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Wiener Morgenzeitung · 1925-04-17 · Heft 2211 (17.4.1925) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2211 (17.4.1925)
Date
1925-04-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IPolens 2V aroszyl Wi en: Zum Abholen In der Etpedition, H, Taborstf. 1-3, oder ln einer versdileisstelle fTrafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma 0 o 1 dach mied, I., Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tscheche» Slowakei: Mon. K 22. Jugoslawien: Mon.Oln. 60. Polen: Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Qm. 4, Frankreich, Belgien: Motu Fres. 18 NiAMUiaieB bei Pretu erböbaatfea vorbcbaHea Wiener IPrais aO al England: Mon.4 Schilling, Italien: Monatl. 18 Lire, Rumänien: Mon. 170 LM Bulgarien: Mon. 80 Lewa, Schweiz und das fibrige Ausland mpnatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien« Ü.Taborstr.l Telephone: 44-0-38,43^-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6*8 (Druckerei lg. Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Rr. 2211 Wien, Freitag. 17. April 1925_7. galjrgang kaillaux in Paris. -y. W1 e «, 17. AM. Caillaux ist aus seinem Verbannungsort Mamers Vach Paris berufen worden. Er soll in das neue Kabinett Eintreten und das Finanzportefeullle übernehmen. Eine endgültige Entscheidung ist .im Augenblick noch nicht getroffen. Die Rückberufung dieses Mannes, der p den führenden Geistern des revolutionären, freiheitlichen Frankreick gehört, demonstriert die große Wandlung, die sich dort vollzogen hat und noch weiter entwickelt. Nickt ohne die schwersten inneren Kampfe. Die Reaktion der vereinigten Klerikalen, Monarchisten und Nationalisten, die eben erst Herriots Ministerium 'gestürzt hat, läßt sich nicht so leicht zurüEmmen. Sie ist Bein. vom Bein der deutschen Hurraschreier (und opportunistischen Mstimmer), die durch .Wndenburgs Kandidatur einen Faustschlag gegen die Sanierung der Welt führt und diesseits wie jenseits des Rheins allen Reisläufern fröhliche Hoffnungen beschert. Aber e§n ist doch ein gewaltiger Unterschied zwischen den Pollern, der . Untexschied zwischen Caillaux und Hindenburg. . Wenn Caillaux sich bereit finden sollte, der neuen Regierung seine trotz seiner 62 Jahre ungeschwächte .Energie zu widmen, so ergreift er wieder das Amt, das er 1914 inne hatte, als in den UnMckstagen knapp vor dem Ausbruch des Welllrieges sein Name durch einen Sensationsprozeß geschleift wurde. Er hatte damals per Kammer den Entwurf eines Einkommensteuer- Metzes vorgelegt und in der Agitation gegen den radikalen Fiskalismus hatte Calmette, der Cheftedakteur des royalistischen „Figaro", einige Briefe des Ministers aus der Allovengegend erwischt und publiziert. Frau Caillaux schoßt ihn in seinem Zimmer nieder. Der Minister mußte zurücktreten. Von da ab war er, der energische Vorkämpfer der ruhigen Arbeit und des Frizens, der Rache aller Ordnungsmeier und Patrioten verfallen. Er war gegen den Krieg, den er als ein namenloses Verbrechen an den: Glück und der Wirtschaft Frankreichs und der Welt haßte. Der Rechner der Politik konnte es ermessen, wie es wirken mußte, wenn das internationale Pack der Vaterländler den Weiß und Wohlstand des Bürgers zu Ehren des Mordgottes lange Jahre hindurch in die Luft schoß, hie Jugend und das Alter in die Schützengräben und Kriegsfabviken trieb und den Patriotismus, „die letzte Zuflucht des Lumpen", als Staatsmaxime erklärte. CaÄlaux kam zuerst vors Gericht, .dann in die Verbannung. Die Herriot-Karnmer holte ihn zurück und gestattete ihm, wieder den Boden Frankreichs,zu betreten. Zwischen der Verurteilung und der Rehabrlitierung liegen die Peripetien des Krieges und des Sieges, und genau das ist eingetreten, was Caillaux, der immer nur in den Ziffern des Budgets denken konnte, und aus ihnen die Grundlinien einer politisch geschlossenen Weltanschauung formte, angekündigt hat. Jeder Krieg, hat er gesagt ist ein verlorener. .Jeder Krieg hat Folgen, die in einem Menschenalter nicht auszutilgen sirw und die immer wieder.neuen Krieg erzeugen, solange Sieg oder Niederlage die Stunde regieren. Frankreich hat gesiegt. Es büßt dies mit einem ununterbrochenen Rückgang seiner Geburtenziffer, mit einer bis auf die