Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2198 (3.4.1925)
- Date
- 1925-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981283--22388-3009796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wien: Zum Abholen in der Expedition, 11., Taborstr. 1*3, oder in einer verschleisstella 'Trafik) mcnatl. 5 Schilling Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma O o I d sch m ied, )n Wollaeile 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tschecho-Slowakeü Mon. K22. Jugoslawien: Mon.Din. 60. Polen: Mon, 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 Naehtthlaasten üel P r et u crhSbaoiea »orbehalie» Sr. 2198 SBittt, Freitag. z. Aprll 1925 IMMMUMMMts STRUMl arrit» g sind d(• bsstsn Ms 3 3 r. Bezirk, Roiensierneaue 11 g 5 Te'ephon 47*7*1/ ■ Z S Erzeug; unter der Aufsicht des 5 3 weltberühmten orthodoxen Ober* 3 3 rabbiners CMAIM JIXCMAK 5 3 JBHUCHEM aus Altstad . 3 IPreis aöfl England: Mon.4 Schilling, itali en: Monatl. 18 Lire, Rumänien: Mon. 170Lei, Bulgarien: Mon.80Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion. Administration: Wien, U.Taborstr.l Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6-8 (Druckerei lg. Steinmann Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 7. Fahrgang Die Brücke. -y. W l e n. 3. Avril Cs war nur selbstverständlich, daß alle Reden, die )ei der Jerusalemer-Universitätsfeier gehalten wurden, sich auch mit dem Verhältnis der beiden Palästinensischen Nationen beschäftigten. Me sprachen die Hoffnung auf die Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Brudervölkern aus. Der Eindruck der Feier war nicht bloß für die jüdischen Gäste, sondern auch fiir die arabische Bevölkerung überwältigend, die in der Veranlassung des Festes, in der langen Reihe der jüdischen Gelehrten aus der ganzen Welt, eine sinnfällige Manifestation der Kraft des jüdischen Geistes erblicken mußte. Was die arabischen Teilnehmer vor sich sahen, was sie hörten, stand im schroffsten Gegensatz zu den Ausstreuungen, die das ganze Fest als eine Provokation des arabischen Empfindens erklärt hatten. Es war sogar das Märchen verbreitet worden, Balfour solle bei dieser Gelgenheit zum König der Juden ausgorufen werden. Der Araber, der das Fest miterlebte, sah nichts von einer Beleidigung, nichts von Drohungen. Er hörte nur Worte des Friedens. Ohne Zwischenfall, obne Ruhestörung ist die F?ier in Jerusalem zu Ende geführt worden. Alle Reden betonten die hohe zivilisatorische Mission dieser neuen Hochschule, die Lord Balfour'als einen Meil-nstein in der Geschichte bezeichnete.. In dieser Million liegt aber auch .der' hohie. politische Wert, den die'Universität für die jüdischen Bestrebungen besitzt, in Erez Israel das volle Einvernehmen mit der zweiten Nation m erzielen. Cs hat sich gezeigt, daß die Araber den Hetzparolen keine'Gefolgschaft leisteten, daß sie Lord Balfour als den Gast des Landes begrüßten und daß sie an der Feier teilnahmen. Unter den Gelehrten, die der Zeremonie beiwohnten, befand sich der Rektor der arabischen Universität zu Kairo, den seine Regierung mit ihrer Vertretung betraut hatte. Sie hat damit zu erkennen gegeben, wie sehr sie die Bedeutung dieses Kulturfestes erfaßt hat. Es wäre der schönste und glücklichste Erfolg dieser Tage, wenn sie zur Ueberwindung der aus dem europäischen Giftsumpf hereingetragenen Verhetzung führen würden. Tatsächlich hat sich bereits jetzt eine Isolierung des nationalistisch-arabischen Flügels gezeigt, der durch seine ungeschickten Drahtzieher, die fern vom Schuß in Europa sitzen, bloßgestellt worden ist. Gerade dieser Lärm mußte den Unterschied zwischen der Wahrheit und der Lüge offenkundig machen. Die Wahrheit ist, daß das jüdische Volk die Erfüllung der Balsour-Deklaration in ihrem ganzen Sinn und Inhalt erstrebt, daß es seine Heimstätte ausbauen und ausgestalten will, daß es nach Erez Israel strebt, weil es die Geschichte und der Lauf seines Schicksals mit llrmacht dorthin weisen und weil — nicht in letzter Linie —? alle sonstigen Einwanderungsländer ihre Pforten schließen. Andere Völker suchen ihre Entwicklung auf der Linie des