Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2216 (22.4.1925)
- Date
- 1925-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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| Polen i aö öroszyl Wi eti: Zum Abholen in der Spedition, II., Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle ftraflk) monatl. 5 Schilling Strassen verkauf in Wien durch die Kolporteure der Hrma Go I dsch mied, I„ Wollzcile 11 Mit Postversand für Wien and Oesterreich monatlich 5 Schilling Tschecho-Slowakei: Mo». K22. Jugoslawien: Mon.Din.60. Polen: Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 pucerin Wiener das mühelose Parkett-GlanzmiHel Erh&Ulidi in allen etnfdblSgtgen Geftfcaften oraen?eitung Nachzahlungen bei P r e I «- erhOhnngen rorbehaUen Rr. 221« Wien, Mittwoch. 22. April 1921 I Preis 20 ol England: Mon. 4 Schilling, Italien: Monatl. 18 Lire, Rumänien: Mon. 170 Lei, Bulgarien: Mon. 80 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II.Taborstr.l Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6-8 (Druckerei lg. Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 7. Jahrgang Aufklärung uud Verständnis. -7. W 1 e n, 22. April. Paul Painleve, der derzeitige französische Ministerpräsident, hat in einem Glückwunsch nach Jerusalem ausgefuhrt, was in Palästina geschehe, könne nicht gleichgültig bleiben. Frankreich vertraue auf die Freundschaft Israels und hoffe mit ihm brüderlich vereint zu bleiben. Diese Aeußerung ist einer von den vielen Beweisen der Sympathie, die dem jüdischen Bock in den letzten Tagen 'gegeben wurden und die bezeugen, daß es doch noch eine Solidarität geistiger Bestrebungen und ein Verständnis für Kulturpolitik gibt. So wie Painleve haben viele in Europa gesprochen und sicherlich auch gedacht. Trotz aller Verhetzung und Vergiftung gibt es doch noch Menschen, die ein Werk des Geistes auch nach seinem Wert für die ganze Menschheit zu schätzen ivissen, und im gegenwärtigen Falle trägt auch die Tatsache ihre Würdigung in sich, daß eine in Europa gemeinsam mit den anderen Böllern geschulte Nation den Schatz ihres Wissens «nd Könnens im vorderen Orient auszubreiten beginnt und daß sie ihren Schritt auch politisch erklärt. Sie will die kulturelle Entwicklung ihrer eigenen Jugend in der Hand behalten und sie zu Kämpfern für die Erhöhung des sittlichen Niveaus der Menschheit erziehen. Sie will auf dem ihr zustehenden Boden neue wirtschaftliche Werte schaffen und so den Arbeitskreis, der Zivilisation auf ein Terrain erweitern, das bisher fernab von allem modernen Leben ein kümmerliches Dasein geführt hatte und die Grundsätze sozialen Wesens kaum dem Namen nach kannte. : Dieses:Ziek, das sich der Zionismus gesetzt hat ^M.zit Wsen Erreichung er alle, intellektuellen und wateriellen Mittel der jüdisches Nation ansprechen muß, steht heute noch in weiter Ferne. Wir sind kaum »öch bis zum Beginn vorgedrungen und haben uns durch Mißverstand und durch Feindschaft bis zu dem sßimfte durcharbeiten müssen, an dem wir das Ziel zu sehen beginnen. Mehr konnten wir noch nicht erreichen. Wir würden sicherlich viel weiter stehen, wenn wir nicht außer der feindlichen Apathie in der Majorität unseres Volles auch noch die Gegnerschaft der ganzen Welt vor uns gehabt hätten. Es war sicherlich eine andere Zeit. Die Verhältnisse lagen nicht günstig für uns. Das Borkriegseuropa hatte kein Verständnis für Fragen geistig-nationalen Inhalts. Es Miete zum Krieg und war damit beschäftigt, alle Schichten mit dem gröbsten Zweckpatriottsmus zu erfüllen, der die Politik negativ gestaltet und alles nur auf die Zahl, auf die Macht der verfügbaren Mittel, auf die Materie zu stellen gewöhnt war. In den Kabinetten der Herrschenden berechnete man die Geltung der Nationen nur nach der Menge des Kanonenfutters und die Erklärungen des Zionismus, mit friedlichen Mitteln dem Judenvoll eine Heimat des Friedens zu schaffen, Wuwen mit Staunen und Achselzucken abgetan. Kaum eine platonische Anerkennung ivar zu erzielen und es ist, auch int Lichte der Tatsachen von heute, als charakteristisch zu bezeichnen, daß es ein englischer Staatsmann, Joe Chamberlain, und ein