Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2313 (30.7.1925)
- Date
- 1925-07-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Gelte 4 Wien, Donnerstag Wiener Morttenzelturrg 30. Juli 1922 Nr. 2313 Mitteilungen aus dem Publikum. wi«d«r*M Haben, Bureau: lrt|.(fiii.Zl|aritiiipaplir Jl/D naini-nMipmn/i Berlin, Charlottenburg, Joochlmsfhaierslr. 41 1 Minute vom Bahnhof Zoo ntt>Res«auraitt l. Rangas Unter Aufsicht des Rabbinats der Jüdischen Oemeinde und des Hamburger Vereines Vorzügliche Wiener Küche 1104 Mäßige Preise Treffpunkt der Jüdischen Welt wurde, die pei n l i chst e Sauberkeit, tvas auch durch zahlreiche Kommissionen, die es des öfteren besuchten, festgestellt wurde. Sie hatten niemals zu einer Beanstandung Anlaß. Achnlich verhält es sich mit dem zweiten Auswa u der e rhe im in Wien in der Roßauerkaserne. Auch dort erscheinen regelmäßig, oft auch zur Nachtzeit, unangemeldet Kommissionen und überzeugen sich von der klaglosen Führung der Anstalt. In der jüngsten Zeit stand das Heim in Kahlcnbcrgcrdorf als Ferienkolonie für jüdische Kinder und als Untcrknnftsstätte für Chaluzim, die sich in der Landwirtschaft ausbildeten, in Verwendung. Auch jetzt wurden die sanitären Einrichtungen niemals beanstandet. Bon einer dort grassierenden Flecktyphusepidemie ist natürlich keine Spur. Ebenso ist es unwahr, wie gestern ein Spätabendblatt berichtete, daß alles dort von Schmutz st a r r e und daß in den Schlasräumen keine Trennung der Geschlechter vorgenommen wird. Auf mehrfache Anzeigen von Ortsansässigen, denen dieses jüdische Heim ein Dorn im Auge war, besichtigte gegen 10 Uhr vormittags eine Kommission das Haus und fand baupolizeiliche Gründe dafür, das Heim auf Beschluß der nicderösterreichischen Landesregierung zu sperren. Wenn behauptet wird, daß die Kommission eine Trennung nach Geschlechtern nicht vorfand, so sei dies dahin richtiggestellt, daß es sich um einen Tagraum handelte, in dem sich die Ehaluzim zu Liner zwanglosen Zusammenkunift vereinigten. Die Sperre erfolgte lediglich deshalb, weil einige behördlich aufgetragene bauliche Veränderungen nicht rechtzeitig erfolgt sind. Man kann jetzt auf die nächste Lüge tvarten. Der italienische Gesandte hat sich bereits dagegen verwahrt, als Zeuge angerufen zu werden. Was wird nunmehr erzählt werden? * Die Hakenkreuz-Kolportage. Die provokante Kolportage der Hakenkreuz-Glätter führt täglich zu unliebsamen Szenen. Gestent harangujerte wieder ein Hakenkreuzler am Praterstern durch provo-ierendes Ausbieten der SchmieMätter die Passanten, welche empört gegen den Burschen Stellung nahmen. Polizei verhinderte, daß die inzwischen starE angewachsene Menischeninenge handgreiflich wurde und nahm den Provokateur in Schutzhaft. Auf dem Woge zur Polizeiwachstube gab es Lärmszenen; ein Mann wurde verhaftet. die zuerst am Brandplatze erscheinende Feuerwehr die HansnummertafÄ van der Wand reiße und an sich nehme. Diesen Vorteil konnte die jüdische Feuerwehr darum öfter sich sichern, weil ihr Depot auf den: Schloßhügel lag, der die .untere,: Stadtteile überragte. Ihr Löschtram mußte daher nicht erst schwerfällig geschleppt tverden und konnte leichterdings am Brandplatze erscheinen, ohne die Requisition von Pferden bei]orgeit zu müssen, denn der Wagen mit den Löschgeräten rollte den Bergäbhang aus eigener Schwerkraft selbst tätig herab. Mit dem Besorgen des Wassers für die Wasserfässer ging es allerdings schwerer, dem, die Fässer Mißten von Pferden gezogen oder durch Menschenhand erst zum Geistor gebracht tverden, um aus den: dort befindlichen Brunne,t Wasser gl holen. Inzwischen blieb die an Qvt und Stelle bereits üngetroffem Mannschaft nicht untätig: Es tvurden die Dächer der anstoßenden Häuser ihres leicht entzündbaren Holzdaches, entkleidet, die Inwohner der Häuser und ihre Habseli-gkeiten wurden in Sicherheit