Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2255 (31.5.1925)
- Date
- 1925-05-31
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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* Nr. 2255 Men, Sonn last - Mienek Mnraenzeituirft. 31. Mai 1925 Seite ll1 I —--«L- Bühne und Kunft. " „Kn nackte« Mödel gefunden." < il Lustspielpremiere in der Renaissaneebiihne. Ter Weg von der Erotik zur Sentimentalität ist hei den < ^rau^icu mit den reizeirdstcn Intimitäten tmd mit öcn lvchri sten Brutalitäten gepflastert. Unö auch dort noch, wo ein fv-au* i zosischer Lustspieldichter die Flügel der Pikanterie znhilfe , nimmt, gibt's eilten zartcir Schimmer von Poesie, einen warj men Duft von Stuiboitbchaglichkeit, ein Bohemetum des! Bürgcrlicheit. Ich kann mir denken, daß die Arbeit der Herren E Birabeau und Guition tit Paris gefiel. Bruno Franks deutsche i Boavbeitullg zerstörte den Reiz des Originoils, und was übrig : war eine lederne, duftlose Angelegelcheit. Und ebenso lcderit und duftlos war die Aussühnung bei Jarno. Statt Erotik Zynismus, statt Poesie Laugeweile. Frau Charlotte A n d c r, die im Winter einer: Anlauf zum Star genommen > hatte, legt sich eilt paar Haudbewcguugcn, eilt paar Grübchen, ein paar Schnattertöne Anrecht rrnd glaubt, dautit auskomme-n zu können. Ihre Manier ist vollständig uninteressant gaioorden. ^Ein bißchen Fleisch an Beinen und Arnken hinter dem schwär-. zcn Mantel, der Keuschheit und Jnngfranentnm vevbergeit soll, ist recht wenig. Die auderelt plätscherten hilflos durch drei Me. Mau hatte das Bedürfllis llach — Gänschättsel. Ja, ja, der Sommer unseres Mißvergnügens ist da. v. r. Sa« Prager Mnstkfest. Orchesterkonzerte. Ium zweiten Male lud die Stadt Prag die Internationale Geselkschaft für n e u e Mi n s i 1 in den Smetalta-Saal, in welchem das prächtige Orchester der l s ch e ch i s ch e « Ph* I h a r m o n i e unter Leituu.g seines ganz hervorragenden Dirigellteit Vaclav T a I i ch und der Gastdirigenten Erich Kleiber Merlin) und Alfredo Calfella (Nom) ganz meisterhafte Äluftührungen zustande brachte. Den größten künstlerischen Evfolig halte der Ungar Bella B a r t o J mit seiner Tanzsuitc. In wähchaft heidniischer Uvkrasl erstehen hier aus der Urzelle des Tanzes die Themen, deren erstes Bariok mit vollem Recht „barbarisch" nennt. Uckber nutreißende Steigerungen und scharfe Kontrastierungen durch ein lyrisches Riiornell und eine volkstümliche Ballade hinweg, klingt das geniale Werk in wildem Siegesjübel aus. Wie Bartok vermeidet auch sein Schüler Georg Kosa in seinen asthovistlisch knappen sechs Charakterstückchen, die noch recht anausgeglichen, aber stau! im Ausdruck sind, die ausgetretenLit Pfade. Der Wiener Panl A. Pick legt 1 in der Passacaglia seiner bekaituilich von der Stadt Sßicu preisgekrönten „Partita" ein kontrapunktisches Meisterstück ab, wogegen sein Landsmann M-ndolf Reti in dom Concertino ftir Klavier und Orchester die Wirkung der schütten Gedanken durch Gefühlsüberschlvaug uitd H.ommun>gslosigkeit beeinträchtigt. Bon den Tschechen ilvurzelt Rudoilif Karel in seiner virtuosen symphoirischen Dichttmg „Der Dämon" in neudeutscher Erde, Bohuslaw Martinu in seiner Spordkoniposition vom Fußballplatz „half lime", die trotz aller Knalleffekte noch lange kein „Feuertoerk" ist, int Strawinski), mit dam auch der stets .interessante Iungfrauzche Milhaud in seinen „P roten 8"->Fragnlenlen gerne infame Züge auftoeist. Während sich Ko min Ski in seinem in Wien bereits bekannten „Concerto grosso" mit deutscher Gründlichkeit, ja Pedanterie, strenge