Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-08-15 · Heft 2329 (15.8.1925) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2329 (15.8.1925)
Date
1925-08-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981414--23634-3011173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

. _ «Wi' SaäMg_ 'Mvr NußÄorf ^onanaliwärts Zum Prutei^pih unv dann durch 'Den Kanal zurück zur M-ariewbrücke. Fahrtdauer zirka 5,5 Dun- Dm. Der Fahrpreis beträgt st'ms Schilling, Kouaveszteilnchmcr erch<Ät-vn gegen Vorweisung ihrer mit der offiziellen Kongreß- Mar-L verschonen Legitimatim zehn Prozent Ermäßigung. Vergnügungsfahrt auf der Donau. Den in Wien bereits anwesenden Teilnehmern am Kongreß, aber auch den Wiener Inden, welche mit unseren kästen aus der Fremde gesellschaftlich Fülslung nehmen Mollen, ist Gelegenheit göboieu, den Somitagunchmittag angenehm zu verbringen. Ilm 3 Mir nachmittags geht ein Luxue^ampfer der Donau-Dam-pffchiffa5)rtsgefellschast, welcher von dem Beranstailtungskomitee für den Iionisteukongrcß für diesen Zweck gemietet i>st, von der Station ReichÄwücke der Donan-Sampsschifftchrtsgesellschaft ab und fährt durch zirka sieben Stunde, ohne anzulegen, teils donan-abinärts, teils don au auswärts. Für eine fach-kundige E r l ä n t e r u u g der Umgebung während der -Fahrt ist gesorgt. Ein reichhaltiges Pergnügungsprogrannn ist vorgesehen. Es ftnelon die verstärkte Musikkapelle des Musikdirektors Max Geiger, die Olympia- Iazchand und ein Schrammel-Quartett. Wiener Natursängcr werden Mtwiener 'Lieder gum Vortrag bringen. Auch dem Tanze wird nach den Klängen der Jazzband gehuldigt werden. Warme und kalte Küche sowie rituelles Buffet. Einlaß auf den Dampfer a>b 2 Uhr nachmittags. Kartenverkauf au der Konzerthauskasse, an den Schaltern der Konzertdirckrion Guttmann, 1. Bez., Kärntnering 3, und an der Station der Dorrau-Dampfschiffsahrts-Gesellschaft Reichslbvücke. Da die Tcilu chm erzähl im Interesse der Gemütlichkeit beschränkt sein muß, ist es augezeigt, die Karten sofort zu Ösen. Die Fahrt findet bei jeder Witterung Katt. Sonderauktion im Dorotheum. Montag den 17. d., ferner Dienstag den 18. d. und Mittwoch den 19. d., von 1 bis halb 6 Uhr, sind die am Donnerstag den 20. d., 8 Uhr nachmittags, im Dorotheum zur Versteigerung gelangenden wertvollen Obijäkt« zur Besichtigung crusaestellt. _ Welttonferenz der Seite«, Hechalur- und Hapoel-Misrachi. Morgen, Präzise 11 Uhr vormittags, findet die Schlußsitzung im Sitzungssaal des Hotel Bayrischer Hof statt. Alle Delegierten werden ersucht, bestimmt und Pünlkilich zu erscheinen. * Basar des Keren Kajemeth. Ter, dank der Aktion der Wiener jüdischen Kcmjmarmschast zustandegekommen« Basar wird Sonntag den 16. 10 Uhr vormittags, in den Räumen des Kursalons, 1. Bez., Stadtpavk (Marmvusaal) eröffnet. Eine überaus große Anzahl wertvoller Kunst- und Gebrauchsgegenstände gebangt teW durch Verlosung, teils durch Verkauf zur Veräußerung. Täglich um 4 Uhr nachmittags konzertiert das Kümtleranartett Ma* Geiger. Mit Rücksicht darauf, daß der Basar Aeic^eitvg der gee,llschastliche Treffpunkt samblacher ausländischer Kongreßteilnehmer und der vielen, am Kongreß teilnehmender Persönlichkeiten ist, ist ein starker Besuch zu erwarten. ,____ Wctteti Mvrgenzeltüttk 