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Wiener Morgenzeitung · 1925-07-01 · Heft 2284 (1.7.1925) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2284 (1.7.1925)
Date
1925-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wien: ^umAbholen in der Expedition, 11, Taborstr. 1-3, oder in einer Verschlelsstelle (Trafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkaut in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 4 Wollzeüe 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tscheche-Slowakei: Mon. K22. «Jugoslawien: Mon.Din.60. Polen: Mon. 4 Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgienr^Mon. Frcs. 18 Naebsahlangen frei frei am erhOhantfen rorbchiUen 51t. 2284 Oie», MWwoch, 1. 3uU 1925 Wiener Morgenzeitung Kirn. MWwoch, 1. AM 1925 IPren 20 al England: Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl. 18 Lire: Rumänien: Mon. 170Lei. Bulgarien Mon.IOOLew«. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II. Taborstr. 1 Telephone: ^4-0-38,43-3-19 Ab 6^UHrf5l-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6-8 (D, uckerei lg. Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 7. Jahrgang Die polnisch - jüdischen Behandlungen noch Mt abgeschloffen. Sie Ratifizierung verschoben. - Sie Srnppiernnge» im Jüdischen Mb. - Sie Steil«»« der zionMchrn zentralrate» in Pole». - An» dem polnische« Lager. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeiw«-".) Warschau, 30. Juni. Das Ergebnis der Verhanduwgen Mischen der polnischen Regierung und den parlamentarischen Vertretern der Judenschaft fft bisher noch -nicht publiziert worden, da sich inzwischen auf beiden Seiten Schwierigkeiten ergeben. Der Regierung werden sie von den Parteien, von deren Wohlmeinung sie abhängt, gemacht. So begrüßen die polnischen Nationa-ldemokraten die auf eine poln'isch-südische Verständigung abzielenden Besprechungen und deren vorläufige Ergebnisse nicht allzu freundlich. Auf der letzten Sitzung des nationaldemokratischen Parteirates kamen über diesen Punkt zwei Meinungen zum Ausdruck, die eine, welche Abmachungen mit den Vertretern der Judenschaft rnndwegs ab lehnt, die andere, welche wohl diesen ablehnenden Standpunkt mit Rücksicht auf das Prestige Polens im Ausland nicht aufrechterhal-ten will, aber weitgehende Zurückhaltung verlangt. Die polnische Presse in dem Teile der Republik, welcher am -meisten unter dem nationaldemokratischen Einfluß steht, nämlich die Zeitungen in Posen, finden recht scharfe Ausdrücke der Zurückweisung einer sogenannten Bevständiguug mit den Juden. muß übrigens hervorgehoben werden, daß der dem . gemäßigten Flügel der Nationaldemokraten nahestehende Unterrichtsminister Stanislaw Grabski, welcher zusamm-en mit dem Außenminiister Skrzynski die Verhandlungen geführt hat, m einem Interview mit dem Vertreter der „Chwila" den Ausdruck ,Mlnisch-füdische VerständiMMg" als nicht zutreffend Gezeichnete mit der Begründung, dieser Terminus würde nur dann Geltung haben, «wenn es sich um eine Verständigung der polnischen mit der jüdischen Gesellschaft oder der Vertretung des polnischen Staates mit den internationalen (?) jüdischen Organisationen handeln würde. Grabski erklärte weiter, er habe sich bei den Verhandlungen überzeugt, daß eine Zusammenarbeit der Juden mit der polnischen Regierung und den Behörden in Hinsicht auf die Aufgabe, die Grenzen des Staates unversehrt zu erhalten, den polnischen Staat im Innern zu konsolidieren und das Land wirtschaftlich und finanziell aufzubauen, möglich sei. Das Ziel dieser Verhandlungen sei loyale Zusammenarbeit der jüdischen nationalen Organisationen auf innerem und äußerem Gebiete mit den Faktoren der polnischen Politik, möglichste Erfüllung der jüdischen Forderungen auf natioual-kulturellem und religiösem Gebiet durch die polnische Regierung, intensive Industrialisierung des Landes in der Weise, -daß genügend Platz für die Entwicklung der polnischen Industrie und des polnischen Handels ohne Einengung der jüdischen wirtschaftlichen Positionen sei. Dieses Interview gewährte Minister Grabski während seines Aufenthaltes in Lemberg; es war beabsichtigt, daß der Minister noch in Lemberg von dem Obmann des Jüdischen Parlamentsklu-bs Dr. Reich das endgültig formulierte Ergebnis der Stellungnahme des Jüdischen