Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2338 (25.8.1925)
- Date
- 1925-08-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2338 Men, Dienstag Wiener Morgenzeitung 26. August E Sette S Bor der Budgetdebatte. 8r. W t e n, 25. August. Die Debatte, die in den ersten Tagen des Kongresses im Anschluß an den Bericht der Exekutive abgeführt wurde, mochte auf den Fernerstehenden den Eindruck geübt haben, daß in der Zionistischen Organisation eine Uneinigkeit herrsche, die für die Durchführbarkeit des Staatsaufbaues im Sinne des zionistischen Programmes die größten Bedenken rechtfertigen würde. Man weiß es ja, daß die politischen Naseweise innerhalb und außerhalb des Judentums schon zu Lebzeiten Herzls den Zionismus mit den: billigen Witz abtun wollten, daß das Judentum schon wegen des Hanges zur Kritik nicht geeignet sei, aufbauend zu wirken. Aber nur der Uneingeweihte oder der oberflächlich Urteilende, vermag zu einem solchen Urteil zu gelangen und sich seine Beweise und die Begründung für dieses Urterl aus den Debatten des Kongresses zu holen. Der zionistische Kongreß ist eine demokratische Institution. Ihm ist die Exekutive verantwortlich; sie ist verpflichtet, Rede und Antwort zu stehen, und die Delegierten des Kongresses sind nicht Bestandteile einer einfachen Abstimmungs- Maschine, sondern von hohen Idealen beseelte und von ihrer unendlichen Verantwortlichkeit gegenüber ihren Auftragebern wie auch dem gegenwärtigen und dem künftigen Jischuw erfüllte Mandatare des jüdischen Volkes. Die Debatten im Kongreß sind keine Streitigkeiten und kein Kampf um Portefeuilles und Sinekuren. Es sind allerdings lebhafte Erörterungen darüber, wie das schwierige Ziel am sichersten, am raschesten und mit den geringsten Reibungen erreicht werden könnte. Nicht um Personen geht es auf dem zionistischen Kongreß, sondern um die besseren Methoden zur Sicherstellung der dem jüdischen Volk durch das Mandat garantierten Rechte. Hierüber gibt es sicherlich sehr tiefgehende, grundlegende Meinungsverschiedenheiten zwischen bctt Führern und einzelnen Gruppen im Kongreß. Sie kommen hier heftiger, eindringlicher zum Ausdruck, weil sämtliche Parteien und Richtungen nur von der einen Sorge getrieben werdet:, die Erlösung des jüdischen Volkes in solcher Weise herbeizuführen, daß sie eine tatsächliche Erlösung werde. Der gesunde Sinn, der stets die zionistischen Kongresse beherrscht hat, wird auch diesmal die Brücke zimmern, welche die verschiedenen Richtungen miteinander verbindet und dem gleichen Ziele zuführt. Nun steht dem Kongreß die vielleicht wichtigste Frage noch bevor. Kritik ist der Ausdruck unerfüllter Wünsche und nach Erfüllung strebender Forderungen. Und der Wünsche und Forderungen gibt es eine Menge. Ein Teil von ihnen wurde schon in den politischen Debatten laut, der größere Teil jedoch liegt in Form von Denkschriften und Resolutionen der Landsmannschaften und Fraktionen, der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen, der Chaluzorganisationen und Auswanderungsstellen vor. Alle diese Einrichtungen in Erez Israel und im Galuth, schöpferische Folgen der rascheren Entwicklung der Siedlungen im Lande, veranstalten jetzt einen Sturmlauf auf das Btidget, das der Kongreß zu bewilligen haben wird. Das Budget ist das Rückgrat der Organisation. Ist es unterernährt oder überlastet, so tritt eine Verkrümmung des Rückgrates ein, die das Siechtum der Organisation herbeiführen muß. Man hat diesen Kongreß auch den praktischen Kongreß genannt, und die /Mitglieder der Exekutive, sowie die Leiter unserer Fonds und Anstalten haben schon in ihren bisherigen Ausführungen keinen Zweifel darüber gelassen, daß für die nächste Zeit die Geldfrage, die Frage der Deckung des Budgets aktueller oder zumindest so aktuell sei wie die Frage der politischen Methoden. Es kann sich für die Politik ein Stadium der Reserve, des beobachtenden Abwartens, der Zurückhaltung ergeben, ohne damit das Ganze in irreparabler Weise zu gefährden. Ein Erlahmen oder auch nur eine Stagnation im Aufbringen der für den Ausbau der Organisation, der Vermehrung des Bodenschatzes, «der Intensivierung des Aufbaues und der Verwurzelung unserer geistigen und kulturellen Güter im Lande wäre ein Verhängnis nicht nur für die praktische, sondern auch für die politische Arbeit. Die bevorstehende Budgetdebatte wird deshalb erst der untrügliche Prüfstein dafür sein, ob der Kongreß und die