Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2220 (26.4.1925)
- Date
- 1925-04-26
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Me.MY.M«T Oonniaq Wiener Mornenl-eiluns. des Ge1>ichts. Nur Griebs Musik, dom Werke jetzt schon so organisch verbunden wie etwa Mendelssohns Musik 5>eift Shakespearschen „Somme''nachtstranim", tritt bei iblcfet Ausführung bedenklich in den Hintergrund. Dafür läßt man die konge,n:ale Musik zu Aases Sterben, jene Weise, von der OttS Wein-iir-ger sagte, daß sie „die Lieft verdünnt", nach Aases letztem AtenMg voll nachklingen, und es soll in Dank und Ergrissenhett vermerk: sein, daß dieses .Herzstück der Dichtung am Bnrgchecrter heil.ge, tief erschütternde Wirkung Übte. Durch diesen Höhepunkt und durch die herrliche Gestaltung der Schlußszenen ist wettgemacht, was bei keiner „Peer-Gynt"-Aufführung zu vermeiden ist, auch bei dieser fleißigen, wohl disponierten nicht: daß gelegentlich Ermüdung eintrrtt. Die gute Gesa-mtausführung wird nur von wenigen Spitzenileistnngen überragt, die durchaus Episodenfiguren betreffen. Es sind die gazellenseme, kühle Anitra des Fräuleins Wagenev, der scharf geprägte Dogriffenfeldt Heines, der dämonische Knopfgießer Sieverts und der trefflich gesprochene ,-fremde Passagier" Philipp Zeskas. Peer Gynt ist Herr Treßler. Die Leistung ist respektabel, die Maske deS goauerten Peer ist außerordentlich. Aber das Forma-t der gangen Figur ist schmächtig. Insbesondere im ersten Teil. Ein Springinsfeld. etn heiterer Bauernjunge, dem -die genialischen Phantastereien, der urgewailtige Drang nach eben nicht zuzumuden sind. Peer Gypt muß aus härterem, edlerem Material geschnitzt sein. Bezwingend ist Treßler als gutan'gszogonor Nabüb in mittleren Jahren^, an der marokkanischen Küste biwakierend, und amüsant alls falscher Prophet, von .Haromsdamen'umkranzt. (Jene Episode an der Südtvsstküste von Marokko ist überhaupt meisterlich herausgearlbertet. Ein Gelsaantlob allen dort Beteiligten.) Sehr angenehm die Solveig der Frau Püuikösdy — aber - diese -innige, linde, blond-füße Magd ist Ibsens Solveig nicht. Hingcöbe und LiMichkeit sind nicht die entscheidenden Qualitäten des jungen Weilbes, das zu Hause ist, „wo im Winde die Kiefern sausen", das dem Verfemten in die eisigen Höhen folgt und ihm sein Leben opfert. Doll Verdienst Frau Senders als Aase (aber doch blässer, „gemütlicher", als zu erüvavten war), Frau Meyer (,-die Grüne") und Herr Danegger als gemütlich-zynischer Dovre-Alter. ' Für den Schluß ausigespart, weil sie in ihrer sinnlichen Kvcht und Melodik überraschend eindrucksvoll war — eine TaaHpantomime von bezwingender Plastik —/ die Begegnung Peer GhnttS mit den Sennerinnen. Beteiligt sind die Damen Wille, Perey und Burg. Ihren erotischen Reigen sollten sich die Danzerinnen ansehen, die uns so häufig mit ihren Solo0benden quälen. Otto Abcles. „Ne grobe Trommel." (Modernes Theater.) -Der Versuch: „Gesprochene Zeitung", ist seinerzeit im Kanzertsaal nicht gelungen. Der Ulk, die einzelnen 'Zeitungsrubriken eines' Boulyvardbkattes zu „spielen", auf den Brettern vorzulführen, ist gestern den Herren Felix Fischer und Oskar Fr-iedmann durchaus geglückt. Witzig und zeitgemäß sind insbesondere die Szene „Hausball bei Spitzer", ferner die „Filmrnbrik" und ganz besonders das „Romankapitel". Gesungen und getanzt wird verhältnismäßig wenig. Man verlangt nicht mehr. Die Liedertexte, die nmn hört (bis auf den köstlichen Abgesang des Romankapitels), sind der Novität schwächster Teil. Herr Lessen beüvährt sich als journalistische Begabung, die das Blatt in die Höhe bringt, außerdem zum Vergnügen des Pllblikums als bemerkenswert origineller Coupletsänger. Herr Uiberacker als Lokalredakteur und Herr Schrecker als Reporter (und Spielleiter der Revue) sind sehr amüsant, Gerda Maurus, Daish Holms und Carmen Carteilt er i sind die angenehmen Damen des Abeiids, um -dessen Gelingen sich auch die Herren Puch stein und Ritter verdient machen. Der neuartige Spaß wurde beifällig ausgenommen. Aus den Theatern. Die Kassen der Bn-ndesthsater bleiben Freitag den 1. Mai ^schlossen. Der allgemeine-Berkauf für SamStag den 2. Mai und Sonntag dorr 3. Mai beginnt Mittwoch de;, 29. 