Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2266 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981351--23040-3010516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wiener Moraenresttinz. 12. Juni 1925 Se it« 8 Die billige eisegepädcversicherung Tel. 67*208 Lin Tuchlaub^nhof kaler Zionisten vereinigt und sind entschlossen, mit allen Mitteln den Kampf für die Verwirklichung dieser Forderungen auszunehmen. Wir fordern die zionistische Oeffentlichkeit auf, die Bedeutung der erwähnten Fragenin ihrer ganzen Tragweite zu erkennen und dafür Sorge zu tragen, daß diese Grundsätze auf dem Kongreß durchgesetzt -werden. Um eine Verständigung zwischen allen, die im wesentlichen auf dem Boden dieser Anschauungen stehen, zu ermöglichen, fordern wir gleichgesinnte Gesinnungsgenossen auf, mit uns in Verbindung zu treten, -damit der Zusammenschluß aller Gleichgesinnten für den Kongreß angebahnt werden kann. Unser Glaube an den Lebenswillen der zionistischen Bewegung ist stark genug, um uns die Hoffnung zu geben, daß eine große Zahl von Zionisten sich mit uns in der Erkenntnis von der Bedeutung dieser Schicksalsstunde des Zionismus vereinigen' und bereit sein wird, mit uns für die Erhaltung des Zionismus als der nationalen Renaissancebewegung des jüdischen Volkes und für die Sicherung des nationalen und zionistischen Charakters des jüdischen.Palästina zu kämpfen." Palästinensische Probleme?) Ein in Jerusalem ansässiger Journalist, Herr W. D., sendet uns den folgenden Bericht. Wir veröffentlichen ihn mit dem Bemerken, daß die zuständigen zionistischen Behörden sich z-u dem Inhalt dieser Darstellung unbedingt werden äußern müssen. Die Red. 2. Muchavim. Mucharim ist der Name eines Monät's im arabischen Kalender, er fällt in die Zeitperiode der Monate Julli- September unseres Kalenders, wie ja auch bei dem labilen Charakter der moslemitischen Kalenderrechnung die .mohammedanischen Feiertage nicht.jedes Jahr in die gleiche Jahreszeit fallen. Eines nur ist fix und sicher: Mucharim -war seit jeher und ist vorderhand noch das ^Neujahr der Mieter und Hausbesitzer". Es ist noch die alte Ueberl'.eserüng aus dem türkischen Regime, daß Wohnungen, Geschäftslokale, Grundstücke auf die Zeit von Mucharim bis Mucharim vermietet und gemietet werden, auf ein arabifche'I Mondjahr von 12 bis 13 Monaten. Am Muchavim, das ist am ersten Dag dieses Monais, muß dev Mieter den. MWfchilling für. das ganze kommende Jahr in barem oder in Wechseln erlegen -oder die innegehabten Lokalitäten verlassen; ' zu Mucharim wird seit vergangenem Jahr die Miete für Wohnungen und Geschäftslokale sprunghaft und unverhältnismäßig erhöht. Ms die Engländer die Verwaltung Palästinas übernahmen, sanktionierte die Regierung das von der deutschtürkischen Militärverwaltung -während des Krieges ge- *) Siche „Wiener MorgenzeAuiNg" vom 11. Juni- 1925. s schaffe ne Mieterschutzgesetz, laut welchem die Mietzinse nicht erhöht und die Mietspartaien -unter keinen Umständen -delogiert werden durften. Der säumige Mieter konnte wegen rückständiger Miete gepfändet, eingekevkert, gevierteilt -werden, er brauchte aber die Wohnung oder -das Gks-chäftslokal nicht zu verlassen. Auf neucrbante Häuser bezog sich dieses Gesetz nicht, so daß in den jüdischen Städten und Niederlassungen, -die zum größten Teil in den jüngsten fünf Jahren aufgebaut wurden, Vor- und Nachteile dieses Mieterschutzes nicht zur Geltung kamen. Um so empfindlicher waren aber die reichen Efendis, die arabischen -Fideikommisse, die Klöster und Vakufs (christliche, mohammedanische und jüdische, religiöse Stiftungen), die in -den alten Städten die meisten Häuser besitzen, von ihrer Machtlosigkeit den Mietern gegenüber getroffen. . Diese fanden nun in dem Gouverneur General Storrs ein gefügiges Werkzeug und im vorigen Jahre wurde in Jerusalem und Jaffa den Hausbesitzern „freie Hand" gegeben. Im Nu wurden die Mieten für Wohnungen, Werkstätten und. Geschäftsl-okale mit 100 Prozent und darüber erhöht. Dies traf die palästinensische Bevölkerung in -der schwersten 'wirtschaftlichen Krise, und nur durch die einsichtsvolle Durchführung u-nd Handhabung der unzähligen Delogierungsklagen bei den kompetenten Gerichten, die -den Orgien -der Hausbesitzer starke Bremsen anlegten, wurden Katastrophen vermieden. 