Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2224 (30.4.1925)
- Date
- 1925-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Ae gefälschte Kultur. -y. SB t e «, 30. April. Das führende Blatt der Labour Party, der „Daily Heraü)", erklärt, daß die der bulgarischen Regierung in die Hände gefallene Aufruhrsanweisung der Moskauer Internationale eine von einem russischen Spitzel in Berlin angesertigte Fälschung sei. Der Beweis liegt darin, daß diese Fälschung noch vor Bekanntwerden des Dokumentes von dem Berliner kommunistischen Organ mitgeteilt worden war. Bei dieser Darstellung des englischen Blattes mag wohl auch maßgebend sein, daß es für den Sinowjew-Brief, über den die Labour Party fiel, Rache zu nehmen wünscht. Das ändert aber nichts daran, daß die Existenz dieser Fälschung die Akte des weißen Terrors auf dem Balkan decken soll, und daß man wiederum einen lehrreichen Einblick in die Geheimnisse der Politik erhält. Das Spitzeltum und die Fabrikation falscher Dokumente blüht jetzt in Europa. Es gibt rege Nachfrage und die Unternehmer kommen gerne entgegen. Fast scheint es, als ob das Angebot hinter dem Bedürfnis zurückbleibt. Die Politik Europas ist nach dem Krieg wieder zu ihren früheren Methoden zurückgekehrt. Die Geheimdiplomatie lebt wieder lustig in den Tag hinein, aller Denwkratie zum Trotz. Die Regierungen stehen unter der Fuchtel des nationalistischen Patriotismus, der ewig das Vaterland, die Nation, die Religion, die Sprache und die sonstigen Güter bewacht tznd in seinem Argwohn unbedenklich Kerker und Galgen als höchst sittliche Dinge anwendet. Da bekanntlich der Zweck das Mittel heiligt, konnte die Politik niemals ohne die Mittel der Lüge und der Minen auskommen. Die Fälsckmng als Argument — das ist ein höchst ehrwürdiges Kapitel in der Geschichte und die heutige Menschheit weiß ein Lied davon zu singen, wie es um die französischen Flieger über Nürnberg und um die Cholerabazillen im Brunnen zu Colmar stand. Unsere Zeit ist auch in diesen Dingen zur technischen Meisterschaft gelangt. Die Voraussetzungen sind in reicher Fülle vorhanden. Viele tausende Menschen hat der Krieg um Hab und Gut und um die primitivsten Ehrbegriffe gebracht. Sie sind um ihre Geltung, um ihr Wohl betrogen worden, irren in der Welt umher und suchen das, was sie im Krieg als angeblich göttliches Gebot zum Nutzen der angefallenen Nation zu tun gezwungen waren, jetzt zum Unterhalt ihres Lebens zu verwenden. Sie haben gemordet, geplündert, gelogen, gefälscht. Je besser sie's taten, desto größer war der Ruhm. Weshalb sollte das, was bis zum Oktober 1918 Geld und. Auszeichnung brachte, jetzt ungenützt verdorren? So gibt es Tausende von Reisläufern und Abenteurern, die sich umtun, wo eine Trommel schlägt und ein Dorf brennt, und die politische Dokumente, Marschbefehle, Denunziationen im Großbetrieb herzustellen vermögen. Es gibt immer Regierungen o^-er Parteien, die sich solches Material gerne in die Hand spielen lassen, um Vergangenes zu sanktionieren oder Geplantes bekräftigen zu lassen. Wir leben in der Aera der Abrüstung, der Schiedsgerichte und der Verständigung. Aber zur Unterstützung dieser Tendenzen gibt es Allianzen und Gegenallianz'en, es gibt strategische Gesichtspunkte und Generalstäbe. Die Nationalisten streben durch den Krieg zum Frieden und die radikalen Sozialisten tun desgleichen. Alle beten zum Götzen des Revolvers, bespitzeln und belauern einander und erzeugen durch ihre willfährigen Agenten jedes notwendige Dokument. Es ist doch sonderbar, daß sich in jedem solchen Falle nachträglich die saure Moral meldet. Alle Ehrlichen schlagen die Hände zusammen und schreien: „Wie kann man nur!" Aber alle zusammen dulden seit Jahren die Verbreitung der frechsten Fälschung, die die Welt je gesehen hat. Was bedeutet das ärmliche kommunistische Dokument gegen die Protokolle der