Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2353 (9.9.1925)
- Date
- 1925-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ftoffcn: SW3Ttfroszvl Wien: ^um ADholen in der Expedition, Un Taboistr. 1-3, oder in einet Verschieisstelfe 'Trafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkaut in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, f„ Wo!lzeile 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tschecho- Slowakei: Mon.K22. Jugoslawien: Mon.Din. 60. Polen:Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 Nachtthtaatfen W Preiserbebauten rorbebetfen «k. 2351 Wiener AlorgenfeilunS Wien. Mittwoch. 9. September 1925 >> i nwton ■ tEsauptU England; Mon. 4 Schilling. Italien: Monat!. 18 Lte Ru nänien- Mon. 170 Lei. Bulgarien Mon.lOOLewi. Schweiz und das übrige Ausland monatllcn Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien, 0. Taborstr« 1 Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX. Universitätsstrasse 6-8 (D uckerel g. Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 7. gabrgau» Um die Aufhebung der Konttolle. Der Angeklagte als Verteidiger. Kr. W i e it, 9 Sevtember. Die Ungarn sind auf den Völkerbund böse. Er habe sich kompromittiert und verdiene nicht mehr das Vertrauen der Welt. Warum diese plötzliche Wandlung der Gesinnung von gestern auf heute? Weil er in Angelegenheit einer Beschwerde der magyarischen Kolonisten in den neuruniänischeu Gebieten mit Freuden nach dem von der rumänischen Regierung vorgeschlagenen Kompromiß griff, anstatt die zwischen diesen beiden Nachbarstaaten bestehende Erbitterung durch ein hochnotpeinliches Verfahren noch zu vergrößern. Jede Zwangsenteignung vom Besitz ist eine bedenkliche Maßnahme; aber in dem Falle, über den sich die Horthy- Regierung und ihre Presse jetzt so sehr erregen, ist die ungarische Regierung am allerwenigsten moralisch geeignet und berechtigt, als Verteidiger der verletzten Minoritätsrechte aufzutreten. In der Monarchie waren die Nationalitäten nirgends so unmenschlich bedrückt wie in den Ländern der Stephanskrone. Die gewaltsamen Magyarisierungsmaßnahmen bildeten eine endlose Kette von kulturellen, sozialen und bodenpolitischen Gewalttaten gegen die einzelnen Nationalitäten. Zu diesen Gewaltmaßnahmen gehörte auch die in der Mitte der Achtzigerjahre durchgeführte . Kolonisierung magyarischer Siedler in deutschen und rumänischen Gebieten, um auf diese Weise die natürliche Bevölkerungsstatistik in diesen Landesteilen zu korrigieren. Die rumänische Negierung hat nun nach dem Zusammenbruch inr Rahmen ihrer Enteignungspolitik auch diekleinen Besitztümer dieser Kolonisten auf Grund einer Gesetzesbestimmung sozusagen zurückenteignet. Das trifft diese armen Kleingrundbesitzer sicher sehr hart, aber gewiß nicht härter, als die vielen ungarischen Beamten und Lehrer, die, aufgehetzt von der ungarischen Negierung, den Nachfolgestaaten den Treueid verweigerten, nach Ungarn auswanderten und dann dort verhungert wären, wenn sie sich nicht als Pogromhelden an die Rassenschützler verdungen hätten. Aber die ungarische Regierung hat nicht einmal die Möglichkeit eines Hinweises auf die gerechte Behandlung der Minoritäten im heutigen Ungarn für sich. Auch in Ungarn ist seit einiger Zeit eine Bodenreform zugunsten der Kriegsbeschädigten im Zuge. Es wurde auch ein „Heldenkapitel" geschaffen, das seinen Boden aus den enteigneten Grundstücken bekommt. Das hierbei beobachtete Enteignungsverfahren ist eine der brutalsten antisemitischen und antisozialen Maßnahmen des politischen Kurses der Erwachenden Ungarn. Es ist darauf angelegt, die Juden in Ungarn systematisch vom Bodenbesitz zu verdrängen. Jüdische Kriegsinvalide erhalten Wohl keinen Quadratmeter Boden, dafür aber wird jeder jüdische Bodenbesitzer enteignet, der nicht Nachweisen kann, daß er seinen Besitz erst nach der Schaffung des Gesetzes, durch Welches den Juden der Bodenerwerb gestattet wurde, erworben hat. Ueberdies muß er, genau so wie der jüdische Trafikant, der Inhaber einer staatlichen Konzession, den Nachweis erbringen, daß nicht nur er selbst, sondern auch seine Vorfahren bis ins vierte Geschlecht ungarische Staatsbürger