericht 1 die Anklage wegen versuchtenBetruges erhoben. In der gestern vor dem Landesgerichtsrat Dr. Arie durchgeWhrten Verhandlung gab B., der bisher unbescholten und sehr gut beleumundet ist. an. das; er die Anweisung in einem Kaffehäuse von einem gewissen Pepi um 3 Schilling gekauft hübe, nachdem Pepi im Kartenspiel sein ganzes Geld verloren hatte. Er habe den Cz., damit dieser etwas verdiene, zur Behebung der Freikarten zur Theaterkasse geschickt. Daß Pepi, den e-r nicht näher kenne und der seither aus dem Kaffochause verschwunden sei, ihm eine gefälschte Zluweisung verkaufen werde, daran habe er nicht gedacht. Der Zeuge Just gab an. daß m der letzten Zeit .'ehr häufig gefälschte Anweisungen aus Freikarten präsentiert worden seien. Auf die Frage des Richters, üb aus gefälschte Anweisungen auch mitunter Freikarten ausgeßolgt wurden, erwiderte der Zeuge: In der Hitze des Gefechtes an der Theaterkasse sind mitunter die Fälschungen nicht erkannt worden und wurden Freikarten ausgefolgt. — Richter: Sehr häufig spüren leider die Theater sehr tvenig von einer Hitze und von einem Gefecht an der Theaterkasse. — Der Richter sprach schließlich den Angeklagten mangels subjektiven SchwDbeweises frei. Eine von Hitlers Leuten. Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Favoriten. Landesgerichtsrat Dr. Dona u, hatte sich gestern die 52jährige, verwitwete, aus Wien abge'chaffte Hilfsaribeiterin Marianne Winkler wog-n verbotener Rückkehr zu verantworten. Die Winkler wurde au: 9. d. um 4 Uhr früh wegen Straßenexzesses verhaftet. Sie sang in angeheitertem Zustand auf der Straße das Volkslied „Ein einziges Mal allein" und gleich darauf das i t l e r - L i e d". Sie benahm sich äußerst lärmend und mußte wiederholt zur Ruhe gemahnt werben. Da sie sich der Aufforderung der Wachleute wiÄersetzte rrnd weiter schrie und Mg,wurde sie zu einer dreitägigen Arreststrafe verurteilt. Sie wurde dem Richter aus der Haft vorgesührt. Bei der Verhandlung kam über die Winkler folgendes zutage: Sie ist wegen Bettelns und verbotener Rückkehr 31 mal verurteilt worden. Die Winkler gab an, daß sie wegen ihres Geliebten, dem 49jährigen unterstandsloisen WamentierergebilfM Franz Neu häuf er, nach Wien zurückgekehrt sei. Nsuhan'er lebt vom Bettel und Kartenspiel. Am 8. d. fuhren beide im Auto ins Gasthaus; .dort ,/sp eisten" sie Brathuhn nnd tranken Spezialitätenwein. Dem Kellner gäben sie eine 10.000-Kronen-Note als Trinkgeld. Vom Gasthaus führen sie im Auto in ein Hotel in der Juneren Stadt. DMN begäben sie sich, gleichfalls im Auto, in ein Nachtkouzertkaffee, wo sie sich Champagner geben ließe«. Dann machten sie noch im Auto eine Praterfahrt. Die Kosten der lustigen Nacht, die anderthalb Millionen «betrugen, wurden von .der Winkler 'bestritten. Sie gab an, daß sie monatlich von einem Freunde aus Amerika 50 Dollar erhalte, womit sie den Lebensunterhalt für sich und.ihren Geliebten bestreite. Landesgerichtsrat Dr. Donau verurteilte die Angeklagte zu 14 Tagen Arrest. Neuiahrsgratulationen ln der „Wiener Morgenzeitung11. Gratulieren Sie Ihren Verwandten, Freunden, Oästen, Kunden in der der „Wiener Morgenzeitung11 Sie sparen Geld, Zeit u. Mühe! Die Neujahrsgratulationen der „Wiener Morgenzeitung“ haben sich seit Jahren beim jüdischen Publikum bestens eingelührt Um die grosse Fülle der einlaufenden Gratulationen unterbringen und günstigst placieren zu können, empfiehlt es sich, vden anliegenden Bestellschein sofort auszuschneiden und umgehend an die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung“ einzusenden. Der Preis für das Einheitsinserat (20 mm) beträgt: Für Wien und Oesterreich S 7. - Für Polen.Zloty 5,- Für alle übrigen Länder Dollar 1.