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Wiener Morgenzeitung · 1925-07-13 · Heft 2296 (13.7.1925) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2296 (13.7.1925)
Date
1925-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Mehrheit nach rechts orientiert. (Eigendicnst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 13. Juli. Die Budgetdebatte war heute um 5 Uhr morgens noch nicht beendet. Das bemerkenswerteste Ereignis der letzten Nacht ist, daß 'das Linkslkartell endgültig in die Brüche gegangen ist, und zwar ohne daß die Regierung es für nötig erachtet, zurückzutreteu. Das Kabinett P a i n l e v e hat somit engültig Farbe bekannt und ist bereit, nicht nur mit Ausschluß der Sozialisten, sondern sogar eines Teiles der Radikale« zu regieren -und sich aus eine m e h r rechts orientierte M e h r h c i t zu stützen. Pailcve hat zwar erklärt, daß die Mstimmung, die den Bruch des Kartells besiegelt hat, keinen politischen, sondern nur einen rein finanziellen Charakter habe. Diese Unterscheidung konnte allerdings über die Tatsache des Kartcllbruches nicht hiu.wegtäuschcu. Der Konflikt trat kurz nach Wiederaufnahme der Sitzung um halb 11 Uhr nachts ein, und zwar in der Frage der U m satzsteucr. Die Sozialisten stellten durch den Abgeordneten Bcdouce einen Zusatzantrag, der die Abänderung des Budgets im Punkt der Umsatzsteuer zum Gegenstand hatte. Caillaux erklärte, daß er die Vertrauensfrage stelle und Painlevc schloß sich kurz nachher im Namen der Regierung an. Wenn das Budget, sagte er, nicht im Laufe dieser Nacht zu Ende beraten würde, so müßte die Kammer die Fortsetzung einer a u d c r e u Regierung a n v e r t r a u e n. Das Land stehe gegeutvärtig zwei großen, wichtigen Fragen gegenüber, die alle .anderen.beherrschen: .nämlich der Anleihe und der Kriegsschulden.. Fm-Interesse - dieser beiden Probleme müsse das Budget so rasch als möglich erledigt werden. Bcdouce erklärte, wenn sein Znsatzantrag abgelehnt llvürde, so wurden die Sozialisten auch «bei der E n da b st i m m u n g über das Gesamtbudget dagegen stimmen. Bei der Abstimmung wurde der Antrag mit 325 gegen 245 Stimmen a b g e l c h n t. Gegen die Regierung haben gestimmt: die Sozialisten, die Mehrheit der Radikalen, ein Teil der republikanischen Sozialsten (Gruppe Brian d) und alle Kommunisten. Für die Regierung stimmten nicht ganz die Hälfte der Radikalen, die Mehrheit der republikanischen Sozialisten, fast die gesamte Fraktion der Ltnksradikalen (Gruppe L o u ch c it r), die Linksrepubl-ikauer und Teile der Fraktionen der demokratisch-republikanischen Union sowie die Demokraten, die bisher alle entschiedene Oppositionsparteien gewesen waren. Kurz vor der Abstimmung hatte C a ch i n erklärt, die Ausführungen der Parteiführer hätten ergeben, daß die Regierung nicht mehr auf eine Kartellmehrheit zählen könne. Ist die Regierung fomit bereit, in Zukunft mit der Rechten zu regieren? Painleve erwidert schroff: „2V c d e r mit der Rechten noch mit der Linke n." Um 1 Uhr morgens wllrdc die Debatte fortgesetzt und schließlich das Budget mit 421 gegen 160 Stimmen a ngenommen. Dagegen stimmten die Sozialisten und Kommunisten. Bor der Abstimmung hatte Leon Blum erklärt, daß infolge des Verlaufes der Debatte die Sozialisten nunmehr wieder die traditionelle Haltung einnchnlen und gegen das Budget stimmen werden. (Cachin: „De profundis für das Kartell!" Stürmische Heiterkeit.) Die Sitzung wird unterbrochen und das Budget an den Senat gesendet.' ' Der Senat beendet um halb 5 Uhr früh die Debatte zum fünften Mal und nahm das Budget mit 274 gegen 6 Stinuuen an. Das Budget ging hierauf wieder an die Kammer zurück, die es mit einigen Aend er,ungen mit 415 gegen 140 Stimmen genehmigte. Infolge der Aenderungen mußte die Vorlage zum sechsten Mal an den Senat, wurde dort in der Kammersassung mit 270 gegen 6 Stimmen angenommen und ging zum sechsten Mal vor die Kammer, wo aber keine Abstimmung mehr stattfand, sondern nur das A bst i m m u n g s e r g e b n i s des Senats zur Kenntnis genommen wztrde. ' ( Nachdem der Senat e i n st i in m i g mit 281 Stimmen die M a r o k k v k r.e d it e in der Höhe von 183 Millionen Franken bewilligt hatte, gingen endlich um 6 Uhr