Klubs zu den bisher geführten Verhandlungen zwischen der polnischen Regierung einerseits und Dr. Reich und Dr. Thon andererseits zugemittelt erhalte. Auch sollten die bei den Verhandlungen vereinbarten Grundlagen nach ihrer Ratifizic-rnng durch den Jüdischen Klub noch Sonntag dem Ministerpräsidenten borgest werden. Inzwischen aber ist im Jüdischen Klub noch keine Einigung über die Formulierung der Vorschläge erzielt worden. Auch im Z i o n i st i s ch e u Z e n t r a l r a t haben sich lebhafte Debatten über die einzelnen Fragen entwickelt, die bei den Verhandlungen Dr. Reichs und Dr. Thons mit der Negierung zur Sprache kamen. Da inzwischen Ministerpräsident Grabski für einige Tage verreist ist, wird die Zusammenkunft zwischen ihm und Dr. Thon erst nach seiner Rückkehr erfolgen. Im Jüdischen Parlamentsklub haben zunächst die Vertreter der Agudas Jisroel die Erklärung abgetwbarr, daß sie wphl die Vereinbarungen der beiden jüdischen Delegierten mit der Regierung billigen, aber daß sie in religiösen Fragen das einzige und entscheidende Votum haben; iu den wirtschaftlichen Fragen jedoch überlassen sie — eine merkwürdige Auslegung politischer Verantwortlichkeit — die Verantwortung den anderen parlamentarischen Gruppen. Die Vertreter des M i s r a ch i in der Parlamentsftaltion erhoben auch einige, wenn auch nicht grundsätzliche Einwendungen/ Weit schärfer ist die Stellung der Kaufmannschaftsvertreter und der Vertreter der Hitachduth innerhalb des Jüdischen Parlamentsklubs. Es wurde schließlich beschlossen, aus allen Gruppen des Jüdischen Parlament'sklubs eine Kommission zu bilden, welche den Versuch machen soll, aus den vorgebrachten Wünschen der einzelnen Gruppen eine einheitliche Entschließung herauszukristallisieren. Im Zionistischen Zentralrat für Polen hat eine Reihe von parlamentarischen Vertretern auf gewisse Unklarheiten in den bisherigen Verhandlungen hingewiesen. Die Deputierten Dr. Rosenblatt, Dr. Hartglas, Dr. Schipp er,. Stu czynski, Wygodski und Senator K ö r n e r haben in -einem. Memorandum an das Präsidium -darauf hingewiesen, daß das Ergebnis der bisherigen Verhandlungen, soweit es sich bis jetzt darstellt, eine Reihe von wichtigen jüdischen Forderungen nicht berücksichtigt und daß ferner die Stellung der Juden zu den übrigen nationalen Minderheiten in Polen in Betracht gezogen werdenwüffe. Die heute stattftndenden Tagungen des Zion'iistischen Zentralrates und des Jüdischen Parlamentsklubs sollen dazu dienen, die vorhandenen Umaklarheiten und Meinungsverschi-edenheiten aufzuMren. Sokolow beim PrSfidenten der polnischen Republik. Warschau, 30. Juni. Der Präsident der Zionistischen Exekutive Nahum Sokolow, -welcher Freitag mit dem polnischen Min isterpräside nteu Grabski über zionistische Md Paläsiinafragen konferiert hatte, wobei unter anderem auch die Frage der Stellung der polnischen Regierung zum Zionismus auf dem internationalen Terrain behandelt wurde, ist gestern vorn Präsidenten der polnischen Republik W o j e i e ch v w s k i empfangen worden. Auch diese Konferenz betraf rein zionistische und Palästinafragen. An: Schluß des Gespräches drückte der Präsident Herrn Sokoww seine persönlichen Sympathien gegenüber dem Zionismus aus und deutete an, daß auch die Regiernug bei einer sich bietenden Gelegenheit die zionistische Arbeit unterstützen werde. - ' Var Paläftimmmndat. Erörterung vor der Mandatskomnrisfton in der nächsten Session. Genf, 30. Juni. (Schlveiz. Dep.-Ag.) Die M a ndatskommission hat gestern in großen Zügen die Abänderungen festgestellt, die dem Frageschema über die Mandate inverleibt werden, das alljährlich den Mandatarmächten zugestellt wird und diesen bei der Abfassung ihres Berichtes zur Grundlage dient. Die Kommission nahnt Kenntnis von einer P e t i t i o n, die ihr von der jüdisch - aschkenasischen Gemeinde von Jerusalem übermittelt worden war, und beschloß, sie im Laufe ihrer n ä ch st e n S e s s i o n anläßlich der Erörterung des Mandates über P a l ä st i n a zu behandeln. Sie revidierte ferner die Schlußfolgerungen über die Frage der Anleihen; Vorschüsse und Placierungen von öffentlichen und privaten Kapitalien in den unter Mandat stehenden Territorien und befaßte sich schließlich mit verschiedenen Fragen innerer Natur. .WEDO’ Orig. ugn. DEBRECZINER