französischer Staatsmann, George Clemenceau waren, die die Tragweite der ihnen Vovgetragenen Frage begriffen. Aus den Nebeln dieser Tage sind wir und die Nationen herausgekommen. Aber es ist viel kostbare Zeit verflossen. Wir haben viel nachzuholen, mehr noch als die anderen Völler. Wir haben die Aufgabe des Aufklärens und des Bauens vor uns und das ist für ein an Kopfzahl so geringes Volk eine schwierige Pflicht. , Sicherlich spricht das Werk fiir uns. Vielleicht sind wir selbst nicht imstande, die Größe der Leistung zu übersehen, wir, die wir mitten im Kampf stehen und, ungewohnt der Sorgen und des Avbektskomplexes eines Staates, doch an alles denken müssen. Aeußere und innere Politik, Fragen der Wirtschaft, der Erziehung, der sozialen Fürsorge, fließen ineinander, Probleme der Galuth und der Heimat mengen sich miteinander zu einer oft schier unlösbaren Berstrickrmg. Und dazwischen braust uns der Haß derer entgegen, die uns nicht begreifen, uns nicht verstehen wollen und deren höchstes Ziel es nur bleibt, das Judentum zu erdrosseln, noch ehe es die Erlösung erreicht. An diesen Fronten sind wir engagiert. Painleves krklarungen. Ae Boistellung des Kabinetts in der Kammer. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) streng kontrolliert werden. Die Erklärung schließt mit Paris, 21. April. Schon einige Stunden vor der Eröffnung der Kammevsitzung waren alle Plätze auf d en T rib ün e n des Palais Bourbon dicht besetzt. Sekbst die Abgeordneten hatten Mühe, in den Sitzungssaal zu gelangen. Ein beträchtliches Polizeiaufgebot bewacht das »Haus. Der Polize.ipräfokt ist pevsöMch anwesend. Um 3 Uhr 'nachmittags eröffnete Vizepräsident Bouisson die Sitzung. Kurz vorher hatte Herriot, von der Linken mit rauschendem Beifall begrüßt, den Saal betreten. Ihm folgten die Minister, an ihrer Spitze Painleve und Briaud und unmittellbar darauf C a r l l a u x. Wiedernnr klatschte die Linke Beifall, während auf der Rechten einige Pfiffe ertönten. Vizepräsident Bouisson verlas das Demisfion'sschve eben Pa i nlev es als K a m m e r p r ä s i d e n 1 e n und erteilte darauf dem neuen Ministerpräsidenten das Wort zur . Verlesung der Regierungserklärung. Die Erklärung besagt: Alle Probleme treten gegenüber der zukünftigen Sicherheit Frankreichs und dem finanziellen Gleichgewicht in ■ de n Hintergrund. Die Regierung werde sich von den Grundsätzen: Frieden in Sicherheit, Achtung und Aufvechtevhaltung der Verträge und wirtschastliche Stabilität bei letten' lassen, eine Aufgabe, zu der sie alle Bürger einlädt, die das nationale Interesse höher stellen als Parte i I e i d e n s ch a s t e u. Sie -werde: die Durch f ü hr u n g d e s D a w e s - P l a n e s und die Regelung der interalliierten Schulden weiter betreiben. Frankreich,!das von dem Wunsche beseelt sei, der Welt einen dauerhaften Frieden zu geben, vorausgesetzt,'daß es selbst in Sicherheit sei, bleibe den drei Bedingungen des Genfer Protokolls, Si cherheit, Schiedsgericht und Abrüstung, treu ergeben. Der glücklichen Lösung der äußeren Probleme werde später die Reorganisation des Militärw e s e n s folgen. Die Regierung 'habe beschlossen, das absolute 'Gleichgewicht des Budgets herzustellen. Sie werde alle Ausgaben emfchränLen und sie durch eine Steuer decken. Sie werde sodann alle -Anstrengungen machen, um das Passivum zu verringern und werde von der Nation in einem Appell an den Patriotismus aller Bürger fordern, daß sie in einer Atmosphäre nationaler Eintracht große Opfer bringen. In konsequenter Achtung aller Glaubensbekenntnisse 'halte die Regierung an den Laiengesetze fest. und werde beim Vatikan einen mit weitgehenden Befugnissen ausgestatteten Vertrettr unterhalten. In der Sorge um die nattonale Ginheil «werde sie die allmähliche Anpassung der Gesetzgebung von Elsaß und Lothrrngen verfolgen und soziale Reform« n durchführen, die ohne Be- 'lästung des Budgets möglich sind. .Ferner werde die Regierung die Ratifizierung der internationalen Arbeiterkonvontionen von Washington betreiben. Die Verwaltungsausgaben für die befre-iten Gebiete sollen au!f das unbedingt notwendige Minimum eingeschränkt und die Regelung