früh Kammer un d S e n a t i n die Ferien. Die Fragen des 14.3ioMenkongrelles. In dieser Rubrik veröffentlichen wir Erörterungen be? Probleme des kommenden Kongresses. Es versteht sich von selbst, daß -die Redaktion die Verantwortung für den sachlichen Inhalt dieser Artikel den Verfassern überlaßt. Tatsachen beweisen. Von Dr. I. Schechtmann (Berlin). Währendseines Aufenthaltes in Palästina hat der englische Kolonialmtnistex A-mery eine arabische Abordnung ernpfangen -un-d ihr als Antwort auf ihre Beschwerden unter anderem erklärt: „Die (palästinensische) Regierung hat nichts für die jüdische Siedlungstätigkeit beigesteuert, dagegen aber hat sie die Siedlungstätigkeit der Araber sehr unterstützt. Sie hat den Arabern große Staatsländercien in Baisair übergeben und für sie dort mehr als 600 Kilometer Landstraßen gebaut; diese Kommunikationen kommen zun: weitaus größten Teil den Arabern zunutze. Die Juden haben ihr Ansiedlungswerk stets aus eigenen Kräften entwickelt." Diese offizielle englische Gegenüberstellung ist sehr klar und lehrreich. Sie formuliert in kurzen Sätzen eine Reihe von Tatsachen, die wirklich einmal zusammengefaßt und ausgesprochen zu werde,: verdienen — für die äußere Welt und auch für uns selbst. Ruhig und ohne Uebertreibüng läßt sich an der Hand von Ziffern und Tatsachen ein Bild zusammcnstellen, das für jeden unvoreingenommenen und denkenden Menschen Bände spricht. Die arabischen Politiker beklagen sich immer über die „neue Aera", die für die Araber in Palästina mit dem englischen Mandat und mit dem Zutritt zum'Aufbau des jüdischen Nationalheims. begonnen hat. In der Presse, in Memorandums, in den Versammlungen ermüden nicht die arabischen Führer, zu behaupten, daß die arabische Bevölkerung Palästinäs zu Bürgernzweiten Ranges herabgesetzt sei, daß ihre Interessen von der palästinensischen Regierung vernachlässigt seien, daß die Politik und Oekonomik, die Administration und .Kultur im . Laude ohne jede Rücksicht aus die Wünsche und Bedürfnisse der arabischen Majorität organisiert seien. Die arabische Delegation in London hat sogar in einer Proklamation erklärt, -daß die Araber, indem sie die türkische Herrschaft durch das Regime des -englischen Mandats vertauscht haben, mehr verloren als gewonnen haben: die Türken gestatteten Palästina, „tatsächlich selbständig zu sein, insofern lokale Angelegenheiten in Fragen kamen", Araber als ,-Gouverneure, Richter und Beamte" ernannten und „die Araberals > Partner in der Regierung betrachteten". Bo:: aller dieser Herrlichkeit -ist jetzt keine Spur übrig geblieben. Wenn man alle diese arabischer: Klagen ruhig uub unvoreingenommen ausschließlich an der Hand von Tatsachen untersucht, ergibt sich ein Bild, das sehr -wenig den arabischen Lamentationen über das ihnen zugefügte Unrecht entspricht. , Beginnen wir mit dem wichtigsten Faktor im Leben eines jeden Volkes, mit der Schule. Unter -der türkischen Herrschaft war die offizielle und alleinherrschende Unterrichts spräche i-n allen nicht allzu zahlreichen 'Schulen . Palästinas die türkische Sprache.. Arabisch lvar bloß einer der Unterrichts gegenstände — wie jede andere fremde Sprache — und wurde vermittelst des Türkischer: -nach dem Uebersetzungssystcu: gelernt. Es ist nur ganz natürlich, daß cs unter solcher: Bedingungen unter palästinensischen Arabern sehr wenig Elemente gab, die einigermaßen mit der Literatur und Geschichte ihres Volkes vertraut waren. Jetzt 'hat sich die Lage gründlich geändert. Der Bericht des High Commissiouers für das Jahr 1922 stellt mit Genugtuung fest, -daß die „Unterrichtssprache irr den Regievnng'sschlllen die arabische Sprache'ist mrd sogar die englische Sprache wird erst in den höheren Klassen, im dritter! .Jahre, gelernt". Das bedeutet eine vollständige Natioualisievuug des arabischen Schulwesens, die aus Kosten der allgemeinen Regier»ngsmiitel, welche von der ganzen Bevölkerung des Landes ausgebracht werden, durchgeführt ist. Das letztere verdient besonders hervorgehoben zu Werder:. Das gesamle arabische Schuluetz wird von der Regierung aus allgemeinen Landesnritteln ausgehalten und kostet den Arabern keinen Pfennig. In den Städten stellt die Regierung -den arabischen Schulen Gebäude zur