4>., beziehungs- >ivelje Donnerstag den 30. d. Die Stammschinhabrr werden ersucht, chr Borb.ezngsrecht für die genannten zwei Tage entsprechend dieser Verschiebung -auszuüben. Vci v'.lth-ra-t-e-r: Morgen, 7 -Uhr (kein Kartenverkauf), „Das Wrntermürchen". — Dienstag „Die Spielereien einer Kaiserin". A k a d e m i e t h e a t -e r: Morgen halb - 8 Uhr „Der Querulant". Oper nt he ater: Dienstag „Cavalleria rusnrana" und „Der Bajazzo". Theater im Redouteusaal: MoMn halb 9 Uhr „Der Barbier von Sevilla". — Dienstag die Ballettkomödien: „Les peti-ts riens", ,/Pülemella". .Mal eustnme" und „Teddybär". D out; ch S V-olkstheat-er: -Mittwoch zum ersten -:0t ilc „Wauwau" mit Pallenberg umto Anton Edlhosrr. Neu es Wiener Stadttheater: Das Gastspiel der Pariser Schauspielerin Madame Simone -und ihres Ensembles begürut an: Miuwoch den 6. Mai mit einer Vorstellung von „Rasili" (Bccc-oiot) von Henri Bernstein. Im Schönbrunner Schloßtheater beginnen demnächst unter Dr. Ernst Kunwalds musikalischer Leitung die Proben zu den erster: Vorstellungen. Als Eröffnungsvorstellung wird die Opera busfa von Händel „B erxe 2" vorbereitet. Wz zweite Vorstellung ist die kölnische Oper von Dittersdorf „Doktor und Apotheker" -bestimmt. Weitere Vorstellungen Werder: Lortzin-gS „Wildschütz", Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen" und Smetauas „Verkaufte Braut" sein. Abonnements aus alle diese Vorstellungen nimntt die T-heatergemeinde, Schönbr»nn:er Schloß, entgegen. I Der „Kunstlerabend" im Konzerthaus. Zugunsten des zu errichtende»: Altersheirus findet am Dormerstag den 7. Mai im Große»: Kouzerthaus-saal unter, dem Ehreuschutze -des Bundespräsidertteu Dr. Michael Ha'ulisch -ein großer „Künstlerabentz" statt. Die Kartenausgabe beginnt morgen an der Kasse des KorMrthailses und im Äomiteebureau des AlterLheirns, 3. Bez., Hauptstraße 1,1. Stock, Del. 92-1-10.! tzerichtssaal. klar Woche Werhrotprorrh. Pros. Sedlak bezeichnet den Erwin« als übermäßig. Zu Beginn der gestrigen Verhandlung führte der Vorsitzende Vergleichder Brotpreise in andere» Städten an. Der Angeklagte Fried meint, daß man aus den Vergleichen den Schluß ziehen köime, daß Linz keineswegs billigeres Brot abgefetzt habe. Aus.weiteren Vorlesungen geht hervor, daß der Brotbedarf in Wien zu 70 Prozent von den Brotfabriken gedeckt werde und daß ein Konsum von ungefähr 300.000 bis 380.000 Kilogramm Brot täglich vorhanden sei. Nut: wird der Sachverständige Prof. Vinzenz Sedlak vorgerufen. Auf Wunsch der Verteidiger verlasen die übrigen Dnchsachverständigen zunächst den Saal. Profe sor Sedlak. gibt eine Darstellung von der Größe des Untersich der Zeuge: Die Firma hat für die Zeit vom 17. bis 23. August 1024 eine Kalkulation geliefert, in der sie den Betrag von 718.870 K. als Erzen gungskosten. für 100 Laibe bezeichnet, woraus sich ein Gewinn von 413 K. ergibt. Das sind 5,7 Prozent der Erzeugungskosten und 5,6 Prozent des Verkaufspreises für. Wiederverkäufer. Der Sachverständige ist der Ansicht, daß die Zinsen des eigenen, in Korn und Mehl investierten Kapitals nicht berechnet werden dürfen. La»:t Angaben des Unternehmens hatten die beiden Direktoren einen . ' Jahresgehalt von je 1,530.000.000 K. Das ergibt pro Laib eine Belastung von 136 K. Nach einer eingehenden Darlegung der Differenzen, die