Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2252 (28.5.1925)
- Date
- 1925-05-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SSW HBfert, DünnerMg Wiener MsMMzertttM- 26. Mai 1825 waffvwerbot ia RlederSfteneich. «.INOILUN I.k0p0«.l> HAAS Ifllaid mit durch u. durchgehendem Muster Granit mit durch u. durchgehendem Muster braun, grau, grün. IX., Alsefstrasse Nr. 20 VIII., Lerchenfelderstrasse Nr. 164 IX., Aiserbachstrasse Nr. 12 XVII., Calvarienberggasse Nr. 46 Fachmännische Ausführung von Linoleum-Belagen. — Sehr billige Preise für beste Qualitäten. 960 zwei Wiener Hochschulen gesperrt. Der Unfug der akademischen Freiheit. Eine Abrüstungskonferenz geplant. Ern Comninnique 5>er niederösterreichischen! Landes-- vegievung teilt nt.it: . > LandeHauptnmnn Dr. .Barresch W anläßlich der Bo rfälle in Mödling den «ihm lurterstehendeu Stellen neuerlich nachdvücklichst die genaue Einhaltung seiner Kundmachung vonr 9. Juli 1924 eingeschärft, wouach auf Grund des Vereinsntuö VersamnTiungsgesetzes Bewaffnete an Versammlnngen nicht teilte h men dürfen. In der gleichen Kundmachung ist Merdies das Tragen von Waffen jeder Art bei jedonr soUsÄgon korporativen Auftreten von Vereinen oder vercinswhnlichen Organisationen., .insbesondere bei Ausrückungen, Ausflügen, turnerischen und fo!nft^gen sportlichen . UeLungeu i in Gekände, i i bis auf weiteres verboten. Mas die Vorfälle in MödNng als solche betrifft, hat Landeshauptmann Dr. Bnresch sofort nach >den ersten Meldungen in den Morgenstunden des 21. Mai Funktionäre der Landesregierung und des Landesgendarmeriekommaudos nach Mödling entsendet, sowie auch die Untersüüitznug der P o l i z e i d i r e 'k t i o n i n Wien hinsichtlich des Wiener Policeirayons irr Anspruch genomnten. Die Erhebungen seitens der Bezirkshailptmannschaft wurden beveit's im Lanife der Nacht, inder die 'ZusammensOße erfolgten, eingeleitet. Die gerichtliche ilnter^uchung Nmrde bereits am, 21. Mai ausgenommen. Der Landeshaniptmann hat die Verfügungen des BWrösha-uptmmme's und der ihm nnterstehenden Organe anIMich der in Rode stehenden Ereignisse überprüft und sie haben seine vollste BMgnng gefunden. < Der Landeshauptmann erivaivtet von allen in Betracht ko>nvnvenden Pa-rteielr, daß sie mit allen ihnen gut Gebote stchen>deu Mitteln und mit aller Beschleunigung dahin wirken tverden, daß di e Erregung, welche gegenwärtig weite BevÄkerungFkreise ersaßt hat, ehestens wieder einer, ruhigen und versöhnlichen Stimmung Weiche. . . Der Landeshauptutänn behält!sich vor, in allernächster Zeit.eine Besprechung , , ' von Vertretern aller Parteien i anzuregen, in der Maßnahmen zu erwägen wären, die geeignet sein Bönnien, für die Ankunft Ereignisse, wie sie in Mödling vovfielen, uumiögll'ich zu machen., i Verbot eines kommunistrschen Fugendtages. Die Kommnnlsten wollten am 30. und 34. ,Mai in Linz einen Iugendtag veranstalten, der hanpffächlich den Zweck -ha'ben sollte, da's an diesen Tagen in Linz tagende Wiedersehansfeist der Veteranenvereine zu stören. Die obevösterreichische Landiesvegiernng hat mm diesen BvMWNWischen ,Iugendtag v e vdot e n. Wiens Konfessionen. 201.513 Juden. Die »Statistischen Nachrichten" bringen aus den Ergebnissen /er Volkszählung vom 7. März 1923 die Gliederung der W i enerBevölkerung na 5) Religio nsbekennt-- u i s s e n. Von den 1,865.780 Einwohnern, welche als Bevölkerung Wiens am 7. März 1923 gezählt wurden, sind 1,518.830, das sind 8.1,4 % der Gesamtbevölkerung, Katholiken, 201.513, „ * 10,8 % „ * . Jude n, 89.132, „ „ 4,8 % „ „ Protestanten, 33.087, „ „ 1,8 % „ „ Konfessionslose, 14.911 0 „ 0,79% „ „ Altkatholikeu. Von dem Rest sind 2402 griechisch- oder armenisch-katholisch, 5331 