Weisen von Zion? Mit den falschen Befehlen oder Verträgen operiert eine Regierung gegen eine andere, wird der Radius der Schadenswirkung von vornherein abgegrenzt. Die von einem russischen Schwindler ausgeheckten, von einem deutschen Dummkopf verarbeiteten und von dem Amerikaner Ford bezahlten Protokolle haben auf der ganzen Welt gewirkt. Auf sie haben sich Dar Wöllersdorfer «Stiel. Ser Prozeß gegen die „Wiener Morgenzeitnng". Hievaiuf wird Gestern hat die Verhandlung gegen den verantwortlichen Redakteur der „Wiener Morgenzeitung", Herrn Jakob Krausz, stattgefunden, welche die von uns am 6. und 11. Jänner erhobenen Anklagen gegen die Auswahl der Sachverständigen in der Affäre Wölllersdorf entkräften sollte. In unseren Artikeln, die unter dom Titel „Das deutscharische Panama" erschienen waren, beschäftigten wir uns mit der rätselhaften Bestellung des Ingenieurs Roth von der ,/Gefm" durch das Landesgericht znm Sachverständigen und mit der ebenso rätselhaften Enthebung des zuerst beistellten Sachverständigen Kommerzialrat Buchwald. Die gestrige Verhandlung «hätte zur Rehabilitierung der östereichischen Justiz die Aufhellung dieser zwei Rätsol bringen sollerr. Der Verteidiger des Angeklagten, Dr. Plaschkes, hatte durch seine schon an: 20. Februar angebotenen und geistern wiederhcklten und ergänzten Beweisanträge die Konstatierung der Wahrheit herbeifühven wollen. Die ausschlaggebenden Be- Iveisanträge wurden jedoch nicht zugelassen, und so bleiben dte beiden Rätsel unaufgeklärt. Der Verlauf der gestrigen Verhandlung läßt im Gegenteil die Angelegenheit der Herren Roth und B u ch w a l d noch weit mysteriöser erscheinen, und es wird der Zweiten Instanz Vorbehalten bleiben, zur Klarheit vorzudringen. Herr Krausz ist zu zehn Schilling Geldstrafe der-- urteilt worden. Aber der Zweck der Verhandlung, die österreichische Rechtspflege von den gegen sie erhobenen Vorwürfen zu reinigen, ist nicht erreicht worden. * Zn Beginn der VerhaindlMg konstatierte der Vorsitzende, Hoifvat Dr. Höflmayer, daß das Äandesgericht in Strafsachen sechs Aktenstücke aus dem Akte Wollersdorf aus- . gewählt und dem Gerichte übevsendot habe. Weiters konstatierte der Vorsitzende, daß die beiden Untersuchungsrichter, Oberlandesgevichtsvat Dr. Kiclhof und Obevlandesgevichtsvat Dr. Wetz, bezüglich der Vorgänge bei der Bestellung der Sachverständigem in der Angelegenheit Wollersdorf von ihrem Dienstgeheimnis' entbunden wurden. Verteidiger Dr. Plaschkes protestierte auf das Nachdrücklichste.dagegen, daß man seinen Beweisantrag auf Herbeischaffuing des Mtes Wollersdorf so ausgvführt habe, daß man sich mit der Auswahl von sechs losen Blättern seitens irgend welcher Organe des Landesgerichtes begnügt habe, statt ihm selbst E i n s i ch t i n d e n Akt und Einfluß ans die Auswahl der ihn interessierenden Urkunden zu geben. Er beantragte wiederholt die Beschaffung des Aktes Sklarz und Genossen. Hierüber wird die Beschlußfassung vorbchalten. Der Richter verliest nunmchr die vom Äandesgericht eingelaugten Aktenstücke aus welchen sich ergibt, daß Kommerzialrat Bnchwald von dem Verteidiger Dr. Benedikt äbgelchnt wurde, weil er angeblich ein Konkurrent der Honsel- Alu m i n i u m w e r k e sei; es ergibt sich ferner alten* mäßig die Tatsache, «daß Ing. Oskar Roth am 13. August 192-1 als Sachverständiger beeidet wurde und noch ani 16. August»' ja sogar bis 31. Dezember Beamter der „Gefia" war, welche mit den Wöllersdorfer Werken in enger Geschäftsverbindung , stand, und daß dies alles nicht genügt häbe, um feine Ablehnung herbeizu,führen. Erwähnt s-oi, daß sich weder ein Verteidiger der Sklarz-Gefellschaft, noch der Staatsanwält gegen diesen höchst meMvürdigsn Sachverständigen'gewendet häben. in das Beweisverfahren eingegangen und als erster Zeuge Oberlandesgevichtsrat Dr. Kielhol der Untersuchungsrichter in der Angelegenheit