1 Es ist heuer -das zweite Jahr, daß in Jerusalem durch Regenmangel und eine trostlose Wasserversorgungdie Bautätigkeit stark verteuert und behindert wurde, und dies gab den Hauseigentümern wieder willkommenen Anlaß, vom Storrs-chen Freibrief weitestgehenden Gebrauch zu machen. Für den bevorstehenden Mucharim. habendie Hausherren die Mieten Ibis zu einer Höhe hinaufges-chraubt, die in der größten Metropole Europas undenkbar 'wäre. Das Schreckgespenst westländischer Großstädte, der Wohnungswucher, ist unter der Tropensonne und der schrankenlosen orientalischen Willkür und Indolenz zu einem schrecklichen Ungeheuer ang-eschwollen. Kein Quotensystem, kein prozentueller Berechnungsschlüssel, noch irgend ein richtunggebendes Argument boten Maßstab oder Grundlage für die unsinnigen Erhöhungen der Mieten. Da »war es auch mit der orion-tal-ischen Schäfsgeduld der Palästinenser Zu Ende. " Und um was sich zionistische und englische Politiker 'bisher vergebens bemüht haben, für was in Kongressen, Büchern, Zeitungen seit Jahren gekämpft 'wird, das hat Gouverneur Storrs Mit seiner Wohnungswiucherveror-dnung getan. ' , . Heute stehen Juden, Araber, Griechen, Armenier, alle, alle ohne Unterschied des Glaubens, der Nationalität in geeinter Front im Kampfe gegen die Regierung... Alle politischen und chauvinistischen Schlagworte sind in diesem Moment vergessen, separatistische Fragen und Tendenzen in den Hintergrund gestellt. In den großen Mieterversammlungen in der Zions Hall sprachen prominente arabische, christliche und jüdische Kaufleute, 'Industrielle und Beamte aller.Parteischattierungen und im Exekutivausschuß saßen Araber, Juden und Christen an der Arbeit für da's gemeinsame Ziel: den Schutz der Mieter. Der Regierung 'wurde ein Ultimatum unterbreitet, ln welchem die Zurückziehung jener Verordnung gefordert wurde, die den Hausbesitzern „freie Hand" gibt, an-deren- SRf. 52SS Wien, Freitag Die starke Immigration, die in den letzten j Jahren eingesetzt hat — ein machtvoller Beweis für die ' Kräfte des Palästinawillens der breiten jüdischen Volks- ' Massen — gibt dem Problem der Prinzipien des Anfbans ' «eine erhöhte Aktualität. So sehr -darauf gedrungen werden; wuß, daß dieser Jmmigrationsstrom nach Palästina nicht : von außen her gehemmt und behindert wird,; so sehr müssen wir auf die b e w n ß t e L c i t u n g d i e s e r , Immigration und die organische Gestaltung der jüdi-! jschen Lebensform in Palästina bedacht sein. Zionismus bedeutet nicht die Ueberführung jüdischer Emigranten nach Palästina und ihre Ansiedlung in irgendwelcher Form; viel- . mehr hat der Zionismus eine seiner stärksten Wurzeln in dem Willen zur fundamentalen U m g e st a l t n n g des jüdischen Lebens, ebensosehr in seinen na- . tional-ckultur eilen, wie auch in seinen wirtschaftlich-sozialen! Formen. Dies bedingt eine berufliche Umschichtung des jüdischen Volkes, seine Verpflanzung in den Boden und die Produktion Palästinas durch werktätige jüdische Menschen und eine gesunde Verteilung der jüdischen Bevölkerung Palästinas zwischen Land und Stadt. Unerläßliche Voraussetzung des nati onalen Aufban es ist das Gelbstbestimmungsr e ch t des jüdischen Palästina und die Verhinderung eines jeden Versuches der administrativen Bevormundung. Die Uebergabe der Leitung des Aufbauwerkes an die Jwifh Agency in der jetzt geplanten Form wird Kreisen einen entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung Palästinas geben, denen diese Grundsätze ftemd sind und bedroht dadurch den nationalen Charakter des Palästina- Werkes. Angesichts dieser Lage glauben iwir, daß alles getan .werden muß, um durch die Entscheidungen des 14. Kongresses folgende Forderungen durchzusetzen: 1. Stärkung der Organisation und Ausbau ihrer Organe aus der Erkenntnis, daß der Z i o n i s m n s «ach wie vor Träger des Palästina-Aufba«es ist und bleibt; Wahrung der Souveränität d e s K o n g r e s s e s als Ausdruck des organisierten jüdischen Volkswillens. 