entfallen' auf sonstige Bekenntnisse, während von 1074 Personen das Bekenntnis nicht angegeben wurde. Die Zahl der I u d e n hat sich gegen das Jahr 1910, wo 175,318 Bekenner der mosaischen Religion ermittelt wurden, absolut (um 26.195 Persouerl) und auch relativ (von 8,6% auf 10,8% der Gesamtbevölkerung) vermehrt. Auch die Protestanten (unter betten 79.843 der Augsburger Konfession angehören) sowie die Konfessionslosen weisen absolute und relative Vermehrung auf. Dagegen hat sich die Zahl der Katholiken absolut und relativ vermindert. Am stärksten überwkegen die Römisch-Katholischen mit 93,1% im 11. Bezirk Süiunering und mit 91,0% int 12. Bezirk Meidli, g, daun mit 90,5% im 21. Bezirk Floridsdorf; dagegen sind sie am schwächsten vertreten im 2. Bezirk Leopoldstadt mit 65,9% und im 1. Bezirk Innere Stadt mit 64,6%. Von den 202.613 Juden wohnen 59.722 im Gemeindebezirk L e o p o l d st a d t, wo sie 38,5% der Bevölkerung bilden. Ferner zählten die Bezirke Alsergrund 28.746 25,1%, Landstraße 14.204 — 9,83%. Innere Stadt 10.462 --- 24,3%, Brigittenau 17,572 ----- 18,04%, Mariahtlf 8941 --- 16,4%. Neubau 9838 -- 15,6%, Josefst a d t 6932 --- 13,8%, Hietzing 5977 --- 4,6% Mld Döbling 5665 --- 10,2% Juden. Hierauf folgen r Wieden mit 5570, Ottakring mit 4881, Währing mit 4601, Margareten mit 4471, Favoriten mit 4011, Hernals mit 3829, Rüdolfsheim mit 3706, FünfliauS mit 2904, Meidling mit 2405, Floridsdorf mit 1676 und an letzter Stelle der Bezirk Simmering mit 400 Juden, die doch 0,87% der Bezirksbevölkerung bilden. Den stärksten Bevölkerungsanteil an P r o t e st a »t e n weist der Bezirk W i e d x n auf, von dessen Beivohneru 5482, das sind 9,4% evangelisch sind; dann folgt Währing mit 6753, das sind 8% Protestanten. Der höchste Anteil der K o u f e s s i o n s l o s e n kommt im 21. Bezirk Floridsdorf vor, 3,1%, daran reihen sich die Bezirke 10, 11 und 16, das sind also weitaus ü b e rwLegend von Arbeitern bewohnte Stadtteile. Die Universität und die Hochschule für Welthandel waren gestern wieder der Schauplatz von völkischen Kriegsoperationen -größeren Stils, die den Zlveck hatten, die Hochschulen von Juden und Sozialisten zu reinigen. Universität und Hoch.schule für Welthandel wurden im Lause des -gestrigen Tages aber mal s gesperrt. Beide Anstalten bleiben, um weiteren Unruhen vorzubeu-gen, bis Dienstag den 2. Juni geschlossen. lieber die Vorgänge auf der Univevsität wird uns berichtet: Gestern früh nahmen die Borlestmgen ihren normalen Beginn und die Hörerschaft konnte durch das Haupttor in das Harrs gelangen, mußte sich aber vor Eintritt in die Universität mit Univer-s-itätslegit-imation ausweifen. Trotzdem gdlaug os auch Unbefugten, insbesondere Hörern anderer Hochschulen, dadurch Einlaß zu finden, daß ihnen gleichgestn-nte Kollegen beim rückwärtigen Eingang Un-iversitätssegitimMonen hevausreichten. Für 14 Uhr war großer Sturm angeisagt, der auch pünktlich einsetzte. Der Rektor erschien in der Aulu und mahnte zur Ruhe, hatt". aber damit wenig Erfolg. Ms der Tumult immer größer wurde, verfügt? das Rektor et die Sperrung der Universität und die Sistierung der Vorlesungen. Nur der rückwärtige Ausgang wurde freigegciben. Die in der Universität befindl.chrn Juden wurden von der großen Ueberzahl der Hakenkreuzler verprügelt (insbesondere in der Bibliothek kan, es zu tvüisten Szenetl) " und bei dem sreiigegebc-nen Ausgang unsanft hinausbefiövdevt. Run verließen auch die stegreichen Hcvkenikre-uzler, die durch Zuzug von den anderen Hochschulen verstärkt wurden, das Göbäuide und stürmten die Universitätsrampe. Mittlerweile hatte sich eine Anzahl .kommunistischer Studenten und einige Arbeiter, -die durch erregte Passanten