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Wiener Morgenzeitung · 1925-06-20 · Heft 2274 (20.6.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2274 (20.6.1925)
Date
1925-06-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22*74 Men, Samstag 5ic Kartellttise in Frankreich. Noch keine Entscheidung über die weitere sozialistische Taklik. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 19. Juni. Die Beratungen der sozialistischen Kanmrerfraktion über ihre weitere Stellung zur Regierung haben bisher noch zu keinem Resultat geführt. Ter bis 3 Uhr nachts tagenden Fraktionssitzung lagen drei Resolutionen vor. Von diesen spricht sich die eine (Antrag Compere--Morel) für eine Politik der fr e ie n H a n d, die zweite (Llntrag Auriel) für die Einleitung von Verhandlungen mit der Regierung und die dritte (Antrag Renaudel) für eine bedingte Unterstützung der Regierung Painleve aus. Die Verfasser der drei Entschließungen haben sich heute vormittags versammelt, um zu versuchen, ihre Entschließungen in eine e i n z i g e zu verschmelzen. Dies hat sich als unmöglich herausgestellt, worauf beschlossen wurde, die drei Entschließungen, dem gestrigen Beschlüsse gemäß, jedem einzelnen Mitglied der Partei sowie den Mitgliedern des ständigen Vcvwaltungsausschusses der Partei znzustellcn. Die Abgeordnetelr wurden ersticht, sich innerhalb '48 Stunden zu den drei Entschließungen zu äußern. Bon der Antwort wird die endgültige Stellungnahme der sozialistischen Partei zur Frage der Fortsetzung der Unterstützungspolitik abhängen. Compcre-Morcl, dessen Entschließung für die Politik der freien Hand eintritt, ohne jedoch systematische Opposition gegen die Regierung Painleve zu befürworten, hat heute vormittags erklärt, daß er jetzt schon der Unterstützunig von 46 Abgeordneten sicher sei. Ob die Negierung die Bedingungen, von der die Renaudelsche Resolution die Unterstiitzung des Kabinetts abhängig macht, annehmen wird, erscheint in gut unterrichtetet! Kreisen mehr als z w e i f e l h a f t. Kommunisten und Kabtzlen. Die französische Regierung geht gegen die Kommunisten vor. Paris, 19. Juni. (Tel.-Komp.) Ter Mimsterrat beschäftigte sich heute mit der Lage in Marokko, der Finanzlage, den Sicherheitsunterhandlungen und der k o in m un i st i scheu Propaganda gegen die Marokkoexpedition. Wie verlautet, soll die Regierung die Gewißheit erlangt haben, daß die kommunistischen Führer in regelmäßigem Bviefverkehr mit Abd Cl-Kvim stehen. Die notwendigen Maßnahmen wurden beschlössest, um diese Verbindung für weiter zu verhindern. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein energischer Vorstoß der Regierung gegen die Kommunisten' geplant ist. Painleve hatte zu diesem Zweck heute nachmittags eine längere Unterredung mit dem Innenminister und den: Direktor der Sicherheitspolizei. In der Kammer wird die Ermächtigung zur Einleitung der g e r i ch t l i ch e n Verfolgung gegen einen k o m m u n i st i s ch e n ©emittierte n angesprochen werden. BviNnd übet: die kommunistische Propaganda. Paris, 19. Juni. In der Kammer sollte heute eine Interpellation des sozialistischradikalen Deputierten B e r t h o d behandelt werden, die jedoch noch vor der Sitzung zurückgezogen wurde. Der Kommunist Doriot nahm die Interpellation auf und fragte an, warum Frankreich mit Abd-el-Krim nicht Frieden schließe; Abd-el-Krim habe durch Vermittlung der englischen Regierung Friedensvorschläge gemacht. Außenminister B r i a n d erklärte, die Regierung sei jederzeit bereit, mit Abd-el-Kriin Frieden zu schließen, wenn er klare und annehmbare Vorschläge mache. Die verbrecherische und gefährliche Propaganda der Komniunisten in Marokko fördere jedoch nicht den Frieden. Die Interpellation Doriot wurde bei der Abstisnrnung mit 525 gegen 32 Stimmen vertagt. Horthys Mord au Somostzk. Zeugenaussage des Redakteurs der „Nepszava". Budapest, 19. Juni. Ans Vorladung des mit der Wiederaufnahme der Untersuchung der Somogyi-Afsäre betrauten Militärauditors erschien heute der Mitarbeiter des sozialdemokratischen Organs „N epszav a", Ladislauis F e n y e s, vor dem Militärgerichtshof zur Zeugenau sfage. Die Sozialdemokraten warten Vas Ergebnis der militärgerrchtlirhen Untersuchstng ab. Budapest, 19. Juni. (Tel.