Wurzeln reichenden Zerstörung seiner Wirtschaftsquellen. Frankreich ist in die Hysterie der Angst verfallen und es läßt sich immer nur von diesem Gedanken leiten. Es hat seinen Haushalt nicht auf die eigene Kraft gestellt, sondern lediglich auf die Reparationen, die Deutschland zahlen soll. Frankreich zahlt seine Schulden nicht, treibt in seiner Psychose eine Politik der nervösen Allianzen und ist bis in die Knochen dem militaristischen Wahnsinn verfallen. Herriot, der den Ausgleich nrit Deutschland, den Abbau dieses Fiebers erreichen wollte, ist über die Unmöglichkeit seines Unternehmens gestürzt. Ein Ministerium der Großen soll helfen. Painleve, der Mathematiker, dem man nachrühmt, er habe Einsteins Theorie als einer der ersten erfaßt, bildet die neue Regierung und ruft Caillaux nach Paris. Caillaux ,— das ist die Fortsetzung des Systems Herriot, die methodische Gegenwehr gegen die Kriegsschieber und ihre Verbündeten. Es ist ein Zeichen, daß die französische Demokratie, ungleich der deutschen, zum Kampf vergehen will. ImaaaMHMPi Balfourr ~~' " “ Juden und Araber. — Wekzmanns Rede. Wie schon am 9. d. kurz gemeldet, besuchte Lord Balfour am 6. d. von Haifa aus die Kolonie Balfour ia im Dale Jefreel, die vom American Zion Commonwealth zum Andenken an die ValfouvDsWration gegründet worden war. Die Kolonisten veranstalteten ein Fest zu Ehren Lord Balsams, dessen Höhepunkt die Weihe der Kolonie durch Lord Balfour bildete. Anwesend waren außer allen Kolonisten Balfouvias auch die Kolonisten, der übrigen Kolonien liint Emetk, ferner die Mitglieder des Waad Lcum-i, zahlreiche arabische Beduinen, der amerikanische Konsul Ln Palästina, Oberstaatsanwalt Norman Bentwich und viele andere. Die Beduinen begrüßten Lord Balfour mit Liedern ihrer Heimat. Ein Vertreter detz Waad Leumi hielt im Namen von 86 jüdischen Kolonien in Palästina eine Abschiedsansprache an Balfour. Hierauf sprach ein Vertreter der jüdischen Arboitevorganlsation, der ausführte, von 16 Jahren!war das Dal Jesvoel eine Sumpf- und Felswüste, jetzt leben hier 1600 Seelen unter guten Bedingungen. Lord Balfom hob in feiner Autwortvede die Verdienste der amerikanischen Judenheit um Palästina hervor. Ich sehe, sagte er, nicht allein materiellen, sondern auch geistigen FortschM. 7'Wr/WmibiinatdPvM,: Warte»«: >und Geist, Universität und Kolonien, ^-werden einen - prasiischen Idealismus ‘ eHchüWN, ' der ein Drmmph der Zivllisatiiou Jem wird. . . Am 7. d. weilte Lord Balfour in Rosch - Pinah, der 1682 gegründeten ersten jüdischen Kolonie in Galiläa. Er wurde von der Gevölkerumg des gesamten Distriktes begrüßt. Mehrere 100 jüdische und arabische Reiter holten ihn ab und geilorteten ihn in die Synagoge, wo der Segen für Lord Balfour gesprochen wurde. Der arabische Scheich Muhamed Wr hielt eine Ansprache, in der er versicherte, die Araber Galiläas, die seit 36 Jahren mit den Juden friedlich zusammen- -leben, wünschen nichts sehnlicher, als diesen Frieden zu bewahren. Während des späteren Festmahls sprachen andere Scheichs in dem gleichen Sinne. Lord Balfour sagte in seiner Antwortrede, er könne nicht genug betone», daß die Balsour-Deklaraiiost eine Politik des Friedens verkörpert. Wer anderes behauptet, schließe mit Absicht die Angen vor den Tatsachen. Ich habe mich in Palästina selbst überzeugt, daß die Behauptung von einem Unfrieden zwischen Arabern und Juden falsch sei. Am, 7. d. weilte Lord Balfour in Liberias, wö ovno Straße nach ihm Ananut wurde. Mut Lord Balfour Awaren Prof. Rappard von den Genfer Universität, der frühere Vorsitzende und jetziges Mitglied der Mandatskommission des Völkerbundes, sowie die Mitglieder der Zionistischen Exekutive unter ßWoMig We-izniamts und Sokolows gekommen. Prof. Rappard fajgte in einer Ansprache, er habewahrend seines Aufenthaltes in Palästina die Augen offen gehalten, er wurde von niemandem beeinflußt, und doch könne er aufrichtig sagen, daß das Erlebnis Hu in eine begeisterte Stimmung versetzt hat. Was jetzt in Palästina vor sich geht ist das interessanteste Ereignis der Welt. Er werde demnächst wieder nach Palästina kommen, um die weiteren Fortschritte zu sehen. Nach Beendigung der Besichtigungsfahrten durch den Einer trat Balfour die Reise nach Damaskus au. Sein