und politisch „verläßlich" sind und waren. Eine moralisch und durch fortdauernde Ungesetzlichkeiten gegen, ihre nationalen und konfessionellen Minoritäten so schwer belastete Negierung, wie die ungarische, ist von Vorneherein unfähig, selbst die gerechteste Beschwerde zu Vertreterl, und sie leistet den ungarischen Minoritäten irr den Nachfolgestaaten einen schlechten Dienst, wenn sie sich zu ihrem Anwalt in einer prinzipiellen Streitfrage aufwirft, in der sie selbst Angeklagte ist. Das mußte die ungarische Regierung auch anläßlich der Tagung des Verbandes der Völkerbundligen in Warschau hören, als ihr wegen des starren Festhaltens am Numerus clausus die schärfste Rüge ausgesprochen wurde. Besonders aufreizend wirkt dieser fanatische Judenhaß der ungarischen Unterrichtsverwaltung gerade in diesen Tagen oer Einschreibungen an den ungarischen Universitäten. Die bevorzugten christlichen Studenten überfluten die juristischen Fakultäten, weil sie alle die Beamtenlaufbahn ergreifen wollen, in der weniger Wissen als gute Protektion und bewährter Antisemitismus für den Aufstieg erforderlich sind. Die übrigen Fakultäten, in denen man Me Beratungen de» Fiuaa-komiterr. — Ae Wahl der BSUerbuMommWoneu. Genf, 8. September. (Tol.-Komp.) Für die Aufhebung der österreichischen Finanzkontrolle soll die Stimmung nach den bis-herigeu Verhandlungen des Fin-a.n-zkomitees auch innerhalb des Finanzkomitees s e >h r g ü n st i g sein, wenn auch niemand an eine sofortige Aufhebung der Kontrolle -denkt. Der W i de rsta n d kommt auch innerhalb des Finauzkomitees hauptsächlich von englischer Seite, da die englischen F i n a n z k r e i s e für den Kurs de r o st e r r e i ch is che n Anleihe fürchten und überhaupt eine Herabminderung der Kreditwürdigkeit Oesterreichs als notwendige Folge eines zu raschen Wegfalles der Kontrolle betrachten. Um die Bedenken dieser Kreist zu zevstreueu, ist im Finauzkomitee ein neuer Vorschlag aufgetaucht, und zwar von Oesterreich e i n e E rkläru ng zu verlangen, die als eine Art Zusatz- Protokoll znm Genfer Protokoll vom Oktober 1922 zu gelten hätte und in der die österreichische Regierung mit der Möglichkeit der Wiederaufnahme der Finanzkontrolle sich einverstanden erklären würde, falls der Völkerbund eine solche Wiedereinführung f ü r not w endig hiolte. Damit würde in das österreichische Protokoll eine ähnliche Bestimmung ausgenommen werden, wie sie in dem Protokoll für die Sa- - nierung''Ungarns' bereits össteht. . . ■ \ Genf, 8. 'September. Bundeskanzler Dr. R a m e k und Bundesminister für Aeußeres Dr. M a t a j a hatten auch heute eine Reihe von Besprechungen, darunter mit dem französischen. Ministerpräsidenten Painleve und mit dem französischen Minister des Aeußern B r i a n d. Die Abordnung des Finanzikomitees, bestehond aus dom Präsidenten D u b o i s, Sir.Henry S t r a k o s ch und dem französischen Delegierten Chalandard sowie Generakkommissär Dr. Z immer man, fand sich heute um 10 Uhr vormittags beim Bundesministör für Finanzen Dr. Ahrer ein und überbrachte ihm den in allen Einzelheiten ausgearbeiteten Entwurf des Finanzkomitccs, der Punkt für Punkt durchbespvochen wurde. Finanzminister Dr. Ahrer machte Gegenvorschläge. Die Abordnung zog sich hierauf nach mehrstündiger Besprechung zurück und begab sich sogleich zu der internen B o l lsitzung des Finanzkomitees, um Bericht zu erstatten. Nach einer zweistündigen Konferenz des -Finanzkomitees wurde der österreichischen Delegation ein weiterer Resolutionsenti.Vurf des Finauzkomitees vorgelegt. Infolge des vom Finauzmmister Dr. Ahrer gegen einzelne Punkte erhobenen Einsprache konnte in der 'heutigen Sitzung eine Einigung nicht erzielt werden. Die Vizepräsidenten der Völkerbundversammlung. Genf, 8. September. (Tel.