zionistische Organisation auf der Höhe der praktischen Forderungen des gegenwärtigen Entwicklungsstadiums des Zionismus stehen. Die Delegierten werden nicht nur Ziffern zu genehmigen haben, sondern sie wer' den auch für die Bedeckung der von ihnen bewilligten Budgetposten vernünftige, praktisch durchführbare Beschlüsse zu fassen haben. Sie werden das Budget frei von Fraktionseitelkeit und Liebhaberstelüste auf seine Solidität und praktische Notwendigkeit zu prüfen und zu bewilligen haben. Die einzelnen Budgetposten, ganz besonders aber die Subventionspost, darf nicht als Preis für die Gunst dieser oder jener Fraktion oder Gruppe höher oder niederer bemessen werden; wichtiger aber noch als dies ist es, daß die Kongreßdelegierten als die Vertrauensmänner der Zionistischen Organisation, welcher Richtung im Zionismus sie auch angehören mögen, das einmal bewilligte Budget in seiner Gesamtheit für sich bindend anseben und sich, heimgekehrt, für die Aufbringung der Mmel des gesamten Budgets mit allen Kräften einsetzen müffen. Der Kongreß muß vom Wünschen und Fordern zum Gewähren und Opfern übergehen. _ ' Kleldarhaus M. NEUMANN I. Kärntnerstraße '9 VI. Mariahilferstraße 35 HERREN- UND KNABENANZÜGE WÄSCHE SCHUHE *n bester Qualität und zu mäßigen Preisen 110 KLEIDERHAUS M. NEUMANN I. KVRNTNERSTR. 19 / VI.MARIAHIUFERSTR. 35 Sie Parteien des Kongresses. Die Freie zionistische Vereinigung. Die am Kongreß gebildete Freie zionistische Bereinigung besteht aus der deutschen Landsmannschaft und einzelnen Vertretern kleinerer Landsmannschaften, die das Programm der zionistischen Vereinigung für Deutschland annahmen. Die reichsdeutschen Zionisten haben ihre grundsätzliche Einstellung zu den wichtigsten Kongreßfragen in einer Broschüre niedergelegt, die eine gründliche Behandlung der Fragen bis in die Detaklprobleme enthält. Wir schalen den Kern dieser 50 Seiten umfassenden Schrift, in welche auch die Leitsätze anderer zionistischer Gruppen ausgenommen sind, im nachfolgenden heraus: An die Spitze ihres Kongreßprogvammes stellen die deutschen Zionisten den Leitsatz, daß bei der zionistischen Arbeit aus allen Gebieten der nationaljüdische Gedanke eindeutig zu betonen sei, unter Ablehnung aller chauvinistischen B o r st e l l u n g e n. Ein wesentlicher Teil zionistischer Arbeit sei die Erziehung und Umformung jüdischerMenschen. Die erweiterte Jewish Agency sei die gegenwärtige organisatorische Form der vor Jahren eingeleiteten Bündnispolitik. Die Frage der Erweiterung der Jewish Agency sei bereits grundsätzlich entschieden. Bei der Praktischen Ausgestaltung fordert die deutsche Landsmannschaft die Berücksichtigung folgender Punkte: Palästinafteunde, die nicht Mitglieder der Zionistischen Organisation sind, können nur als Bertr eter von Gruppen und Organisationen, welche die Balfour-Deklaration anerkennen, in die erweiterte Agency eintreten. Nur solche nichtzionistische Gruppen haben das Recht, ihre Vertreter in die Jewish Agency zu entsenden, welche materiell zum Ausbau Palästinas beitragen. Die organisatorischen Einrichtungen der erweiterten Agency sollen einen provisorischen Charakter haben. In bezug auf die Zionistische Organisation wird eine durchgreifende Reorganis at i o n verlangt, beruhend auf den Prinzipien des Einheitsschekels, der einheitlichen Territorialverbände und der Verlegung des Schwerpunktes der Exekutive nach Palästina. Nur der die Politik leitende Teil der Exkutive habe in London zu verbleiben. (Ein ausführlicher Abschnitt erläutert diese Grundsätze für die Reorganisation. Wir heben nur besonders hervor, daß die deutschen Zionisten dem Aktionskomitee und der Exekutive eine neue Instanz hinzufügen wollen, nämlich einen zionistischen Senat.) Bezüglich des Aufbaues Palästinas fordert das Programm der deutschen Zionisten, daß der Träger des jüdischen Palästina der Typus des Pioniers, des selbstarbeitenden Juden bleibe. Die Grundlage des jüdischen Palästina muß eine starke jüdische Landwirtschaft sein. Für den Aufbau des Landes müßten diese Gesichtspunkte und nicht die Bedürfnisse der jüdischen Emigranten maßgebend bleiben. Dem Programm der deutschen Zionisten ist ein Expose Kurt Blumenfelds, des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland betreffend Teilnahme der deutschen Judenheit an der Jewish Agency, sowie ein Aufsatz Blumenfelds, Zionistische Organisation und ,Jewish Agency", beigefügt. _ Frauen im Nanismus. Bon Anitta