Aufenthalt innerhalb der jüdischen Bevölkerung Erez Israels war damit abgeschlossen. Die Absch'iedswde hielt Weizmann, der sagte: Ihr Besuch in Palästina war ein Fest nach den schweren Jahren. Wir luden Eie ein, damit Tie sehen, wie wir die Deklaration der britischen Re- Mum. dir Ihres Mme» trägt, verwirklicht Wen. von krer Zftael.!. - Sine ßrklikrung Professor Rappard». Sie haben gesehen, daß wir imstande sind, in Palästina Dinge zu vollbringen, die wir in anderen Lau- ' der» nicht vollbringen können. Die Juden wollen Palästina auf der Basis der Gleichheit aller Völker aufbauen. Wir wollen uns nicht in die Rechte der anderen Gemeinschaften in Palästina einmffchen wir wissen wohl, daß eine gedeihliche Entwicklung in Palästina von - freundschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Arabern abhängt. Palästina ist eine Brücke zu Asien und kann . vieles für die gesamte Menschheit vollbringen. Die politischen Reden ans dem Univeesitäts Vnnkett» J,m nachfolgenden geben wir im Anschluß an den gestern veröffentlichten Bericht über, das am 1. April abgehaltene Universitätsbaukett die weiteren Reden wieder Der belgische Konsul sagte: . «, ' „Durch die Annahme der Einladung nnd --meine Entsendung zur heutigen Feier wollte die belgische Regierung das Wohlwollen der belgischen Osffentlichkeit gegenüber der Judenfrage Aar.zum Ausdruck bringen nnd einen Beweis dafür liefern, wie sehr sie die Bestrebungen der Inden schätzt. ' . 1, - " ’ Das' ftere'Belgren hat zu allen Zeiten den Juden gegeMber G.ästf r e u n d s ch as t in Holhvm' Maße be- - Llndet. Dies boweift auch die DaHache, daß es. in BÄgüV und vornehmlich in den wichtigsten Städten des. Landes in Antwerpen und Brüssel blühende Judeirgemeiuden gibt, daß die öffentlichen'Hochschulen von Jahr zu Jcchr ihre Tore den jüdischen Hörern aus Osteuropa und aus änderest, Ländern öffnen. Es wird Sie interessieren, zu erfahren, duß zu den Hörern d e r U n iversität von Gent auch eine Anzahl Studenken aus Erez Israel gehören. Um der Universität 'in Jerusalem ihre sWundschäftlichen Gefühle zu dokumentieren, beschlossen verschiedene wissenschaftliche Institute Belgiens, ihre Buchausgaben und wissenschaftlichen Abhandlungen der Jerusalemer Universität ständig zuzusenden und in Zukunft werden auch ändere belgische Anstalten diesem Beispiel folgen. Denn wahrlich, es ist Pflich diesem neuen Kulturzentrum allen Beistand zu leisten, zum Zeichen der Anerkennung für all 'das, was die Juden bis nun auf allen Gebieten des Wissens geleistet haben. Und die Menschheit-kann versichert sein, daß die Juden auch in Zukunftsich «als freigebige Spender .aus ihrem geistigen Besitz erweisen werden. ' Wir wissen den hohen Wert der. heutigen Feier zu schätzen, eines Festes, das die höchsten und ältesten Wischen Bestrebungen weithin kündet, und jeder Belgier wird sich meinem Dankenicht nur für Schöpfer und Leiter der Universität, sondern auch für das gesamt^ jüdischeVolk vom Herzu: anschließen." . Ihm folgte der polnische Konsul: „Polen, in dessen Namen ich die Ehre habe, in dieser Versammlung zu sprechen, dieses Polen, mit seiner Bevölkerung von dreißig Millionen Seelen,, von denen etwas weniger ,nls zehn Prozent Juden sind, steht heute.hinsichtlich der jüdischen Einwanderung in Erez Jsraelu nter den übrigen Staaten an erster Stelle. Die Stellung meiner Regierung:zu den Angelegenheiten Erez Israels liegt nicht erst seit he-ute Aar zu Tage und hat durch die Annahme der Einladung zur Deilmhme an der Eröffnungsfeier der hebräischen Universität in Jevusälem und dadurch, daß sie mir die hohe Ehre erwies, ihr Spezialvertreter bei der Eröffnung zu sein, ihre alten Beziehungen bloß von Neuem zum Ausdruck gebracht. In dieser meiner Eigenschalft hatte ich heute Gelegenheit, die Eröffnungsfeier, die sich meiironr Gedächtnis so tief eingeprägt 'hat, mit eigenen Augen zu sehen. Berg der Zophim! Welch' idealer Ort für ein der wissenschaftlichen Forschung und dem Frieden geweihtes Heiligtum! , Noch stehen wir unter dem Eindruck des Unglückes deS Weltkrieges, auf dessen Altar Jahre hindurch Niesenmassen an menschlicher Energie den Zwecken der Zerstörung unb Kerwüstung geopfert Mvdea. \ " '' '. 4428

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