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Wiener Morgenzeitung · 1925-05-20 · Heft 2244 (20.5.1925) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2244 (20.5.1925)
Date
1925-05-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Selchwaren a la PRAHA billigst!I für Wiederverkäufer WED0,lII.,Hemnarkt6 Telephon 95-4-38 5096 Der jüdische Terror. —y. Wien, 20. Mai. Es wird wieder „ungünstige Nachrichten" über Lesterreich geben. Die gestrigen Szenen an der Wiener Technik gehören in die Reihe der Dinge, die man lut, von denen aber nach amtlicher Ausfassung nicht gesprochen werden soll. Trotzdem wird es sich nicht umgehen lassen, daß auch die Welt außerhalb des Bergländerbundes erfährt, was man in Oesterreich unter Recht, Gesetz und beschworener Amtsunparteilichkeil -versteht. Und da ist das Interessante, das für die Kulturwelt Bemerkenswerte nicht das, was die Hakenkreuzler verübt haben, sondern lediglich die Tatsache, daß sie sich so frei und ungehindert fühlen. Sie sind die Herren und die Leitung der Hochschulen anerkennt ohne Widerstreben, ja sogar mit Freude die Führerschaft des radikalen Flügels der Hörer. Dies wäre an sich eine interne Angelegenheit der Hochschulen, wenn nicht die Art der Ausübung der Herrschaft immer. wieder, zu Konflikten mit den Gesetzen des Staates führen würde. Wer auch mit diesen Konflikten ist es eine höchst einseitige Sache. Die Studenten krawallieren, das Gesetz wind verletzt. Damit beruhigt sich Staat, Behörde und Gesellschaft. Man findet nichts Iveiter dabei. In Oesterreich nämlich. Im Ausland interessiert man sich doch für diese moralische Grundlage des Sanierungsstaates und man ist dazu gezwungen, davon Notiz zu nehmen, weil Oesterreich dank dieser Ueburw immer wieder von sich reden macht. Ball) ist es Wölwrsdorf, bald irgend eine Hakenkreüzbank, bald die Universität, die Technik, die Rechtspflege. Oesterreich ist ein interessantes' Land geworden. Man kann an seinem Beispiel ganz genau die Stadien des Verfalles studieren. Von der Lüge bis zur stinkenden Korruption. Alles ist faul und verdorben. Wer darüber spricht, vergeht sich gegen die Autorität und wird von dem Netze der Paragraphen oder der Disziplinarordnung eingefangen. Es ist alles autonom und der Kritik entzogen: Die Urteilspraxis der Gerichte, der Hochschulkrawall und selbstverständlich jedwede Magnifizenz. Sie müssen gegen den jüdischen Terror geschützt werden. Es ist jüdischer Terror, wenn der Professor Kobes eine EStandrede über die „gewisse Rasse" als Vorlesung über theoretischen Maschinenbau ausgibt. Es ist jüdischer Terror, wenn sich der wegen dieser Rede von zwei Zeitungen angegriffene Maschinentheoretiker aus Rache die Repressalie bei der Kammer bestellt, wie ja alle Krawalle von den zu Professoren avanciertet: Alten Herren arrangiert werden. Es ist jüdischer Terror, wenn am Tor der Technik in einer Affiche jeder Jude für ehrlos erklärt wird. Es ist jüdischer Terror, wenn ein Dekan namens Urbanek auf die Gesuche jüdischer Hörer mit Rotstift amnerkt: „Soll nach Lemberg gehen!" Es ist jüdischer Terror, lvenn eine jiddische Studentin durch die Stiegengänge gejagt wird. Eü ist jüdischer Terror, wenn die Mensa für bedürftige jiidische Studenten verrammelt wird, jüdischer Terror, ivenn die Juden von einem hohen Senat statutarisch als Parianation erklärt und unter das Fallbeil des Numerus clausus gestellt werden. Das ist jüdischer Terror. Aber die Haltung der Rektoren ist beileibe nichts als — höchste Objektivität, die in Gefahr kommt, wenn diese Juden ihren Terror nicht einstetten. Diese Bildungsbeamten sind höchst ungehalten, wenn man ihnen ihre aktive Passivität vorhält und sie ail ihrei: Anitseid erinnert. Sie weinen das ganze Jahr über das Unrecht, das man den: deutschen Volke tut, und dulden dasselbe Unrecht der wehrlosen jüdischen Minorität gegenüber. Sie sind wild, wenn sie vom „Boche" hören, und tun nicht das geringste, wenn durch die Räume der heiligen Alma mater das „Saujud!" gegröhlt .wird-. Sie sind nämlich objektiv und finden, das; die Inden provozieren, dadurch, daß sie da sind. Diese Rektoren und Professoren sind nun einmal der Ansicht, daß Gewalt vor Recht geht und daß nur die kompakte Majorität das Wort führen darf, zumal sie dem Begriff der Staatsnation entspricht. Dieselbetr Rektoren und Professoren fluchen in den entrüstetsten Tönen, wenn sie von der deutschen Minorität in der Tsch'll -^ "--' ' r'ViT. Sie liefern dem Nationalismus h- und die Rückendeckung. Halentteuzsturm auf die Technik. Hetzjagd auf Wische Studenten. Präs. Kobes hatte ln seiner am 14. d. im Rahmen seiner Vorlesung Wer theoretische MaschinenAnde gchalgehaltenen -politischen Rede über „die gewisse Rasse erklärt, wenn jemand daran Anstoß nehme, so werde er ihn „hübsch senkrecht an die gegenüberliegende Wand Projizieret. Das besorgte er nicht selbst, sondern seine Studenten. Die Rede wurw in einer Reihe von Zeitungen glossiert und so erschien gestern früh an den Gebäuden der Technischen Hochschule und der Hochschule für Elektrotechnik der folgende A: schlag: „Der ungarische Jude BekessY, der „Abend" des Juden Kohn - Colbert, als übelste Vertreter der jüdischen Journaille, haben sich erfrecht, den von jedem deutschen Studenten verehrten Professor Karl Kobes in gemeiner Weise anzugreifen. Es ist selbstverständlich, daß ein deutscher Student einer solchen Gemeinheit niemals fähig ist, wie es auch selbstverständlich ist, daß nur ein jüdischer Student, der, wie alle seine Standesgenofsen, keine Ehrfurcht kennt, fähßg ist, eine solche typisch-jüdische Frechheit zu begehen. Da sich in diesem Staat, der vorgibt, deutsch zu sein, keine Behörde, findet, welche dem Judentum in seinem Bestreben, jegliche A m t ö r i t ä t z n u n t e r §« a b e n, Einhalt.. grbiMH * ” * greifen wir deutsche Stüdenten zur Selbsthilfe. Als Repressalie für den jüdischen Angriff auf einen deutschen Professor wird den jüdischen Hörern am Dienstag den 19. d. der Eingang in die Technische Hochschule verlvehrt. Wenn die jüdischen Hörer auf dieser deutschen Hochschule ungehindert studieren wollen, dann mögen sie bei ihren tintenspritzenden Stammesgenossen dahin wirken, daß in Zukunft jedweder Angriff auf die deutsche Profcssorenschaft unterbleibe. Jeder weitere derartige Angriff hat eine neuerliche Sperrung der Hochschule für die Juden zur Folge." Zur Durchführung dieser von der deutschen Studentenkammer beschlossenen „Repressalie" — wohlweislich war der Anschlag ohne Unterschrift geblieben — besetz' ■— schon um S Uhr früh nationalsozialistische Studenten und Frontkämpfer das Tor der Technik. Jeder Student mußte eine Legitimation vorzeige,n. Jüdische Studenten wurden zurückgew iesen und unter ekelhasten Beschimpfungen verdrängt. Natürlich lebten die Helden dafür gesorgt, daß sie in der Uebermacht waren. Damit sie nicht belangt werden könnten, verweigerten sie die N a m c n 'snen n u n g, wenn man sie dazu aufforderte. Die Szenien dauerten etwa eine Biertelstuwie. Dann erschienen Prorektor Ha lter und der Dökan Professor Oerleh und -ordneten die Räumung des Tores an. Sie erreichten dies erst, nachdem sie den Renitenten die Relegiernng angedroht hätten. Kaum hatten sie sich jedoch entfernt, als gegen 9 Uhr das Gebäude voll ganzen Schwarmzügen der Nationalsozialisten und Frontkämpfer gestürmt und besetzt wurde. Patrouillen suchten alle Hörsäte, Lesezimmer und Laboratorien ab und jagten die jüdischen Studenten, die sich dort befanden, hinaus, trieben sie durch die Gänge und im-sultierten sie tätlich. Dies dauerte volle zweieinhalb Stunden. Gegen 7?12 Uhr verfügte der Prorektor die Schließung der Technik und die Einstellung des Betriebes. Um 11 Uhr vormittags wurde die Vorlesung deS Professors H a r t m a n n (Brückenbau) gesprengt. Vor Beginn der Vorlesung, in deren Auditorium sich unter anderen . drei jüdische Studenten und eine Studentin befanden, erklärte Prof. Hart m a u lt: „Ich höre, daß einem Teil der Hörerschaft der Eintritt in die Anstalt verwehrt