— beziehungsweise dessen Gegenwert in der Landeswährung Muster J. M. Frost und Frau I II., Grosse Mohrengasse Nr. 47 gratulieren allen Verwandten, Freunden und Bekannten zum Neuen Jahre! .Hier auiechneidenl. Bestellschein An die Verwaltung der „ Wiener Morgenzeitung4* Wien, II. Taborstrasse 1—3 Sch bestelle für die Bosch - Haschanah -Summer der „*Wiener SKorgenzeitun .Neujahrsgratulaiion(cn) zum Streite von und sende den {Betrag gleichzeitig mit diesen {Bestellschein ein. WEXT (deutlich ausfiillen) tName Sldresse , den..1925 Volkswirt. Lefteneichische ülationalbonl. Wiederaufnahme des Jnkassodienstes. Die Oesterreichische Nationalbank hat, von dem Bestrebe» geleitet, ihre Tätigkeit den Vorkriegsverhältnisse« anzupasscn, beschlossen, mit dem seitens der Oesterretchisch. ungarischen Bank im Dezember 1921 eingestellten und seither nicht wieder anfgenommencn, uneingeschränkten Inkasso in Wien mit 1. November d. I. neuerdings zu beginnen. Die Beschränkung, daß im allgemeinen nur solche Wechsel auf Wien znm Eskont, beziehungsweise kommissionsweisen Inkasso' cingcrcicht werden dürfen, die bei der Nationalbank selbst, bei der Postsparkasse oder bei einem im 1. Bezirk ansässigen Geldinstitute und dessen Expositnren oder schließlich bei einer Staatskasse zur Einlösung zu gelangen haben, tritt nunmehr außer Kraft. Es können daher von nun an bei sämtlichen Anstalten der-Bank frühestens aui 1. November d. I. fällig werdende Wechsel eingcreicht werden, die den Bezogenen oder Domizilianten direkt zu präsentieren sein werden. Die Gebühr hiefiir beträgt ohne Rücksicht auf die Höhe des Wcchselbetrages 50 Groschen pro Stück und wird bei der Eskontierung vom Einreicher hereingebracht. Von dieser Jnkassogebühr sind nur solche Wechsel befreit, die bei einer Staatskasse, bei einem Mitglieds des Saldierungsvereines oder bei der Nationalbank selbst zahlbar gestellt sind. Die gleiche Erweiterung wie das Eskontgeschäft erfährt auch das kommissionsweise Einziehungsgcschäft, für das ein Spczialtarif gilt. Alle zum Eskont oder kommissionsweisen Inkasso eingereichten Wechsel müssen.die genaue Adresse des Zahlers tragen. Da von dem Prinzip ausgegangen wird, derzeit nur das zusammenhängend verbaute Gemeindcgebiet ins Inkasso einzubeziehen, sind nachstehend bezeichnete Gebiete an der Peripherie der Stadt in den Jnkassorayon nicht ausgenommen worden: Strebersdorf, Groß-Jedlersdorf, Leopoldau, Kagran, Hirschstetten, Stadlau und Aspern; Leopolds- und Kahlenberg, Hermannskogel, Kobenzl, Schafberg, Satzberg und Galitzinberg; das Wienerberger- und Laaerberger Ziegelofengebiet, Simmeringer Haide und Kaiser-Ebersdorf und das Gebiet östlich des Lusthauses. Inkraftsetzung des jugoslawischen Handelsvertrages. Durch eine Verordnung der Bundesregierung vom 16. d. werden einvernehmlich mit der Regierung des Königreiches S. H. S. die Zolltarifanlagen des am 3. d. abgeschlossenen Handelsvertrages zwischen der Republik Oesterreich und dem Königreiche