sich bei der Spesen»- berechnung zwischen dem Resultate der Ankerbrotfabrik und dem der Sachverständigen ergebe»:, begründet Prof. Sedlak die Nebermätzigkeit des Ankerbrotpreises in der Woche von 15. k>is 22. Äugust 1924. Er sagt: Nach der von der Ankerbrotfabrik erstellten Kalkulation ergibt sich ein Gewinnaufschlag von 413. K.. pro Laib. Dieser Aufschlag, vernlindert um 40 Prozent Steuer, ergibt einen Reingewinn von 261 K. pro Laib. Nach u n.s e r er Kalkulation betragt der Gewinnaufschlag pro Laib 1408 K. Das sind 18,5 Prozent des Verkaufspreises an den Wiederverkäufer. Nach Abzug der 40prozent:gen «Steuer komme ich zu einem Reingewinn von 856 K. pro Laib. Ich bin der Ansicht, daß dieser Reingewinn übermäßig ist und daß damit der in der bezeichneten Woche in Geltung gewesene Verkaufspreis von 7600 K. ebenfalls übermäßig ist. Die Broterzeuaung rechtfertigt nur euren Gewinn in mäßigen Grenzen. Der Sachverständige begrmrdet seine Behauptung mit allgemeinen Erwägungen, was den Verteidiger Dr. M r a v l a g zu der Bemerkung veranlaßt, daß her Sachverständige'nicht dazu da sek,.um Romane zu erzählen.- Der Vorsitzende macht die Bemerkung: Es geht schon wieder an- Im weiteren Verlaus der Fragestellung an den Sachverständige»: kommt es zu einem . stirrmischen Austritt zwischen dem.Verteidiger Dr. Mxävlau.m:d hem.Staatsanwalt Hofrat Dr.. Winterstek»:: Dr. Mravlag hält nämlich den: Sachverständigen vor, daß' ihm im G u t a ch t e n einige Fehler unterlaufen sind und daß wegen dieser fehlerhaften Berechnungen der Ge»reraldkrektor Fried heilte auf'der Airklagebank sitze. Schließlich wird ihn: eine Ordnungsstrafe Von 100 Schilling auferlegt. Der Verteidiger Dr. ©ruber stellt• tu energischer Weise Ftagcn än'.den Sachverständigen. Einmgl rrrft Dr. Gr Nb er erregt: Wenn die Ankervrotfäbrik das Mehl verkauft hätte (anstatt es zu verarbeiten), daün hätte sie 902 K. am Kilogramn: verdrent und wäre, nicht in die Gefahr gekommen, eine : zehnjährige Kerkerstrafe dafür zu erhalten. — Bors, (zum Sachverständigen): A»:f diese Frage brauchen Sie Feine Aylwort zu geben. Wiederholt beschwert sich der Berteioigey, daß' er keine deutliche Auskunft vorn Sachverständigen erhalten könne. So geht dieses Fragespicl eine Weile fort. Schon vorhör war es zu einer gereizten Auseinandersetz»:ng gekonnnen. Der Sachverständige hatte sich nämlich in einer Ziffer geirrt, die der Verteidiger wiederholt von ihm zu erfahren wünschte. — Doktor Gruber ruft: Na also, endlich. Ich chabc nämlich nicht nur Jus, sondern auch Versicherurt'gsrnathematik studiert, aber um diese Rechnung auszuführen, braucht man weder Mathenratiker. noch Sachverständiger zu sein,, das weiß doch nach Adam Riese jeder Bolksschüler. — Vors.: Aber ich bitte, wozu ist denn das notwendig? — Veri.: Jetzt frage ich schon seit einer Viertelstunde nach dieser Zahl! Die Verteidiget stellen verschiedene Fragen an den Sachverständigen bezüglich des Schlüssels des Gutachtens. Der Vorsitzende bemerkt einmal: Wir wissen, daß man über die drei Theorien, die Umsatztheorie, die Veredlungstheorie und über die Theorie der Ankerbrotwerke, die nach der Summe der Löhne und Materialien die Preiserstelln»:g eknrichtet, verfch.iebener Meinung sein kann. Sie können es mit Beruhigung dem Gerichtshof überlassen, für welchen Schlüssel er sich dem Gesetze und dem Rechte nach entscheiden will/ In der Nachmittagssitzung erstattete der Buchsachverständige Ing. H e i n d l ein ausführliches Gutachten. Ich bin, sagte er, mit den anderen Sachverständigen eiyig in der Auffassung, daß der G e w i n n z u s, ch l a a von 413 K. pro Laib angemessen ist. Ein darüber yinausgehender Gewinn ist übermäßig. Der Angeklagte macht die Bemerkung: Hätten wir unwirtschaftlich gearbeitet, wäre