15. AuGtst 19ßü Sie jüdische Boltsverlreiung. Das indische Parlament, der Zionisteukou-greß, ist eines der iiucressautesteu Vol'ksvertreluugen, die es. auf der ganzen Welt gibt. Die Mandatare gehören eine m Volke an und haben dock, jeder eine, andere Heimat. Aus den nordischen Ländern und Südafrika, aus Amerika -und dem fernen Asien werden sie nach Wien kommen und sich zu einer Nation bekennen. Sic, die aus aller Herren Ländern zufammeuströmeu, werden mit'beraten über den Aufbau ihres gemeinsamen Vaterlandes Erez Israel, das einst das ganze jüdische Volk aufnehmen und cs zu einem Volke machen soll. Heute ist aber das jüdische Volk noch in allen Windrichtungen zerstreut, und diese Diaspora kommt am besten in dein bunten Bilde zum Ausdriiick, das der Kongreß bieten wird. Das jüdische Parlament ist wie die meisten anderen Volks Vertretungen in drei große Fraktionen geteilk, Zentrum, Rechte und Linke. Das Zentvinn bcstcht aus den sogenannten all gern einen Z i o n i st e n, die keiner besonderen Partei augchvren und ist nach Landsmannschaften gegliedert. Jede Landsmann schaft hält ihre gesonderten Sitzungen ab und berät in diesen die Gesichtspunkt« für die Abstimmungen. An diesen Äandsnrannschastssitzttugen nehmen aber reicht nur die offiziellen Kongreßdelegierten des betreffenden Landes teil, sondern es können auch alle Kongreßgäste aus diesem Lainde dort anwesend .sein. Dadurch ist also -jedem Kongreßbesucher die Möglichkeit gege'ben, wenigstens beratend an den Kougrcßarbeiten teilzunehmen. Er hat die Möglichkeit, wie es fast in keinem anderem Parlament der Fall ist, mit seinem Delegierten -immer direkt im Kontakt zu stehen und ihm seine Wünsche vorzutragen. Demokratischer kann eine Verfassung wohl nicht mehr sein. Die Sitzungen solcher Landsmannschaften umfassen oft mehrere hundert Personen. Aus den: letzten Kongreß hat sich über 'Initiative der Wiener Zionisten der Block der allgemeinen Zionisten gebildet, der heute zu seinen Haiupffaktoren die deutschen, polnischen und novdamevikaurschen Zionisten zählt. Das Zentrum ist die sogenannte Regierungspartei und stützt die Politik der Exekutive. Die Rechte des Hauses wird die Gruppe des Mi 8r a ch i, der orthodoxen Zionisten, bilden. Sie wird rund ein Viertel aller Delegiertensitze inne haben. Innerhalb des Misrachi herrscht sehr straffe Parteidisziplin, so daß es fast nie vorkommt, daß die einzelnen Mitglieder bei Abstimmungen verschieden votieren. Schon rein äußerlich heben sich die Mitglieder dieser Gruppe von den übrigen Kongreßteilnehmern ab. Sie tragen säst durchwegs die osdjüdifche Tracht. Den V-orhcmdlungen wohnen sie selbstredend bodeckten Hauptes bei. Die meisten Mitglieder des Misrachi stehen schon in vorgeschrittenem -Alter. Die LinTe, die Vertreter der jü >disch «>n Arb «i 1 erf ch a s t, die sich zum Sozialismus bekennen, zerfallen m einige Gruppen, von denen nur zwei von größerer Bedeutung sind. Es sind dies die Hitachduth, die wieder einer Bereinigung der Untergruppen Hapoel Hazair und Zeire Zion darstellt', und die Poale Zion. Letztere umfaßt die jüdische Arbeiterschaft in der Galiuch und hat als Uut-erabterlu-ng die Achduth Hawodcch, die Vereinigung der palästinenlsischen Arberterschaft. Dde Mitglieder der Linken unterscheiden