-Ko-mp.) Heute vormittags erfolgte die Wahl der Präsidenten der V ö l k e r b u n dk o m m i f s i o n c n. Es wurden gewählt: Für die erste Kommission, die sich mit juristischen Fragen zu beschäftigen hat, Sc-ialoja (Italien); für die zweite Kommission (technische Organisation des Völkerbundes) van Eysinga (Holland); für die dritte Kommission (Abrüstnngsfragen) N i n e i c (Jugoslawien); für die vierte Kommission (Budget und Finanzen des Völkerbundes) Costa (Portugal); Die gestrigen Tvortresultate. Hakoah—BLadia (Prag) 6:5 (1:4). M. T. K. (Budapest)—-Amateure 2:8 (Sri). Prag: Sparta—Simmering (Wien) 2:2 (2:1). . W»>WWWWWWWW>WWWWUW»»W»»»«WWWW»«M>»»»«M«,E»^» nur durch Studium und Arbeit vorwärts kommen kann, sind entvölkert; aber die jüdischen Studenten inüssen wegen des verdammenswerten Numerus clausus ins Ausland wandern. Wie wird diese ungarische Regierung vor dem Völkerbund oder dem internationalen Gerichtshof, vor den die Klage gegen die für die fünfte Kommisson (Opiumhandel, Kampf gegen den Mädchenhandel ufw.) Vohwinkel (Norwegen); für die sechste Kommission (politische -Fragen usw. sowie Gesuche nur Aufnahme in den Völkerbund) Guerr e r o (San Salvador). Diese Kommissionspräsidenten sind zugleich Vize- Präsidenten des Völkerbundes. Aus der Mahl der Bölkerbundversammlung gingen als weitere sechs Vizepräsidenten hervor: I s h i i (Japan), B r i and, C u m e t n (Venezuela), Cham b e r l a i u, Arfa-ed-Dauleh (Persien) und Duca (Rumänien). Die erste meritorische Sitzung der Völkerbund-Versammlung findet morgen vormittags, 11 Uhr, statt, mit der Tagesordnung: Debatte über den Bericht des Völkerbundrates. Die Präsidenten der sechs Kommissionen der Völkerbundversammlung sind übereingekommen, die Arbeiten der Kommissionen so zu beschleunigen, daß die Bölkerb undversammlung bereits am 27. oder 28. d. geschlossen werden kann. Damit würde ein Gerücht übereinstimmen, daß wissen will, daß schon heute vormittags eine telegraphische Einladung nach Berlin zu der Ministerkonferenz ergangen sei, in welcher vorgeschlagen wirb, die Ministerbesprechungen mit dem deutschen Außenminister am 29. d. in Lausanne abzuhalten. Chamberlain erhofft eine baldige Aussprache mit Stresemnnn. Genf, 8. September (Tel. Komp.) Chamberlain hielt nachmittags bei einem vom Verband der Bölkevbnndjournaliften zu Ehren der Staatsmänner Englands, Frankreichs und Belgiens gegebenen Diner eine Rede von großer politischer Bedeutung. Ju Erwiderung auf eine Anfrage des Ehrenpräsidenten des Verbandes, Senator de Iouvenel, und eine Rede Painleves sagte Chamberlain, er hofft, daß die in Genf versammelten Staatsmänner bald Gelegenheit haben werden, mit Vertretern einer Nation, die hier noch n i ch t v e r t r e t e n sei, an einem Orte nicht z u w e i t v o n G e n f znsammenzukomrnen. In Paris, London, Brüssel, Rom und Berlin seien die verantwortlichen Staatsmänner zurzeit angestrengt -damit beschäftigt e(n großes Friede ns Werk zur Durchführung zu bringe«. Die bisherigen Verhandlungen hätten viel größere Fortschritte gemacht, als er, Chamberlain, noch vor kurzer Zeit zu hoffen gewagt habe. Er glaube sich zu der Erwartung berechtigt, daß das Ziel, -das heißt der Abschluß des F r i e d e n s s i che rheit's Paktes >bal.d erreicht sein werde. Die polnische Agrarreform und die deutschen Minderheiten. Genf, 8. September. (Wolfs.) Eine parlamentarische Abordnung der deutschen Minderheiten in Polen hat dem Generalsekretariät des Völkerbundes eine dringliche Denkschrift übergeben, in der sie den Schutz des Völkerbundes gegen eine Reihe von Bestimmungen des polnischen Agrarreformgesetzes anruft. Der in Genf anwesende Obmann der deutschen Vereinigung im polnischen Sejm Neu m a n n wurde in dieser Angelegenheit heute abends vom polnischen Außenminister Skrzynski empfangerr. Bulgarien ersucht um Aushebung der Militär outrolle. Sofia, 8. September. (Del.-ckvmp.) Die bulgarische Re» gieruug hat an die Bot-schafterkowftrenz. in Paris ein Gvsmch um Aufhebung der interalliierten Msittä-kkoMrolle gerichtet. In der Note wird darauf hmgowiesen, daß Bulgarien alle Bedurguugen des Friedensvertrages van Nauilly lohäl evfüllt hat und daß auch die durch die Kontrolle verursachten Kosten, -die das bulgarische Budget belasten, nicht unbeträchtlich seien. Horthy-Regieruug gebracht wurde, zu behaupten wagen, daß der Numerus clausus keine antisemitische, sondern bloß eine soziale Maßnahme sei? Die ungarische Regierung hat das Recht verwirkt, in der Minoritäten-, frage als Beschützer der Unterdrückten aufzutreten. ,< ü