an die Men Formen hält, sind sie in Ernst Kreneks ,Mmcerto grosso" nicht viel mehr als ein Vorwaltd für technische Bravour und orchestrale Extravaganzen. Echt englisch, kühl, Langsam und Leidenschaftslos entwickcilt Ralph Baughan WiLLiams in seiner sovmvolleudeten ,-PastovalsymPhonie" mit Hilse illationaLer Motive feilte Gedanken, um so leidenlschastlicher ist die tief poetische Toirsprache des DeutschWhmen FideLio Finke in seinem sym- Phortischett Gesang »-Abschied". Nennen wir noch die anmutige Plauderei des Franzosen Roland Manuel in seinem „Tempo du balle", die hmnorvolle Kleinmalerei Bittorio Riet iS in den reizvollen Bildern der „Arche Noah" und die knappen, virtuosen Orchesterstücke des in Deutschland leibenden Wieners Ernst T o ch mit ihrer nngloichen Mischung von Nüchternheit und Phailtastik nick wir halben die wichtigsten Kontponisten der Orchesterkonzerte — wenn auch nur flüchtig — evlvähttt. ÄllleS in allem gab cs auf de nt diesjährigen Musikfeste wohl viel gekannte und weniger erlebte Musik, doch imntechin weniger Experiment, weniger Verkrampftes und Erklügeltes, nlshr natürliche Melodik rmd Siunensreude als in 4>cu Vorjahren. Die ärgsten Exzesse der Nachkriegszeit scheinen allmählich abz lest alten, und fo dürfett wir hoffen, daß Tradition und Moderne, Schönheit und Wahrheit wieder einmal — wie scholl so oft am Wendepunkte der Klmsteniwicklung — Msammensinden. ftb. Wiedererössnung de« Schönbrunner Schloßtheater«. Mit einer Aufführung der alten Oper „XerxeS" von G. F. Händel wurde die jüngste Wiener Opernbühne eildgeweiht. Direktor Rainer Simons als sein eigener Regisseur und Dr. Ernst Kuuwald am Dirigentetvpnlt hatten manche Einzelheiten des Werkes sorgfältig herausgearbeitet, ohlre daß das schwierige Problem, die Oper Handels aus dem Geist der Muistk he-rans zeitgerecht zu beleben, irgendwie gelöst worden > wäre. Das zahlreich erschienene Publikum spendete Lebhaften : Beifall. Alls das Werk und die Aufführung kommett wir noch ' ausführlich zllrück. * Zwischen dem B ü h n ettvere i n u»td Geheimrat Rainer -Simons wurde eine Eimgnng m de« verschiedenen Kon- - iftÄtsPunkten erzielt. Direktor Rairter Simons hat stch vernichtet, bis US. Sfmti ch« Kaution En der vereinbarten Höhe Artur Szyt. Der Maler Artur Szyk gehört zu jcueu Küilstleru, die lange unbekannt nnd namenlos bleibrit nnd nur ihrer Kunst leben. Eines Tages wird so ein Künstler Plötzlich „entdeckt" uitd das Pablikum kann sich nicht genug wuitdern, daß er so lange Zeit nn-bokantlt blieb. Mairchc von ihnerl tvarten ihr galdzes Leben auf eilte ähnliche „Errtdecknug" mtö sterben verkanllt. Einigen gelingt es, schon bei Lebzeiten cmporzllkommetl. Ist cs ein Zufall, der hier mitspielt, oder eine größere Macht'? Artur Sghk war ttoch vor einigen Tagen dem breiten Publikum uNbökannt. Erft seine Ausstellung, die kürzlich ciipcit großen Erfolg hatte, brachte ihlt .der Osfifeittlichkoit näher. Die Pariser Kritik, die sich im altgcmciucit unbekallnteit Künstlerrt gegellüber schr reserviert verhält, begrüßte in ihm begeistert „den Künstler, der bleiben wird". Seinen Erfolg hat Szyk zwei Umständen ztt verdanken: der Tatsache, daß er wirklich ein begabter uitd großer Künstler ist, nlld daß seine Kunst — jüdische Kllnft ist. Fiele seine Attsstellnttg in eine andere Zeit, wäre er vielleicht unbeachtet gebliabell; denn cs hätte voraussichtsich am irötigcn Verständnis für seine Wnstlerischen Bemühunge>t geschlt. Augeitblicklich aber befindet sich die moderne literarische Bewegung Frankreichs in einer Etappe, die der um das