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Wiener Morgenzeitung · 1925-04-16 · Heft 2210 (16.4.1925) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2210 (16.4.1925)
Date
1925-04-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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j Polen: 30 aroszy I W1 en: Zum Abholen ln det Expedition, IL Taborstr. 1-3, oder In einer VersChleisstelle ffrafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Q o 1 d sch mied, I., Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich ü Schilling Tschccho-Slowakei: Mon. K22. Jugoslawien: Mon.vln.60. Polen:Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 Nachzahlungen bei P r e 1 *- erhAhangen vorbehallen yucen. I Pr.l. « . Wiener das m&helose Parkett“ Glanzmittel ErhaUlldt ln allen einschlägigen QeAhifien orgeineitung England: Mon. 4 Schilling; Italien: Monatl 18 Lire, Rumänien: Mon. 170 Lei, Hulgarien: Mon. 80 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II.Taborstr.l Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6-8 (Druckerd lg. Steinmann) Oösterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 2210 Wie«, Donnerstag, 16. Avril 1921 7. üaftrgang J.A.Baczew$ki tiiiiiiiiiiiiiiiiiimiimiiiiifiiiiiiiimimiiimifiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiinimi Sch « äyse, Liköre Spezialität s Baczewskl - Stanlslauer Doppelt rektifizi ert und destilliert Salt 1782 weltbekannt Der FM Breslermami. str. W i e «, 16. April. Das diesjährige Osterfest ist von den deutschnationalen Antisemiten benützt worden, um auf das Ritualmordmärchen zurückzugreifen. In der Wiener Hakenkreuzpresse erschienen auffällig gedruckte „W a rnungen an die christlichen Eltern", ihre Kinder während der Osterfeiertage sorgsam vor jeder Berührung mit Juden zu hüten, da das Leben der Kleinen vom Fanatismus der Juden bedroht ist. Die Behörden sind gegen diese Verhetzung nicht eingeschvitten, was daraus zu erklären ist, daß der Chef der Justizverwaltung und Vorgesetzte aller Staatsanwälte Waber heißt. Dieser Mann, der schon wiederholt die österreichische Ministerbank durch seine Anwesenheit verunziert hat, ist der getreue Handlanger.der Hakenkreuzler und schreckt vor Amtsmißbrauch nicht zurück, wenn es den Schutz seiner politischen Hintermänner gilt. Die Staatsanwaltschaft hat also nichts getan, um den Hetzern das Handwerk zu legen. Aber auch in den Kreisen, die sich demokratisch und freisinnig nennen, hat der Vorstoß der Hitler-Leute keine Reaktion ausgelöst. Die sozialdemokratischen und bürgerlich-freisinnigen Blätter, welche sonst im Ausschroten kleinster Kleinigkeiten Großartiges leisten, haben es nicht der WDhe wert gefunden, der neuesten Ritualmordhetze auch nur ein Wort zu widmen. Hier ist wohl die dummdreiste Ueberheblichkeit und Sorglosigkeit maßgebend, mit welcher die „freisinnige Moderne" über Volksempfindungen urteilt. Lächerlich! Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert und nicht int Mittelalter. Wer kann den blödsinnigen, tausendmal enthüllten Ritualmordschwindel noch ernst nehmen? Schade um wden Federstrich. * In Wien hat vor wenigen Tagen eine Gerichtsverhandlung stattgefunden, deren Verlauf belveist, daß Gedankenseuchen auch im glorreichen zwanzigsten Jahrhundert ihren Nährboden finden. Der palästinensische Arbeiter Srul Breslermann reiste in seine polnische Heimatstadt, um sein Kind nach Palästina zu bringen. Auf der Rückreise wird er in Wien aufgehalten. Das dreizehn Monate alte Kind erkranktennd er kann das nächste Schiff nicht mehr erreichen. Der behandelnde Arzt empfiehlt Sonne und Schutz vor Staub und Wind. Breslermann, der mit dem Kinde, das er vergöttert, in einer lichtlosen, dumpfen Elendswohnung bei Bekannten haust, will dem kranken Kleinen etwas Licht und Luft schaffen und führt ihn in einem Wägelchen auf einen leeren Bauplatz in der Nähe der Wohnung, wo Proletarierkinder spielen. Ein Wind erhebt sich und wirbelt Staub aus. Breslermann beugt sich über das schlafende Kind, um es mit seinem Körper und denr vorgehaltenen