Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2283 (30.6.1925)
- Date
- 1925-06-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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T W» * _Mett. MenMg_ Sit Herbert Samuel. -y. 2B i c n. 30. Juni. Sir Herbert Samuel scheidet heute von seirrrm Ami. Der erste Oberkommissär, den England nach Jerusalem gesetzt hatte, tritt zurück. Er ist fünf Jahre lang auf einem schwierigen Posten gestanden, und wenngleich die Erwartungen, die sich an seine Person knüpften, nicht erfüllt Wacken sind, so muß doch seinem redlichen Wollen die vollste Anerkennung werden seitens der Mandatarntacht, die so hohes Vertrauen in chn gesetzt hatte. Er hat sich bemüht, ihre Aufträge zu erfüllen, und die englische Regierung hat alle Ursache, ihm fiir seine Treue zu dauken. Er hat sein Amt so versehen, wie ihm dies in London Lorgeschrieben wurde. Englische Beamte, die auf so exponierte Stellen gesandt wevden, sind niemals frei in Entschluß und Handlung. Der Zentralismus wird sehr straff gehaMabt und die Politik, die außen betrieben wich, ist stets der historischen Entwicklung und den Lebensinteressen Englands angemessen. Die in Jahrhunderten gewachsene Kontinuität der Politik bestimmt das System und den Ton. Der englische Beamte ist ein Stück des Staates. Er gehorcht unweigerlich und gerne. Die öffentliche Disziplin ist das stärkste Band zwischen dem Staat, der ein Vollsstaat im besten Sinne des Wortes ist, und den Trägern seiner Autorität. Herbert Samuel ist als englischer Beamter nach Palästina gegangen und er ist englischer.Beamter gewesen. Er ist ein kluger 'Kopf und er hat erkannt, daß die Instruktionen, denen er unterworfen war, seit dem Rücktritt Lloyd Georges in ihrem Sinn erst langsam und zögernd, dann in immer rascherem Tempo sich änderten. Ursprünglich hatte er den Auftrag, entsprechend dem Mandat des Völkerbundes, alles zu tun, was zum Aufbau der jüdischen nationalen Heimstätte zweckdienlich schien, und er hatte dies, entsprechend dem Mandat in engster Fühlung mit der Zionistischen Organisation als der Vertretung des Judentums zu tun. Die Judenschaft der Welt und des palästinensischen Mikrokosmus begrüßte denn auch den Oberkommissär als den zweiten Esra. Sie kam chm mit überschwenglichen Hoffnungen entgegen. Das war, wie sich in der Folge leider erwies, ein Fehler. Die Gegenaktion des internationalen Antisemitismus setzte rasch und umfassend ein und trug den Kampf auf das Terrain des Mandatslandes. Je energischer und kräftiger sie wurde, um so schlaffer wurde England. Wir alle haben diesen Zlbbau in allen seinen Stadien in Erinnerung. Wir haben gesehen, wie von.dem „alles", lvas Sir Herbert zu tun aufgetragen lvar, bald hier, bald dort ein Eckchen abgeknifsen wurde. Das Mandat zum jüdischen Mtionalheim wurde sukzessive zu einem Geschenk an die opponierende arabische Frondeurgruppe, leicht beeinflußt durch die Gewähr einer in mäßigen Grenzen gehaltenen jüdischen Einwanderung. Was antijüdisch fühlt und denkt, hatte Einfluß und Bestimmung. Wie wurde der Sinn des Mandates erfaßt? Wer stand Herbert Samuel zur Seite? Wir können uns ein beiläufiges Urteil bill)en, wenn wir an den Gouverneur Störs erinnern, wenn wir an die von >den Arabern sabotierten Wahlen, an das Angebot der arabischen Vertretung, an das Schicksal der Staatsländereien, an die Definitionen Churchills denken, die dann Minister Amery resolut bis zum kulturellen Heim reduzierte. Sir Herbert mußte alles mitmachen. Er hatte eine Zeitlang einen politischen Sekretär namens Richmond, der dieser Tage in London in einer Versammlung der Bereinigung für den Nahen und Fernen Osten erzählte, daß die Lehren der Propheten sich in die Umsturzdoktrincn des Bolschewismus verwandelt hätten, worauf dann ein General sich zu >der romantisch kühnen Behauptung erhob, daß der Zionismus, der BolschewismuS und der Panislamismus