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Wiener Morgenzeitung · 1925-04-16 · Heft 2210 (16.4.1925) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2210 (16.4.1925)
Date
1925-04-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite % Wien, Donnerstag Miene» M-nnenrHkinna. i«. AM IM MitteUvagen aus dem Publikum. Wiidtf sn haben! |i%EI Orig. fraaiZigarattiapapIgr JvB Bureau: Mi, 0111. gkodigisst II/! Kultus- und Justiz-Tdliire und Baretts erhalten Sie vorrätig oder nach Mass bei der bekannten Spezialfirma RUDOLF GOLDSTEIN, iaS-XT"® Grosses Lager feiner Stoffe für Masabestellungen ISU^ aa WIIN, II. TABORSTRASSS 54 «Ost». l«Sf! uisse, die in unserem Teile Europas seit dem Weltkrieg i Platz gegriffen haben. Man darf nicht vergessen, baft die österreichische Industrie sich in einem geschlossenen Zoll- 'gebiet von 50 Millionen Menschen entwickelt hat und daß sie heute auf ein Zollgebiet von 6,5 Millionen Menschen eingeengt ist. Dennoch ty-ittc sich vielleicht eine Uoberleikrng finden lassen, wenn nach dem Weltkrieg eine .Periode der Handels- und BerfehrS- Freiheit eingesetzt hätte. Nun ist aber gerade das Gegenteil geschehen. Zollschranken, Einfuhrverbote, Devisenbeschränkungen, Tarifdif f c rcnz: c r u n g e n, Serie h r s-- . e r sch w c r u n g cn, tojit noch die letzten, teils bereits durchgeführten, teils drohenden -rvciteren Erhöhungen der Zollsätze unterbinden den Verkehr und paralysieren noch jene Erleichterungen, die Oesterreich durch die in den Jahren 1923 und 1924 abgeschlossenen .Handelsverträge erreicht hat. Dabei sehen wir ganz genau, -daß unter all diesen Maßnahnreu nicht Oesterreich allein leidet, sondern ganz Europa in Mitleidenschaft gezogen ist. Es handelt sich also in Wahrheit; nicht mehr ausschließlich um ein österreichisches, sondern ‘ geradezu um ein europäisches Problem. Bei einer Frage, die so viele Mtianeu betrifft, er- .schemi die Kompetenz des Völkerbundes quf /den erstell Blick gegeben. Deshalb wird die Regierung in Wahrung der Jnteressell ihrer Bürger dem Rate -des iVölkerbundes das Ersuchen unterbreiten, eine Mögl i ch st knappe Zahl wissenschaftlicher Fachleute mit der Feststellung der tatsächlichen Verhältnisse, unter denen Oesterreich llnd ganz Europa leiden, zu beauftragen. Der Bericht dieser g ä n z l i ch unpolitischen Kommission soll dem Völkerbund die Grundlage zur Erörterung und A b h i l s e der S ch w i e r i g- Iciteit bieten. Die Bundesregierung hat hiezu um so mehr Anlaß, als ans den tut 'September 1924 in Genf getroffenen Vereinbarungen hervorgeht, daß für den Zeitpunkt, ili 'welchem bic S a n i er n n g s a k t i o u für beendet erklärt werden kann, auch die allgemeine Wirts chaftsla-ge in Betracht kommt. Die Abgeordneten der Mehrheits-Parteien nah m e n die Erklärungen der Regierung zur Kenntnis. Die Sozialdemokraten gäben folgende Er klärung ab: Wir sind bereit, jede Aktion zu unterstützen, die die Verbesserung unserer Handelsbeziehungen mit dem Ausland erleichtert. Aber wir können uns von einer Expertise des Völkerbundes diesen Erfolg ll i ch t versprechen. Dagegen sehen wir in dieser Expertise zwei Gefahren: Erstens die Gefahr, daß sie Anlässe zu einer weiteren Einmengung des Auslandes <n unsere inneren A »gelegen helfe n bietet, zweitens die Gefahr, daß diese handelspolitische Mjion voil -den heimischen und von den ausländischen Anschlußgegnern;ü ihren Pölitischell Zwecken mißbraucht wird. Da mir;u der Regierung nicht das Vertrauen haben, daß sie die Einschränkung