2. Führung einer zielbewntzten nationaken Politik und entschiedene Zurückweisung aller Versuchs zu einer Abschwächung der Balfour-Deklaration. 3. Sicherung der nationalen Prinzipien des Palästina-Aufbaues und Bekämpfung aller Versuche der Einführung eines philanthropischen Kolonisationssystems; Sicherung der H e b r 8 i f i eruug des palästinensischen Judentums durch den Ausbau und die Förderung des hebräischen Schulwerkes. Die Heranziehung «aller zur Mitarbeit am Palästina-Aufbau auf dem Boden der Balfour-Deklaration bereiten Teile des jüdischen Volkes darf nur unter Wahrung dieser Gesichtspunkte erfolgen. Wir glauben, daß di-e Durchsetzung dieser Forderungen auf dem Kongreß von schicksalsbestimmender Bedeutung für die Zukunft des Zionismus und des nationalen Heims sein wird. Wir haben Ms daher auf dem Boden dieses Pvogrammes als Konferenzgemeinschaft radi-- gilt jüdischer Volksdichter. Von S. Meisels. Ich möchte hier von einem heute schon säst völlig vergessenen jüdischen BoWdichter sprechen, der neben den bedeutendsten jüdischen Volhsdichtrn, wie Eljakim Z u nser und Wölwel Zbarazer, als Ebenbürtiger und Gleichwertiger genannt zu werden verdient. Der Manu hieß Beirach Schafir -und war am Ausgange des vorigen Jahrhunderts von Podwoloezyska bis Oswiecim nicht gerade rühmlich, aber immerhin sehr bekannt. Seine rührend einfachen, schmelzend zarten Volksweisen wurden einst allenthalben in den galizischen Städten und Städtchen von den jüdischen Volks-massen gesungen. -Manches seiner Lieder -ist ins Volk gedrungen und ein echtes Volkslied geworden, ein Lied, das man zur Aufmunterung bei der Arbeit und in den Feierstunden zur Erholung sang. Beirach Schafir lvar ein fahrender Sänger, der alle Städte Galiziens bereiste, nicht nur seine gedruckten Liederbücher verkaufte, sondern überall, wohin er kam, die dadamals noch nmskilische Jugend um sich sammelte und ihr seine Lieder, mit oder ohne Gesang, vortrug. Das war jedoch nicht seine einzige Einnnhmsqnelle; er erteilte nebenbei den Töchtern. wohlhabender Eltern Unterricht im Französischen und verschmähte es auch nicht, gelegentlich auf den Hochzeiten als Hochzeitsspaßmacher aufzntreten. Bei Schafir vollzog sich eigentlich die Metamorphose vom jüdischen BoNsdichter zum jüdischen Lyriker; er war gewissermaßen ein Gemisch von Goldfaden und Frug. Schafir war ein verkommenes lyrisches Genie; ich sage verkommen und meine da-mit: das Opfer einer falschen Erziehung. Eigentlich konnte bei ihm von Erziehung nicht die Rede sein. Weder Eltern noch Freunde hatten für die Ausbildung dieses Talents gesorgt. Er hatte nicht das Glück, entdeckt zu werden. Er entdeckte sich selbst und brachte es als A-utodidäkt so weit, daß er in vier Sprachen dichten konnte. Er lhat in jüdischer, hebräischer, deutscher und polnischer Sprache Gedichte geschrieben (und zum Teil auch veröffentlicht), die ihn eine beträchtliche Stufe hoher über so manchen Volksdichter und Durchschnittslyriker stellen. Als jüdischer Volksdichter war Schafir der erste, der das jüdische Lied in Jamben und Trochäen dichtete. Die jüdischen VMHichter kannten sonst nur den Reim,, den Rhythmus besorgte einzig die Melodie. Da wurden in dem einen Vers singend die Worte gedchüt, in dem anderen drei Worte mit einem Maile verschluckt — so glich sich das aus. Jedes