gebracht, die Leitern und alles übrige tvurde zurecht gemacht, kurz es ging lebhaft zu mid beim Einircffcn des Wassers konnte unvermittelt der feuertötende Strahl in die pvassebnde Flamme geschleudert werden. Welch vorzügliche Sache die Errichtung der jüdischen Feuerwehr in Preßburg tvar, zeigte sich am 26. J-uni 1809 recht eklatant. Durch die Beschießung der Stadt von seiten der Franzosen bvanirte es gleichzeitig in der irmeren Stadt und auf den, Schloßgeländc. Daß das Feuer am Schlvßgvuitdr lokalisiert tverden konnte, ist eben nur der jüdische,, Feuer' wehr zn decken. Zwei Jahre später hatte die jüdische Feuerwehr wieder gewaltig zu tun; damals brannte das Schloß mit öu,t Zuckermairdol ab, diesem Feuer stel auch das jü» «bische Spital zum Opfer, welches mit einen Kostenanfwand von 80.000 Gulden bald wieder aufgebaut tvurde. Nach tagelanger Mühe gelang es damals den auch aus der Umgebung hrvbeigeeilten Feuerwehren, den für damalige Begriffe riesigen Brand zu löschen. Die jüdische Feuerwehr war stramm organisiert. Ihr Obmann und 5kVmmandant war der jetoeillige .Kommissär" des Schloßgrundes, der jüdische Polizeichef, der darauf zu achten hatte, daß sich am Schloßgvunbe keine fremden Inden ohne AufenchaltSbetvilligung des Iudenrichters aufhatten. Er führte auch wöchenEch eme Razzia durch, sucht« all« Hotett Der Lemberger Ukrainer ad (Eigendienst der „W Lemberg, 29. Juli. Am 17. Bcrhandlungswg wurde das Zeugenverhör mit dem Warschauer Polizeiinspektor P ia tkie w i ez fortgesetzt. In, Verlaufe seiner Ausfageu gab Piatkicwicz über Befragen des Präsidenten, ob er glaube, daß Ukrainer, Kommunisten oder Juden als Attentäter in Betracht kommen könnten, dezidiert an, er habe nie daran gedacht, daß Juden das Attentat ausgeführt haben könnten, weil er nicht einsah, welches Interesse sie daran hätten haben können; dagegen sei er sicher gewesen, daß das Attentat enttvedex von ukrainischen Nationalisten oder Terroristen verübt worden sei. Während seiner Untersuchung habe der Zeuge bei den Eltern des P a n c; y s z y n nachgeforscht und aus ihren Reden entnommen, daß Panczyszyn a rn Tage des Attentats in Lemberg g e w e f c H s e i. Panczyszyn selbst habe dom Zeugen gestanden, daß er anfangs August 1924 von einem Kongreß in Rußland nach Lemberg znrückgckehrt sei. Uebcr den zweiten von Mikitin Beschuldigten, den Ukrainer Fydik, habe der Zeuge in der letzten Zeit eine offizielle Relation erhalten, daß Fydik gegenwärtig in Charkow fei und dort eine höhere Stellung >bci der russischen G. P. U. (früher Tscheka) bekleide. Ans die Frage eines Verteidigers, warum Zeuge, als er nach Lemberg entsendet tvurde, unt die Untersuchung zu führen, es nicht für notwendig erachtete, sich mit dem Lemberger Polizeichcf Ka jda n in Verbindung zu setzen, erklärte Piatkiewicz, er habe zu Kajdan kein Vertrauen gehabt, weil er tvußte, daß alles, was er Kajdan „Merlen würde, am n ä ch st e n Tage in der Lemberg e r „G a z e t a G o d; i c u n a" stehen tnürde. Ucbrigens habe man in Warschau von der Lemberger Polizei keine gute Meinung gehabt. In Warschauer politischen Kreisen habe man sich auch gewundert, daß die Untersuchung bezüglich.des Attentats von der L c m b c r g e r K r i m i n a l p o l i z e i statt von der P o l i t i s ch e n Polizei geführt werde, obwohl die Kriminalpolizei nicht die nötige Qualifikation für eine solche Untersuchung besitze. Dies habe der Vorsitzende, der aus Warschau nach Lemberg entsandten Kommission, Herr Pi leck:, dem Zeugen offen erklärt. Vom Vorsitzenden auf gewisse Widersprüche seiner gegenwärtigen Aussagen gegenüber denen während der Untersuchung aufmerksam gemacht, erklärt der Zeuge, er sei bei der Untersuchung derartig gefragt worden, daß er den Eindruck hatte, er werde als Angeklagter vernommen. Verteidiger Dr. Landau fragt den Zeugin, wieso er jetzt erklären