der "Aktion aus das rein handelspolitische Gebiet durchzusetzen willens und fähig sein wird, find wir nicht in der Lage, d e r A? t i o n der Regierung z u z u st i m m e n. Matalas RSRebr. T?r Minister für die auswärtigen Arlgeloaenhesten Poftyr M a r a i a, ist gestern früh in W t e n eingrtroffen und hat die ^ituiig der Geschäfte übernommen. negativer Ander. Um 2 Prozent gesunken, Die gemäß § 7 des Bundesgesetzes vom 21. Dezember 1921 (Abbaugesetz) eingesetzte paritätische Kom« nt i f i i o n hat in ihrer gchrigon Sitzung den Index gemäß der hie-sür festgesetzten Methode nach Ei-nbepnahme der Siachvevständigeu errechnet und gemäß tz 1a des Bundesgesetzes vom 18. Oktober 1922 das Gutachten abgegeben, daß in den Kosten der Lebenshaltung von Mitte März hiS Mitte April 1925 eine Verbilligung um zwei Prozent eingeireien ist. Die Paßverhandlungen mit Seutschluud. Berlin, 15. April. (Wolff.) Die vor einiger Zeit zwischen TeuiWand und Oesterreich eingeseiteten BerlMndlungen über die Aufhebung des Sichtvermerk z w q n g e s für die beidevseitMN Staatsangehörigen nehmen ihren Fortgang. Der Abschluß dieser Verhandlungen ist aller Voraussicht nach demnächst, jedenfalls noch vor Beginn der Reisezeit, zu erwarten. Spaltung in der ungarische« Sozialdemokratie. Budapest, 1Z. April. Die sozialdemokratische Partei Ungarns bat sich nunmehr gesyalten. Die gegen dm Vakt mit B r t h l e it erbitterten Parteimitglieder hake« sich aiftttn ak» „ll ngar ländische sozialistische Partei" Me Lüge vom Mmlmord. Sine jüdische Familie bei Wilna lldersalleu. Alts Wilna wird uns berichtet: Einige Tage vor den! Pessachfesie ereignete sich hier ein Vorfall, der als klassisches BeifpiÄ dafür dielten kann, auf welche Weise RitualmordMärchen entstehen und wie es oft von einem Zufall abhängt, daß daS Märchen noch rechtzeitig feine natürliche Erklärung fnvdet. Int voMegenden Falle hat die Ritualmordliige zwei jüdische Opfer gefordert. Irr dem Dorf L u z i a n i bei Wilna wohnt die aus sechs Köpfen bestehende jüdische FauMe Mirkin, die neben einem Wirtsgeschäft auch einen .Handel mit Viktualien und Kleinvieh betreibt. Bor einiger Zeit erhielt Mivkin von seinen! in Ainerika lebende»: Bruder eine Sendung von 50 Dollar und einige Tage darauf wurde Piq nächtlicher Uebcrsall maskiert« Räuber <mf das .Haus Mirkins v,usgcführt und die Famiilie völlig chusgeplii'mdsyt. Zur Pessachzeit besorgt Mirkin dqs Backevon Mazzoth für seine Fanulie und auch die Jude» der Umgebung Pfleg«! bei Mirkin ihren .Akazzochbedarf selbst herzuftellen. In der Pcssachlvoche unnmm iu bcijt Nachbardorse Gurelszczis n i die 20jährige Tochter des Landmanues Petrovsky Mtzlich verschwunden. Bald hatte sich das Gerücht vechrestct, daß die bei Mivkin eingetroffenen Jude» das Mädchen gefangengenommen und für. Mnall-veck« beim Mazzothbacken mißbraucht hätten. Die Dorfbeüvohner von Gurelszczisni zogen nun Mich Luzrcmi, belagerten das Haus Mirkins und forderten deren wurde die gaW gesperrtuM die .Herausgabe der PetpovÄY oder Während der Suche nach dem Mädchen Fantilie Mirkins in einen Keller dort furchtbar mißhandelt. Die Bauern »varen schon daran, die ganze Mirkin-Fa>utttie im Keller mit Petroleum zu begieße« Md lebendig zu verbrennen« als glücklicherweise ein Bauer auS dem Nachbardorfe er» schiel! und die «Nachricht brachte, daß die vermißte Petrovsky soeben in ihre Wohnung zurückgÄshvt sei. Die Bauern zogen ab und es hatte sich herausgestellt, daß die junge Petrovsky, die in einen Pauernburfchen