-Komp.) In der Natioualversamtulung gab heute nachmittags der sozialdemokratische Abgeordnete Mala s i t s die Erklärung ab, daß die s ozialdemokratische Partei bereit fei, die Mordangeleigenheit Somogyl-Baczo im Parlament ruhen zu lassen und den Verlauf des nenelt, tnilltärgerichtlichen Verfahrens in dieser Angelegenheit abzuwarteu. Ihr tveiteres Verhaltelt wird die Partei von dem Resultat der neuelt Untersuchung abhängig machen. Bethlen — operiert. Budapest, 19. Juni. (U. T. K. B.) Ministerpräsident Graf Bethlen mürbe heute nachmittags von einem plötzlichen Unwohlsein befallen. Das Aerztekonsilmm stellte eine Blinddarmentzündung fest. Der Ministerpräsident begab sich abends ins Sanatorium, wo die Operation unverzüglich vorgenonlnren wurde, Wiener Mor-*enteituno. OTTO OTTO Zur Ausübung meiner Tätigkeit habe ich mieh in Berlin niedergelassen und behandle in dem ärztlich geleiteten Tel. Blsm. 3636 G. m. b. H. Tel. Bism. 3635 Berlin, Kurf Urs tendamm 62 Behandelt werden mit ärztlich nachgewiesenen Erfolgen selbst angeblich hoffnungslose Erkrankungen psychogener Art, wie: GcmQtS'Leiden Spradi-Leiden Sexualstörungen Platzangst Ifchias / Neuralgie Neurosen Nervöse Kopffdunerzen Lähmungen usw. Voruntersuchung durch ärtzl. Autorität täglich von 10—1 Uhr Meine Brosch&re „Die Heilung der Seele" 1094 ist zum Preise von M. 2.— bei obiger Adresse beziehbar Basic er»8 erkrankt.. Belgrad, 18. Juni. (Tschech-slow. Preß-Bur.) Infolge des c r n st e n Z n sta it d e s des au Gelbsucht erkrankten Ätinisterpräsidenteu Pa sic ist heute an dessen Krankenlager von den Internisten Niko>la>j-evic und Professor Moacnie sowie dem Chirurgen Dr. Keen ein Konzilmni abgehalten ioorden. Nachmittags lvuvde eine Röntgennntersuchung vvrgen-ornmen. Die Aerzte verordneten dein Patienten absolute Ruhe, die durch keinerlei berufliche Besuche gestört werden soll.' Ätiuistcrpräsident Pafie hatte noch gestern nachmittags mehrere politische Freunde cnlpfangen. (Paste ist 84 Jahre alt. Die Red.) Der deutsch-polnische Wirtschastskrleg. Polnische Einfuhrverbote. Warschau, 19. Juni. (Tel.-Komp.) Der Wirtschaftsausschuß hat unter bem Vorsitz des Ministerpräsidenten G r a b s k i bei der Beratung über die deutsch-polnischen Wirtschaftsverhandlungen beschlossen, die Einfuhr gewisser deutscher Waren zu v e rbie t c n. Dieses Einfuhrverbot wurde damit begründet, daß das Gleichgei.vicht^der Handelsbilanz hergestellt werden müsse; der gegenwärtige Verlust betrage etwa 7 Millionen Zloty monatlich. Neuerliche ErhShunn der Beitrüge für die Arbeitslosenverstcherung. Amtlich wird nti-tgeteilt: In der am Donnerstag abgehaltenen Sitzung des - Arbeitsloseuvevsicherungsbeirates machte der Bundesminister für soziale Verwaltung die Mitteilung, daß die über Wunsch des Arbeitslosenversicherungsbeirates bisher aufgeschoben?neuerliche Erhöh^ung des Beitrages zur Arbei-tslosenversicheru.ng (von 100 auf 120 Prozent des Krantenversicherungsbeitrages) n u nrn ehr vor g e n o m m e n w e r d e n m ü s s e. Der Eingang an Beiträgen sei bis Ende Llpril bereits mit mehr als 12 Millionen Schilling im Rückstand gegenüber der gesetzlichen Quote der Arbeitgeber und