jüdische Volkslied kam mit einer Melodie zur Welt. Sein Verfasser dichtete singend. Auch Beivach Schafir dichtete singend;' aber seine Volkslieder kann man auch leisen, weil sie rhythmisch sind. Alan lese zum Beispiel den Anfang seines bräunten BPMiches ,Mn Olam" (Das ewige Volk)': Auls dem wallen- Meer flihen hin un her schiffe ahn a Kohl» ' dorten im gerider «segeln unsre brider di bene jisro'l. v Eine Strophe von gleichem Taktmäß und' von ähnlicher Beschwingthert wird man in der 'älteren BolW lieddichtnng vergebens suchen. Ferner hat Schafir in die Ghettopoesie zum ersten Male etwas Naturempfindung hineingetragen; er lvar der erste jüdische Volksdichter, der außer den Schönheitslinien, die er wie einzelne Lichtstreifen im Ghetto entdeckte, auch noch ein wogendes Aehrenfeld, zierliche Blumen im Garten eine;; blaufarbeneu Himmel und Sonne, Mond und Sterne sah und besang. In seinen Natuvschilderungen bekundet er eine spezifisch-jüdische Empfindungsart. Zur näheren Veranschaulichung möge hier das -folgende reizende Schafirsche Bildchen eines So-nnenuntergainges an einem Sabbatnächmittag Platz finden: Di srln geht unter mit purpurne streifen, es zeigen sich sternlach stille cheit. dos seneri die bänder, goldene Meisen von der schabbes-malkess-e dos seidne kleiö. Ein schöner sonniger Tag an einen: Sabbat ist nicht ein schöner sonniger Tag, der zufällig ans einen Sabbat fiel, sondern die liebreiche Spende aus der freigebigen Hand der Prinzessin Sabbat. Selbst der herrliche Sonnenuntergang an einem Sabbat ist keine bloße Naturerscheinung; seine purpurnen Streifen sind nur „die Bänder und die goldenen Schleifen von Prinzessin Sabbats seidenem Kleid". Schon in diesem Vierzeiler erkennen wir einen Dichter, der ivahvhaft poetisches Empfinden mit echt jüdischer Denkungsart vereinigt. Sein berühmtestes Gedicht „Jeruscholajim" hat Schafir in vier Spm-chen gedichtet. Es ist jüdisch in den - Achtzigevjahven, hchräisch, deutsch und polnisch (zusammen^ -in einem schmalen Bande) in den Neunzigerjahven des vorigen Jahrhunderts erschienen. Zur Kennzeichnung der Art, ' wie Schafir in deutscher Sprache dichtete, will ich' aus dem erwähnten Gedicht die erste Strophe hierhevsetzen, wobei ich bemerken muß, daß ich aus dem Gedächtnis zitiere und daß michin jede 'Ungelenkigkeit in Reim und Rhythmus, die man womöglich' darin entdecken könnte, nur meinem schwachen Gedächtnis, nicht etwa Schafirs schlechtem Deutsch zuzuschreiben wäre. Dig StrMe brütet: " "v Draußen bläßt ein Wind', ein kalter, Stürmisch ist die Nacht, In -der stillen Kl-aus' ein Mter Bei der Kerze wacht. In der Klause Wie Gewimmer Tont bei mattem Kerzensch immer Schluchzen — Tränen — Leises Stöhnen — Schnssnchtsheißes Wort: Jeruscholajim, Jemscholajim, Gottgeweihter Ort! Außer diesem vievspmchigen Gedicht, das in feiner jüdischen Fassung ein echtes Volkslied geworden ist, sind von Beirach Schafir mchrere Gedichtbände erschienen. Seine Lieder in jüdischer Spräche sind in zwei Bänden gesammelt unter dem Titel „Melodien aus der Gegend am San" (Krakau 1886) erschienen. Hebräisch und deuffch erschien ,/§bbel Vindobona" (Die Trauer Bindobouas), ein umfangreiches Gedicht, das den Opevn-brand in Wien schildertferner ,/Kinah äl moth Rudolf joresch ezer" (Klage auf den Tod des Kronprinzett Rudolf) und ein Huldigungsgedicht auf Moses Moutefiore zu des Philanthropen, hundertstem Geburtstag. In deutscher Sprache VeröffenMchte Schafir einen stattlichen Band patriotischer Lieder ,-Kaisevtage in Galizien" und einen Band Liebesgedichte „An Laura".' Diese zwei GodichtbänÄe haben Mmentli'ch unter den ehenmligen österreichischen Offizieren der Garnison Pvzemysl — der Vaterstadt Schafirs — geradezu reißenden Absatz gesundem ' ' Beirach Schafir hat in Not gelebt und' ist im Elend. halb erblindet, im Jahre ISIS in Kraka-n gestorben. ^^ssBategx—Bas&m