wird. Wenn das richtig ist, so werde ich n i ch t lesen." Es wurde ihm geantwortet, daß den Juden der Eintritt verwehrt worden sei. Jll diesem Augenblick' wurde die Türe aufgerissen and ein Trupp von etwa 50 deutschuatioirale.il Sttidenteu drang schreiend in den Saal cm. Die Leute brüllten ununterbrochen: „Juden hinaus!" Der Professor Hartmann rief ihnen, zu: „Ich bitte, du Vorlesung nicht zu stören! Ich werde -mir das nicht gefallen lassen!" Darauf wurde, chm int Chorcnt-gegengeschrien: ,/Juden hinaus!" Der Krawall verstärkte sich, . chorauf'Prof. Hart mann erregt rief: „Ich lasse mir ' das nicht gefallen. Ich werde nicht lesen." Darauf verließ ' er 'den Saal, in dem null der Sannt forbdauerte. Die Ws-' ■ schert Studenten wurden gepackt, hmausgeführt, beschimpft und angerempelt. Durch ein dichtes' Spalier, das d i e Türen und Stiegen besetzt.hielt, mußten sie hindurch gehen. Einige flüchteten sich, da sie nicht durch das Haustor passieren wolltelt, in den Zeichensaal für Brückenbau. Die Hakenkreuzler Verfolgtelt.sie dorthin und wolltelt ' ifie auch aus diesem Saal hincmsürängen. Ein Student int fünften Jahrgang, namens Erich Giuzel, ein Großdeutscher,- protestierte gegen die Brutalität der Eindringlinge, denen er sagte: ,/Hier sind Hörer Volt den älteren . Jahrgängen, die hier zeichnen wollen. Verlasset sofort den Saal!" Er wurde unter Pfuirufen gepackt, auf einen Tisch niedergerissen und blutig geschlagen. Die Wischen Hörer, die sich in den Saal geflüchtet hatten, unter ihnen e i n e S t u d.e n t i u, wurden. nun wieder aus dem Saal getrieben und unter fortwährenden Beschimpfungen, wie: „Die haben ja Watschen- .gesichter! S a u j u d e n!" zum Haustor gebracht. Zu dieser Szene kam der Prorektor Halt e. r und verkündete in diesem Augenblick, daß die Hochschule bis auf weiteres gesperrt bleibe. Die Einleitung aller dieser Szenen hatte eine um . 10 Uhr vormittags von der Deutschen Hochschittkaiunter veranstaltete Huldigung für Kobes gebildet. Die Festrede hielt der Vizepräsident der Kammer namens M o r i tz. Danrt wurde das Vivat acadeinia gesungen. Während der ganzen Zeit Ivar das Tor der Hochschule H von einem nationalsozialistischen Spalier besetzt. Die Wache, die auf deut Platz..vor der Technik .Aufstellung genommen hatte, schritt nicht ei u. Zn Mittag war auch das Lokal der Mensa technica in der Gußhausstraße blockiert. Auch hier wurde dort Juden . der Eintritt verwehrt. Leiter der Mensa ist der Dekan der Maschinettbauschnle, Pros, llrbanek. Das wollen sie liicht verstehen, obzwar man von Männern der Wissenschaft mit einigem Recht logisches Denken verlangen diirfte. Aber die Haltung der sonstigen Stellen deS Staates, der Regierung und der politischen Parteien bestärkt sie in diesem Unsinn. Den Rektoren unp Professoren entspricht das Mandarinentum, das den Staat, seine Ehre und Reputation verwaltet. Die Regierung ist ein Ausschuß von Parteien. Sie ist so wie der Auftraggeber. Bon den Großdeutschen muß man nicht erst reden. Die Christlichsozialeu sind nur bedacht, ihre katholischen Interessen zu wahpen. Wenn ein Farbenstudent einen katholischen Burschen schief ansieht, daun wackelt die Welt. Die dritte Partei, die sozialdemokratische Partei der Freiheit, der Bildung, des Friedens, ist uninteressiert. Haben wir tticht gerade wieder eine donnernde Rede des Herrn Leuthner gehört über das akademische Recht? Hat er nicht gesagt: „Wir werdert nicht dulden . . Ja, er hat es gesagt, uttd er und seine Partei sehen zu, wir das Recht zu einem höchst akademischen Begriff wird. Die Hochschule für Bodenkultur steht int Streik und Streik ist den Sozialdemokraten immer teuer gewesen. Es geht allerdings nicht um eine Lohttfrage, sondern um eine Rechtsfrage. Das entscheidet. Die Rechtsfrage ist die der Auslcmdsjuden und so behält schließlich die. deutsche Hochschulkammer, einschließlich des Hofrates Saliger die Oberhand. Sie wehren sich gegen den j."OV-n T 'rr-. r

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