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Wiener Morgenzeitung · 1925-06-05 · Heft 2259 (5.6.1925) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2259 (5.6.1925)
Date
1925-06-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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I Polen: 30 flroszy | Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Taborstr. 1-3, oder in einer Verschl eisstelle 'Trafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Gol d schmied, I.. Wollzelle 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tsch echo-Slowakei: Mon. K22. Jugoslawien: Mon.Din.60. Polen:Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 Nachzahlungen bei Frei»* erhOhungen Vorbehalten IPrals 20 a ■,;1 ' ' Wiener Morgenrettung England: Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl. 18 L're: Rumänien: Mon. 170 L.i. Bulgarien rMon.lOOLewf. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. S 9lt. 2259 Redaktion, Administration: Wien, II. Taborstr. I Telephone: 44-0-38.43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX.. Universitätsstrasse 6-8 (D. uckerei fg. Steinmann) Oesterieichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Wien. Freilag. 5. Straf 1925 7. Jahrgang Der Schrei vergossenen Blutes. Kr. Wien, 5. Juni. Der stellvertretende Ministerpräsident Ungarns, Domkapitular Dr. Josef Baß, har gegen Nikolaus Horthy, dessen Unantastbarkeit er in einer langen, von leidenschaftlichen Zwischenrufen unterbrochenen Kanzelrede zu schützen versuchte, einen schweren Bannfluch geschleudert. Mit zitternder Stimme rief der hohe Geistliche auf der Ministerbank: „Eine Legende besagt, daß das unschuldig vergossene Blut die Geister der Erde weckt, die dann unter den Füßen des Mörders tosen; dies ist die Ursache dafür, daß die Mörder nicht zur Ruhe kommen . . . Ich wünsche im Namen der ganzen Nation, daß die Geister der Erde die Mörder vor sich herjagen, damit wir sie erkennen. Dies wünsche ich den Tätern sämtlicher Verbrechen, die seit Oktober 1918 verübt worden sind." Vorher aber hat Minister Baß noch zugegeben, daß in Ungarn unzählige Mordtaten der letzten Jahre ungesühnt geblieben sind. Was mochte der oberste Beschützer aller Morde der Gegenrevolution in Ungarn empfunden haben, als er von dem Bannfluch aus geistlichenr Munde vernahm? Einen der Erdgeister, die unter „seinen Füßen tosen", hat Horthy in der Person seines gewesenen Ministers Edmund Beniezty hinter Schloß und Riegel bringen lassen. Eine andere Gruppe von tosenden Geistern, die in der Nationalversammlung über ihn zu Gericht sitzen wollten, ließ er mundtot machen. Aber vergebens. Horthy kann und wird nicht zur Ruhe kommen, ,bemt zahllos sind die Geister der Opfer der von ihm veranlaßten, anbefohlenen und geschützten Morde) die nach Sühne und Vergeltung schreien und so lange unter seinen Füßen tosen werden, bis sie ihn von seinem erschlichenen Thron herabgezerrt und vor sich her dem Gerichte in die Arme gejagt haben werden. Diese vom Minister Baß zitierten Erdgeister sind in ihrer Forderung nach Sühne menschlicher, gefühlvoller als es Horthy und seine Henkersknechte waren. Die unzähligen Opfer dieser Banditen sind ohne jedes gerichtliche Verfahren, ohne Verhör, viele von ihnen bei lebendigem Leibe unter die Erde gebracht worden. Die sühnefordernden Erdgeister aber verlangen die regelrechte Aburteilung der bekannten Mörder durch freie Richter. Freilich gibt es in Ungarn dermalen keinen freien Richter, der es wagen würde, Horthy und die von ihm befehligten Mörder abzuurteilen. Denn sonst wäre es undenkbar, daß sich in der Nationalversammlung ein Minister im Priesterkleid erhebt und trotz der von ihm angerufenen rächenden Geister sich für einen Menschen entsetzt, der einwandfrei als Anstifter von Mordtaten gebrandmarkt wird. Heute liegt nicht mehr bloß.die Anklage Beniezkys gegen Horthy vor. Der eingekerkerte ehemalige Minister macht Zeugen für die Wahrheit seiner Behauptungen namhaft, deren Namen auch in den Reihen der Regierungsmehrheit einen guten Klang haben. Es sind nicht nur Graf Julius Andrasfy und Markgraf Pallavieini, sondern auch der gegenwärtige Ministerpräsident Graf Bethlen als Zeugen genannt worden. Noch schwerwiegender ist ein Zwischenruf, den Karl Hnszar, zur Zeit der Ermordung Somogoyis und Bacsos Ministerpräsident, also Chef der Negierung, in welcher Beniczky das Portefeuille des Ministeriums des Innern hatte, in der Nationalversammlung gemacht hat. Hnszar sagte nämlich kurz und bündig: „Beniczky hat damals die Mörder ausgeforscht!" Das läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Dasselbe behauptet auch Beniczky selbst. Er hatte die Täter ausgeforscht, ihre Namen festgestellt, aber sie durften nicht verfolgt werden, weil- Horthy seine schützende Hand über die Mörder hielt. Und trotz alledem bleibt Horthy ein Ehrenmann? Das glauben selbst die Erdgeister der frommen Legende des Ministers Baß nicht. Welchen Verlauf die Affäre in Ungarn weiter nehmen wird, ist schwer vorauszusagen. Bezeichnend ist allerdings, daß weder die der Hocharistokratie angehörenden engeren Gesinnungsgenossen Beniezkys, noch die Demokraten und Liberalen in der denkwürdigen Sitzung der Nationalversammlung. auch nur ein Wort zur ganzen Angelegenheit gesprochen haben. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß diese Enthaltsamkeit auf der einen Seite von der Scheu, legitimistisch gesinnt zu erscheinen, diktiert wird, auf der anderen Seite von der Angst vor dem Verdacht, mit den Sozialdemokraten zu gehen. Darin liegt vom Gesichtspunkte der öffentlichen Moral die Gefahr, daß auch Konserenmmeinschaft radikaler Sionistc. (Eigendienst der „Wiener Movgenzeitung".) Berlin, 3. Juni. Gestern wurde die von einigen führenden oppositionellen Z i o n i st e n einberufene Konferenz, welche der Erörterung der Fragen des nach Wien einberufenen 14. Zionistenkongresses gewidmet war, nach dreitägiger Dauer geschlossen. An den Verhandlungen nahmen unter anderen teil: Aus Deutschland: Dr. Nahnm Goldmann, Klatzkin, Fett, Lieber, Glückselig, Dr. Olschwanger, Doktor B rutz-Hug, S ol o w e itsch ik; aus der Tschecho-Slowakei: Dr. E. Margulies; aus Oesterreich: Ing. Robert Stricker; aus Litauen: Präsident der Landesorganifation Dr. Berger; aus Polen: die Sejmdeputierten Dr. Grünbaum und Dr. Schipper; aus Palästina: Podlischewski; von den Zionisten-Revisionisten: S ch e ch t m a n n, Klino w. Die Konferenz nahm den Entwurf einer Deklaration an, deren Wortlaut in den nächsten Tagen veröffentlicht wird. In der Entschließung, welche an die gesamte zionistische Oeffentlichkeit gerichtet ist, wird scharfe Kritik an der jetzigen Leitung geübt und Stellung gegen die Erweiterung der Jewi'sh Agency, in der Form, wie sie vom Aktionskomitee in seiner letzten Sitzung beschlossen wurde, genommen. Die Deklaration richtet an alle Zionisten die Aufforderung, gegen eine Politik Stellung zu nehmen, welche aus der Palästinafrage eine reine Geldfrage zu. machen droht und das nationale Aufbau- Werk der politischen Sicherung beraubt^ somit aufs schwerste^ gefährdet. Es wurde ferner beschlossen, in der Zeit bis zum Kongresse planmäßige Aufklärungsarbeit unter den Zionisten aller Länder und Fraktionen zu leisten, um die Durchsetzung des in der Deklaration entwickelten Programmes auf dem Kongresse zu ermöglichen. Zu diesem Zwecke wurde in Berlin das „Bureau der Konferenzgemeinschaft radikaler Zionisten" eingerichtet. kbinas Aufruhr gegen die Fremden. Ausbreitung der fremdenfeindlichen Bewegung. London, 4. Juni. (Tel.-Komp.) Aus SchawHai wi'vd ein weiteres Umsichgreifen der Ausstandsbewegung gemeldet. Die Zahl der Streikenden wird auf 100.000 geschätzt. Die fremdenfeindliche Strömung hat noch zugen o m m e n. In N a n k i n g sind die Studenten in den A u s st a n d getreten. Die in englischer Sprache in Peking erscheinenden Zeitungen mußten ihr Erscheinen infolge des S t r e i k 8 der chinesischen Setzer einstellen. Der englische G e n e r a l k o n s u l hat die Londoner Negierung ersucht, ihm 2000 Mann britis cherTrupp e n zur Verfügung zu stellen. Die englischer Kreuzer „Diomed" und „Carlisle" haben bis jetzt 600 Mann ausgeschifft. Weitere 400 englische Matrosen werden ans Hongkong erwartet. Vor einer Erhebung ganz Chinas? Washington, 4. Juni. (Tel.-Komp.) Das Staatsdepartement teilt init, daß es einen neuen Bericht des amerikanischen Konsuls in Schanghai erhalten habe, in dem die Lage als ä u ß e r st ernst bezeichnet wird, weil Anzeichen dafür vorhanden seien, daß die fremdenfeindliche Strömung sich auf ganz China äusdehnen werde. Die Räumungsnote überreicht. Veröffentlichung Samstag. Berlin, 4. Juni. Das Wo'lfffche Bureau meldet: Die Botschafter England's, Frankreichs, Italiens und Japans sowie der belgische Gesandte ha'bew heute mittags den: Reichskanzler die Kollektiv uote übergeben, in der die alliierten Regierungen der Reichsregierung die Maßnahmen mitteklen, von denen sie die Räumung der nördlichen Rheinlandszone abhängig machen. Der