geringsten Widerstandes; uns ist leider nur die Linie eines starken Widerstandes offen, den wir nicht herausgefordert haben. Die Balfour-Erklärung, die der Völkerbund in dasinternationale Recht ausgenommen hat, schreibt vor, daß durch die Errichtung der jüdischen Heimstätte, kein anderes Recht verletzt, werden darf. Daran hält sich der Zionismus mit unbedingter Loyalität. Er muß sich daran halten aus dem Gebot der jüdischen Ethik heraus, wie nicht minder aus der politischen Raison, die die Schaffung'von Konflikten unter allen Umständen untersagt. Was wir wirtschaftlich und .politisch für die Hebung-und Sanierung dös Landes getan haben, das konnten die Vertreter Europas jetzt eben sehen. Aber auch der arabische Rektor konnte sich überzeugen, welchen Wert die jüdische Arbeit besitzt, die mit dem Pflug und mit dem Buch vorwärts schreitet. Das ist die Wahrheit. Die Lügen des bezahlten Fanatismus hat England selbst vor dem Völkerbund vor kaum einem Dritteljahr Punkt für Punkt widerlegt. Es ist erlogen, daß die Zionisten die Araber expropriieren, daß sie sie aus dem Land drängen, daß sie ihnen ihre Kultur aufdrängen wollen. Es gibt keinen einzigen Beweis, für eine solche Behauptung. Das Verhalten ^der arabischen-Majorität hei der Univerlltätser. ihre Anteilnahme aber sind der Beweis dafür, auch sie die Wahrheit kennen. Wir begrüßen dies als einen guten Anfang. Die Univerfitalsseiern in Srer Israel (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) R. Jerusalem, 2. April (per Radio). Heute vormittags erfolgte uyter großer Feierlichkeit die Grundsteinlegung fiir die physikalische Fakultät, die den Namen Einsteins trägt. Balfour wird Sonntag auf Einladung General Särrails nach Syrien abreisen. Unter der blan'weißen Flagge. I a f f a, 2. April. Der von der amerikanisch-zionistischen Organisation gecharterte Dampfer „P r e f i d e n t Artur" mit 300 Passagieren, die zur Nniverfttätsfeier sich begeben, ist hier angekommen. Der Dampfer, der der Amerika-Pakesttne-Line gehört, führt die jüdische Flagge. Jet Festakt ans dem Skopniberg. Äprrl.'.(per Radio). 7 Eine grandiose Demonsttation des jüdischen Lcbens- WMens war der heutige Tag» eine Kundgebung, die niemals jemand vergessen wird, der ihr Zeuge war. Das ganze jüdische Land war da. Ans den kleinsten entlegensten Siedlungen waren Abordnungen gekommen, um sich an diesem Tage um die Führer des nationalen Judentums zu sckaren. Die Arbeiterschaft, die Kolonistenbauern, die B ü r g e r der Städte entsandten ihre Vertreter, die neben den Repräsentanten der jüdischen Welt, neben den englischen und jüdischen Behörden Aufstellung nahmen. Schon in der Nacht aus Mittwoch hatte der Zuzug begonnen. Am Vormittag war bereits die Berglehne dicht besetzt. Die Zugänge zu den Holzbauten des amphitheatralisch ansteigenden Jnaugu rationsraum es waren streng bewacht und erst um halb 12 Uhr mittags wurde der Eintritt den mit Answeisen versehenen Personen sreigegeben. Damit war die Feier offiziell t eröffnet. In der Mittagsstunde begann die Auffahrt der fremden Gaste. In eiirem unendlich langen Wagenzug kamen von Jerusalem her die Abordnungen der Universitäten und Wissen sch aftsinstitute, der jüdischen Gemeinden und nationaljüdischen Körperschaften aus Europa. Sie wurden in das Gebäude der Universität geleitet und dort zu einem Festzug rangiert. Die englischen Professoren trugen ihre traditionelle Tracht, d e n M a ntel und das Barett, die orientalischen Vertreter, unter denen besonders der Rektor der arabischen Universität in Kairo , auffiel, ihre buntfarbigen Kleider. Dazwischen schimmerten die Uniformen der hohen englischen Osstziere und der Beamten. Ein buntes, brausendes Gewoge entwickelte sich» erfüllt von südlichem Temperament und festlicher Stimmung. Kein Zwischenfall trat störend auf, nirgends gab es Nervosität. Die Organe der Sicherheit, denen jüdische Pfadfinder beigegeven worden waren, hatten einen schönen, freien Tag. Juden und Araber Waren durcheinandergemengt, und es ereignete sich kein Konflikt, den man im Nptredame-Palais so gern ge'ehen hätte. * 3 Uhr nachmittags. Im mittleren