sich von den anderen Kongrchteilnchmevn, insbesondere von den MiSvachhj sten, in auffälliger Werse. Die Linke ist die Vertretung d« jüdischen Arbeiterschaft und gibt dies auch nach außen hi» ton Habitus deutlich kund. Hauptsächlich -junge Leute mit sonmngebräunten Gesichtern und derben, schwieligen Händen. Alke tragen dunkle Hosen, russische Arbeiterhemden und feste Schuhe. Auffallend in ihren Reihen ist die große Zahl der weiblichen Delegierten. Auch sie in der denkbar einfachsten Mesimmg, dunkler Rock und Arbeiterdluse. Die Haare tragen sie kurz, aber nicht 'io, wie bei uns, zu einem schönen Bubi- oder Pagenkopf geschnitten, sondern noch viel kürzer, nach Art der Männer, von denen sie oft kann: zu unterscheiden sind. Auch ihnen ficht «ro» an, daß sie schon viel und schwer gearbeitet haben und vor keiner körperlichen Mühe znrückschrecken. Interessant ist auch der Sprachgebrauch auf dem KonMeß. Tie Misrachisten sprechen jüdisch und teilweise hebräisch. Die Linke spricht ausschließlich hebräisch und das Zentrum bringt eigentlich erst die Polyglottie in den Saal. Das altöster-reichische Parlament war schon ein Sprachengewirr wie beim Turmbau zu Babel. Das indische Parlaiuent wird noch vielsprachigersein, aber Nationalitätenftreitigkeiten wird es -dort nicht gc-be^ denn der Kongreß repräsentiert ja ein einziges Volk. Die Mesusah im Kongretzgebiiude. Fünf Tage vor dem Kongreß. Im Gebäude des Konzerthanses herrscht ohrenbetäubender Lärm. Menschenstinl-mengewirr und der Widerhall der auf Wände und Holz niedersausenden .Hammevschläge suchen einander zu übertönen. Das widerspenstige Holz kann allerdings nichts 'dafür, daß es ans der Welt ZicmistenkoriOresse gibt, um so mehr aber die vielen teils staunend interessierten, teils erregt debattierenden Menschen. KlarS irgend einem Winkel schleicht ein kleines .fadenscheinige's Männchen heran, lächelt mir auf zehn Schritte Distanz entgegen. ,-Herr Redakteur, ich Hab' M-ofufoth bei mir, von der Misvachileitung. Man muß sie hier anbringen. Wird das Komzerthans nicht protestieren?" Das Wort „protestieren", wenn auch am unrichtigen Objekt des Kouzerthauses angewandt, deutet auf politische Schulung. Diese Tatsache und der Respekt vor dem ehrwürdigen Dürpfvstercsymbol, das einen etwas schüchternen, aber jedenfalls liebevollen Beschützer gefunden hatte, ließ mich den Mann au die nächschohere Instanz weifen, die ihm gewiß lbehilflich fein würde. Er stiegvergnügt die Treppe hinauf. Ich a!ber hä-tte gern das Raisonne-ment der aus seinen Taschen lugenden Mesu-soth gehört, die, alt und ehrwürdig, ewige Wahrheiten in sich bergend, an einem Haüspfvften der Galuth angeschlagen sein wollen, in dein die Männer aus aller Welt zrifammenströmen, die die Befreiung aus der Galuth herbeisichven. Nur mcli „Gott der Rache“ 3 mal RolandbUhite, 8 Uhr handeln. So erzählte der Rabbi von Kobryn gerne die Antwort, die der General Hvwin dem Zaren NKvlaj gegeben hatte: ,^Der General war sehr cvlt -und hatte fünljizig Jahre Dienst getan. Bei einem Manöver, dem der Zar beiwohnte, war er der Führer der einen Armee. N'ckckaj ritt die vorderste Reihe äb und sprach den General an: „Nun, bist rüstig, Howin, .brennt dir wohl noch das Blut!" — „Majestät," sagte Howm, das Blut brennt