für Wiederverkäufen III., Heumarkt 6,Tel 95483 ** Die Expertise. -y. m l e tt, 1. Juli. Oesterreich hat die Prüfung seiner Wirtschaftslage beantragt. Die Experten sind nun da. Es wird in den nächsten Wochen ein sehr lebhaftes Frage- und Antwortspiel geben, alle Berufsvereinigungen, Kammern und Staudesverbände werden vorgeladen und abgefragt werden. Auch die Regierung stellt sich mit einem Expose ein und der Generalkommissär des Völkerbundes wird seine Kontrollbemerkungen machen. Wenn jemand seine Bücher prüfen läßt, so fühlt er die Notwendigkeit, zu beweisen, daß nicht er schuld ist an den mißlichen Verhältnissen. Auch Oesterreich will «dies beweisen und der alte Grundfehler dieses Staates wird aufs neue demonstriert. Alle Parteien schieben einander die Schuld zu, und wenn sie dies glücklich getan haben, wenn die bürgerlichen, völkisch und christlich orientierten Parteien genügend viel auf die Marxisten geschimpft und von dort lebhaften Widerspruch erhalten haben werden, dann werden sie sich darauf einigen, daß erstens die Juden und zweitens die Sukzessionsstaaten es verhindern, daß sich Wirtschaft und Seele des deutschen Volkes bis zu der so heiß ersehnten Herrlichkeit entfalte. Alle zusammen haben kein Vertrauen zu ihrer eigenen Kraft; wenn sie irgendwo versagt, dann suchen sie den Fehler nicht bei sich, sondern auswärts. Oesterreich ist lebensunfähig, Oesterreich muß sich anschließen. Entweder an Deutschland oder an einen Donaubund oder an Ungarn. Die Schweiz ist Kontinentalstaat, sie ist nicht homogen, sondern unrfaßt drei Nationen, sie ist nicht autarkisch. Aber sie lebt still und zufrieden für sich allein, so weit eben ein Staat für sich allein leben kann. Oesterreich braucht Stützung, Kredit, Sanierung, immer von anderen, und es ist höchlichst entrüstet und erstaunt, wenn ihm auf das Geschrei von der Lebensunfähigkeit hin niemand ohne Giranten und Pfänder Geld borgen will. Es ist noch mehr erstaunt,, wenn es merkt, wie das ausländische private Kapital mit Vermeidung des offiziellen Weges in die Industrie eindringt und sie, wie man das nennt, überfremdet, um bei dem Kladderadaffch, der ja bei der so stark und hysterisch besungenen Lebensunfähigkeit kommen müßte, zur Stelle zu sein und die fetten Brocken an sich zu bringen. Die österreichische Oessentlichkeit wird sehr nervös, Ivenn ihre Nachbarschaft das Geraunze von der Lebensschwäche ernst nimmt und darauf so antwortet, wie sie es von ihrem Standpunkt aus zu tun hat. Im Frühjahr waren Dinghoser und Frank nach Berlin, Mataja nach Rom gefahren, um Anschluß zu suchen. Die kleine Entente wurde mißtrauisch und suchte sich vor einer Aenderung der politischen Konfiguration zu sichern. Sie verlangte das entschiedene und unzweideutige Festhalten an der Genfer Konvention. Großer Zorn in Oesterreich. Der nationale Chauvinismus kam in Wallung. Die einen sangen Deutschland über alles, die anderen erinnerten sich an den altösterreichischen Text. Alle zeigten die gleiche Entrüstung und alle wandten sich gegen Benesch, den Minister der hochverräterischen Tschechen. . Er ist nicht österreichischer, sondern tschechischer Funktionär, er hat die Interessen seines Staates zu wahren. Es liegt im Zuge dieser Interessen, daß er sich um den südwestlichen Nachbar, der seine Waren kaust und den er miffaniert, kümmert und daß er vor Extratouren bangt. Er muß sich für den Kredit und für die Lebensfähigkeit Oesterreichs einsetzen. Das wurde ihm geivaltig verübelt. Ein Ausländer, der an Oesterreich glaubt? Das muß a Jud sein. Außarr mit ihm! Es braust ein Ruf... Die Nationalsozialisten drohten mit Demonstrationen, die Sozialdemokraten warfen ihm die Sklavenpeitsche vor. Die falscheste Taktik, die man sich denken kann. Benesch ist in der Entente ein sehr mächtiger Mann und er hat sich in Genf revanchiert. Er hat zugestimmt, daß die Expertise vorgenommen wird. Den zwei Herren, die nach Wien gesandt wurden, gibt er eine tschechoslowakische Delegation bei und so wich die Enquete vor sich gehen. Oesterreich braucht Vertrauen und erhält einige Zentner Protokolle, in »denen niedergeschrieben steht, daß die Stagnation andanert, daß alles in der Dürre der privatwirtschaftlichen Krise verdorrt, daß der Bund die

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