miteinander kommunizierten. Unter den Beamten Herbert Samuels wurden die Juden aus dem Polizeidienst hinausgeekelt, hnttfoe die jüdische Einwanderung zweckmäßig unterbunden. Und England machte hier die Erfahrung, die jeder Staat inachr, Ivenn er sich auf den Kompromißweg begibt, wenn er.das klar umrissene Ziel verliert. Je nachgiebiger England wurde, desto kühner wurde die Gegenaktion, desto klarer wurde das Zusammenspiel dieser arabischen Nationalisten mit den Feinden Englands. Palästina ist kein englisches Kolonialland. Es ist durch England mit militärischer Macht aus der tiirkischen Vernachlässigung gerissen worden (wobei viele junge Juden ihr Leben ließen), es ist dann der Gemeinschaft der Entente anheimgefallen, die es durch den Völkerbund an die durch den Zionismus repräsentierte, jüdische Gemeinschaft übertrug. England hat die Verwaltung so lange zu führen, bis das Land von den Juden übernommen werden kann. Das und nicht weniger und nicht mehr besagt das Mandat. Das Judentum hat sich in Palästina eingerichtet, es arbeitet dort ohne irgend welche Unterstützung durch die Mandatsmacht. Das Judentum, das nach zweitausendjährigem Sklavenleben noch nicht an politische Eigenarbeit gewöhnt ist, muß sich selbst erziehen. Es macht sicherlich große Fehler. Wir gestehen das ojn und schämen uns dessen nicht. Wir sehen ja, daß Völker, die sich frei entfalten konnten, bis zum Krieg gegangen und verdorben sind. Was der Zionismus in Palästina geleistet hat, das ist nicht wenig. Das jüdische Arbeitsbudget, in dem die Kasernen, Kanonen imb Gasgranaten fehlen, kann sich mit dein mancher europäischer Staalsorganismen sehr wohl vergleichen. _ Wiener _^ ^Mr bringen es aus unseren Taschen ans. Herbert Sanruel hat dies in seinem Abschiedsbericht selbst zugegeben. Daraus lernen wir, daß wir. immer nur auf uns ge- Mt sind, auf die vom Zionismus geweckte uitb belebte jüdische OrganisatiouSkraft. In den fünf Jahren der Verwaltung Samuels haben wir sie erprobt. Der Oberkommissär hat sicherlich sehr oft die inneren Widersprüche der ihm erteilten Instruktionen erkannt. Cr war sicherlich in sehr heikler Stellung. Ein jüdischer leitender Pdlitiker in'nichtMischer, oft feindlicher Umgebung, ein Verwaltungsfunktionär, der gehorchen imrß und der bei jedem Schritt doch auch die große Verantwortung vor der jüdischen Oeffentlichkeit fühlt. Er ist viel kritisiert worden, aber viel an Kritik 4st auch unterblieben. Er scheidet in Ehre als ein treuer Mann. Hoffentlich bleibt uns sein .Rat und seine Hilfe auch weiterhin, wenn er nicht mehr gehorchen muß und frei sich äußern kann. Unsere Arbeit geht weiter. Sin englischer Paläftinabeamter. Churchills Weifchuch. Das Londoner Zcutralbureau der Zionistischen Organisation teilt mit: In einer Versammlung der Nrar und Middle Eeast Association, die an: 17. d. im Hause von Frau Eric Romilly stattsand und bei der 'Generalmajor Lord Edward Gleichen den Vorsitz fi'chrtc, wurden Berichte über die augenblickliche Lage in Palästina von Kapitän E. N. Bennett und Herrn Ernest Richmond erstattet. Es schloß sich eine Diskussion an, an der sich die Herren Lord Raglan, John Philby und Israel Cohen beteiligten. Kapitän Bennett, der kürzlich aus Palästina zurückgekehrt ist, erklärte, daß er die Verhältnisse dort schlechter fand, als sie vor dem Kriege waren, und daß er diese ungünstige Veränderung dem politischen Zionismus zuschreibe-. Er führte aus/ daß die Verbrechen zugenomnren haben, und daß die Araber nicht mehr dieselben politischen und bürgerlichen Rechte genießen, die sie vor dem Kriege hatten. Das ganze Land wäre von Bürgerkriegen zerrissen, da die Zionistische Exekutive die Regierung sowohl direkt wie indirekt beeinflusse. Er schreibt den Ursprung der Balsour-Dektaration. der Tatsache zu, daß die Regierung die U n t c rstütz u n g der Juden der Hochfinanz wünschte. Er verneint jeden Anspruch der Juden