das Brot teurer gewesen. Weil wir rationell gearbeitet haben, will man uns nicht erlauh'en, Rücklagen vom Kapital zu machen. Bor Schluß des gestrigen Beryandlnugstages stellt Doktor G r u b e r im' Namen der drei Anwälte neue Beweisanträge. Es ist darunter ein Antrag, Konsumentenvertreter darüber zu hören, daß der Konsum von Schwarzgebäck zurüchgegangen sei, ferner über die Brotpreise und die Produktionsbedingurlge»: in Linz. Der Staatsanlvalt Höfrat W i n 1 e r st e i n spricht sich gegen alle diese Anträge ans, die er als unerheblich und zum Teil schon, als dnrchgeführt erklärt. Dr. Benedikt stellt.an den Vorsitzenden noch die Frage, ob sein Antrag, daß die Aukerbrottvcrke in beit Jahren 1915 bis 1920 unter dein Höchstpreise verkauft haben, vom Gerichtshof schoi: berate»: worden seü Der Verteidiger fügt hinzu: Das ist für die s nbjekt ive Seite i»t diesem Kriminatfalle von Bedeutung, ob je»nand, ' der der wucherischen Ausbeutung angeklagt ist, zur Zeit des Krieges und zur Zeit der wirklichen Not der Bevölkerung bedeut ende Opfer gebracht hat. Ter Vorsitzende antiuuilet hierauf, daß sich der Gerichtshof die Beschlu'ß'fassullg' über diesen Antrag, wie noch über eine Reihe von andere»: Anträgen Vorbehalten habe, und vertagt die Verha,:dlnug auf Montag. _26. Mil im_Seilt S Sollswirt. Frankreichs Awaarsorie«. Die Schwankung des Franke». — Die Geldbeschaffung durch Schatzscheine. — Dar Gespenst der Inflation. — Die finonziellen Hoffnungen ans den Friedenskämpfer Caillaux. Man hatte geglaubt, daß die Betrauung des bekanntei: franMschen Fimnzmannes Caillaux mit -der Leitung des Finanzressorts in der neuen ftangösrschen Regierung mit einen, ' Schlage alle Befürchtungen, die um die Entwicklung der Franken geäußert wuriden, endgilltig bannnen werde Tatsächlich Hai auch sofort nach der Bildung des neuen französischen Kabinetts eine kräftige AustvärtSbewsgung des Franken auf sämtlichen ausländischen FstmnzMtzen eingesetzt. Doch diese Deweg««U -hielt nicht lange an. Seit einigen Tagen beginnt bet Franken wieder zu sinken. Auf den internationalen Märkten, wo sich vor einiger Zeit eine ziemlich ansehnliche Konlermine gegen den Franken entwickelt hatte, die nach Bekannlwerden der Ernennung Caillaux' die Segel gestrichen, zeigten sich wieder An« klänge einer Baissespekulation. Die Motive, welche für die plötzliche Schwenkun-g der Spekulation maßgebend sind, Wegen in erster Reihe in den noch weiter ungelösten Finanzproble-men Frankreichs. In seiner Antrittsrede hat Finanzmiister Caillaux sich nur in allgemeinen Worten über die Bchobung der fvanizöstschen Finanzkrise geäußert. Er hat erklärt, daß er irr Kürze ein defizitloseS Budget für das nächste Jahr vorlegen wolle. Durch welche Mittel er aiber die Defizitlosigkeit erreichen wolle, darüber verlautet kein Stevbe::swörtchen. Es ist nur so viel bekannt, daß Caillaux ein entschiedener Geg»:er der Vermögensbesteuerung ist und daß er seit jchcr dem Standpunkt hrr'ldigt, daß die Einnahmen des Staates durch die stärkere Besteuer»u:>g des Einkommens gedeckt werden müssen. Im werbender: Vermögen schem-t das Schwergewicht seiner künftigere siskalischcr: Praxis zu liegen. Er hat sich auch gründlich darüber ausgeschwicgen, wie er die Frage der Schatzscheine des sranzösischer: Staates, die eine Notenvermchrung der Bank von Frankreich und damit die Gefahr der weiteren Inflation herausbcschworer: haben, lösen wolle. Das Problem der Schatzscheine liegt in folgendem: Frankreich hatte in Erwartnüg der größeren Einkünfte aus den Reparationszahlmr-gen Deutschlands seinen Wiederaufbau zum Teil aus eigenem bestritten. Da es über für diesen Zweck ülber keine budgetmäßigen Einnahmen verfügte, hat es seit einigen Jahren sich die notwerrdigen