Arbeitnehmer an Aufwand der Arbeitslosenunterstützung. Wenn man selbst nur mit einem durchschnittlichen Stand von 130.000 unterstützten Arbeitslosen rechnet, kann der erwähnten Erhöhung des Beitrages nicht mehr ausgewichen werden. Die Vertreter der Unternehmer erklärten, daß jede weitere Belast n n g der Wirtschaft u n erträglich sei, demnach, wenn mit den bisherigen Beiträgen das Auslangen nicht gefunden werden könne, raschestens an einen A b b a n der Leistungen geschrittetr werden müsse. Sie beantragten die Einsetzung eines Komitees zum Studium aller zu einer Verminderung des Aufwandes für die Arbeitslosensürsorge geeigneten Maßnahmen. Die Vertreter der Arbeitnehmer ftimmteu einer Erhöhung der Beiträge zu, wenn diese zur Ausrechthaltung der gegenlvärtigen Leistungen unbedingt erforderlich ist. Ein Abbau der Fürsorgeleistnngen müsse int gegenwärtigen Zeitpunkt abgele h n t werden. . , Au» dem Wiener Semeinderat. Im Gemeinderat als Landtag wurde gestern eine Aenderung des Gesetzes über die Konzessionsabgabe gegen die Stimmen der Christlichsozialen beschlossen, welche eine Angleichung der Abgabesätze an die neuen Erwerbsstcuersätze bedeutet. Das Gesetz sieht acht Abgabenklassen mit einem H ö ch st s a tz von 150 S. vor. ' Datut gab es noch eine längere Debatte über eine christlichsoziale Anfrage wegen des Verbotes der Teilnahine einer geschlossenen Formgtion der Frontkämpfer aut Leichenbegängnis des Admirals Haus. Bürgermeister S e i tz erklärte, daß er in der Sache nichts zu verfügeil hatte. Das Verbot sei von der Polizeidirektion ergangerr. Er halte aber diese Lösung für vernünftig. Niemand hätte ermessen können, was geschehen wäre, wenn die durch die M ö d l i n g e r Vorfall e erbitterte Arbeiterschaft durch diesen Aufmarsch provoziert worden wäre. In der anschließendett Gemeillderatssitzung beantragte Stadtrat Speiser die Annahme einer Kundgebung über den neneil Le hrplan der Volkss ch u l e ans Anlaß des Ablaufes der Erprobungsfrist. Die Ktlndgebung würde unter Ablehnung eines Antrages des Christlichsozialen R u m m elhardt angenommen SO. Juni 1925_Seite 8 Vortrag Sr. «Haler' über Me Kongreßfrage». Dienstag den 23. d. um halb 8 Uhr abends findet in den Olympiasälen, 1. B>ez., Rotgasse, tiit Vortrag des Herrn Obervabbiners Dr. H. P. Chajes über das Thema „Probleme de- 14. Kongresses" statt. Simitsch-Hohenblum gestorben. Im Alter von 36 Jahren ist gestern Alfred Simitsch (Reichsritter von) Hohenblum gestorben. In der Monarchie fpielte er als Führer der Agrarier eine bedeutende Rolle. Obwohl er nientals ein Mandat bekleidete, war sein Einflttß sehr bedeutend. Er war eüte Kampsnatnr, die sich niemals auf Kompromisse einließ, unterschied sich aber sehr vorteilhaft von jenen Agrarpolitilern, dtie die Vertretnng landwirtschaftlicher Interessen lur Erlaugnug von Mandaten und Ministerportefenilles und znr pevsöntichen Bereicherung mißbrauchten. Die Betrügereien der Fra« Ronah. Ein ungarisches Protokoll in Wien. ' Die zwischen Budapest und Wien spieleiroe Betrugsajfäre der Frau Margit R o n a y ist noch immer nicht ganz geklärt. Der Verbleib von mindestens 2 Milliarden des von ihr heransgelockten Geldes ist noch nicht erniert. Sie hat, wie berichtet, diie Betrügereien angeblich nur begangen, nm ihrer Tochter eine entsprechende Mitgift zu verschaffen. Es heißt, daß bei der Betrügerin tatsächlich eine schlvere geistige Störung besteht Es ist interessant, daß sich ihre g c i st i ge Verfassung in jeneni Augenblick v e r s ch l e d) t e x t hat, als der verhörende Polrzerkommissär nach den zwei Milliarden fragte. Die Tochter der Verhafteten gibt eine Darstellung der Affäre, derznfolge die Frau den Gatten und die Tochter vollständig irre geführt hatte. Donnerstag nachts brachten zwei, ungarisch.' Paßbeamte ein umfangreiches, in ungarischer Sprache abgefaßtes Protokoll über die Betrügereien der Margit Ronay nach Wien. Aus dem Protokoll, das gestern ans dem Ungarischen übersetzt wurde, geht hervor, daß die gemeldete Mitwirkung des früheren Gesandten der ukrainischen Sowjetrepublik, B i b erovits, und seiner Frau an einem in Wien vollzogenen Nolariatsakt der Frau Ronay, wie schon berichtet, durch T ä us ch it n g seitens der Betrügerin herbeigesührt wnrd.'