Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2346 (2.9.1925)
- Date
- 1925-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Polen: aO gros^yl Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Taboistr. 1-3, oder in einer Verschieisstelie (Trafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, l„ Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tschecho-Slowakei: Mon. K22. Jugoslawien: Mon.Din.60. Polen:Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 Nadtsahlunften Ml P «* e t » tthflhnn^tn rorbehaljai Rk. 2346 KONGRESSAUSGABE Wiener Morgmleilimg IPrels 30 gl E n g 1 a n d: Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl. 18 Lire: Rumänien- Mon. 170 Lei. Bulgarien Mon. 100Lews. Schweiz und das übrige Ausland monailica Frcs. t Redaktion, Administration: Wien, II. Tabor str. I Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr : 21-102, 25-2-82 IX. Universitätsstrasse 6-8 (D uckcrei ig. Steinmann) Oesterrcichisches Postsparkassen - Konto Nr. 150.698 Wie«. Mittwoch, 2. Sepember 1628 7. Fahrgana A. WARMUTH, A.-G, Spediteur der Korporation der Berliner Buchh&ndler Umzüge - Spezialität: Palästina-Transporte < Prima Referenzen RpRI IM C 2, Hinter der Garnisonklrchc 1 » ULinUU^I Amt Nordeu 9731.9736 W 15, Joacfaimsthalcr Strosse 13 Amt Setlnptatz 3353 HAMBURG Bornstrasse 31, Amt Nord? ee 1166 423 Die lat ies Kongreffes. —y. W t c n. 2. September. Die Auswahl Wiens als Ort des Zionistenkongresses hat, wie ja bekannt, in dieser Stadt. und in diesem Staat Erscheinungen gezeitigt, die die schwere innere Krankheit aller Welt offenbarten. Fi'tr die zionistische Weltbewegung ist dies irrelevant gewesen. Der Kongreß führte seine Beratungen durch, absolvierte das ihm vorgelegte Programm und ließ sich nicht beirren. Aber die Aeußerlichk'eiten, mit denen er umgeben wurde, hatten die Wirkung der Sensation, die sich weniger an den Kongreß als vielmehr an Oesterreich knüpfte. Die Vorgänge sind bekannt genug geworden und es war gerade keine schmeichelhafte Aufmerksamkeit, die in diesen Tagen sich der mitteleuropäischen Metropole zuwendete. Die Radauhetze, die sich in den Straßen austobte, hat der Stadt und dem Staat unendlichen Schaden zugefügt, und es wird sehr lange dauern, ehe die Spuren getilgt sein werden. Soweit diese Hetze politischen Inhalt hatte, der sich auf das Judentum bezog, ist sie bereits durch die Tatsache des Kongresses, entwertet worden. Noch jetzt kleben an den Straßenecken die infamen Plakate, die den Zionistenkongreß als eine Gefährdung der hierzulande befindlichen arisch-germanischen Jungsrauentugend, als eine Versammlung des Weltz banditentums, eine Konzentrierung der Judenpest beschimpften. Kein Staatsanwalt hat sich gerührt. Die Verüber dieser Streiche standen ja unter dem hohen Schutz des fromm-christlichen Negierungsorgans. Während Kanzler, Minister und die Sicherheitsbehörden ihre selbstverständliche Pflicht loyal und korrekt erfüllten, schien es unmöglich, die Volt der Hundstagshitze verschärfte Phantasie der allarischen Zeitungsschreiber dieser Couleur vor dem Neberlaufen zu bewahren. Die Exzesse, die dadurch angestiftet und ver- > breitet wurden, schienen zeitweise die ganze Stadt er-; griffen zu haben, und die Negierung mußte ihre ganze j Macht aufbieten, um wenigstens einigermaßen die Ordnung zu schützen. Der Plan, der diesem Treiben zugrunde lag, wurde aber von denen, die sonst berufsmäßig die Schönheit, die alte Kultur und den Operettenexport preisen, nicht so zurückgewiesen, wie dies notwendig gewesen wäre. Die öffentliche Meinung wurde geflissentlich irre geführt. Das Attentat auf den Ziomstenkongreß wurde auf die Stufe einer innerpolitischen Intrige herabgesetzt. Es war ganz offen ein von auswärtigen Faktoren vorbereiteter Anschlag auf das Judentum, gut angelegt, gut bezahlt, so gut, daß die Summen kaum aus diesem Lande. stammen konnten. Eine ganze Literatur von 'Plakaten und Flugschriften wurde geschaffen, magyarische und reichsdeutsche Agitatoren führten das Kommando. Es sollte der Welt bewiesen werden, daß sich eine jüdische Versammlung nicht mehr zusammenfinden könne. Nirgends berührte die Tagesordnung des Zionistenkongresses ein österreichisches, deutsches oder christliches Interesse. Trotzdem sollte de» Juden mit dem Knüppel beigebracht werden, daß sie kein Recht hätten, an einem