Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2218 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Freitag. 24. «Mil 1925 7. FaHrgang Der Wahlkampf der Melange«. -y. Wie n, 24. April. Je naher der Wahltag in Deutschland kommt, desto heißer und erregter wird der Kampf, desto verworrener die Lage. Eine Abschätzung der Aussichten ist kaum möglich. Bon den beiden Seiten, die für die Wahl in Frage, kommen, wird alles getan, um die Reserve heranzuziehen und aus ihrer Lethargie zu wecken. Der erste Wahlgang hatte eine erstaunlich hohe Ziffer von Nichtinteressierten gezeigt, denen die Frage Jarres oder Braun oder Hellpach nicht zu imponieren vermocht hatte. Diesmal liegt die Sache anders. Die deutsche Oeffentlichkeit ist in Bewegung gekommen, nicht so sehr wegen der prinzipiellen Bedeutung der Entscheidung Republik oder Monarchie — das vermag heute in Deutschland nur die Berufspolitiker und allenfalls noch das politisch regsame Proletariat zu fesseln, das die Revolution durchgeführt wissen will, sich aber in diesem Bestreben gehindert sieht. Das Bürgertum war kalt und reserviert. Ihm sind Weltanschauungsfragen nur im Portragssaal erwünscht, und die Führer der bürgerlichen Demokratie sind auf das Kompromiß eingestellt. Der deutsche Nationalismus, der jetzt mit verdoppeltem Eifer um den Sieg ringt, ist doch mehr als eine Firmabezeichnung. Er ist eine sehr lebendige, sehr reiche und vor allem offensive Bewegung, die nicht an den politischen Verstand appelliert, sondern nur an die Imponderabilien des Rächegefühls und der unerfüllten Hoffnungen. Dieser Nationalismus hatte die . Macht und. fast, unbegrenzten Einfluß. Cr besaß das Streben nach der Weltherrschaft (das er heute mit guter Absicht den. Juden andichtet), Und er konnte allen, die sich ihm anschlossen, ihr Teil an der Macht garantieren. Alle diese Offiziere und' Beamten, denen die Revolution die soziale Geltung nehmen wollte, alle Großkaufleute und Ackerjunker, die im Geiste schon Nordfrankreich, Belgien, Holland, die Schweiz und die Ukraine annektiert und die Linie Hamburg—-Bagdad mit den Umwegsstationen Triest, und Saloniki besetzt halten, alle diese betrogenen Betrüger und Ausbeuter werfen ihre nicht unbeträchtliche politische und materielle Kraft in den Kampf. Sie haben im Krieg die Volkskraft eingesetzt und sind selbst im Hinterland mit dem Durchhalten beschäftigt gewesen. Diesmal bringen sie wirklich Opfer, sie geben ihr Heiligstes, ihr Geld her, um die Revolution zu zerschlagen und »dem bißchen Demokratie den Garaus zu machen. Zit diesen: Zweck haben sie die Frage, um die es am Sonntag gehen soll, aus dem Politischen ins Persönliche gewandelt. Dem Republikaner Marx, dem ehrlichen, gebildeten und kultivierten. Vertreter der Versöhnungsidee, stellen sie nicht etwa den Admiral Tirpitz gegenüber, sondern den Marschall Hindenburg, der keine Ahnung hat von den geistigen und sittlichen Kräften, die im Politischen Leben wirksam sind. Er ist ein Name, sonst gar nichts. Hindenburg ist ehrlich genug, das auszusprechen, was ihn bewegt. Er sagt in den paar Sätzen, die er sprechen darf, daß es ein .unehrliches Spiel ist. Er akzeptiert die Grenzen im Westen und im Osten, er findet sich mit dem Versailler Vertrag ab, aber er betont immer seinen Lebensgang, seine Erziehung und seine monarchistische Weltauffassung. Der Vordersatz, den er verliest, steht im Widerspruch zum Nachsatz. Aber das ist der Widerspruch, der das gesamte Politische Leben Deutschlands seit den: Umsturz beherrscht. Es ist eine in Kündigung stehende Republik. Alle Aeußerlichkeiten des