nicht, der Dienst brennt." Das Blut Mit seinem Brennen bezeichnet hier die Stufe des Privaten Erlebens; die Stufe des Abstands von Schicksal und Gesetz; die Stufe der noch nicht vollzogenen Objeiktivierung. „Dienst" aber ist der hohe Begriff -des i-n die Welt völlig eingebürgerten Menschen. „Dienst" bedeutet, daß sich einer in Reih'.und Glied gestellt hat und nicht mehr aus persönlichen Erregungen herauslebt, sondern aus der Ordnung des Gangen, die er begriffen und anerkannt hat, die ihm Natur und unbewußter Alltag geworden ist. Was tut der „diensttuende" Meüsch? Er tut nicht das Ungemveine, das Auffallende, das gang Besondere; er tut gerade die einfachste, wirklichste Pflicht, er tut im schärfsten Sinne das „Richtige", er ist voMommen ,/gegenwärtig" und hat die begeisterte Fügsamkeit gelernt, durch die jedes Wesen am meisten zur Erfüllung des Weltschicksals beiträgt. Ich halte es für Dubers dowchmste Leistung, daß er die mystische Frömmigkeit aüfgezeigt hat als einen Weg zum Wirklichen, und daß er diesen Weg selbst gegangen ist, in diesem Augenblick. Mystik ist immer junge ofccr sich verjüngende Religion. Sie ist das Stadium ihrer Ginschmclzung oder Umschmolzung. Sie ist zeitlich geschen chr lebendiger Augenblick, räumlich gaschen ihr lebendiger Ort. Als pures Leiben tritt sie zunächst als ungaschichtliches, als woltdnrchschweisendes und entführendes Eleanent aus, über bäld entfaltet sie ihre bindende Tugend. Da mystische Religion -speziisifch Leiben ist, führt sie unvermeidliich in das Leben-Bedingende, also ins Nat-uchaste, Geschichtliche und Einmaliig-Wickkliche hinein. Buber, der Jude, entdeckte sein Volk als Erlebnis-ort Gottes. Da^ wo wir Vereinzelte Volk find, nur da ist die religiöse Erfahrung echt, unzweideutig und vollständig. So kommt Buber zu seinen Reden über das Judentum und zu seinen chassidischen Schriften. (Aus der denmüchft erscheinenden -Schrift „Martin Buber, Sein Gang in di« Wivklichkeic" von Wilhelm Michel, Verlag der Literarischen Anstalt Rütten u. Loening, ^raniffur» a. M»' Reubcni. Der neue Roman von Max Brod. 1. „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen . . . Hier bemerkt man: Mit deinem ganzen Herzen, das bedeutet: mit beiden Trieben, sowohl mit dem guten, wie mit dem bösen Trieb." Gott dienen — mit dem bösen Trieb, kann man dies, liegt darin kein innerer Widerspruch? Soll nicht die Deutung des Bibelwortes eher lauten: Diene Gott durch Ueberwindung des bösen Triebes? Oder liegt die Ursache der schrecklichen Leiden des jüdischen Volkes gerade in der Verkennung des bösen Triebes, in der Mißachtung der Sünde? Das sind die Gewissensfragen, das Hauptproblem und Lebensschicksal des David Reubeni, des „falschen" Messias, wie ihn Max Brod in seinem neuesten Roman*) sieht und für uns, späte Nachkommen, dichterisch gestaltet. Schon dem ganz jungen Knaben, den Sohn eines ehrwürdigen Prager Thorarollenschreibcrs, der alles nur dem Gesetz zuliebe tut, ist das beengende Gebot der Religion und des Ghetto zur Qual geworden. Gegen den greisen Vater, der einem flüchtenden Dieb „Heffker" nachruft, um ihn nicht zum Gesetzesbrecher werden zu lassen, gegen die Schule, die nur der Ueberlieferung dient und aus der er zum Bettlerlehrer, der lateinische Bücher liest, entläuft, dann