Punkte des regsten Weltverkehres zu einander zu sprechen. Um das Utecht ging es. Die christliche und deutscharische Presse stellte es in Abrede. Die judenliberalen Getauften aber predigten salbungsvoll über öen guten Nus und das bedrohte Geschäft. Im Stadtpark wurden, harmlose Musikgäste und Liebespaare überfallen und geprügelt. Der Chor der Neichspostler schrie sofort über den jüdischen Terror und die Demokraten fragten besorgt, ob es nötig war, durch die Einberufung des Zionistenkongresses zu provozieren. Darauf war eS eben angelegt gewesen. Der Kongreß, sollte in Panik gejagt und dem Judentum in seiner Gesamtheit seine Sklavenstellung in Erinnerung gebracht werden. Das ist ntißlungen. In imponierender Ruhe trat der Kongreß zusammen. Das diplomatische Korps erschien demonstrativ aus der Galerie und wandte sich dg.mit gegen die frechen Lügen, die auf den Straßen Das Mitglied der Zimtistifchev Exekutive ttud Präsident der Zionistischen Organisation der Vereinigten Staaten Amerikas, Louis Lipsky, hatte die Freundlichkeit, sich gegenüber einem unserer Mitarbeiter über die Ergebnisse des Zionistenkongresses wie folgt zu äußern: Die eindrucksvollsten Tage des Kongresses waren der erste und der letzte Tag. Der erste, die Eröffnungssitzung, war würdig und schön durch seine weniger nach außen und mehr nach innen gerichtete Gemessenheit. Der letzte Tag durch seine immense Arbeitsleistung und durch die Beseitigung der in den vorhergehenden Tagen allzu stark hervorgetretenen scheinbaren Gegensätze, die ein falsches Bild über die innere Situation der Zionistischen Organisation zu geben geeignet waren. Dies um so mehr, als nach dem Zutagetreten dieser Gegensätze nur eine sehr kurze Zeitspanne zu ihrer Schlichtung gegeben war und in keinem Parlament der Welt so wichtige Fragen in einer solchen nicht nennenswerten Zeit erledigt werden müssen. Wäre mehr Zeit zur Verfügung gestanden, so hätte sich offen gezeigt, daß diese Gegensätze überhaupt nicht, zumindest aber nur in sehr geringem Maße bestanden. Man kann also ruhig sagen, daß dieser Kongreß einer der besten war. lieber die praktischen Folgten, die dieser Kon-i greß zeitigen wirb, kann man flff, da sich noch alles im Fluß befindet, wenig sagen. Jedenfalls ist eine Reihe von Beschlüssen gefaßt worden, die für die k ü n ft ig e En twicklung der Zionistischen Organisation und des Aufbaues P a l ä st i n a s von großer Bedeut u n g sind und diese in günstiger Weise beeinflussen werden. Für die Zionistische Organisation ist eine Kräftigung und. eine größere Schlagfertigkeit zu erwarten. In dieser Richtung hat die sogenannte Opposition sehr g ü n st i g gewirkt, wiewohl ihre Angriffe gegen die Exekutive meiner Ansicht nach ungerecht Ivaren. Die Exekutive war und kann immer nur der Ausdruck der Stimmungen auf dem Kongreß fein und nur in der Linie der Kongreßbeschlüsse gehen. Das hat sie getan und verdient dafür nicht, angegriffen zu werden. Was aber an der Opposition gut war, ist, daß sie eine Stimmung auf dem Kongreß geschaffen hat, die der Exekutive den Weg zum Ausbau einer festen und schlagkräftigen Zionistischen Organisation und zur Führung einer den jüdischen Fo rderung en entsprechenden Politik zeigt. Ein wichtiger Beschluß in dieser Richtung ist der Einheitsschekel, der meiner Ansicht nach zur Schaffung einheitlicher Landesverbände führen soll und muß, um nicht sinnlos zu werden. Es hat sich auf diesem Kongreß gezeugt, daß die Fraktionen Differenzierungen, die nur in minimalein Maße vorhanden sind, übertreiben, was aus der Tatsache, daß sic gesondert bestehen, psychologisch erklärlich ist. Sie beginnen, das Einigende, Verbindende zu vergessen. Die Organisation wird sich davor schützen müssen. Die Forderung, daß die Exekutive und «das Aktionskomitee unbedingt aus allen Fraktionen und Parteien zusammengesetzt sein müsse, ist unsinnig. Die beiden Körperschaften müssen das zionistische Ideal rein verkörpern, sonst nichts. Die Fraktionen rufen nach außen hin den falschen Eindruck einer Zerrissenheit hervor, statt das einigende Ideal zu betonen. Es ist minder wichtig, daß die Linken einen Staat haben wollen, der auf jüdischer Selbstarbcit basiert, der Misrachi ihn gesetzestreu sehen möchte usw., wichtig ist, daß wir alle den Staat haben wollen. Man darf nicht den Eindruck erwecken, daß wir unter Bedingungen