Wahlkampfes drehen sich um diese Differenz. Republik ist Demokratie, freier Bürgersinn, Frieden mit dem Ausland und Herrschaft der Tüchtigen. Monarchie ist Militarismus, Hofschranzentum, Kriegsrüstung und Herrschaft des Geburtsrechtes. Das Deutschland von heute neigt zur Monarchie. Es will nicht frei sein und es will nichts anderes als den Wotanistischen Kult der bevorrechteten Schichten, der Klasse des Geldes und der Rache. Um dies zu symbolisieren, ist Hindenburg aufgestellt worden, die Aktualisierung aller Feiertagsreden und Kommersphrasen von der germanisch-arischen Rasse. Es scheint, als ob für diese Lieder ein sehr großes Auditorium vorhanden ist. Marx kämpft für eine Idee, Hindenburg für den Nibelungenfilm, und das Kinopublikum ist sehr zahlreich. Herriots Antrittsrede. Segen den Krieg. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 23. April. Heute nachmittags um 3 Uhr 10 Minuten er öffnete zum erstenmal He r r io t die Kammevsitzung. In seiner Antrittsrede wies er zunächst darauf hm, daß er bisher immer in der ersten Reihe der poilitiischen Kämpfer gestanden sei, daß das Amt des Schiedsrichters in den Debatten daher eine ungewohnte Aufgabe für ihn bilde. Wenn auch der Politische Kämpfer auf dom Platze!des Kaimmevpräsidenten verschwinden müsse, so idente dies nicht, daß er darum seine Meinung zu verleugnen habe. Seine Msicht sei, daß zur Sicherung des Fortschrittes des republikanischen Systems und des sozialen Friede n s die Vereinigung aller 'demokratischen Kräfte notwendig sei. Das einzige Mittel zur Heilung der vielen noch aus den: Kriege stammenden Uäbel sei das republikanische System. Je republikanischer .Frankreich.fei, uni so mehr werde es seinen Friedenswillen zu behaupten wissen und deu Völkern zeigen können, daß es nicht nur seine eigene Sicherheit suche, sondern auch die der anderen Länder, daß es die schamlose Gewohnheit des Krieges durch das Schiedsverfahren ersetzen wolle. Das repnblikanischel System habe Frankreich zum äußeren Siege vecholfen.. Es «habe aber auch im Innern die moralrschL.n Kräfte gestärkt. Die Rechte der Armen dürften -vor den wirtschaftlich Starken uichü verschwinden. Das Gelb dürfe nicht znr Versklavung der Arbeiter verwendet werden und ein erkühne Sozialpolitik müsse dem Geringsten der Gesellschaft ein bessereis Leben zu sichern suchen. Der Arbeiter müsse die Gewißheit -haben, nicht aus Mitleid, sondern kraft eines Rechtsanspruches im Mer die Hilfe der -Nation zu finden. Um aller dieser Ziele willen hätten sich die Linksparteien zusa>mnwngeschlossen. Ihre Bereinigung zerstören, hieße ein Verbrechen an der Nation begehen. Alle Parteien hätten aber das größte Interesse daran, daß die ernste politische Ueberzsugung bei jedermann geachtet werde. Er werde sich bemühen, alle Meinungen, auch diejenigen, die von der gegenwärtigen Mehrheit aibweichen^ zu schützen. Herriot schloß mit der Erklärung, er wolle als Kammerpräsident seine Treue zum republikanischen Glauben mit dem Respekt vor allen Meinungen zu versöhnen suchen. Man könne nicht versprechen, absolute Gerechtigkeit zu. üben, aber man könne versprechen, fr zu wollen. Paknleves Buvgetzwölftel angenommen. Paris, 23. April. (Havas.) Die Kammer hat heute mit 420 gegen 38 Stimmen das Budgietproviisörium für die Monate Mai und Juni genehmigt.' In der gestrigen Sitzung des Finanzausschusses der Kammer bekannte sich Frnanzminister Caillaux als Anhänger der Aufrechterhaltung des jetzigen Systems d e r E i n k o w m e n si e u e r; wonach sich die Höhe der Steuer nach dem äußeren Aufwand richten soll. Am Freitag wird sich der