S. H. S. provisorisch in Kraft gesetzt. Van einer großen Hotels in Mgdal. I» den letzten Tagen des August wurde zwischen der Gesellschaft Migdal-Lmerican Hotel Company und jüdischen Bauunternehmern ein Vertrag über den Bau eines großen Hotels in Migdal abgeschlossen. Der Ban wird 15.000 Pfund kosten und es werden an ihm während der Dauer eines Jahres mehr als 100 Arbeiter beschäftigt sein. Die Kautionen beim Giro- und Kastenverein. Stach längeren Verhandlungen sind die unverzinslichen Einlagen beim Giro festgesetzt worden. Ungefähr 70 Prozent der Börsenbesucher dürften, wie wir erfahren, eine Einlage von 600 S. erlegen. Mit wenigen Ausnahmen, wo die Einlagen noch niedriger bemessen wurden, ist dies die unterste Grenze der eopyrigllt 1924 by 10 Fortsetzung. Kurt Wolff Vcriig A.-G. München Nachdruck verboten. Herr Fettwanst. Line amerikanische Autobiographie von Samuel Oruitz. Es gibt einen Ausweg — wenn du nur -.deinen Kopf gebrauchst! Ich faß in der Küche. Mutter wusch Wüsche. Der Maschkestel stand brodelnd auf dem Feuer. Mutter bat mich, ihr den Deckel unter dem Bette hervorzufuchen. Ich zog ihn heraus, indem ich meine Hand durch den Griff schob «und trug ihn so Zu Mutter hinüber. Mutter Lachte vimfr erzählte mir, daß dereinst die Makkabäer, die jüdischen Soldaten, mit Schilden in den Krieg gezogen seien, die genau wie der Deckel >des Waschkessels ausgesthen hätten. Und da kam mir ein glanzender Einfall. Ich schlich mich mit dem Deckel aus dem Hause und trat mit geschwungenem Schild vor die Bande. „Vorwärts," rief ich, „jetzt werden wir die ,Micks" besiegen." Boolkie, Schinffchon und andere Würdenträger lauschten begierig auf meine Ausführungen. Allen Jungen wurde geboten, die Deckel der Wafchkesteil ihrer Mütter zu holen. Und schon in kurzer Zeit versammelte sich auf dem Canal Square eine Armee mit blinkenden Zinn- und Kupsevschilden. Andere wieder waren auf die Dächer geklettert und hatten Blechzierate abgerissen, die sich in Panzerhelme verwandelten. Kriegsrat wurde abgehalten. Die Stanton Streeter wurden herbeigerufen. Ein Schlachtplan wurde entworfen. Und wieder marschierten wir iw die Gouverneur Street. Wieder flüchteten sich die „Micks" auf die Dächer und begännen uns mit Ziegeln, Mörtel und Steinen zu bombardieren. Unsere Kämpen aber marschierten jetzt unter einer metallenen Decke. Wir vertrieben sie von den Dächern und verprügelten die, die wir erwischten, auf das fürchterlichste. In dieser Schlacht wurde zum ersten Male auch ein Revolver gebraucht. Schnnschou hatte ihn in seiner Wut gekauft und war fest entschlossen, ein paar Micks das Lebenslicht auszüblafen. Glücklicherweise gingen die Kugeln fehl, Wir marschierten nach dem Strande hinunter, stellten Wachen auf und Vorposten und vergnügten uns aufs herrlichste in «dem schmutzigen Wasser des East River. Wie stolz ich aus den Triumph war! Meine Kopfarbeit hatte mich ausgezeichnet. Man sprach von mir als „some wise guh" (ein kluger Strick). Alle Welt bewunderte meine Enlpsindungsga.be. Nachbarn gratulierten meinen Leuten. Denn da's war ein Krieg gegen die Christen gewesen! Und jeder war froh, daß die Unterdrücker die Schlacht verloren hatten. Philipp bemerkte nebenbei: „Gute Ideen sind nur «dann gut, wenn sie einem Vorteile bringen. Merk dir — man darf nur >profitable Ideen haben." Und an diesem Abend kündigte Onkel Philipp nach langem Nachdenken an: „Meyer wich Advokat." 