Etl.de des 19. Jahrhunderts ähnlich -ist. Damals streckte man die Hände sehnisuchtsvoll nach dem fernen Osten in der Hoffnung, dort eine Quelle für die eigene geistige Regeneration ztt finden. Alle Werke jener Zeit sind .daher mchr older weniger vom Einfluß der östlichen Kultlir gezeichnet. Heute befindet sich die jüdische Literatur im Ansmavsch, sich in FranEreich den ihr rrach ihren spezifischen Wertet: gebührenden Platz zir erkämpfen. Die „Revue Jitivc", »der vielgelescnc Roman des Nichtjudell Pierre Belwit „Jaacobs.Brunnen", die modernen Mischen Stücke. in den Pariser Theatern nrtd^ schließlich die zahlreicheir Uebevsetzttngen ans der jüdischen Literatltr sind idafür signifikante Merkntale. Artur Sgyk ist vor altern jüdischer Künstler. Seirre Illttstrationen zun: Pentateuch, zur Haggada, zum Buch Esther , sind Meisterwerke moderner Malerei. Denn er gehört jenen strengen Künstlern: an, denen die Malerei zu ihrer Lebensaufgabe wurde. Um die Illustrationen besser, wahrheitsgetreuer zu gestalter:, ging der Künstler nach Palästina, wo er sich lar:ge dem Studium der Denknräler, der alten Typei: und Uüberlieiferungen und vor allerr: dvm Studium des spezifischen Lichtes Palästinas gswidntet hat. Auch von den Fremden lernte er viel und gern. In lerne,: Miniaturen sicht man, daß er ein Schüler der persischen Meister ist, aber ihrer! Einfluß ■ bereits überwunden hat. Sein Werk ist von seltener Frische und Ovigiilalität. Die Vergangenheit, in die er sich mit soviel Liebe eingeschlosserr hat, wurde der größte Konflikt des Mnstlers. In einigeil ■feiuer Werke suhlt mau die Allgst, die ihn bisweilen übevkommt, sich ganz irr dieser Vergangenheit zu verlieren.. Die Jetzigkeit, die ja vor allem irr chm lebt, erhebt sich nun und verlangt ihr Recht. ' Artur Szyk erüvies, daß er aitch in der Behandlung der modernen Dhernen ein hervorragender Künstler ist. Die bunte Pracht des „Bildnisses des Herrn von Aiönzie", des jetzigen Ministers, beweist eine Vielfältigkeit -der Farbe und zartes Empfiirder: für malerische Kompositior:. Artur Szyk ist — mit Balgley, Feder, Landau und vor allem dem begabten Marec Schwarz — einer der Vorläufer der jüdischen Malerei. Mit Stolz betont er immer — wie Pierre Benoit vonpihm berichtet —, daß er ein Jude sei. Seine Schnsucht ist die Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Er selbst stammt aus Polen nnd kennt die Leider: seiner Mitbrüder. Ihrer geistigen Befreiung widmete er seine Kun'ft und sein Leben.. Für feil« hnm,ar:itärer: Verdienste -tvurde er seitens der srardMfcher: Regierurig mehrmals ausgezeichnet. Er soll nächstens Ainstleri'sche De-korationen über jüdische Dhernen für den großen Mlsklärnngsfilm vor: Pierre Benoit hevftellen. P a r i s, Ende Mai. A. P. Aus den Theatern. B u r g t b e a t e r. Morgen, 7 Uhr abends, „Peer G y » t." Dter:8taa „H a m l e t". A k a d e m t e t lr e a t e r. Atorgen, */a8 Uhr abends, „Der L i e b h a b e r". Dienstag „D o r T o k a i e r". S t a a t s o p e r. Morgen, 7 Uhr abends, „M a r g ar e t e" („Faust"). Deutsches Bolkstheater. Heute beendet Alexander Moissi sein Gastspiel. Morgen „Die heilige Johanna". K a n: n: e r s p i e l e. Heute und nwrgen. V-,8 Uhr abends gelangt „Die Mary", vier Szenen aus der guten Gesellschaft, neu einstudiert, zur Aufführung. N a i m u n d - T h e a t e r. Sonntag den 7. Juni. 12 Uhr mittags, findet eine Gedächtnisfeier für den kürzlich verstorbenen Schriftsteller Robert Müller statt. Ben Lieber gestorben. Gestern evlag der Gründer de8 Apollocheaters, Ben Tieber, einem Nierenleiden. Ben