veÄlicibt ivar, gegen den Willen ihrer Eltern sich in einem Kloster mi t ihre m Ge liebte» insgeheim chatte trauen Ilassen. Vorläufig hatte diese ganze Ritualmordlcgende das Ergebnis, d^ß die lljährige Tochter MirkinS an den Folgen der Mißhandlung noch im Keller gestorben ist, während die Frau Ai'irlins mit schwerett Vevletzullgeu. ins Spital überführt wurde und dort reach einigen Tagen den Verletzungen erlegen ist. Gegen Petrovsll) und die übrigen Anführer deZ Uoberfalles wird die Untersuchung wcitergesührt. FtaUenische« Ultimatum an Aegypten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 16. April. Rach Meldungen aus Kairo hat die italienische Regierung eine neue, i n d e n energischesten A n s d r ü ck e n gehaltene Note an die ägyptische Regierung gesandt, in der sie die Uebergabe der Oase von Djarabub fordert. In ägyptischen politischen Kreisen betrachtet man die Note als ein yltimatum, wenn fie auch eine Frist silr die Beantwortung nicht sestsetzt. Blättermeldungen zufolge, hat die ägyptische Regierung ihre Antwort bereits nach Rom gesandt und erllärt, daß sie keiner Grcnzvcrschiebung zustimmen könnte, an deren Ausarbeitung sie nicht selbst beteiligt gewesen sei, Im übrigen erwartet man, daß die e n g l i f ch e N e g i eruugintervenieren werde. Braun skr Marx. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeüung".) Berlin, 15. April. Der sozialistische Kandidat sür die erste RaichSpräsidentenwahl, der preußische Ministerpräsidertt Otto Braisn, veröffentlicht einen Ausruf, in de»n er seine Wähler aniffordert, ihre Stinune im zweiten Wahlgang dem früheren Reichskanzler Dr. Marx 3u gchen. Rülkgang auf den amerikanischen Getreide- Rew-Norß 15 .April. An der Getreidebörse trat heute tuieder eis! starker Rückgang ein. Die Wmzellpreiise büßten Wischen 6,5 n»ö 8,5 Cent und die Äiassproise bis 3,g Gent pro Bpshess ei». In Chikago machte sich etzcnsolls ein starker Rückschlag bequerkhar, Nahe Sichte» büßten 3,6, die späteren Gichter! bis z» 3I5 Cent ein, währe»»d sie Maistepminpreise bis zn 3,8 Cent pro Bpshels verlörest. Auch in Winnipeg stellten sich die GetreiHeknrse erhohlich niedriger; so gaben die Weizenpreist bis zu 7,76 und die AtaiSPreist iw» 3,6 Gent Pro Buishels nach. die stonserenr der kleinen Mente. (Ejgendienst der „Wiener MorgeuzeitüNg") Belgrad, Iß, April. Die Konferenz der Anße»Ulinister der Aeinen Entente wurde heute endgültig auf den 9., 10. und 11. Mai festgesetzt. Die .stonscrenz wird esUlweder in Bukarest oder m S i n a i a tagen. Das Programm der Konferenz steht ebenfalls bereits fest, wird jedoch bis auf tveiteres geheim gehalten. Ae HknrWung HaamlMNö. Durch die Guillotine. Franz H a a r w a u n ist geistern früh in H a n n ober durch den Scharfrichter Grübler aus Magdeburg hingerichtet »worden. Zn der Exekution war außer den Amtspersonen uimrand zugelassen worden. Der Prozeß gegen Haarma nn und seinen Freund Grans ist wohl noch in Erinnevmpg. Es waren .Haarnwnn 27 Morde z»nr Last gelegt tvorden. Ter Prozeß gegen den Lustrnördcr 'begann am 4. Dezember 1024 und währte fast drei Wochen, lieber den J'ustifizieruugsakt wird aus .Hannover berichtet: * Gestern früh, kurz'vor 0 Uhr, wurde Haarmann, der die Nacht in Anwesenheit eines Geistlichen verbracht hatte, aus seiner Zelle geholt. Der Geistliche war tviedernnl anwesend, ferner OberstaatSan>»r>alt Dr. W i ld e, der die ExeSntio»! leitete, ztvei weitere Gerichtspevsvnon, der Gerichtsarzt, ein Bürger her Swdt Hannover, der Scharfrichter Grübler aus