Finanzminister vor dem Finanzausschuß .der Kammer über die allgemeine Lage des Schatzamtes aus spre chen. Irr Senat. Paris, 23. April. Der.S errat hat hellte die durch die Ministerkrise unterbrochene. Budgetbe ratung beim Kapitel Gesundheitspflege : wieder ausgenommen. Fiinanzm-rwister Ca illaux, der .der Sitzung ibeiwohnte, griff wiederholt in die Debatte ein, ohne daß es zu irgerrd- Ivelchen Kundgebungen .gekommen Ware. Dies sieb um so mehr auf, als Caillaux genau vor fünf Jahren vom Senat zudrei Jahren Gefängiuis verurteilt worden -war. Im- Laufe der Wormittagssiitzung wurde bestimmt, daß die Verhandlung über die. Interpellation Gand in d e V i l l a i n e betreffend die allgemeine Politik erst nach Abschluß der Beratung des Budgets für 1925 erfolgen soll. Dies vevanlaßte den Interpellanten zu dem Ausruf: Das 'beweist also, daß der Senat den Eintritt Caillaux" in die Regierung billigt. - In der Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten hat Senator Hugues le Poux von der republikanischen Vereinigung sein- Mandat niedergelegt, um Millerand Gelegenheit zu geben, an den Beratungen der Kommission teilzunehmen. Minister Amery in den Kolonien. Die Hasenfrage. Jerusalem, 22. April. (I. T. A.) Der britische Kolonienminister, Mr. L. S. Amery, besuchte am 17. d. die jüdische Kolonie Rischon-le-Zion und unterzog dort insbesondere die berühmten Weinkellereien einer eingehenden Besichtigung. Der Minister hielt eine Ansprache an die versammelten Kolonisten, in der er ausführte, die britische Regierung erstrebe die Gründung eines jüdischen Nationalheimes in Palästina auf gesunder wirtschaftlicher Grundlage; er freue sich deshalb, mit eigenen Augen beobachten zu können, wie sehr die Judenschaft dieser Kolonie zu landwirtschaftlicher Arbeit befähigt ist. Die an ihn gerichteten hebräischen Begrüßungsansprachen hätten ihn umsomehr gefreut, als er ans ihnen das Wiederaufleben des Hebräischen als einer lebenden Sprache mit Bewunderung feststellen konnte. Bon Rischon-le-Zion begab sich der Minister nach Tel-Awiw, wo die Stadtverwaltung ihm zu Ehren ein Festessen gab. Der Bürgermeister von Tel-Awiw, Herr Diseng off, sprach den Toast auf den König und richtete dann im Namen der Bevölkerung von Jaffa und Tel-Awiw an den Minister die Bitte, einen modernen Hafen in Jaffa mit einem Landungsplatz am Strande von Tel-Awiw bauen zu lassen. Mr. Amerh sagte in seiner Attttvortre.de, er sehe mit Befriedigung, wie hoch sich Tel-Awiw entwickelt hat, er habe jedoch die Empfindung, daß Tel- Awiw nur dann gedeihlich wachsen wind, wenn es sich nicht allein auf Industrie und Handel, sondern auch auf einegesunde Landwirtschaft stützt. Zu diesem Zweck müsse die Stadtverwaltung für einen hinreichenden Bodenzuwachs zwecks Errichtung eines landwirtschaftlichen Teiles Tel-AwiwS sorgen. Ich habe — so schloß der Minister seine Rede — heute einen sehr interessanten Morgen verbracht. Zuerst beobachtete ich die Tätigkeit der altenPioniere in Rischon-le-Zion, jetzt habe ich ein Bild von der Arbeit der ne n e n Pioniere in Tel-Awiw. Von Tel-Awiw begab sich der Minister nach Jaffa, wo er die Rnthenbergsche Elektrizitätsanlage besichtigte. Dann unternahm der Minister einen Spaziergang durch die Stadt und den Strand von Jaffa. Dam» begab er sich «o$ Haifa. In Begleitung des Ministers befanden sich der Unterstaatssekretär des Kolonialanites, Sir John F. Shuckburgh, Captain Wallaeem und General Sir Ronald Storrs. Wachsende Sntwiülnng der Keren Sairsiod. London, 32. April. (I. T. A.) Laut einer Mitteilimg des Hauptbttreaus des Keren Hajessod sind im