auch gegen diesen Lehrer selbst, der sein Gefühlsleben knechten will — gegen alle, alle, die ganze dunipfe, trostlose, sklavische Atnrosphäre des Ghetto bäumt sich der junge David, ein Kind noch, auf — und schließlich immer wieder gegen sich selbst, gegen das Ghetto in der eigenen Brust. Stark ist dieser größte, weil nächste, Feind, furchtbar der tägliche 5tleinkampf mit ihm. Und wie packend, bis in die letzte Faser, den verborgensten Gedanken eindringend, versteht es Brod, dieses innere Ringen des Ghettokindes, diese Sehnsucht nach Sonne, Luft und Kraft, diesen Kainps mit und um die Sünde, zu schildern! Wie meisterhaft gelingt es ihm, das Gleiten dieser zarten, enipfindlichen Knäbenseele von Wirrnis zu Wirrnis, von Auflehnung zu Ergebung und wieder von Demut zu listigem Kampf zu enthüllen, bis den Jüngling das größte Erlebnis erschüttert, um auf ihn mit *) Max Brod: Rcubeni, Fürst der Juden. Ein Renaissanceroman. Kurt-Wolsf-Berlag, München, 192L. zwiefacher Wucht einzuschlagen: das Erlebnis der Liebe, der Sinnlichkeit. Er, der Jude, mnß eine junge schlanke Christin, Monika, die Schmiedstochter, lieben. Er muß, denn das heiße blonde Mädchen erobert ihn, zwingt ihn in ihren Bann. Die kleinen Sünden fallen — vor dieser großen doppelten Sünde — doppelt, als Sünde des Fleisches und als Liebe zu einer Christin — die ihn erheben, läutern, kräftigen soll. Denn nur durch Sünde gelangt inan zur Kraft, Schönheit, Liebe, denkt David. Wir haben ivohl im Ghetto gesündigt, aber nie groß, nie uns offen zürn „bösen Trieb" bekannt. Und Gott will, daß man ihm bewußt mit dem bösen Triebe dient — das beweisen die glücklichen Menschen außerhalb der Ghettomauern, die den Mut zur Sünde haben, denen sie eine Selbstverständlichkeit ist. So denkt David nnd so liebt und leidet er um seine Monika. Dieser erste Teil des Romans von Max Brod, der um den nachdenklichen, stürmischen Jüngling das eintönig bunte Bild des damaligen Prager Ghettos entrollt, hat in der Literatur wohl wenig Vorbilder und noch lveniger gleichwertige Rivalen. (Das Problem der Sünde als Zentralproblem des Ghettos hat in der jüdischen Literatur Perez behandelt, doch in einem ganz anderen Sinn.) Abgesehen von den verschiedenen Typen und Charakteren, wie der rote wahnsinnige, kabbalistische Torwächter Gerson, der in Wirklichkeit der schiffbrüchige „falsche" Messias Ascher Lämmlein ist, der außerhalb des Ghettos servile, sonst tyrannische Gemeindevorsteher, oder der reiche Juwelier, der Opposition macht, abgesehen von der treffenden psychologischen Darstellung dieser noch nicht ganz ausgestorbenen Menschen, versucht hier Brod das Ghetto an seiner philosophischen Wurzel zu erfassen. Es liegt in der Natur der Sache, daß diese Philosophie bald zu einer Neligionsphilosophie wird, zu einer Psychologie der Ghettomoral und Ghettometaphisik. Ich würde sagen, daß Brod in diesem Roman einen philosophischen Q u e r s ch n i t t durch das Ghetto schuf. Die Fläche, die durch Brods scharfen, feinen Schnitt offenbar wurde, ist neu und interessant, das Problenr des Bösen, der Sünde, das Ausgangs- und Gesichtspunkt bildet, menschlich tief begründet und gerade für dichterische Romandarstellung besonders geeignet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.