auf Palästina und behauptet, daß der Zionismus auf Trugschlüssen, Verdrehungen und Heuchelei basiere. Herr Ernest Richmon d, der frühere politische Sekretär der Pa last i na r cg i e ru ng, führte aus, daß England nicht die europäische Zivilisation in Palästina fördere, sondern' nur die Interessen des einen seinitischen Volkes gegen das andere. Er erklärt, daß das Weißbuch, das Minister Churchill im- Jahre 1962 veröffentlicht hat, 'den Bedingungen des Palästinamandats widerspreche, und da er nicht glaube, daß die britische Regierung versuchen würde, die Juden zu hintergehen, so hielt er es fiir unaufrichtig, das Weißbuch herauszugeben. Er beschuldigte die Regierung der Perfidie gegen die palästinensischen Araber, welchen man, wie er sagte, während des Krieges das Versprechen der Unabhängigkeit gegeben hat, und warf der Regierung vür, daß sie die Steuern, die sie von den Arabern einziehe, zum Nutzen eines frencden Zweckes gebrauche, der ihren Wünschen zuwider sei. Er beklagte sich auch darüber, daß die Lehren der alten Propheten Israels durch die auf den Umsturz gerichteten Doktrinen des Bolschewismus ersetzt lvorden seien. General Blakenah sagte, daß man aus wohlinformierter Quelle gehört habe, daß der Zionismus, 'der Bolschewismus und der Panislamismus untereinander in Verbindung stehen und von der gleichen Stelle aus geleitet tverden. Herr Israel Cohen, der vom Vorsitzenden eingeladen worden «war, um die zionistische Sache darzulegen, ironisierte den Gedanken, daß die Balfonr-Deklaration erfolgt sein sollte, um sich die Unterstützung der jüdischen Hochfinanz zu sichern, da es eine bekannte Tatsache ist, daß die jüdischen Finanziers in allen Ländern dem Zionismus feindlich gegeilüberstehen. Es ist nicht wahr, daß der Zionismus irgend einen Einfluß auf die Leitung der palästinensischen Regierung ausübt, welche vornehmlich v o n englischen Christen besetzt ist. Die Benachteiligungen der Araber beruhen gänzlich auf Einbildung, und wenn sie irgendwie vorhanden wären, so könnten sie nicht dem Zionismus zngeschrieben werden, da die Araber aus dem Zufluß jüdischen Kapitals, jüdischer Arbeit und Energie nur Nutzen haben. Es sei lächerlich, davon zu sprechen, daß der Zionismus mit dem Bolschewismus verbunden sei. Sowjetrußland sei gerade ein Land, wo man den Zionismus bitter verfolgt, und der Hauptvorwurf, den der Bolschewismus dem Zionismus macht, ist, daß er ein I n st r u m e n t d e s e n glischen Imperialismus sei. Lord Raglan sagte, daß, obgleich man so viel über die Rückkehr der Juden nach Palästina spräche, die »leisten Eiuivanderer russische Ju^n lvaren, das heißt überhaupt keine Juden, sonder» die Na ch k o m m e n k o n v e rtiertenTataren. John Philby behauptete, daß Palästina mit zu den Gebieten gehöre, in welchen Großbriianuien versproch'N habe, die arabische UnaWngiikeit anzuerlenneN, und 30 Juni 1926 Nr. 2888 sagte, daß Emir Faisul von den Arabern als Verräter angesehen werde wegen seines Standpunktes,, den,er auf der Friedenskonferenz vertreten hat. Basis Worsfold (der Verfasser des Buches „Das Palästina des Mandats") erklärte, daß sein kürzlicher Besuch in Palästina ihm gezeigt habe, daßdie Reden von Kapitän Bennett und Herrn Richmond absolut nicht aus Wahrheit beruhen; er könne dio Arbeit der j ü d i sch en : Kolon i sie n in Paläst i na nicht g e nug loben. Zunr Schluß der Versanrmlung forderte Herr- Phi l b y Herrn Israel Cohen zu einer 3 f f e n tlichen Diskussion über den Zionismus auf, welche Herausforderung von Herrn Cohen angenommen wurde. Sie Mandatskommission. Genf, 28. Juni. (Schweiz. Depeschen-Agentur.) Die Mandatskommission des Völkerbundes beriet gestern über den Bericht der französischen Regierung über die Verwaltung von Kamerun. Dicherne berichtete ergänzend über die Arbeitsbedingungen, den Unterricht, die Finanzlage und teilte mit, daß unter anderem die Anleihe von 25 