Tieber. der irr: 16. Lebei:sjahre nach Amerika arlAvanderte, war sin Barietefachnlann ersten Ranges und übte seine Tätig¬ Angenehme Serien können Sie nur denn haben, wenn Sie auf Ihr Blatt nickt verzichten müssen* Ihr Blatt ist die Wiener Vdorgenzeitung Geben Sie sofort NachrlohU wow Ste «nj Urlaub reisen» wir schicken Ihnen die Wiener Morgenzeitung sofort nach •r,; feit tu drei Weltteilen aus. Ir: Kapstadt leitete er erfolgreich eine Operettenbühnc. anläßlich der Pariser Weltausstellung ein Marionettei:cheater. Etide der Nonnzigerfahre ü-berftedelte Ben Tieber liach Wien, wurde zunächst Direktor des Kolosseums lknd später Eigentümer und Leiter des nach seinen Angaber: erbauten Mollotheaters, welches er als erstklassige Barietebühne bis zu seiner Erkrankung führte. Er brachte die bedeutendsten Barietesterne nach Wier: nnd seit: künstlerischer Geschnt-ack hielt das Ui:ternel,irren jahrelang auf ungewöhnlicher .ezöhe Ben Tieber erreichte ein Alter von 69 Jahren. Er war Witwer rrnd hintcrlüßt ztvei minderjährige Kinder. „Rund um deü Mittelpunkt." Diese Revue von Fritz Grnnbaurn, welche bis jetzt irr der Roland-Bühne zur Aufsühniiig gelängte, übersiedclt ab l. Irnri auf die .Freilichtbtthne des M e t r o p a r! e s. 2. Bez.. Prater sehemals Venedig in Wien). Jubiläumsaufsührungen. Im Lnstsp ieLthca t e t spielte Harrst Riese zum 100. Male ihre nrwüchslge „Frau des Debütanten" und wurde anläßlich dieses Jnbrlänms ftürrnisch gefeiert. Die vortreffliche Gcsamtvorstellnng tvurde bereits in'diesem Blatte gewürdigt. — J'm Johann S t r a u ß - T h e a t e r tvuwe die „telvdiöse, geschmackvolle Snppesche Operette „Die große Unbekannte" bereits zrmt 60. Male anfgeführt. Das Publiknn: war sehr beifallsfreudig. Gastspiel der Reinhardt-Bühnc in den Kammerfpielen. Zwischen der Direktion des Theaters in der Josefstadt und Direktor Siegfried Geyer ist gestern ein Vertrag zustande gekommen, dem zufolge die Schanspieler im Dlreater in der Jvsesstadt unter Führung Max Reinhardts in der: Kammevspielen ein GasWiel absolvieren. Gerichtssaal. Ser Wöllersdorfer Prozeß. Beginn am 4. Juni. Mchstcn Donnerstag beginnt vor dem Schöfsenfenat unter Vorsitz des Hofratcs Dr. Hotter der Prozeß gegen die in die Wöl'lersdorfer Angelegenheit verwickelten Angeklagten. Die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Hofrat Kadecka, hat die Anklage erhoben-gegen den 33jährigen Siegfried Neuhöser, Generaldirektor der Wöllersdorfer Werke Äl.-G., ferner gegen -den 45jährigen Leon S k l a r z, den Vertreter des Metallum- Konzerns in den Wöllersdorfer Werkelt, gegen den ihm verschwägerten finanziellen Direktor der Metallum A.-G., den ihm verschwägerten finanziellen Direktor der Metallum A.-G., den 49jährigen Helmut Reumann, und gegen den 02jährigen früherer: Gouverr:eur der Bosnischen Landesbank, Sektionschef a. D. Karl Pitner, der Präsident der Wöllersdorser A.-G. tvar. Die Anklage lalltet zrlnächst gegen alle vier Tlmgeklagten aus das Verbrechen des Betruges, bei Siegfried Neuhöser und Leor: Sklarz außerdem noch auf das Verbrechen der B e runtreunng, das Verbrechen der versttchten Verleitung zur Veruntreuung, das Verbrechen der versuchten Verleitung zun: Betrug und schließlich auf das Verbrechen der versuchten Ve^ Leitung zum Mißbrauch, der Amtsgewalt. r * Ein Jahr Kerker für die Gifirnischerir: Dübell. Die Verhaudlung gegen die Schneiderin Margit Dübell, die in Ha-- dersdorf in ihrem Wohnhaus Arsen in Kochtöpfe, die im Keller verlvahrt wurden, beigegeben hat, wodurch stehen Personell erkrankten. wurde gestern