könne, Mikitin sei ihn: stets glaubwürdig erschienen, während nach den: «bei -der Unters'uchung ausgenommenen Protokoll er, Zeuge, erklärt ha'ben soll, Mikitin halbe bei der zweiten Vernehmung genau das Gegenteil von dem ausgesagt, was er bei der ersten angegeben 'hatte. Zeuge Piatkiewicz antwortet erregi: Das habe ich nie gesagt. Sänrtliche Ivette re n Fragen über die Art -der Fragestellung während der Untersuchung und die Zusammen- und Wiickelgua-rtiere nach verdächtigen Fremden ab, die er dann va-schest abschaffte. Der Polizoichef und Feuerwehrkomnvcmdaut hatte auch die Pflicht dafür zu sorgen, daß alle Geräte in tadelloser Ordnung sich besiuden, daß die Mannschaft geschult und geübt wild, zu lvclchem Zwecke jährlich auch mehrere Uobungen abgehalte», wurden. Die Bewohn er - schaft des Ghettos war einer Feuergefahr bc'|ont>or§ ausgesetzt, brauchte eine tüchtige Feuerwehr uni so dringender. Man würde wohl nicht glauben, daß dort im Ghetto vor vielen Jahren eine noch größere Wohnungsnot herrschte als heute. Während die christliche Bevölkerung in der Stadt sich nach Belieben Häuser bauen konnte, dursten dies die Inden nicht, ihr Aufenthaltsort war eng begrenzt, sie „rußte,, sich eben nach -der Decke strecken. So kam es oft, daß das während des Jahres im: Keller äuge sammelte Brennmaterial auf dem Dachboden müergebracht Norden mußte, denn das Kellergeschoß wurde zn Wohnnngszwecken verwendet. Abgesehen davon, daß unter >den Schindeldächern viel Brennmaterial aufgestapelt tvar, tvaren die Häuser durchwegs mit hölzernen Stiegen und Gängen vcvsehe», tvas die Feuergefährlichkeit noch nwhr erhöhte. Der erste Kommandant der jüdischen Feuerwehr war Einnurich Mandel (er nannte sich: „Fenerlkommissär"). In den Viorzigerjahren tvar es Samson Pollak. Diese bezogen aus der Gemeindekasse jährlich 00 Gulden Cm. als Gehalt, doch war dies ja nur das Entgelt für eine Nebenbeschäftifluityi. In: Jahre 1849 wurden um 680 Gulden Cn:. neue Löschrcguisiteu eingeschafft. Da diese der Kommandant eigenmächtig, ohne die Gemeinde zu befragen, gekauft hatte, wurde ihm bedeutet, solche Handlungsweise in Hinkunft zu unterlassen. Die Mannschaft der Feuerwehr bildeten junge, kräftige Männer, d.ie sich den Anordnungen der Kamlnandanten in strei^ster Disziplin unterwerfen ,mißten. Wam, sich die jüdische Feuerwehr auflöste, laß: sich nicht genau feststetten. Geräte und Requisite» gingen wahrscheinlich in -den Besitz der Preßburgor freiwilligen Feuerwehr über. Ein einziges Andenken au diese Feuerwehr besteht heute noch, es ist das seinerzeitige Depot der Feuerwehr auf der Schloßstraße, oberhalb des sogo,rannten Kreupvirtshauses. Statt Hilfe bringende Löschregu isiten stehen heute alte Möbelstücke eines avnren Trödlers dr.mneu, Atteotatsprozeß. r ferroriften? ner Morgenzeitung".) stellung des Protokolls, -welche die Verteidiger an den Zeuget: richten, werben vom Vorsitzenden nicht zugelassen. Verteidiger Dr. Landau beantragt, der Gerichtshof inöge die Zulassung dieser Fragen ^beschließen, damit das Gericht die volle unbestrittene Wahrheit ausfindig machen könne. Der Gerichtshof lehnt d ie.se« Antrag ab und rügt Dr. Landau, tveil er bei der Begründung feir:es Antrages über die Führung des Prozesses die Worte ,/Formalismus" und „Mechanismus" gebraucht habe. Das Verhör mit dem Zeugen Piatkiewicz wird sodann unterbrochen, um die Zeugin Frau Klara Hirsch, eine Schtvester des Angeklagten Kornhaber, einzuvor» uohnren. Die Zeugin erklärt, von ihrem Rechte, sich der A ussage zu entschlage n, Gebrauch machen zu wollen, und begründet dies damit, daß es ihr nicht möglich sei, das zu sagen, was sie wisse. Die Verhandlung wird sodann vertagt. Der Zeuge Cechuowsiki erschossen? Warschau, 29. IM. Nach einer bisher unbestätigten Meldung aus Lemberg wuvde gestern der Gelheimagent der Warschauer politischen Defensive