Müller-Cohen. Bei dem Weltkongreß jüdischer Frauen, der vor zwei Jahren in Wien tagte und dessen Protokoll etwas verspätet jetzt erst die Druckerpresse verließ, hatte eine Frau durch die Einfachheit und Energie ihres Wesens besonderen Eindruck gemacht. Es war die die einzige Delegierte aus Palästina, Frau Nelly Moshenson. Sie begann ihren Bericht über Palästina mit den denkwürdigen Worten: Ich bin nicht mehr eine Zionstin, ich bin eine Bürgerin Palästinas. Einst erzählte man sich von dem Chaluz, der in Palästina ankam und fragte, wo er Arbeit finden könne und ob eine Universität da sei für seine Frau zum weiterstudieren. Damals fürchtete man sich, daß in Palästina dieser Typus der Frau zur Einrichtung wird. Glücklicherweise kam es anders. Mann und Frau sind gleichwertige Arbeiter an dem großen nattonalen Merck in Palästina. Unter den Führern wie unter den namenlosen Helden der Kolonie sind Mann und Frau innig verbunden mit dem geschichtlichen Schicksal, welches hier gestaltet wird. Heute Dienstag, halb 8 Uhr abends Hauptdarstellers Hans Marr, Jakob Feldhammer, Franz Scharwenka, Jenny Reingruber 150 Mitwirkende FESTAUFFOHRUNG der Volkstragödie „MOSE“ in Anwesenheit der Exekutive u. der Präsidenten Weiz mann und Sokolow Zu dem Kongreß der Weltorganisation zionistischer Frauen kommen Delegierte in großer Zahl aus Palästina und aus einer Reihe anderer Länder. Wir begrüßen sie mit Freude in Wien und glauben bestimmt, daß die Arbeit, die sie leisten werden, eine gedeihliche sein wird. Wohl sind die Frauen dem Zionismus manches schuldig geblieben. Die zionistische Bewegung war die erste große geschichtlich-politische, die den Frauen von allem Anfang an gleiche Rechte mit den Männern gab. Trotzdem blieben die Frauen in der Bewegung im wesentlichen passiv. Sie nahmen an der Arbeit im Galuth vielfach nicht den Teil, heraus, der auf sie entfiel. Um so fteudiger muß man es feststellen, daß es in Palästina nicht so war. Hier haben die Frauen ihr Bestes für das Land gegeben. Es ist nur natürlich, daß an der Wellkonferenz der zionistischen Frauen die Palästinenserinnen mit einer großen Gruppe vertreten sind. Mit innigen schwesterlichen Gefühlen begrüßen wir jede einzelne. Sie haben in dem Land der Väter das geleistet, was von jüdischen Frauen, den Enkelinnen biblischer Frauen erwartet werden kann. Frauen kommen in das Land in immer größer werdender Anzahl. Die Chaluzoth bauen das Judenland auf. Wer erzieht diese Arbeiterinnen an dem großen nationalen Werke? Jüdische Frauen sind es,- welche diese Arbeit leisten. Hier zeigen, sie sich groß und menschlich wertvoll. Es heißt erziehen, Menschen bilden und Schicksale gestalten. Gehen wir schon in das Land der Juden, so müssen wir die Kraft, die sittliche Energie haben, die das Land von den Arbeitern verlangt. Keine Goldgräber, welche ausschließlich ihre eigene Person, ihre Klassengenossen in den, Mittelpunkt ihres Denkens und Trachtens stellen. Es ist außerordentlich wichtig für die Zukunft Palästinas, daß die Generation, welche dort auswächst, den Geist vor sich sicht, der in der zionistischen Weltanschauung unerläßliche Vorbedingung des Judentums ist. Es ist nicht gleichgültig, wer nach Palästina gcht, wie er dort lebt und welcher Anschauung er ist. Egoistisch-materialistische Lebensauffassungen haben in einem Land Platz, wo man hinkommt. um nach Gold zu graben. In Palästina nicht. Der Materialismus, der egoistisch ist, ob er der einen oder der anderen Theorie folgt, sieht in dem Menschen nicht das Mittel zu einem idealen Zweck. Dies aber ist die einzige Betrachtungsweise, unter der man in Palästtna etwas leisten kann. , Die Wirksamkeit der jüdischen Frauen in Palästina ist dieser idealen Weltanschauung gewidmet. Es sind tapfere, liebe, schlichte Menschen, die in Palästina wirken. Es wird, so darf man hoffen, an diesem nunmehr dritten Kongreß der Zionistischen Frauenovganisation zu! gegenseitigen Anregungen kommen. Insbesondere brauchen die zionistischen Frauen in Oesterreich neue Initiative, und es ist nur zu begrüßen, daß der Kongreß in Wien eine Belebung der zionistischen Frauenarbeit in Oesterreich nach sich zieht. Die Frauen aus Palästina werden es verstehen, warum im Galuth die zionistische Frauen- CARL-THEATER II., Praterstrasse Karten von S 1.80 bis S 12.— an den Kassen des Carl-Theaters, des Konzerthauses und der Konzertdirektion Outtmann, 1. Bezirk, Kärntnerring Nr. 3 von Israel Auerbach