nachmittags zu Ende geführt. Der Gerichtshof erkannte diie.Angeklagte der öffentlichen Gewalttätigkeit durch boshafte Handlung unter besonders gefährlichen Verhältnissen schuldig und verurteilte sie zu einem Jahr schweren Kerkers. Nach dem Gesetze tot und lebendig zugleich. In einem in >den letzten Tagen heräbgelangten, in nichtöffentlicher Sitzung gefällten Erkenntnis des Obersten Gerichtshofes Vorsitzender Senatspräsident Dr. Fisch bock) wird der Grundsatz ausgesprochen, daß ein Mensch gleichzeitig tot und lebendig sein kann. Frau Marie M. hat als Fünfundzwanzigjahrige im Februar 1894 den Tischlermeister Eduard M. in Wien gcherratet.. Von seiten eines Elternterles war sie psychisch belastet; w:ederholt hat sie geäußert, obwohl sie in glücklichster Ehe lobte, sie werde in die Donau gehen. An: 20. Oktober 1906 — also nach Mjähriger Ehe — ist sie zum letztenmal gesehen worden. Se:t diesem Tage ist sie verschollen.^ Sie ist nie wieder gesehen worden und hat auch niemandem jemals ein Wort geschr:ebe::. Ihr Leichnam wurde nicht ausgeftmden. Nach 19 Jahren wurde über Ansuchen ihres Gatten die Frau Marie M., und zwar mit Beschluß vom 5. Februar 1926, für tot erklärt und als Todestag der Ä. Dezember 1916 angenommen. Dem gleichzeitig seitens des Ehemannes ausgesprochenen Begehren um Ehelösuug wurde Wne Folge gegeben. Die Dodeserklärmrg stützt sich :n der Begründung des Beschlusses auf § 24 des A. B. G.--B., die Abweisung der Ghelösuna auf 8 112 desselben Gesetzes. Gegen dieses Urteil hat der Ehemann den Rekurs an das Oberlandesgericht emgebracht, der sich hauptsächlich darauf stützt, „daß es als Triumph des Papieres über das Leben anzusehen :st, wenn angenommen wird, oaß ein Mensch zwar nach einen: Paragraphen des GeseAuches gestorben ist, nach, emem anderen Paragraphen aber noch immer die Möglichkeü gegeben :st, daß er noch am Leben ist." Dieser Ansicht hat sich das Oberlandesaericht angeschlossen und nicht nur die Todeserklärung bestatrgt, sondern in Konsequenz dessen auch die Che für aufgelöst erklärt. Den: gegen diesen Beschluß seitens -des vm: Amts wegen bestellten Ehebandsverteidigers eingebrachten Revchonsrekurs hat nunmehr der Oberste Gerichtshof Folge gegeben und de,: Beschluß des Oberlal:desaerichtes. der die Ehe für aufgelöst erklärte, aufgehoben, mit der Begründung der ersten JnstüM, berznfolge die Frau Marie M. zwar für tot erklärt, die Eye über ideshaib nicht als ausgelöst zu betrachten :st, da ore Mog- Lichkeit, daß die Frau noch lebt, immerhin noch besteht. — Gleichzeitig wurden der ersten Instanz noch einige eugairzeude Erh^oungelt vorgeschrieben. — Das ändert aber inchts an der Tatsache, daß das Gesetzbuch es znläßt, beMhungsweise .vorschreibt. einen Menschen effektiv für tot zu erklären, zu gleicher Zeit aber die Allfhebllng der Ehe mit der Toten verbietet. „Ehrennotwehr" gegen Tollers „Hinkemann". Das Amts- Eericht in Dresden hat :n zweiter Vschandlung alle Perone n, die die Erstaufführung des Trauerspieles „HMkeinann on Toller im staatlichen Schauspielhaus m. Dresden durch Pfeifen lind Singen gestört hätten, f re i gesprochen. In der Begründung dieses Urteils. heißt es,, die Angeklagtet: hätten aus Notwehr gehandelt. Die Verteidigung,aller rechtlich geschützten Güter, und darunter oud) der Ehre, fallen unter den Begriff der Notwehr. Zu den ideellen Gütern, dle verjejdigt werden dürfen» gehöre auch das Gefühl der Vaterlandsliebe. Die Angeklagten hätten sich in chren vaterläudiis scheu Gefühlen verletzt gefühlt. Ihre Haudlrmg sei nicht in „ruMtörender Tendenz" erfolgt. .