Torcingang des Kuppelgebändes der Universität erscheint, flankiert von Ehalnzim und Schomrim, die Spitze des Festzuges, der sich langsam zu imposanter Ausdehnung entwickelt. Die Vertreter von 35 Universitäten schreiten im Amtskleid zum Festplatz, die junge Schwester, die erste hebräische I Hochschule, zu begrüßen. Weithin sichtbar ist der Zug, de» erst freudiger Zuruf empfängt: Dann tritt tiefe Stille ein. Das Amphitheater ist dicht gefüllt, Kops an Kops steht die Menge. Bon draußen, ans dem freien Terrain, dringt das Brausen der Massen herüber, hier drinnen regt sich kaum jemand. Die Weihe des Augenblicks liegt schwer auf dem Platze. Bis dann von der Stadt her Lärm hörbar wird, der immer näher kommt und schließlich zum Orkan der Begrüßung anwächst. Die tausende Menschen, die das Gelände erfüllen, rufen, winken mit Hüten, Taschentüchern. Balfour, Weizmann, Samuel sind dä und hinter ihnen in einer staubbedeckten Automobilkolonne die Spitzen der Verwaltungsbehörden, die Mitglieder der Zionistischen Exekutive, der Jerusalemer Stadtvertreiunq, des Waad lcumi, General Sarrail, Marschall A l l c n b y und viele,, diele andere Würdenträger. Die Volksmenge ruft alle beim Namen. Chajes wird besonders stürmisch willkommen geheißen. .. Die Kolonne windet sich in rascher Fahrt empor, zieht einen Bogen um die Universitätsgebände und lenkt auf den Festplatz ein, auch hier enthusiastisch begrüßt. Auf dem Dach geht die englische und die jüdische Flagge hoch .. 4 Dann steht Weizmann, der den Mantel und die Kette der Universität Manchester trägt, auf der Tribüne im Halbrund des Amphitheaters. Bor ihm in der ersten Reihe Balfour, Samuel, So ko low, Chajes, U s s i s ch k i n, N a s a s h i b i, die leitenden Persönlichkeiten. Weizmann scheint in tielster Erregung. Er spricht langsam, abgemessen. Jedes seiner kaltglnhenden Worte ist in der feierlichen Stille weithin vernehmbar: Dieses Haus, das wir weihen, sagt er in der stolzen Sprache der Bibel, ist entstanden aus unserem Willen und aus unserer Energie. Sie wird die Welt bekehren zu einem freien und schönen Verständnis für das, was wir tun und aus unserer tiefsten Seele erstreben. Viele haben sich schon gewandelt, die uns zuerst mißverstanden, so.Marschall Alle nby. Die uns heute noch nicht verstehen, werden dies noch lernen, und die Universität, die Arbeit im Geist und in der Forschung wird die Kinder dieses Landes miteinander verbinden. Eine leichte Verbeugung. Weizmann tritt zurück. Balfour hat das Wort. Wie ein Sturm geht die Bewrgung durch die Zuhörer. Balfour spricht hebräisch. Cr grüßt das Haus, das Volk, das Land. Dann fetzt er in cnglischer Sprache fort: Die hebräische Universität ist ein Meilenstein in der Geschichte. Sie ist der erste Versuch des westlichen Geistes, sich eine Arbeitsstätte im Orient zu schaffen, und diesen Versuch kann nur das Judentum unternehmen, das in ununterbrochener Entwicklung seines Kulturlebens die Wisienschast unendlich bereichert hat. Die großen jüdischen Gelehrten, denen wir die Evolutionslehre, die moderne Psychologie, die Relativitätstheorie und noch viel mehr verdanken, haben außerhalb ihrer Heimat, sogar außerhalb ihres Volkes gewirkt und Großes geleistet. Trotzdem fügen sie sich in die jüdische Kultur ein. Sie werden noch weit Größeres hier auf dem Boden des jüdischen Volkes, im Land seiner Seele und seiner ersten Geschichte hervorbringen können. Sie werden sich neue Bedingungen schaffen und vor Hörern aus der ganzen Welt zur ganzen Welt sprechen. Diese Universität wird allen offenstehen, die lehren, lernen und forschen wollen, und sie wird ihren stärksten Segen auf die arabischen Massen aussenden und sie zum Zusammenwirken mit den Juden an der Hebung deS Landes erziehen. Bor allem aber müssen alle Jude« dieses Werk des jüdischen Genius fördern. In einem minutenlangen Beifallssturm gehe» dit letzten Worte Balsams unter. Nach ihm spricht alS ver> tretet der britischen Regierung Oberkommissär Herbert Samuel: „Die Südische Energie, welche die Sümpfe in fruchtbares Land verwandelt hat, wird auch die Feindschaft der Araber in Freundschatz verwandeln."