Geldmittel durch die Herausgabe von kurzfristigen Schatz scheinen beschafft. Diese Sch-atzscheine wurden sehr günstig verzinst und lauteten zumeist . auf ein Jahr. Da das französischL PMikum seit jeher eine große Vorliebe für kurzverzinsliche Anlagepapiere hat und es nach den schlechten Erfahrm^en, welche es mit den russischen Renten gemacht hatte, der: ausländischen Anleihen nicht recht traute, -hat >es sich auf diese Schatzscheme des eigenen Staates, die mit dem Mäntelchen des Nationalismus umgeben waren — sic lauteten Mtionalverteidigungsfonds —, geworfen. Die Folge davon war, daß der französische Staat ungeheure Mengen dieser Schatzscheinc irr Verkehr bringen konnte. Im Juni des Vorjahres sind so Schatzbons in der Höhe von 60,35 Milliarden . in Verkehr gewesen. Wenn bedacht wird, daß der ganze Notenumlauf Frankreichs nur jene Ze-tt zirka 36 Milliarden betrug, so kann leicht.ovscherr werden, tvelche gewaltige Bedeutung diese GeMöschaffung für den französischen Fiskus hatte. Der Vorteil für den Staat lag darin, daß sich Frankreich ohne Inanspruchnahme ausländischer Anleihen durch eine innere Anleihe die notwendigen Mittel für den Wiederaufbau und für sons stige Staatsausgaben verschaffen konnte. Die volkswirtschaftliche Gefahr dieser Begebung der Schatzscheme bestand aber! hingegen darin, dall allzu diel Bargeld für diese Zwecke aus dem Verkehr herausgepumpt worden war und daß infolgedessen seit drei Jahren die französische Wirtschaft unu-ntevbrocher: unter der großen Geldknappheit zu leiden hatte. Eme zweite, wert wichtigere Gefahr lag für den franMschen Staat darin, daß der Geschmack -des Publikums sich plötzlich wenden könnte oder daß aus anderen Ursachen diese Schatzschvine in größeren Mengen dem Staate plötzlich präsentiert werden könnten und er dadurch in eine ungünstige finanzielle Situation gerateu könnte. Dieser zweite Fall ist zu Beginn des heurigen Jahres tatsächlich eingetreten. Industrie und Handel sahen sich genötigt, größere Kapitalien in Anspruch zu nehmen und konnten den inländischen Markt in Form von Krediten nicht leicht heranzieheu, da im letzten Jahre infolge der günstigen Chancen -der KaprtalSbetätigung im Ausland große Mengen sranzösischer» Kapitals ausgeLvandert waren. Nun hatten Industrie und Handel gerade in den Schatzschoknen einen großen Teil ihrer Reserven angelegt. ES war das Naheliegendste, daß diese Kreise nunmeht ihre Schatzscheine nicht mchr gegen neue Schatzscheine umtauschten, sondern sie direkt zur Einlösung brachten. Die Folge davon war'eine stärkere Inanspruchnahme des franzöfifchen Schatzamtes für die Einlösung der Schatzscheme. Da aber das Schatzamt nicht über die nottvendigen Gelder verfügte, suchte es sich dieselben auf diese Weise zu verschaffen, daß es die Schatzscheinc beim französischen Noteninstitut zu belchnen versuchte. Natürlich hatte dies ein starkes Antvachsen des Notenumlaufes zur Folge. Daraus ist es zu erklären, daß die früheren französischen Finanzminister dafür plaidierten, daß die gesetzliche Grenze des französischen Notenumlaufes auf 45 Milliarder: heraufgosetzt tverde, was bekanntlich einen großen Unwillen bei vielen Finanzkreisen Frankreichs zur Folge hatte und auch den Stur^ der beiden Vorgänger Caillaux' hevbeiführte. Eiue Beendigung dieser staatsfinanziellen Krise ist »licht abzusehen. Ter fra»:zösische Markt ist vorläufig mir Schatzscheine»: gesättigt. Dazu dürften in der nächsten Zeit »vieder neue Schatzscheinc dem Staate zur Einlösung vorgclegt werden. Es ist uuter dieser: Umstäuden selbstverständlich für Caillaux keine leichte Alifgabe, hier einer: Ausweg zu finde»:. Wenn er auch das französische Budget ins Gleichge-vich: bringt, so be« derttet dies nur, daß er von nun an nicht mehr die Ausgäbr