Magdeburg und seine Hilfen. Aus de»! Hof des Gerichtsgefängnisscs war die Guillotine ausgestellt, mit der in .Hannover ebenso wie in Süddoutschland die Todesstrafe volkstreckt wird, während sonst im übrigen 5Deutschland die ^Hinrichtung durch das Handb eill vollzogen wird. .Haarmann machte einen ruhigen und gefaßten Eindruck. OberstMisaniwält Dr. Wilde verlas dem Delinquenten das Todesurteil und swgie ihn, ob er noch etwas zu erklären habe. .Haavmann meinte lediglich, daß er seine Taten ö e r e >n e. Darauf ergriffen ihn die Gehilfen des Scharfrichters und schnallten ihn auf das Gerüst. Der Scharfrichter drückte sodann auf den elektrischen Knopf, der das Fallbeil heruntersausen ließ. In weitem Bogen rollte d er K o p f H a a r m a u ns zu Boden. Der anüvesttlde Gerichtsarzt ißauftatievte den eiligecrctcnen Tod und der Staatsla>nüvalt stellte fest, daß der irdischen Gerechtigkeit Genüge getan sei. Der Leichnam wurde sofort abtransportiert. Der Ort der Beerdigung wird gehsinigehasten. Die ganze Exchution hatte nur wenige Minuten gedauert. Die Oeffentlichkeit von Hannover >bcLmr erst ipr Laufe des Bormittvgs durch eine anttlichc Mitteilung von der vollzogenen Hinrichtung .Kenntnis. Die plötzliche Hinrichtung ist ganz überraschend geikommen, da man allgemein erwartest, daß auf Grund der Geständnisse, die Haarnmnn zuletzt in Fovm eines Briefes an den Vater des Grans gvntacht hat, ein neues Bersahren eingeleitet ivürdc. Die Eltern der Opfer Haarmauns hatten vor einigen Tagen gefordert, daß eine Deputation von ihnen dem Massenmörder gegenübergestellt würde, damit dieser, unheeiflußt von der Polizei, alle weiteren LvufsckMsse über das Verbleibe-r ihrer Kinder machen könne. Das ist nicht geschehen. Ans de« oftgaWschen Schlachtfeldern. Grausige Funde. Aus Prag wird uns berichtet: In den letzten Wochen »wurden die vorbereitenden Arbeiten zur Vermessung und Festsetzung der t s ch e ch o - s l o w a k i s ch c n Staatsgrenze mit Polen eingeleitet. Es handelt sich hierbei insbesondere um die Grenzhöhenzüge gegen Ostgalizien. Die Arbeiten sind, wie das „Erste Slovo" berichtet, übevans beschwerlich, da es sich um vollkommene Einöden handelt, die von den bewohnten Gegenden 40 Kilometer und noch weiter entfernt sind. Nach einer Schilderung des genanntest Blattes findet nian in diesen Einöden noch heute grausige Spurendes Weltkrieges: vollkommen erhaltene Schützengräben, spanische Retter, Dvahwevhau-e und riesige WalAüomPlexe, tvcgrasiert durch Trommelfeuer, die noch immer umihersteigbave Barrikaden bilden. Boi der letzten kommifsionellen Bestchtigung dieses Grenzgebietes wurden ferner noch Nkassen zurückgelassenes Kriegsgerät, Mmntionsverschlciu'. Geschützlafetten und noch große Minerrstldev vorgefundeu. An manchen Stellen »lagen Leichenteile unbcerdigte r Soldaten, die'bei Berührung'sofort in Staub zerfielen. Die Konunission stellte fest, daß kleinere Erhöhungen des Terrains, die noch in den alten Landkarten eingezeichnet wa-ven, unter der Wirkung des Geschützfeucrs vom Erdboden völlig verschwunden waren. An anderen Stellen haben sich wieder große Erdtrichter gebildet, s« hgß Ae früheren LandMxenztzn mit Sicherheit überhaupt Mt mehr ermittelt werben können. Bor der GveyMsteckmiH werden erst diese Spuren des Krieges beseitigt werden müssen, und es tverden zu diesem Behuse größere Militär a b t e i l n n S e n an Ort und Stelle konunandiert tverden, um di« RäummiHsarbeiten durchzuführen.

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