Verfügung, bezahlt die Lehrer -und deckt alle übrigen Ausgaben. In den Dörfern sind die Ortsgemeinden nur verpflichtet, das Gebäude und die Möbel für die Schulen bereitzustellen; alle anderen Kosten werden von der Regierung gedeckt. Auf diese Weise hat die Palästina - regierung seit der Einführung der Ziviladministration bis 1923 in den Städter: 41 Regie rungsschulen mit 32 Lehrern, 3464 Schülern ur:d 2680 Schülerinnen und in den Dörfern 262 Schulen mit 326 Lehrern, 11.604 Schülern und 308 Schülerinnen, insgesamt 303 Schulen mit 18.136 Kindern geöffnet. Im Jahre 1923 waren es schon 312 Schulen mit 19.195 Schulkindern. Außcvdcnr wurden auch sechs Mittelschulen und zwei Kollegs geschaffen. Sogar die chauvinistische „Felestiue" mußte anerkennen, daß in den drei Jahren 1922 bis 1924 die Regierung für das Erziehungs-Wesen 318.000 Pfund ausgegeben hat. Die Juden aber bezahlen ihr ganzes Schulwerk allein: in den Jahren 5679 bis 5681 hat das Erziehungsdopartement der Zionistischen Exekutive für Erziehungszwecke 332.371 Pfund ausgegeben. Zu dieser Summe hat die Regierung in den Jahren 5679 und 5660 nichts beigesteuert; im Jahre 5681 betrug die Regierungssubvention 2675 Pfund und 5682 2210 Pfund. Tie Forderung, daß die Regierung den jüdischen Schulen denjenigen Teil ihres Erziehungsbudgets zuerteilt, der dem prozentuellen Anteil der Juden an der Landesbevölkerungszahl entspricht und der ungefähr 20.000 Pfund betragen sollte, wird von der Regreruig nicht anerkannt.*) Folgende Tabelle gibt eine klare Vorstellung darüber, was die Araber nnd die Inden von der Regierung für ihr Schulwerk Ende 19-21 erhielten: Schüler mosl. christl. jüd. insges. A. Regierungsschulen 14.546 1888 8 16.442 8. Private Schulen 3.580 5543 17.236 23.350 Das Budget der Regierungsschulen lbetrug 1921-22 rund 72.400 Pfund. Bon dieser Summe wurden für die muselmanischen Araber 63.998 Pfund, für christliche Araber 8066 Pfund und für Inden 33,2 Pfund ausgegobe-n. Aber auch unter den privaten Schulen schneiden die arabischen am besten. ab. Bon den 6126 Pfund, die die Regierung im Jahve 1921-28 den Privatschulen als Subvention zugewiesen hat, erhielten die muselmanischen Schulen mit 3680 Kindern 410 Pfund, die christlichen -mit 5443 Schülern 1966 Pfund und die jüdischen mit 17.344 Schülern 3950. Pfund. Das bedeutet, daß die Regierung für einen -muselmanischen Schüler in den Privatschulen 10,6 Piaster -beisteuert, für einen christlichen 35,6 Piaster und für einen jüdischen 14,3 Piaster. Dementsprechend find die Araber auch tu der Schuladmimstration vertreten. In: Jahre 1923 beschäftigte die Bildungsabtei-Iung der Regierung 6 christliche, 9 muselmanische und einen jüdischen Inspektor; ferner 473 muselmanische, 175 christliche und keinen einzigen jüdischen Lehrer. Die Araber können sich kaum über eine Zurücksetzung in der Schulfrage beklagen. Eher umgekehrt.**) Ebenso unbegründet erscheinen die arabischen Beschwerden über ihre angebliche Zurücksetzung in der Administration des Landes, die von Juden beherrscht fein soll. Wenden wir uns den Tatsachen zu. 1921 gab im englischen Unterhaus der Unterstaatssekretär für die Kolonien Wood in Beantwortung einer Anfrage des Unterhausmitgliedes Steel folgende Zisferr: an: Unter den 2571 Beamten der palästinensifchsn Administration (inklusive Eisenbahnen, Post und Telegraph) gibt es 1386 Christen (Engländer und Araber), 7l9 Muselmäntwr (nur Araber) und 514 Juden. Der Bericht des High Commission-er für das Berwa^ngsfahv 1920-21 gibt den Bestand der palästinensischen Administvati-on folgendermaßen an: *) Der Delegation des Wnad Leumii hate, Amern eile Äergvötzertuva der RoMMtu-gssubveutM: <ni die Ddischeu Schulen iu Aussicht gestellt. Das ändert aber koi-nesiwegs die prinzi-pielle Lage. **) Das letzte englische Weißbuch, das den Bericht des Ntriicktretendeit Higlh Commissioner über die Berwal-örmg des vaudes während sei-iter Amtszeit' von 1020 bis 1026 enthält, anerkennt dioseit Zuslaud ganz ofiseu:' „Die gatM Bürde der Erziehnug des jüdischen Kittdes vrcht allein auf den Schultern der Jitdeu; auch tragen sie ihr Teil für das arabische Erziehttnastvevk i»n Form von Stouerleiqtung bei,"

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