Mantel vor dem staubigen Luftzug zu schützen. Er ist ein Schwerarbeiter und hat sich gewiß beim Kinderhüten unbeholfen gebärdet. Da stürzen zwei Frauen schreiend auf ihn los und beschuldigen ihn, er habe das Kind geschändet, geschlechtlich mißbraucht! Der Vater ist starr vor Entsetzen! Die kreischenden Weiber erzählen den lierangekommenen Gaffern, sie hätten den fremden Juden, dessen Gehaben ihnen verdächttg schien, längere Zeit beobachtet und schließlich bei der Untat ertappt. Ein Arbeiter tritt heran und erklärt, auch er hätte deutlich gesehen, wie der Jude das Kind geschändet hat. Inzwischen kommt ein Polizist. Er findet zwar das angeblich mißbrauchte Kind ruhig schlafend, aber die Aussagen lauten so bestimmt, daß er die Verhaftung vornimmt. Breslermann kommt ins Gefängnis Aas ßmache« Erez Israels. Bo« Professor Sr. Ravvard. Mitglied der Mandatskommission des Völkerbundes. Im Hotel Allenbp in Tel-Awiw fand am 3. d. ein Empfang statt, den die in Erez Israel leibenden Absolventen Schweizer Hochschulen zu Ehren des Professors Rapparv, Mitgliedes der Mandatskommission des Völkerbundes, veranstaltet Patten. Unter den Anwesenden befanden sich auch Ehavm Weizmann und seine Gattin. Professor Rapparv beantwortete die Begrüßungsarrsprachen mit folgender Rede: . , Bor Ihnen steht ein Mann, der Von den hier genommenen neuen Eindrücken überwältigt ist. Der Europäer, der hieher kommt, hat es schwer, vor Palästinensern zu sprechen. Zu groß ist der Unterschied zwischen der Welt, aus der der Europäer kommt, und derjenigen, die er hier vorsindet: dort ist alles fest und beständig, während hier alles neu, im Entstehen, in Bildung begriffen ist. Sie haben vergleichend v o n d e r S ch >w e i z und E r e z I s r a e l gesprochen. Obgleich ein guter Schweizer, stehe ich doch nicht an, zu sagen, daß Sie sich in einer besseren Lage befinden als das Schweizer Volk. Die Schweiz hat eine Vergangenheit hinter sich, die Last der Geschichte drückt sie; Sie jedoch haben noch die ganze Zukunft vor sich. Sie machen jetzt die'Geschichte. Als Natronalokonom darf ich in der Beutteilung der Dinge nicht überschwenglich sein, ich muß sie vielmehr von der realen Seite, von ihrer wirtschastlichen Grundlage aus betrachten, und als Mitglied der Mandatskommission habe ich jbic; besondere Pflicht, ein unbedingt objektives Wetturteil zu fällen. Bon den Eindrücken, die ich in Erez Israel empfangen habe, kann ich hier drei hevvorheben. ■ ■ 1. Das große neue Wunder, der wissenschaftliche Nationalökononr hier antrifft. Es gilt als wissenschaftliche Maxime, daß der wirtschaftliche Mensch, der Homo Ae „Wiener Morgeuzeitung" beginnt in ihrer Anrgabe von Sonntag de» 19. April mit der Beröffentlichnng von photographischen Ausnahmen der vniverkitiitskeier in gernkalem. oeoonomious, das Bestreben habe, mit einem Minimum von Energieaufwand das Maximum von Nutzen zu erzielen. Diesen „Homo oeoonomieus" nun haben Sie w Erez Israel unschädlich gemacht. Ich habe den Eindruck, daß Me Menschen hier nicht 'wegen des Maximalgewinnes arbeiten. Die Menschen suchen hier von vorrcherern just die schwersten Arbeiten in der sicheren Annahme, daß sie aus ihnen nicht das Maximum an Lebensunterhalt uirü» Reingewinn werden ziehen können. Die Menschen hier haben ein Leben voll Luxus oder zumindest von Komfort in Europa a u f g e g e b e n Und kämen hieher, um hier unter harten Bedingungen in einem armen Lande mit' vorläufig noch nicht geordneten Verhältnissen zu leben, das idem Privatleben des einzelnen noch nicht viel Vorteile zu sichern vermag. - 2. Der zweite Eindruck ist diegrenzenlose. Bern ehvung, von der man hier angesichts, der rissigen Kraft? anwendung, für die einzelnen sowohl wie für die Zionistische Organisation erfüllt wird. Diese hingebungsvolle Arbeitsleistung ist die Bürgschaft für das Gelingen Ihres Werkes..Die politischen Erfolge Dr. Weizmanns sind nicht in einer Armee.und in.. Geschützen, sondern in der Idee und der Ueberzeugungskrast, 'die ihr innewohnt, begründet. Alis mir, Dr,.Weidmann heute ntrtieM, daß eis ihm gelungen sei; 200:060 Dollar Mr die neue, ' machematisch^physischeAbteilung der Universität zu bekommen, dachte ich mir, daß es nunmehr kein Wunder wäre, wenn es ihm gelänge, den ganzen Reichtum der Welt auf dem Skopusberg zu sammeln. 