der Frage des Ersatzes für Kriegsfchäden dem Hinweis auf die unerschöpflichen Hilfsquellen Frankreichs, dessen untadelige Rechtlichkeit durch keine Prüfung je eine Einbuße erführen habe. Während der Verlesung der Regierungserklärung kam es zu einigen Zwischenfällen. Als Painleve über die vatikanische Frage sprach, wurde auf der Rechten ironisch gelacht und ein Abgeordneter ries: „Die Regierung g e h t n a ch C a n o s s a!" Die letzten Worte der Regierungserklärung wurden von der Linken ohne Begeisterung ausgenommen. Die Sozialisten enthielten sich überhaupt jeder Kundgebung während auf der Rechten wieder einige Pfiffe hövbar wurden. Die Debatte über die Regierungserklärung dürfte bis tief in die Nacht dauern. * In den späten Abendstunden dauerte die Sitzung der Kammer noch fort. Es ist geplant, die Debatte, die sehr stürmisch verläuft und sich gegen Caillaux wendet, wenn irgend möglich noch heute zu Ende zu führen. Bon informierter Sette wird damit gerechnet, daß die Regierungbei der Abstimmung die Mehrheit erhalten 'werde. Absuds griffen Painleve und Briand in die Debatte ein. Morgen findet die Wahl de's neuen Kammerpräsidenten statt, und es gilt als sicher, daß Herriot als einziger Kandidat gewählt werden wird. - --- .- ... - > Der Vormittag vor der Eröffnung dex Kamme< nnd des Se nats war mit/Besprechungen der Regierung mit .den Parteien und den Parteien untereinander ausgefüllt. ( Painleve hatte eine Delegation der Abgeordneten von Elsaß-Gothvmgen zu sich geladen, um ihr die auf Elsaß- Lothrmgen bezügliche Stelle der Regierungserklärung vorher Wtzuterlen. Er gab den Ubgeordneten die Berstcherung, daß die Eingliederung Elsaß-Lothringens in das Mutttrlanh nur nach und nach geschchen und daß sie nur ein Werk der Zeit fein könne. Diese versöhnliche Erklärung machte auf die elsaß-lochringischen Vertreter einen ausgezeichneten Eindruck. Sodann empfing Painleve eine Delegation der sozialistischen Kammerfraktion. Die sozialistischen Abae ordneten! waren unter Führung Leon Blums gekommen, unt vor allem über einige Stellen der Regierungserklärung Aufklärungen zu erhalten, die nach ihrer Meinung mit der Politik ihrer Partei unvereiübar seien. Die Abordnung erklärte sich aber schließlich mit den van Painleve erhaltenen Versicherungen zufrieden. * Gleichzeitig mit der Karnmer wurde der Senat um 3 Uhr nachmittags durch seinen Präsidenten de Selbes eröffnet. Darauf ergriff der Vizepräsident 'des Kabinetts Steeg das Wort zur Abgabe der Regierungserklärung. Die Verlesung wurde ohne Unterbrechung angehört. Bei den Stellen über die Stouergleichheit und über die Wiederverföhnung Europas klatschte di« Linke Beifall. Wir hoffen, daß das in Erez Israel Geleistete sich durch das Urteil der vielen, die es jetzt sahen, der Welt.doch in der Beleuchtung darstellen wird, die der Wahrheit enffpricht. Aber wir dürfen doch kernen Augenblick in der Arbeit der Aufklärung aussetzen. Sachliche Arbeit und Pflichtgefühl ist mehr als starke Worte und die Ehre und Würde der jüdischen Nation wird noch nicht beeinträchtigt, wenn sie irgend ein auf. Rasse und Sprache eingestellter Tropf in Frage stellt. Trotzdem aber müssen wir den Völkern sagen, was wir tun und noch tun wollen. Wir wissen, daß es der Welt nicht gleichgültig bleibt, was in Palästina geschieht. Und wir wissen, daß die Zahl derer, die auf die Freundschaft des jüdischen Volkes Wert legen, noch sehr gering ist, verschwindend gegenüber der Zahl der Feinde, die so reich ist wie der Sand am Meer. Wir wissen, daß uns Dinge angedichtet werden, die unserem Wesen fremd sind, daß aber unbekannt bleibt, was wir wollen und erstreben. Wir wollen hoffen, daß sich in der nächsten Zukunft Möglichkeiten bieten und daß sie in der zweckentsprechenden Weise ausgeni'üt werden, diese Lücke zu füllen. Wir müssen zu den Böllern sprechen und es ist eine Ehrensache der jüdischen Gemeinschaft, alle Organe zu stützen, die sich in der» Dienst dieser Pflicht stellen. in Herren- und Damenstoffen, Seidenwaren, Eponge, Etamine und Waschstoffen in grösster Auswahl infolge Kleiner Regien s« billigen Preisen bei KANN & FRIED, VI., Links Wienzeile 40 (Al