VerftärVung erhielten, ans dem gegennbevlwgenden Trottoir der RliMtraße gesammM uind machten Miene, geigelt die ans der Rampe stehenden Hakenkrerrzler zn stürmen. Wache zog einen Kordon um die iMdipe-rfität und schützte die Hakenkreuzler vor der erregten Menge. Die sich durch die PoMszer sicher wähnenden Hakenkvsuzler fingen nun nach altem Brauch zu singen an. Die erregte Menge rief ihnen fortwährend Drohungen zu, die Kommmvisten riefen im Chor: ,-Arbeitermorde r" und ließen Schmährnse gegen die Polizei, die die Hakenkreuzler befchütz-e, laut werden. Ein kommmriftischer Student hiÄt eikre Rede, in der er heftig gegen den Hakenkreuzterror protestierte, woraus die Kommunisten die „Internationale" anstimmtekt. Immer mehr Passanten sammelten sich an, die mit geballten Fäusten den Haken kreuzlern drohten. Einige 2Me versuchte die Menge, den Wachekordon zu durchbrechen^ wurde aber von dem starken Aufgebot zurückgedrängt. Den Hakenkrenzlern, die so auf der Rarnpe emgesperrt ivaren, wurde es iimmer schwülior zu Mute. Sie bekamen es urit der Angst und auch mit dom Hunger zu tun, denn mittlerweile war es schon Mittagszeit geworden. Sie wollten gerne fort, konnten alber nicht. In dieser mißlichen Situation parlamenticrte ihr Führer mit der Wache. Diese sagte ihneri ihren Schutz zu und, begleitet von ein-em starken Wacheaufgebot zogerr die Völkischen unter Pfuirufen der erregten Menge ab. Die kommunistischen Studenten liefen den Hakenkrenzlern nach und bei der rückivärtigen Front der Universität, im benachbarten Votl'dpark und vor der Votivkirche kam es zu Schlägereien, denen die Wache ein Ende bereitete. Es wurden auch einige Verhaftungen vorgenonrnlen. Ein Teil der Hakenkreuzler ging mm in die in der Reichsra sstraße beftndliche Mensa und provozierte von den. Fenstern aus die Menge. Diese, zumeist aus kom)nuniftifchen Studenten und Arbeitslosen bestehend, machte Miene, die Mensa zu stürmen. Sie drückten auch das Tor ein und warfen mit Steinen, Flaschen und sonstigen Wursgeschossen gegen die offenen Fenster. Auch einige Sessel, die irgendwie aus die Straße gokomnlen waren, wurden zerschlagen und mit den Sesselfüßen gegen die Fenster geworfen. Die Situatilon wurde sehr kritisch, bis Wache cinschritt und die kommunistischen Stlweuten abdrängte. Mlch hier -wurden einige Berhaft-ungett vovgenommen. Die jüdischnationale Studentenschaft blieb -diesen Exzessen vollkommen fern. Trotzdem bekam hauptsächlich sie den Unmut der Wache zu verspüren. In einigen Fällen wurden sogar jüdische Studenten, die in die Universität eintreten wollten, von P o l >i z -i st e n g efragt, ob sie „Arier" seien. Ausfällig war auch die Energie, urit welcher die Wache Verhastungen Mischer Studenten voruahnl. GWn 2 U-hr trat vor der Ptensa wieder Ruhe ein. Ein starkes Wacheaufgebot blieb bis gegen 5 Uhr vor der Universität zurück. Am Nachmittag erfolgte die Schließung der Universität. Am Hmipttor wurde die solgende Kundmachung des RcktorL Hosrat Spcrl angeschlagen: „Wegen der am Dienstag den 26. d. vorgefallencn Ruhestörungen, die Mittwoch zu weiteren Ausschreitungen in der Universität geführt haben, verfüge ich bis ans wcii^ t-eres die Sperrung des Hauptgebäudes. Der Eintritt ist nur Prüsungskandidaten sowie den in .den Seminaren, Instituten, Biiblivtheken -usw. angcstelltcn Studenten gestattet gegen Vorweisung ihrer Legitiinlationen, sowie solchen Studertten, die sich wrrch Bestätigung eines Professors ausweisen, daß sie zu einer bestimmten wissenschaftlichen Arbe-i^ Instituts- oder Seminarränme betreten müssen. Der Eingang findet — auch für die Lehrkräfte und die Angestellten der Universität — nur durch das rückwärtige Tor, Reichsratsstraße % statt." Aus