3. Ein Gefühl der Hochachtung vor Ihrem Menschenmaterial,.jenen -jungen Menschen, die schöne Karrieren in Europa aufgegeben haben und hieher kamen, schwer und geduldig zu arbeiten. Wohl mochten angesichts dieser jungen Leute Zweifel darob aufsteigen, ob es möglich sei, durch sie allein ein Land aufzubauen? Wohl drängte sich die Frage auf: Was wird geschehen, wenn dies.e Jungen in die Jahre kommen und in ihrer schweren Arbeit ermüden, erlahmen 'werden? Aber alle diese Zweifel zerrinnen und diese Fragen beantworten sich von selbst, wenn man hier auch Männer und dann vors Gericht. Die Zeugen werden vereidigt. Der Richter, welcher der ungeheuerlichen Anschuldigung keinen Glauben beimessen kann, mahnt sie eindringlichst, sich an die Wahrheit zu halten. Sie schwören, daß sie gesehen haben, wie der Jude das Kind Vergelvalttgt hat. Nur den Bemühungen des energischen Verteidigers, welcher Tag und Nacht an der Herbeischaffung .des Materials für den Gegenbeweis gearbeitet hat, ist es zu danken, daß die Sachlage restlos geklärt wird und das Gericht den Freispruch fällen kann. Nach der Verhandlung beglückwünscht der Richter den Verteidiger und dankt ihm dafür, daß er das Gericht vor einem Gewissenskonflikt bewahrt hat, denn die Situation des Angeklagten schien zufolge der bestimmten Aussagen der vereidigten Zeugen unhaltbar. * Während der Verhandlung schrie der Angeklagte: „M an will einen Beilis aus mir machen!" Er hat die Sittlatton richtig erfaßt. Ueber der Verhandlung lag die Stimmung, welche bei Ritualinordprckzessen herrscht. Dumpfes Vorurteil kriecht an den Juden heran. Die Zeugen lügen nicht. Sie sind einfache Menschen. Sie sehen den Diann, dessen Aeußeres und Gehaben sie fremd anmuten und mißtrauisch machen, in einer absonderlichen Stellung. Und während sie ihn beobachten, steigt in ihnen, ohne daß sie sich dessen bewußt werden, die Erinnerung an scheußliche Dinge auf, von denen sie irgend wann gehört und irgend wo gelesen haben. Marterungen, Blutabzapfen, gräßliche Manipulationen an kleinen Kindern, von fanatischen Juden ausgeführt. Sie haben von diesen Sachen oft und oft gehört, den Schauermärchen damals wenig Wert beigelegt, vielleicht darüber gelacht, weiter nicht daran gedacht. Aber jetzt, jetzt taucht die Erinnerung auf und lenkt den Blick und verzerrt das Bild. Ja, der fremde Jude, der so absonderlich tut, hat das Kind geschändet! Sie haben es deutlich, ganz deutlich gesehen, und beschwören es beinr Heiland! — Nicht die lügnerischen Zeugen sind die gefährlichsten, nicht die von antisemitischen Cliquen bestochenen und bearbeiteten. Man kann den Spuren des raffiniertesten Betruges immerhin folgen. Aber entsetzlich sind die Zeugen, die falsch, mit getrübtem Blick sehen und dann redliches Zeugnis ablegen. Wer daran denkt, wird nicht darüber lächeln, wenn er die „Warnungen an christliche Eltern" liest, wenn er bemerkt, .daß immer und immer wieder der Masse ins Gehirn gehämmert wird: Der Jud' braucht Blut, der Jud' braucht Christenkinder... Der Fall Breslermann lag auf der Schneide. Ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß der Verteidiger ein Jude war. der daran gewöhnt ist, für jüdisches Recht und jüdische Ehre unter den schtversten Umständen zu kämpfen und dessen Energie dieser beständige Kampf gestählt hat. Sonst hätte sich das Urteil gegen den Juden wenden miissen und die antisemitische Literatur hätte reichen Stoff gehabt: Den Juden, der kleine Kinder schändet und von einwandfreien, unbescholtenen Zeugen überführt wird. Es ziemt uns Juden Ivahrlich nicht, allzu sorglos, allzu sicher zu tun, weil das Jahrhundert, in welchem wir leben, die hohe Ziffer Zwanzig trägt. Frühjahrs-Neuheiten »SM» M Schiffmann II. Taborstraße 48 Telenhon 47-1-7® En grei En detail t

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