6. Rückblickend gebe ich mir alle Mühe, nrich bawu zu erinnern, wann wir Straßenjungen der großen Stadt iunschnldig waren. Es ist, als ob wir mit einem Bisten vom Apfel der Erkenntnis im Munde geboren worden seien. Gewisse vorhandene Dinge wurden kaum jemals anders angesehen als eben Dinge, die existieren. Hymie Rubins Großmutter, die für ihren verwitweten Sohn und dessen Kinder den Haushalt führte, pflegte zu sagen: „Du warst schon im Mutterleib ein Dieb." Ich erwähne dies lediglich als Beweis dafür, daß wir solche Dinge so oft zu hören bekamen, daß sie gar keinen besonderen Eindruck mehr ans uns machten. Hymie hatte besonderen Grund, mit seiner Großmutter böse zu sein. Sie war schuld «daran, «daß er mit verkrüppelten Knien herumlaufeu mußte, und Schlimmeres 'hätte man ihm nicht antun können, als ihn derart lächerlich zu entstellen. Als Hymie aus die Welt kam, hatte ihn die Großmutter, wie es damals Sitte war, sofort in feste Bandagen gepackt und hatte die Bandagen um die Knie zu fest angezogeu. Hymie hatte keine Mutter, die sich um ihn gekümmert hätte; sein Vater war den ganzen Tag über in der Fabrik und seine Großmutter verbrachte den Tag mit Brummen und Schimpfen und kannte nur eine, Sorge:. ein warmes Abendbrot für ihren Sohn, den Brotverdiener, zu besorgen. Trotzdem sie aber ihr eigenes Enkelkind fürs ganze Leben verkrüppelt hatte, wurde sie bei vielen Geburten zu Rate gezogen. Infolgedessen genoß Hymie inr Alter von zwölf Jahren eine gewisse Autorität unter -den Kindern. Außerdem war er einer der innerlich saubersten Kinder, die ich gekannt habe. Und schließlich trug das dazu, bei, aus Hymie einen Arzt zu machen . .. Und so war es . . . wir wußten eben alles . . . Manchmal trugen sich Geburten unter unseren Augen zu. Und manches der Bürschchen ging einer geschäistigeu Hebamme, di? im letzten Augenblicke gerufen worden war, hilfreich an die Hand. . . Die überfüllten Wohnungen sorgten dafür, daß nichts geheimgehalten werden konnte. Verführungen waren an der Tagesordnung, und mancher .Mann sah eine Reise über den Ozean gleichbedeutend mit einer Scheidung an. So gab es also genug Redereien, und ein paar Worte, die ein Heranwachsender Junge gelegentlich auffchnappt, genügen, um als pikante Geschichte den Altersgenossen alles zu enthüllen. Für mich gab es keine geschlechtlichen! Mysterien. Der ganze Verlauf des Lebens wurde mir als vorausbestimt hingestellt, und so Paßte sich alles, was ich sah und hörte, ganz natürlich ein. Meine Chederstudien bezogen sich ans die Regelung menschlicher Beziehungen aller Art. Das war nicht >dazu angetan, die Phantasie anzuregen oder zu erhitzen. Tann aber kam die Zeit des Grinsens, des Flüstevns und der bezeichnenden Rippenstöße. Ein eigenartiges. verbotenes Lcoerlsstadium stand vor uns. Verblüfftes Flüstern, z.vüdl'utigc Bemerkungen, bizarre Berichte über die Erlebnisse emzelner machten uns neugierig auf die neueste Sensation des Ghettos, die Mysterien in der Allen Street. Allen Street die finstere Passage im Schatten und Rauch dc dampsbr:r:ebmen Hochbahn, bislang chte; schmutzige Wohnstraße, wurde über Nacht zu einem Äbe-r-i Wien, schreienden Zentrum des Verkehrs, Michchmig 257459^9853985

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