Millionen Franken, die im Jahre 1922 zur Durchführung von öffentlichen Arbeiten bcschlosien worden war, noch nicht zustandegekv mm e n sei. Dieses Jahr würden 6 Millionen flüssig gemacht werden, die mit den in der Kasse befindlicheit 6,6 Millionen Franken die Fortsetzung der Arbeiten ermöglichen würden. Die Komm'isiion befaßte sich sodann mit den gesundheitlichen Verhältnissen der Arbeiter beim Eisenbahnbau. _ Sie Wische Bötterbundliga in der Tschechoslowakei. Prag, 29. Juni. (I. T. A.) Die jüdische Völkerbundliga in der Tschechoflowakei hielt dieser Tage eine Sitzung ab, in der der Generalsekretär der Liga, Dr. Emil Marg u l i c s, über die Schritte, die zwecks Aufnahme der Liga in die Internationale Union der Völkerbundligen gemacht worden sind, referierte. Die Aufnahme steht auf der Tagesordnung der Warschauer Konferenz. Auch die Fragen der Minderheiten und des Numerus clausus werden die Union beschäftigen. Dr. M a r g u l i e s wurde zum Delegierten für die Warschauer Tagung bestimmt. Ir. Seipel und die Zudenfrage. Im „Israelitischen Wochenb-cit für bk Schweiz* berichtet Herr David Sh klar ü5»r eine Unterredung mit Dr. Seipel gelegentlich dessen Vortrag ln der Geuj'r Universität. Dr. Seipel antwortete auf'die chm vorgelegten Fragen: „Die Vorfälle ain der Universität Wien feien tricht antisemitischer Natur, sondern Kämpfe der verschiedenen findentis chen Parteien. (!) Die jüdischen Minorität srcchte müssen ebenso gut geschützt werden wie alle anderen; das jüdische Volk hat das nämliche Recht auf .ein glückliches und normales Leben. Das ,Hake nkreuzlertum" fei stets als negatives E l e >m c n t seitens der Regierung betrachtet worden. Hitler habe man trotz feiner österreichischen Staatsangehörigkeit die Einreise nach Oesterreich verweigert. Herr Dr. Seipel beikennt sich freudig als Freund des Zionismus, dessen Erfolge er begrüßt. Die österreichische Regierung wird dieses Jahr den zionistischen Kongreß begrüßen innd ihm Schutz und Sicherheit gewähren. ' Sie vergessenen Minderheitsvertröge Verlust der Ssterreüchischen StemtAbÄrgerfcfctfi» Mit Erkenntnis des Verwaltu'ngsgerichts'hoscs _ vom 28. Februar tvurde der Rechtsstandpunkt des Finanzministeriums anerkannt, wonach die zwischen der Entente und Polen, Jugoslawien u-nd Rumänien abgeschlossenen Minderheitenschutzverträge auch für die Beurteilung der Frage, ob einer Person die ö st e r r e i ch i s ch e Staatsbürgerschaft zukomme, entscheidend sein . können. Diese Verträge wurden in Oesterreich n i ch t v e r ö f f e n tl i ch t, weil sie nur zwischen anderen Staaten geschlossen wurden. Nun haben aber diese Verträge die Wirkung, daß etne vorläufig nicht -bestimmbare Zahl österreichischer Staatsbürger ihre Staatsbürgerschaft verloren haben, ohne daß sie etwas davon. wußten, weil eben eine Veröffentlichung dieser Verträge in Oesterreich nicht erfolgt ist. Auch die Option zugunsten Oesterreichs oder der Verzicht aus die fremde Staatsbürgerschaft ist mit Rücksicht auf die abgesene festgesetzte Frist nicht mehr möglich. Die Wirkung zeigt sich besonders hart bei Personen, die staatliche Ruhe- und Versorgungsgenüss« beziehen. Ein solcher Fall war auch beim Berwaltungsgerichtshof anhängig und hat zu dem erwähnten Erkenntnis geführt Es wird nun Sache der Behörden fein, diese Härte aus ein möglichst geringes Maß herabzusetzen. Der Wiener M a g i st r a t hat bereits vorgeforgt, daß anläßlich von Einschreiten um Heimatscheilde oder um Bestätigungen der Staatsbürgerschaft das Heimaisrecht und die Staatsbürgerschaft zwar nach diesen neuen Gesichtspunkten überprüft werden, den Betreffenden aber sofort Gelegenheit gegeben wird, die ohne ihr Verschulden verlorene österreichische Staatsbürgerschaft wieder zu erlangen. Es werden alle Ansuchen protokollarisch aufgenominell und möglichst rasch erledigt. Für die Wiedererwerbung der Staatsbürgerschaft ist allerdings hei Per-