einig sind, sondern, daß wir einig sind. . Ein ebenfalls für die künftige Entwicklung sehr wichtiger Beschluß ist der über die Aenderung der Konstitution der Palästinaämter. Bisher war die Alijah gänzlich auf die Arbeiterschaft eingestellt. Es ist selbstverständlich, daß auch andere Schichten, die in großem Maße eiuzuwandern begonnen haben, eine entsprechende Vertretung beanspruchen dürfen. Eine Benachteiligung des Hcchaluz ist darin nicht gelegen. Diese und eine ganze Reihe anderer wichtiger Beschlüsse, die diesem Kongreß zu verdanken sind, geben uns die Gewähr fruchtbarer Arbeit. Der 1-1 Kongreß ha t d e n Z i o n i s m u s um ein g u t e s S t ü ck v o rw ä r t s g e b r a ch t. Welzmann bei Herbert Samuel. Präsident Weiz-man, der bekanntlich am Sonntag Wien verlassen hat, traf in'Innsbruck zu einer kurzen Unterredungmit Sir Herbert Samuel zusammen. Eokolow nach Bafel abgrrelst. Gestern nachmittags ist Nah um Sokolow nach Basel abgewist, um der dort stattfindenden S i tz u n g des Kuratoriums de 's I u da i st i sch c n I nstitutcs in Jerusalem Eeizuwohnen. Am 23. d. wird in M ü n ch e n die Sitzung des U n i v e r s i t ä t s k u r atoriums stattfin'den; unter anderen hat Albert Einstein seine Teilnahme an dieser Konferenz zugesagt. Die IlebrrMrmm der ffeürlne Herzls nach Ae; 3s ael. Wie bereits berichtet, hat das nengewühltc Zionistische Aktionskontttee in seiner Montag stattgefundenen ersten Sitzung jene Kommission gewählt, welche die Vorarbeiten für die Uebersührung der Leiche Theodor Herzls n ach E r e z I f r a c i in Angriff zu nehmen hat. Die Ko-m-mission besteht aus dem Vorsitzenden des Aktionskomitee Leo Motzkin (Paris), sowie den Herren Joses C o wen (London), David 8) e ll i n (Jerusalem), Dr. Alfred K l e e (Berlin), Johann K r e m e n e tz k y, Dr. Leopold P l a s ch k e s, Dr. Isidor Sch a l i t (sämtlich Wien). Diese Kommission hat laut dem Beschlüsse des Aktionskomitees die Aufgabe erhalten, innerhalb eines Ja h re s. alle Vorkehrungen für die Uebersührung der Leiche Theodor Herzls, seiner Eltern u n d sei n e r Gattin zu treffen.' Es ist in Aussicht genommen, die Gebeine des großen Führers. der zionistischen Bewegung und seiner Angehörigen in würdiger Feier aus dem K a r m e I zu bestatten. Gleichzeitig soll auch, wie das Aktionskomitee beschloß, von der Kommission die Uebersührung der Leiche David Wolffsohns, des Nachfolgers Herzls in der Führung der zionistischen Weltorganisation, und seiner Frau nach Erez Israel in die Wege geleitet werden. Rach dem Kongreß. fiottls fiipstb über die Bedeutung der Be chMffe ausgeschrien. iuurbeit. Tschechisches, Geld für den Kongreß, tschechisches Militär an der Grenze, 50.000 jüdische Turner in Wien zusammengezogen, der republikanische Schutzbund aufgeboten, England gegen den Kongreß, Frankreich hat ihn verboten! Man kann ja das alles kann: aufzählen. Der Kongreß blieb fest. Der Lärm schlug nicht in die Zimmer, in denen die jüdischen Delegierten ernst und sachlich bis zur Erschöpfung ihrer physischen Kräfte über Wiederaufbau und Kolonisation berieten; die Frauen und Männer, die das Gebot ihrer Wähler und der zionistischen Leitung nach Wien berufen hatte, übten im-Bewußtsein ihres Rechtes ihre Pflicht. Die ganze Welt war Zeuge. In öffei hen Sitzungen wickelte sich das Programm dieser Veranstaltung ab, jeder konnte zuhören, Tausende von Zeitungen trugen den Inhalt der Reden und Beschlüsse bis. in das letzte Dorf; 380 Journalisten saßen im Saale, viele unter ihnen,- denen internationale Kongreß nichts Neues mehr waren, und alle, auch die antijüdischen, waren ergriffen von dem Schauspiel, beffett Zeugen sie waren, und keinen gab es, der nicht, wie weiland Bileam, zum Segen gezivungen wurde, wo er hatte fluchen wollen. Ein innerlich freies Volk beriet da über seine Lebeitüfinanzeu, über die Bedingungen seiner äußeren Freiwerdung. Und der greuliche Skandal, der von den Todfeinden jüdischen Lebens und zugleich Todfeinden jeglicher Freiheit angestiftet wurde, mußte in sich znsammenbrechen. Es ist gut, daß draußen noch die Plakate zu lesen sind. Jeder kann vergleichen zwischen dem, was gelogen und dem, was im Konzerthaus beraten und beschlossen wurde. Diese Kraft des Zionismus wird niemand brechen. Das war zu beweisen und das ist an einem Brennpunkt der europäischen Politik bewiesen worden.