dieser Kundinachung ist zu ersehen, daß auch der V o r l e s u n g s b e t r i e b bis ans weiteres e i n g e st eilt ist. Ueber die Vorfälle an der Hochschule für Welthandel erfahren wir: Die Hakenkreuzstudenten, die in großer Zähl <v schienen waren, sandten eine Abordnung in die Rektoratskanzlcl und verlangten die Erlaubnis zur Abhaltung einer Versainnrlung gegen d >i e g e s a m t e jüdische Presse. Da der Rektor Hofrat Herder ich nicht anwesend war, wollte der amtierende Kanzleibeamte die Bewilligung zu einer solchen Versammlung -nicht ert>eilen. Er begab sich -in die Aula, wurde aber von .den Hakenkreuzlern, denen er sich als deutscher D.vamter vorstcllte, am Reden gehindert. Die Versammlung verlangte stürmisch den Abzug der jüdi jchett uud sozialistischest Hörer. Aber auch nichtdeutscho Arier mußten unter dem Drucke der Hakenkreuzler die HochsHule verlassen. Die so hinaus gedrängter: arbeitswilligen Studenten bildeten vor der Hochschule ein Spalier. In der Aula hielten die Hakenkreuzler ihre Versammlung ab. Mittlerweile erschien Rektor Heiderich von der Rektorenkorrferenz und wollte zwischen beiden Parteien schlichtend eingreifen. Er ließ sich von den beiden gegenübevstehenden Gruppen das Versprechen geben, einander ruhigen Abzug zu gewähren. Ms die Hakenkreuzler, unter denen sich sehr viele Hörer der Hochschule für Bodenkultur, kenntlich an ihrer bäuerlichen Kleidung und den Gnmmiknütiel-n, befanden, die Hochschule verließen, kam es trotz des gegebenen Versprechens zu Keilereien' in die die Wache eingriff. Die nicht-deutschen Studenten wurden zurückgedrängt. Das Wacheausgebot wurde verftäM, da sich das irrige Gerücht von dem Herannaherr von Arbeiterwehr verbreitete. Gegen 1 llhr mittags wurde die Ruhe vor der Hochschule wieder hergestellt. Die Hochschule wurde gesperrt und. eine Kundmachung des Rektorats asfkchilert. Sie lautet:: „Um weiteren Ruheftörnngen vorzubeugen, bleibt öiü Hochschule für Welthandel bis Dienstag den 2. Juni gesperrte Der größte Teil der Hakenkreuzler zog von der Hochschule für Welthandel zur Universität. Während der Ausschreitungen stellte der Prorektor Hosrat Dr. G r n n tz e l seine Prüfungen eiin, An der Technik ist es zn keinen nennenswerten Ausschreitungen gekonuuen. Bor der Anstalt sammelten sich Hakenkreuzler in größerer Zahl und stänkerten Mische und sozialistische Hörer an. Der Eintritt war nur mit Legitimation gestattet. Die Vorlesungen wurden äbgchalten, Gegen Mittag wuvde folgende Kundmachung affichiert: * „An die Studentenschaft der Technischen Hochschule! Die allgemein herrschende Erregung macht es der Studentenschaft zur 'besonderen Pflicht, alle Anlässe sorgfältig zu vermeiden, die den F r i e d e n d e r H o ch s ch u l >e störe,:. Da evfahrnngsgewäß die Unruhestifter oft von außen kommen, hat die heutige Rektorenkonferenz beschlossen, den Eintritt' in die Hochschule n u r g e g e n A n s w e i s l e i st n n g zu gestatten, Der Rektor der Technischen Hochschule: Sa l -i ge r." Auf der Hochschule für B o d e n k u ltur herrschte gestern Ruhe. Der von den ^hakenkreuzlerischen Studenten -inszenHer.'" Streik dauert an. Die Hochschule 'ist nach wie vor gesperrt, , i Ein Eingreifen des Bundeskanzlers. T\ Veranlaßt durch die letzten Vorfälle an den Hochschulen hat Bundeskanzler Dr. Ramek gestern vormittags die Rektoren der Wiener Hochschulen zu sich geladen. An der Besprechung nahm auch Bnndesnnnister -für Unterricht Doktor Schneider teil. Der Bundeskanzler richtete an die Rektoren die Anffordernng, mit allen Mitteln dafür Sorge zu tragen, daß die Ruhe an den Hochschulen unter keinen Umständen mehr gestört werde. ' Die Rektoren erklärten, daß der an der Universität bereits