C e ch n o w s k i, der als Zeuge in den: gcgentvärtig ftattfindenden Lemberger Prozeß ve-rnomnren wurde und noch am goftrigeu -siebzehnten Vevhandlrmgstag in: Gericht'sfaal anwesend gewesen war, beim Verlaßen des GevichtsgebäU'des von einem U k r a : u c r namens B o t w i n e r s ch o s s e n. Es scheint sich un: einen Racheaktukrainischer K o m muni st e n oder Terror: >st e n zu handeln, tveil Cechnoivski, der schon mehrfach -bei der Aufdeckung komtnunistischcr Orgonisationeu eine Rolle gespielt hat, in den: jetzt ftattfindenden Lemberger Prozeß ausgesagt hatte, >dcr des Attentats auf den polnischen Staatspräsidenten ver- 'dächtigte Ukrainer Panczyszyn -ha-be in Warschau gestanden, daß er am Tage des Attentats in Lom'berg gewesen sei. Die Aussage Cechno-tvskis hatte großes Aufsehen gemacht, da sic den unter der Attentatsbeschuldiguug seit Monaten in Hast befindlichen jüdischen Studenten Steiger wesentlich entlastet. Ccchnowski Hätte im gegenlvärtig stattfindenden Prozeß nochmals als Zeuge lvernominen, beziehungsweise m i t P a n c z y s z y n ko n f r o n t! e r t werden sollen. Die DerlSnderung der verwaltmig. Heute wird der Nationalrat die letzte Sitzung vor den Ferien abhalten und die sieben Berfassungs- und Finanzreformgesetze, über die gestern die Generaldebatte beendet wurde, zum Beschlüsse erheben. Vor den Ferien werden noch etwa zehn Vorlagen beschlossen werden, darunter die neuen H e: in a t srechtsgesetzc, ein Jnkourpatibilitätsgesetz, eine Novelle zun: handelspolitischen Ermächtigungsgesetz und eine Vorlage, durch welche das Ackerbaumin isteriun: aus dem Wirkungsbereich des Handelsministeriums die wasserrechtlichen und wasserwirtschaftlichen Angelegenheiten übernimmt. In der Debatte über die Verfassungs-- und Finanzreform erklärten alle Redner, das Parlament erlebe einen geschichtlichen Tag, da es nunmehr das Verfassungswerk, welches die konstituierende Nationalversammlung begonnen habe, beende. Restlos befriedigt von der Verla n d e r u n g der V e r w a l t n n g, die durch die neuen Gesetze noch krasser gestaltet wird, zeigte sich nur Bundeskanzler Dr. Ran:ek, der mit einer gewissen Genugtuung darauf hinwies, daß das ganze Werk in einmütigem Zusammen wirken aller Parteien zustande gekonunen ist. Die Verpflichtungen, die die Regierung vor drei Jahren in Genf dem Völkerbund gegenüber eingegangen ist und die anläßlich der Verhandlungen im vergangenen Herbst noch näher konkretisiert wurden, seien mit diesen Gesetzen ebenfalls erfüllt. Der sozialdemokratische Sprecher Dr. Danneberg stimmte mit einem lachenden und einen: weitlenden Auge den Vorlagen zu. Er ist befriedigt davon, daß die Stadt Wien ihre Sonderstellung als selbständiges Bundesland behält uufr daß das Machtzentrum seiner Partei in Wien keine Schmälerung erfährt, gleichwohl wäre ihm aber eme straffere zentralistische Verfassung lieber gewesen. Auf einen ähnlichen Ton war die Rede des Großdeutschen C l e s s i n gestimmt, der es als Erfolg seiner Partei pries, daß es den Föderalisten nicht gelungen sei, das föderalistische System rein herauszuarbeiten. Auch der Christlichsoziale K u n s ch a k scheint kein besonderer Freund der Verländerung zu sein. Oesterreich sei einmal als Bundesstaat kotlstruiert, sagte er, es erfülle sich an Oesterreich das alte Wort, tver A sagt, muß auch B sagen, und was der Nationalrat heute tut. sei nur das Aussprechen des erzivungenon B, r:achdeu: die Parteien früher einmal mehr oder ininder überlegt das A ausgesprochen haben. Hierauf wurde e i n st i m m i g das Eingehen in die Spezialdebattr beschlossen. Nächste Sitzung heute, 10 Uhr vormittags. * Das Wetter. Gestern vormittags herrscht« rrüoeS Wetter, doch heiterte es sich gegen Nachmittag aus. Die Prognose Hr heute lautet: Ziemlich heiter, aber veränder- UAft* 18U.4 4A* . .'AUL**'; j.: z,'«**-.'-'.