. Amuudsenr RordtzolAs. Dee Nordpol nicht erreicht. — Kein Land um den Pol? Oslo, 19. Juni. 29 Tag: herrschte bange Ungeivißhelt über das Schicksal des kühnen Polarforschers A ni u n d s e n und seiner Expedition, welche von der Kingsbay aus den Flug nach dem Nordpol angetreten hatten. Nun ist Amnnbsen mit seiner Begleiterschar wohlbehalten zttrückgekehrt. Ungeheure Begeisterung enlpfing die Po-lslieger, welche mit ihren Flugzeugen auf dem norwegischen Segler „Sjeoliv" in der Kingsbay ein- Llefen und -vom Kanonenboot „Heimdahl" ausgenommen Iwurdeit. Die Flieger haben ihr Ziel, den Pol, nicht erreicht. 250 Kilometer trennten sie von dem Scheitelpunkt der Erde, dem sie zustrebteu. Wie schwierig ihr Unternehmen war, davon geben Amundsens Berichte 5kunde: . Gleich zu Beginn des Fluges — wie bekannt, starteten die beiden Flugzeuge am 21. Mai um 5 Uhr nachmittags mit einer Ladung von etwa drei Tonnen — kamen die Flugmaschinen in dichten Nebel, über den sie emporsteigen mußten. Als sie aus dem Nebel herauskamen, ergaben ihre Beobachtungen, daß sie zu starken westlichen Kurs genommen hatten. Am 22. Mai fvühmörgens mußten sie sieststellen,' daß sie die Hälfte ihres B e n z i n v o r r a t e s verbraucht hatten, daher beschlossen sie, die La ndung zu versuchen. Sie landeten auf einer großen Wasser rin ne des Eises, und unmittelbar nach der Landung wurde das zweite Flugzeug, lvelcheä Ellsworth führte, zwischen den Eismassen eingeschlossen. Während versucht wurde, den Zlpparat sreizubekommen, fror die Eisrinde vollständig zu. Ebenso erging es Amundsens Flugzeug. Die Landung erfolgte unter 87 Grad 44 Min. nördlicher Breite. Die Lotungen ergaben, daß das Meer unter dem Eise eine Tiefe von 3750 Metern hatte. Das während des Fluges überschaute Gebiet erstreckte sich int Norden bis ungefähr 86 Grad 60 Min., ohne daß auch nur das geringste Anzeichen für das Vorhandensein von Land Vorgelegen hätte. In Anbetracht der großen, durch di: Lotungen festgeftellten Mecrestiese ist es unwahrscheinlich, daß auf der europäischen Seite des Arktischen Meeres auch weiter n ö r d l i ch s i ch L a n d b e s i n d e t. Ein kurzer Flug in nordöstlicher Richtung wäre nötig gewesen, nm den Pol zu erreichen. Ta jedoch ein Loten unmöglich war, so beschlossen die Flieger, den Rückweg n ach O st e n zu nehmen, um bisher noch unerttdeckte Gegenden festznstellen. Es ergab sich jedoch nunmehr die Schwierigkeit, die Flugzeuge aus dem Eis zu befreien. Nm mit beit mitgenommenen Lebensmitteln möglichst lana^ anSzukommen, wurden vom 23. Mai ab nur 30V Gramm Brot pro Mann verabreicht. Unter den größten Entbehrungett konnte endlich eine Maschine, obgleich sie beschädigt Uwv, aufsteigen. Bis.zum 15. Juni mußte die Expedition warten, bis sich wieder ein Riß im Eise zeigte. Nunmehr erfolgte der Aufstieg. Fast die g e sa mte Aus r ü stuitg wurde ü b e r Bord g e w o r f e n, um die Ladung der Flugzeuge zu verringern. Nur ein Mindestmaß von Benziv wurde zurückbehalten. Der Start glückte und nach einem schwierigen Flug durch dichten Nebel wurde nach etwa acht Stunden das Novdkap erreicht. Dort landete die Expe-

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