Sklarz und Genossen, eimvevnommen. Er gab an, daß er zur Aufhellung der Wöllersdorfer Affäre einen Ovgauisationstechniker als Sachverständigen gesucht habe, der die verschiedenen Unternehmungen kennt. In einem Gespräch hat mir — führte der Zeuge aus — der Vizepräsident des Äandesgerichbes, Hofvat . Dr. Ei chinge r, den Namen des Herrn Ingenieur Roth genannt und gesagt, er besitze gute Branchenkenntnisse und sek ein charaktervoller Mensch. Ich ersuchte ihn, Roch in mein Bureau zu bestellen. Bon Hofrat Dr. Zorn, dem Chef der Wirtschaftspolizei, wurde mir der Name des Kommerzialrates Buchwald genannt. Ich habe auch ihn bestellt, zumal er in der Sachverstäudigenliste vovkam. Kommerzialrat Buchwalsagte auf meine Fragen, daß er ein igemal in Wöllersdo rf Waren gekauft hat, und Ing. Roth sei Beamter der „Gsfra", A.-G. für Wärmetechnik, aber eben im Ausscheiden begriffen. Damals war von der „Gefiä" . «nw-Mtervu«r andeutungsweise die Rede, daß sie« eure .Kesselanlage gekauft habe. Mg. Roth hat mir mitigoterlt, daß ,er von diesem Kaufe keinerlei Vorteil halbe. Ueber die Berufung des Sachverständigen Bnchwald weiß ich nichts, die ist während -meines Urlaubeserfolgt. Auf die Frage des Vorsitzenden gibt der Zeuge an. -daß an Stelle des ausgeschiedenen Sachverständigen Buchwald Banrat Drexler bestellt wurde. Bert. Dr. Plaschkes: Welchen Borgang ha'ben Sie, Herr Zeuge, zu wahren, wenn ein Sachverständiger bestellt werden soll, welcher iu der Liste nicht vorkommt oder aus einer Bevussgruppe, welche in der Sachverständigenlifte nicht enthalten ist? Zeuge: Ich kann die Frage nicht beantworten. Vors.: Das stcht in der Stvofpvozetzordimng. Dr. Plaschkes: In der Sdvafprogeßovdnuug stcht, daß sich der Mtersuchungsrichter an die Sachverständigen zu halten hat, welche bei Gericht bleibend angestellt und beeidet sind. Z e u ge: Ich habe einen besonderen Sachverständigen «gebraucht. ' Bert.: Worum häben Sie sich nicht a n die Handelskammer gewendet? Zeuge: Mir, -raren die Empfehlungen des Vizepräsidenten E i ch in ge r wertvoller als die der Handelskammer. Bert.: Woher häben Die gewußt, daß Roth ein so besonderer Organisationstechmkor ist? Zeuge: Das habe ich mir gedacht! Bert.: Entspricht es der Uebuug bei Gericht, daß man .auf Empfehlung en drirtter Per sonen Sachverständige bestellt? Zeuge: Das kommt vor. Bert.: Warum haben Sie gerade dem Vizepräsidenten Ei chinger Kenntnis der 'besonderen Dualitäten des Sach» . verständigen Angetrant? Zeuge: Weil er es nrir gesagt hat. Verl.: Ist iur Prozeß Wollersdorf hervorgetom» men, daß die „Gefia" außer der Kesselaulage n o ch t e t w a s a nde res gekauft hat? die ukrainisch-kosakischen Pogromisten berufen, auf sie beruft sich die Professorenweisheit in Deutschland, in, Polen, in Rumänien, der Horthy in Ungarn und der amerikanische Einwanderungskommissär. Mit «diesen Protokollen sollte «ein ganzes Bott diffamiert werden,. und wir haben auch gesehen, daß sie in England und in Italien, ja sogar von arabisch-christlichen Pamphletisten zitiert wurden. Viele, viele jüdische Waisenkinder können dieses Schandbuch beweinen. Aber keine Regierung, keine auf ihre Gesittung so stolze euro- Päische Partei hat gegen die Lumpen protestiert. Jni Segenteil. In Wien, im Zentrum Europas, gibt es ogar Amtsräume, die Universität, in der unter den lugen geeichter Kulturwächter die Fälschung verauft wird. Diese Tartüfferie trägt ihre Strafe in sich. Die Ägenmethodik wendet eine gegen den anderen, alle >egeneinander an. Hat man in London ein Dokument gefunden, so erzeugt Moskau cwschwind das Gegennittel. Sie sind alle mit Reckt Träger der allein echten lnd iinmer antiiüdischen Sittlichkeit und fressen einnder wie wilde Bestien auf. Frahjahrs Neuheiten in Damen- und Henenstorren zu sehr billigen Preisen bei Dir Schiffmann II. Taborstrafie 48 Tolanhon 47»1»7P In gro» ln WH