englische Botschafter erklärte dabei: „Entsprechend dem am 5. und am 26. Jänner befolgten Verfahren habe ich die Ehre, Eurer Exzellenz im Namen meiner Kollegen und im eigenen Namen eine gemeinsame Note unserer Regierungen über die Voraussetzungen der Räumung dev Kölner Zone ausynhändigön." Der Reichskanzler nahm die Note mit folgender Antwort entgegen: „Seit der Uebergäbe der alliierten Noten am 6. und am 26. Jänner, auf die Eure Exzellenz soeben Bezug genommen haben, hat die Reichsregierung sowohl bei der Beantwortung jener Noten, als auch bei anderer Gelegenheit wieder h alt Anlaß genommen, ihren Standpunkt in der Frage der nördlichen Rheinlands-- zone darzulegen. Ich nehme auf diese Erklärungen Bezug.. Die mir übergebene Note wird von der Reichsrvgierung u n vorzüglich geprüft werden. Die Reichsregierung wird sodann die Entscheidung über ihre weiteren Maßnahmen treffen." Die Note und ihre Anlagen werden Samstag früh veröffentlicht werden. Der Inhalt der Note. Berlin, 4. Juni. (Tel.-Komp.) Die heute mittags dem Reichskanzler übergebene interalliierte Note besteht aus zwei Teilen, aus einer Mantelnote von nur. wenigen Seiten Umfang, und aus einer ganzen Anzahl sehr umfangreicher Anlagen. In diesen Anlagen sind auf Grund der Berichte der Militärkontrollkommission sämtliche B e s ch w e r d e- P unkte aufgezählt, die die interalliierte Militärkontrollkommission während ihrer monatelangen Tätigkeit ausgestellt hat. Die hauptsächlichen Beschwerden beziehen sich auf die U m st e l l u n g i n d u st r i e l l e r Werke, auf den deutschen Genera l st a b und die Organisation d e r P o l i z e r. Eine Beant w o r t int g der Note kommt vorläufig nicht in Frage, da die hiezu notwendigen Vorarbeiten geraume Zeit beanspruchen. Die Besprechungen mit den Führern der Reichstagsparteien über die Note werden in der nach st e n W o «beginnen. Sie Kosten der Marokfolrkeger. Paris, 4. Juni. (Tel.-Komp.) Die Regierung hat in der Kammer ein Kreditbegehren für den Marokkofeldzug eingebracht. Die geforderte Summe beträgt für den Monat Juni 31,700.000 Franken und für die beiden nächsten Monate ungefähr den gleichen Betrag, so daß im laufenden Jahr vom Juni bis 31. August die Marokkoexpedition 9 2 Millionen Franken gekostet haben w' Spanien führt weiter Krieg. Paris, 4. Juni. Nach einer Meldung des „Temps" solle die bereits mehrere Male angekündigte Landung eines spantscheu Expeditionskorps in der Alhucemasbuch! nunmehr unmittelbar bevorstehen. Man erwarte nur noch die Antwort auf das Abd el Krim überreichte 1l l t i nr a t u m ab. Für die Landung von 1 8.0 0 0 M a n n seien bereits die notwendigen Transportmittel requiriert worden. dieser Ansturnt gegen die horthymagyarische Burg politischer Ruchlosigkeit wirkungslos verpufft. Es handelt sich aber unseres Erachtens, wenn das Recht wieder zu Ehren gebracht werden soll, nicht bloß um die Sühne für die Ermordung der zwei Redakteure. Somogyi und Bacso sind nur zwei Nummern in der großen schwarzen Liste der Opfer der unter der Patronanz Horthys vollbrachten Greuel. Die Geister der Hunderten von ermordeten Juden tosen mit derselben Eindringlichkeit unter den Füßen der Mörder und ihres Befehlshabers wie die Geister der zwei unschuldig hingeschlachteten Journalisten und ps wäre eine hinkende Moral und eine unvollkommene Sühne, ivürden die Mörder nicht ausnayinslos für alle ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Es geht auch nicht um die öffentliche Moral in Ungarn allein. Ungarn gilt für die mordende und plündernde Reaktion der ganzen Welt als verlockendes Beispiel. Von Ungarn gingen die Aktionen der sogenannten unverantwortlichen Elemente aus und verbreiteten sich über die ganze Welt. Int Osten und int Westen Europas sind seitdem ungezählte Juden geradezu unter Berufung auf die straflosen Morde in Ungarn ums Leben gebracht worden. Von Ungarn muß also auch der Läuterungsprozeß, die Sühne der Verbrechen ausgehen. In diesem Sinne hat die Anklage Beniezkys gegen Horthy eine internationale Bedeutung,, und in diesem Sinne müssen alle guten Geister der ganzen Welt, nicht nur die problematischen Erdgeister des ministeriellen Domkapitulars Baß, so lange „tosen", bis von der Spitze Ungarns der Uebeltäter verschwindet, der so viele in Ungarn und mittelbar auch außerhalb dieses Landes begangene Verbrechen auf dem Gewissen hat I V -!.’■ -V K’’- -; . ■!■• sv ■(!lO. ■ •ft,, f'k: r» i k A:S& j ,.:'W ,! c.p s ' .JvV'l : «.‘.v v 1

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